Afrika ernst nehmen

Monday, November 16, 2009
By Michael Kreutz

Noch nie zuvor gab es einen solchen Transfer von Hilfsgeldern. Die Länder Schwarzafrikas erhalten Entwicklungshilfe in einer Grösse von durchschnittlich 13 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts – und werden dennoch immer ärmer. Ghanas Pro-Kopf-Einkommen – zur Zeit seiner Unabhängigkeit das höchste des Kontintents – fiel von 440 USD 1992 in nur zehn Jahren auf 270. Heute lebt mehr als die Hälfte der 17 Mio. Ghanaer in Armut. Was ist schiefgelaufen?

Der Diplomat Volker Seitz kennt Afrika aus eigener langjähriger Erfahrung. Dass der Kontinent vom Rest der Welt in Armut gehalten werde, hält er für einen Mythos. In seinem Buch “Afrika wird armregiert” plädiert er stattdessen dafür, die westliche Entwicklungshilfe grundsätzlich zu überdenken. Seine These: Entwicklungshilfe nützt vor allem den Diktaturen – und den Eintwicklungshelfern, deren Tätigkeit sich schon lange verselbständigt hat.

Grundübel ist die schlechte politische Infrastruktur der meisten afrikanischen Länder, in der eine überbordende Bürokratie, grassierende Korruption und ein Mangel an Verantwortungsgefühl jeglichen Fortschritt lähmen. Westlichen Investoren, weiss Seitz, schlägt grundsätzliches Misstrauen entgegen, Sonderzahlungen sind gang und gäbe und auch auf die Echtheit von Urkunden kann man sich nicht verlassen. Dass die willkürliche Grenzziehung der Kolonialmächte die Ursache für mangelnde Kooperation unter afrikanischen Ländern sei, hält Seitz für eine Schutzbehauptung. Tatsächlich gibt es kaum Binnemmarktstrukturen und Regionalorganisationen. Die Misere ist hausgemacht.

Seitz kritisiert zu recht auch die mangelnde Differenzierung in der gegenseitigen Wahrnehmung von Nord und Süd. Man mag von der Forderung, afrikanischer Meinungsführer, die USA und Europa für den Sklavenhandel in Regress zu nehmen, halten was man will. Wer aber fordert die Staaten Nordafrikas auf, Schadenersatz zu leisten, so Seitz, obwohl ihr Anteil viel höher ausfallen müsste? Viel zu wenig ist im Westen bekannt, dass noch heute in Afrika jedes Jahr ca. 200.000 Kinder versklavt werden, wie überhaupt Rassismus kein Privileg der Weissen ist. Die Nestwärme afrikanischer Gesellschaften hält Seitz für ein ideologisches Konstrukt: “Alle, die in den Industriestaaten glauben, dass die soziale Kälte in ihren Ländern nicht mehr auszuhalten sei, sollten sich das Zusammenleben in Afrika genauer ansehen. … Die Solidarität gilt aber nur dem Stamm und dem dortigen Beziehungsgeflecht.”

Wenn der Autor konstatiert, dass Kongo nach dem belgischen Kolonialismus einen höheren Industrialisierungsgrad als Brasilien hatte und besser aufgestellt war als heute, dann ist das keine Kolonialapologetik, sondern Beleg für die Tatsache, dass sich Afrika in eine grundsätzlich falsche Richtung bewegt. Die westliche Entwicklungshilfe ist dabei nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Bis heute kann man sich nirgendwo einen Überblick verschaffen, welche Projekte begonnen wurden und warum sie scheiterten. Seitz zufolge überlebt nur eines von fünf Projekten nach dem Ende der Hilfe. Unverständlicherweise bemisst sich die Qualität der Entwicklungshilfe an der Höhe der ausgegebenen Mittel, wodurch ein “Mittelabflusszwang” entsteht.

