Kritik der Orientalismuskritik

Saturday, November 21, 2009
By Michael Kreutz

In der “Welt” geht der Historiker Walter Laqueur dem Erfolgsgeheimnis von Edward Saids Orientalism nach, das jetzt in einer neuen Übersetzung auf Deutsch erscheint. Rätselhaft bleibt, wie Laqueur darauf kommt, dass Edward Saids Buch erst jetzt auf Deutsch erhältlich sei. Tatsächlich erschien die erste deutsche Übersetzung bereits 1981, zwei Jahre nach dem amerikanischen Original. Davon einmal abgesehen zeigt Laqueur zutreffend, warum es gerade die ideologische Ausrichtung von Saids Buch ist, die es so populär gemacht hat. Laqueur hat zweifelsohne recht, wenn er darauf hinweist, dass man mit der von Said angewandten Scherenschnitttechnik ebensogut eine Geschichte westlicher Islamophilie hätte schreiben können.

Saids Denken ist nicht nur von immenser Einseitigkeit, sondern weist eine Reihe innerer Widersprüche auf. Irfan Khawaja (2008) hat die gröbsten Verirrungen Saids beschrieben.[1] So kritisiert Said Generalisierungen über den Islam, schreckt selbst jedoch nicht vor generalisierenden Äusserungen über Christentum, Klassizismus, Europa, Imperialismus, Philologie, Romantik, Zionismus usw. zurück. Es gebe weder einen richtigen noch einen falschen Islam, erklärt Said, jedoch lobt er muslimische Intellektuelle wie Eqbal Ahmad oder Ali Shariati dafür, den Islam richtig verstanden zu haben. Die Protagonisten des Orientalismus dagegen sind unfähig, den Islam anders als falsch zu verstehen.

Zum Wesen des Orientalismus, so Said, gehöre auch, dass er den Islam zu abstrakt begreife, ihn damit enthistorisiere. Auf derselben Buchseite behauptet er jedoch, die falsche Wahrnehmung des Islam beruhe auf der empirizistischen Einstellung des Orientalismus, die Dinge also zu konkret zu betrachten. Der Blick von aussen auf den Islam ist also per se falsch, der Islam wird damit erst durch Said mystifiziert und einer rationalen Betrachtung entzogen.

Der Islam, belehrt Said seine Leser weiter, erkläre nichts, aber zugleich erklärt Said mit dem Utilitarismus den britischen Imperialismus in Indien, mit dem Zionismus das Massaker von Hebron 1994, mit der christlichen Orthodoxie des Johannes von Damaskus den libanesischen Bürgerkrieg der 1970er Jahre und mit dem mittelalterlichen Christentum den Orientalismus und mit diesem wiederum den modernen Imperialismus. Khawaja bringt es auf den Punkt: “To be consistently inconsistent about consistency is a feat in itself.”

Im Schatten von Orientalism steht Saids Spätwerk Culture and Imperialism, in dem er z.B. die Thesen von Martin Bernal (”Black Athena”) unhinterfragt für bare Münze nimmt: “… as Bernal has described it, a coherent classical philology developed during the nineteenth century that purged Attic Greece of its Semitic-African roots.”[2] Man muss dazu wissen, dass die Behauptungen Bernals, denen zufolge die Kultur Griechenlands einen ägyptischen Ursprung habe, seinerzeit von der Fachwelt einhellig zurückgewiesen wurden. Auch die sog. “Grosse Arabische Revolte”, eine vermeintliche populäre Widerstandsbewegung gegen die westliche Kolonialherrschaft, die George Antonius in seinem bekannten Werk über das “Arabische Erwachen” geschildert hat, passt Said nur zu gut ins eigene Konzept, als dass er sie kritisch zu erörtern bereit wäre. Tatsächlich ist ihre Existenz umstritten. Der Londoner Historiker Efraim Karsh hält sie gar lediglich für eine Erfindung Antonius’.[3] Differenzierungen gibt es bei Said eben kaum.

In Culture and Imperialism finden sich weitere Ungereimtheiten. Said hält den Nettoeffekt des Kulturaustausches zwischen zwei Partnern, die sich ihrer Ungleichheitheit bewusst sind, für grundsätzlich negativ: “In modern times (…) thinking about cultural exchange involves thinking about domination and forcible appropriation: someone loses, someone gains.”[4] Keine dreissig Seiten später jedoch behauptet Said[5]:

“A confused and limiting notion of priority allows that only the original proponents of an idea can understand and use it. But the history of all cultures is the history of cultural borrowings. Cultures are not impermeable; just as Western science borrowed from Arabs, they had borrowed from India and Greece. Culture is never just a matter of ownership, of borrowing and lending with absolute debtors and creditors, but rather of appropriations, common experiences, and interdependencies of all kinds of different cultures.”

