Romantische Raserei

Saturday, November 7, 2009
Von Michael Kreutz

Von Rüdiger Safranski kannte ich zwar nur sein Buch über die Romantik, aber das hatte mich hinreichend beeindruckt, um im Essener Aalto-Theater seinen Vortrag über “Mensch und Zeit” hören zu wollen. Denn ich gehe selten zu Vorträgen.

Was ich dann allerdings vorgesetzt bekam, hat mich doch überrascht. Der sich über drei Tage erstreckende Vortrag, zu dem das Essener KWI im Rahmen seines Humanismus-Projekts geladen hatte, fing mit einem Rekurs auf Augustinus und das frühe Christentum vielversprechend an, mündete aber schon im zweiten Teil in eine intellektuell eher glanzlose Kritik an der Moderne. Der dritte Teil verfing sich schliesslich in einem hemmungslosen Kulturpessimismus, in dem alles durcheinandergeworfen wurde: Die Beschleunigung, die die moderne, kapitalistische Welt auf allen Ebenen der Gesellschaft einleite, die zunehmende Verknappung der Zeit für den einzelnen, sowie der Wohlstandsmüll als Folge zunehmender Beschleunigung von Geld-, Waren-, Informations- und Verkehrsströmen.

Und so kam, was kommen musste: Ein Appell, die moderne Welt zu “entschleunigen”. Wer soll was entschleunigen? Wie soll das gehen und auf wessen Kosten? Viel haben die Zuhörer darüber nicht erfahren, aber da Safranski mmer wieder die Politik ins Spiel brachte und das Primat der Politik vor der Ökonomie betonte, dämmert es einem schon ziemlich bald, dass hier der Grundriss für eine Erziehungsdiktatur gelegt wurde – bewusst oder unbewusst.

Sicher, viele denken so. Der Wunsch, eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit sehen zu wollen, ist eine allzu verführerische Kraft, der vor allem Intellektuelle gerne erliegen. Dennoch: In solcher Reinkultur habe ich antimodernistisches Gedankengut schon lange nicht mehr zu hören bekommen. Für Safranski gibt es keinen Fortschritt, nur “Fortschritte”, die Beschleunigung dreht sich im Kreis. Alles ist ein Nullsummenspiel, ja, eigentlich noch nicht einmal das. Es wird irgendwie alles immer schlimmer.

Nur einmal geriet Safranski aus dem Takt. Als der Moderator der Veranstaltung höflich darauf hinwies, dass die Zeit doch nicht einfach immer knapper werde, sondern dank einer von Generation zu Generation verlängerten Lebenszeit für den einzelnen auch zunehme, da blieb dem Redner nichts anderes übrig, als sich in die Feststellung zu flüchten, dass das eben irgendwie “das Paradoxe” an unserer modernen Welt sei.

Man hat schon tiefsinnigere Vorträge gehört.

Buchempfehlung zum Thema:

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One Response to “Romantische Raserei”

  1. > einer von Generation zu Generation verlängerten Lebenszeit

    Seit der Bismarckschen Sozialgesetzgebung -und den kapitalistischen Zwingherren, die sie finanzieren- hat auch die, nun, Tagesfreizeit für immer mehr Bürger stetig zugenommen. Dass sie sie nicht in der Stadtteilbücherei sondern eher vor der Glotze verbringen, ändert nichts. Die alten Griechen haben sich das mit der Muße sich anders gedacht, aber vielleicht könnte Herr Safranski mal in den Kiezen vorbeischauen. Er würde lernen, was Wunder an Zeit die Leute haben, und er könnte sie lehren, sie zu nutzen – win-win-sceanrio. Im Aalto-Theater dagegen braucht doch keiner Nachhilfe.

    #52754

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