Besonders absurd erscheint, dass die Transferzahlungen zum Teil so hoch sind, dass den Institutionen die Möglichkeiten fehlen, die Programmhilfe zu steuern. Abhilfe hätte eigentlich das Instrument der Budgethilfe schaffen sollen, die der Kontrolle der Parlamente und Rechnungshöfe der Empfängerländer unterliegt, doch sind die Beträge häufig so gross, dass die Konditionen aufgeweicht werden, um den Mittelabfluss zu verbessern. Infolgedessen fördert Budgethilfe die Korruption. Darunter leiden nicht nur die Empfängerländer, sondern auch das Image Europas. Manche Afrikaner, so Seitz, verfolgen dann die Verschwörungstheorie, dass die Europäer die Korruption mit Absicht unterstützen, um Afrika weiter ausbeuten zu können. Andere flüchten sich in einen Sarkasmus: “You pretend to help us and we pretend to develop.”

Aber es kommt noch absurder: Westliche Geberländer zahlen dafür, um helfen zu dürfen. Vor Regierungsverhandlungen schreiben die Experten den afrikanischen Regierungen auf, was sie erbitten sollte. Für die Akquise von Projekten gibt es Provision – die bizarre Folge westlichen Bevormundungsgebahrens. Um sich vor allzu aufdringlicher Hilfe zu verwahren, haben junge Afrikaner in einem Anfall von Tollkühnheit sogar einen “Verein zur Abwehr der Überschätzung von Prominentenbesuchen in Elendsvierteln” gegründet. Man muss Seitz daher unbedingt zustimmen, wenn er fordert, Afrika endlich ernst zu nehmen und nicht nur als ewiges Opfer westlicher Hegemonialpolitik zu betrachten. Dabei gibt und gab es es Beispiele wirtschaftlicher Entwicklung auch in Afrika, die hoffungsvoll stimmen. Burkina Faso unter Sankara und Niger unter Kountché hatten immerhin bescheidene Fortschritte zu verzeichnen.

Allzu skeptisch sieht Seitz allerdings das Engagement Chinas in Afrika. Seiner Einschätzung nach beschränkt sich die Rolle des fernöstlichen Landes darauf, die Rohstoffe zu plündern und die Märkte mit kurzlebigen Billigwaren und gefälschten Arzneien zu überschwemmen. In der Tat mag das chinesische Engagement auf manche Diktatur stabilisierend wirken, doch insgesamt lässt sich kaum leugnen, dass China genau das tut, was Seitz einfordert: Es nimmt die Länder Afrikas insoweit ernst, als es mit diesen Geschäfte tätigt, die auf beiderseitigem Interesse gründen. Zudem schickt China Mediziner nach Afrika und lässt jährlich tausende afrikanischer Studenten und Arbeiter zum Studium und zur Fortbildung einreisen.

Seitz belässt es aber nicht bei Kritik, sondern macht deutlich, was sich ändern muss. Transfergelder, fordert er, sollen besser in Bildung und Kleinkrediten angelegt werden. Kongo und Kamerun nennt er als positive Beispiele für eine Hilfe zur Selbsthilfe. Vor allem die Frauen sieht er als Hoffnungsträger (”die wahren Perlen Afrikas”). Ruanda, das unter Präsident Kagame einen strikten Fortschrittskurs eingeleitet hat, verfügt seit den Parlamentswahlen vom vergangenen September über den grössten Anteil weiblicher Abgeordneter im Parlament.

Man spürt auf beinahe jeder Seite, dass Seitz grosse Sympathie für den afrikanischen Kontintent und seine Bewohner hat. Gerade deshalb aber ist er ein entschiedener Gegner des westlichen Paternalismus. Sicher, neu ist diese Kritik nicht. Der ehemalige Vizepräsident des Europa-Parlaments, Wilfried Telkämper, hat schon Anfang der 90er Jahre darauf hingewiesen, dass die Industriestaaten mit ihren Transferzahlungen vor allem eigene Interessen verfolgen. Die Erfolglosigkeit der Lomé-Abkommen ist eine Lektion, die längst hätte gelernt werden können. Seitz’ Buch wendet sich weniger an Politikwissenschaftler oder Ökonomen, sondern vor allem an eine interessierte Öffentlichkeit, die es gut mit Afrika meint, aber nicht versteht, warum nicht Mangel an Geld das Problem darstellt.

Volker Seitz: Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann. Mit einem Vorwort von Rupert Neudeck. München 2009: dtv. 219 S., € 14,90.

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