Said äussert diese Ansicht im Rahmen einer Erörterung des Dritte-Welt-Nationalismus, wobei er dem britischen Historiker Elie Kedouri den Vorwurf macht, diesen für grundsätzlich verdammenswert zu halten. Said nämlich glaubt, dass westliche Wissenschaftler nationale Bewegungen im Rest der Welt für nicht authentisch genug halten, um sie akzeptieren zu können. Ebenso hält er es für einen gängigen Irrtum zu glauben, dass es allein westliche Ideen von Freiheit seien, die den Kampf gegen die Kolonialherrschaft motiviert haben und dabei übersehen werde, dass die Reserven in den einheimischen kolonisierten Kulturen immer dem Imperialismus Widerstand geleistet haben.[6]

Ich weiss nicht, wer diese These von der Ausschliesslichkeit westlicher Vorstellungen in diesem Zusammenhang vertreten soll, aber Said räumt selbst ein, dass emanzipatorische Ideen westlicher Herkunft durchaus eine Rolle für orientalische Intellektuelle spielten. Zwanzig Seiten später schreibt er nämlich, dass Raja Ramuhan Roy, “an early nineteenth-century nationalist influenced by Mary Wollstonecraft, mobilized the early campaign for Indian women’s rights, a common pattern in the colonized world, where the first intellectual stirrings against injustice included attention to the abused rights of all oppressed classes”.[7] Das widerspricht seiner These zwar nicht, macht sie aber auch nicht plausibler.

Andererseits scheint er zu glauben, dass ein Kulturaustausch von Europa in den Vorderen Orient für diesen nur Nachteile bringe, während in umgekehrter Richtung Europa von ihm profitieren könne. Said versteigt sich sogar zu der Forderung, eine neue literarische Beschreibung der einheimischen Kultur zu schaffen, “not pristine and pre-historical (…) but deriving from the deprivations of the present.”[8] Das wirft natürlich grundsätzliche Fragen auf, wie die, ob man auch die durch die arabisch-islamische Eroberung vermittelte Kultur aus der Geschichtsschreibung herausfiltern solle und überhaupt, wie weit man in der Geschichte zurückgehen muss, um auf unverfälschte, authentische Kultur zu stossen. Said beantwortet diese Fragen nicht.

In diesem Stil geht es weiter. Said übt zuerst eine Generalkritik an den Orientalisten – um dann später wieder einzuräumen: “This is not to denigrate the accomplishments of many Western scholars, historians, artists, philosophers, musicians, and missionaries, whose corporate and individual efforts in making known the world beyond Europe are a stunning achievement.”[9] Akademiker wie Bernard Lewis, Daniel Pipes u.a. kritisiert er nicht etwa dafür, dass ihre Thesen im Widerspruch zu den Fakten stünden, sondern dass sie eine Linie vertreten, die “opposed to native Arab or Islamic nationalism” sei und die fachliche und journalistische Diskussion beherrsche.[10] Said fordert implizit also nicht anderes als die Unterordnung wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses unter einen romantisierenden Nationalismus.

Treibende Kraft hinter dieser Ideologie ist auch hier wieder einmal der Antikapitalismus. Dieser, so glaubt Said, habe eine Landschaft geschaffen, die für das Kapitalinteresse profitabel sei und zugleich durch externe Herrschaft regierbar werde.[11]. Mit Partha Chatterjee, der behauptet, dass die postkolonialen Länder einem weltweiten Prozess unterworfen seien, der aus einem globalen Kapitalismus bestehe, “commanded at the top by the handful of leading industrial countries”[12], geht er offenbar konform. Saids Programm ist das der Entwissenschaftlichung einer ganzen akademischen Disziplin.


