Im Schweinsgalopp

Impfen lassen oder nicht?
Morgenpostkolumne, 8.11.2009
Da es modern ist, momentan zu diesem Thema ein öffentliches Bekenntnis abzulegen, will ich es auch tun: Ja, ich habe mich gegen Schweinegrippe impfen lassen.
Gegen alle Bedenken, gegen alle Diskussionen, sogar gegen die Einschätzung des neuen Gesundheitsministers Philipp Rösler, der die normale Herbstgrippe derzeit noch für ein höheres gesundheitliches Risiko hält als die Schweinegrippe.
Immerhin gab er diese „Expertenmeinung“ von sich, als in Deutschland am vorletzten Freitag gerade drei weitere Menschen am H1N1-Virus gestorben waren. Dass in der Ukraine und in den USA dazu der Notstand ausgerufen worden ist, berührt uns nicht groß: Zu weit weg. Seit dem Ausbruch der Krankheit im April sind weltweit mindestens 5700 Menschen an der Schweinegrippe gestorben.
Inzwischen haben sich die Warnungsparameter verschoben.
Erst wurde vor der Impfung und ihren Folgen gewarnt, denn vorgeblich oder vielleicht oder eventuell oder ohnehin soll es dabei schon Todesfälle gegeben haben. Außerdem wolle nur die Pharmaindustrie daran verdienen, als wenn sie’s nicht in unverschämter Weise ohnehin bei jedem Medikament täte. Jetzt haben sich die Schlagzeilen in den gleichen Zeitungen verändert. Jetzt wird vor der Schweinegrippenwelle im Winter gewarnt – Impfen lassen ist auf einmal erste Bürgerpflicht.
Während in Sachsen der Impfstoff schon ausgeliefert worden ist, streitet man sich in Berlin noch darüber, wer die Kosten trägt und den Ärzten in Rheinland-Pfalz wird von der AOK für jede nicht von ihnen verbrauchte Dosis des Impfstoffes gegen die Schweinegrippe Schadenersatz angedroht.
Denn in jedem Bundesland wird der Impfstoff in Ampullen mit jeweils zehn Impfdosen ausgeliefert. Ist eine Ampulle einmal angebrochen, dann müssen die zehn Dosen innerhalb von 24 Stunden aufgebraucht werden. Da muss in der obersten Gesundheitsbehörde sehr „intelligent“ bestellt worden sein. Erst als ich das wusste, verstand ich das Argument meines Hausarztes, der mich gleich impfen wollte, wenn ich noch neun Impfwillige mitbringen würde.
Nicht die Gefahr einer Epidemie ist in Deutschland das größte Problem, sondern die vielen Experten, die sich gegenseitig ausschließenden wissenschaftlich begründeten Meinungen, die Horrorschlagzeilen und das unkoordinierte Handeln der Behörden. Der Bürger steht staunend und stark verunsichert davor. Denn als Laie ist er auf das Expertenwissen angewiesen.
Aber eines weiß er jetzt schon, sollte wirklich einmal eine Katastrophe eintreten, dann wird es kein koordiniertes, entschlossenes und schlagkräftiges Handeln geben. Zumindest spricht bis jetzt nichts dafür.
Stell Dir vor wir haben eine Pandemie und jeder sagt und macht was anderes. Eine Horrorvorstellung. Oder?
–Heinz Eggert
Grafik © tommyS / PIXELIO
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