Reise in ein unbekanntes Land
Morgenpostkolumne 22. November 2009
Der Ort des Anrufs überraschte mich: Tirana. Ob ich an einer Konferenz mit Publizisten und Ministern teilnehmen würde. Thema: Demokratische Entwicklung nach 1990 in Albanien und Deutschland. Ich wollte. Denn ich wusste fast gar nichts über Albanien und habe einen ungeheuren Respekt vor Völkern, die ihre Diktaturen abschaffen.
In der DDR wurde Albanien aus ideologischen Gründen totgeschwiegen und nach 1990 nimmt die Welt Albanien nicht wahr. Sehr zu Unrecht, wie ich jetzt weiß.
Ankunft bei Regen am Flughafen. In einem Riesentempo 20 km über verstopfte Straßen nach Tirana. Europäische Straßenverkehrsordnung. Keiner hält sich daran. Wer zuerst fährt hat gewonnen. Zwischen allen Autos Mopedfahrer – natürlich ohne Helm – in einem atemberaubenden Zick-Zack. Erst Hupe, dann Bremse. Ampeln regeln nichts.
Polizisten auch nicht. Ihrem imponierenden Aussehen steht ihr niedriges Ansehen in der Bevölkerung gegenüber. Aber warum sollen sie sich auch für 210 Euro im Monat übermäßig engagieren. Obwohl besser, als zu den 24% Arbeitslosen zu gehören. Der Innenminister sagt mir, Albanien hätte sehr gute Gesetze. Sie würden nur nicht eingehalten. Als ich ihm sage, dass das Durchsetzen wohl seine Aufgabe sei, lacht er und sagt: Du kennst den Balkan nicht. Das stimmt: Rauchen ist z.B. in allen Gaststätten per Gesetz verboten. Ich teste es und zünde mir ein Zigarillo an. Sofort kommt ein Kellner – und stellt mir einen Aschenbecher hin.
Ich treffe mich mit einem Lehrer. Er hat Dinge erlebt, die wir – Gott sei Dank – nicht erleben mussten. 1986 wurde er zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er gesagt hatte: Er könne sich vorstellen, dass es einen Gott gibt. Der Staatsanwalt von damals ist Richter von heute. Er selbst durfte nie wieder als Lehrer arbeiten. Momentan werden viele Lehrer in den Schuldienst eingestellt. Ihre “Qualifikation“: sie haben dem Ministerpräsidenten beim Wahlkampf geholfen. Ob das für die Schüler gut ist?
Abends ruft mich Artur an. Wir kennen uns nicht. Er ist wie ich, bei den Euro-Bikern und hat gehört, dass ich in Tirana bin. Beim Bier erzählt er mir, dass er wie viele junge Menschen vor 1990 Schwimmen trainiert habe. Der einzige Fluchtweg – durch die Adria nach Italien zu schwimmen. Viele sind auf dem Weg in die Freiheit ertrunken.
Von den Mauertoten in Berlin weiß die ganze Welt. Von diesen Toten nicht. Sie sind in unserer Wahrnehmung genauso ausgeblendet wie Albanien und seine neueste Entwicklung. Die Albaner sind zu Recht stolz darauf. Natürlich ist Albanien noch keine Demokratie. Aber sie sind auf dem Weg dahin.
Deshalb muss Europa auch helfen. Oder?
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