  1. Khawaja, Irfan: Essentialism, Consistency and Islam: A Critique of Edward Said’s Orientalism, in: Philip Carl Salzman and Donna Robinson Divine (eds.): Postcolonial Theory and the Arab-Israel Conflict. London and New York: Routledge, 2008, S. 12-36.
  2. Edward Said, Culture and Imperialism, New York: Vintage 1994, 132.
  3. Vgl Efraim Karsh/ Inari Karsh, Empires of the Sand. The Struggle for Mastery in the Middle East, 1789-1923, Cam., Mass./ London: Harvard University Press, 2001, 185 ff.
  4. Ebd., 235.
  5. Ebd. 261.
  6. Ebd. 241-2.
  7. Ebd. 263-4.
  8. Ebd. 272.
  9. Ebd. 235.
  10. Ebd. 315.
  11. Ebd. 272
  12. Ebd. 320.
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18 Responses to “Kritik der Orientalismuskritik”

  1. Wart doch mal ab was sie schreiben. Ich hab den Sammelband noch nicht gelesen. Ehrlich gesagt wird die Spitze gegen Braun und Brunner etwas übertrieben eingesetzt. Ich hab schon Dinge von ihnen gewinnbringend gelesen.
    Ich denke, die Kritik an beiden ist zu einem Selbstläufer geworden.

    Was den Okzidentalismus betrifft, da solltest du dir mal das Konzept von Hassan Hanafi anschauen. Er hat das ganz recht berühmt gemacht.

    Da kann ich folgendes empfehlen:
    Hildebrandt, Thomas: Emanzipation oder Isolation vom westlichen Lehrer? Die Debatte um Hasan Hanafis „Einführung in die Okzidentalistik”, Berlin 1998

    Hendrich, Geert: Islam und Aufklärung: Der Modernediskurs in der arabischen Philosophie.2004

    #52776
  2. N. Neumann

    Ehrlich gesagt wird die Spitze gegen Braun und Brunner etwas übertrieben eingesetzt.

    Nein, Christina von Braun ist wirklich eine üble Kulturrelativistin. Ich habe sie vor Jahren eher per Zufall mal in einem Gastvortrag erlebt; damals war ich für den ideologischen Gehalt dieses Postkolonialismusgeschwurbels noch nicht so sensibel, fand aber schon zu dieser Zeit, dass die Frau von ein paar ganz fixen Ideen besessen ist. U.a. rühmte sie die Existenz von und den Rückzug in Stammesgesellschaften in einigen Gebieten (Afpak, arab. Staaten). Sie stellte das nicht einfach nur fest oder als bloße Reaktion auf schwache Staatlichkeit dar, für sie war das gleichbedeutend mit Emanzipation. Nachfragen aus dem gewiss nicht annähernd politisch rechts stehenden Publikum, ob dergleichen aus emanzipatorischer Sicht zu begrüßen sei, begegente sie mit völligem Unverständnis.

    Genauso gut / genauso schlecht könnte ich mir ihre ideologioschen Pendants wie Melanie Phillips eingehender reinziehen. Die haben gegenüber von Braun und Co. noch den Vorteil, dass sie bei weitem nicht so viel Theorieschwurbel machen und mit ihren gruseligen politischen Wertsetzungen direkter zu Potte kommen.

    Ich denke, die Kritik an beiden ist zu einem Selbstläufer geworden.

    Das denke ich nicht.

    Wenn ich mir allein die Buchankündigung Brunners für 2010 angucke, muss ich mir an den Kopf packen.

    Maßgebliche zeitgenössische Terrorismusforscher (hohe Auflagen, sehr häufig zitiert) wie etwa Hoffman, Kepel, Richardson, Gunaratna, Waldmann, Sageman, Straßner und weitgehend auch Laqueur sind keine Ideologen und entfalten ihre Thesen normativ leidenschaftslos. Und wenn sie mal politisch-normativ werden, spricht aus ihnen insgesamt sehr selten irgendein geharnischtes Westlertum, das einen veritablen Anlass für pseudowissenschaftlichen Beschuss von weit links provoziert.

    Ich hab schon Dinge von ihnen gewinnbringend gelesen.

    Erzähl mal, welche Erkentnisse, die du vorher noch nicht hattest, hat dir die Lektüre von von Braun und Brunner beschert?

    Neulich meinte der eine oder andere Diskutant bei Jörg Lau, dass Melanie Phillips doch (oder: schon allein deshalb) recht hätte, weil es in der Ära ja tatsächlich vergleichsweise viel Einwanderung nach GB gegeben hat.

    #52778
  3. Anm.: Zu C. von B. hatten wir hier mal was.

    #52779

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