Tit for tat

Monday, November 30, 2009
By Michael Kreutz
armenischekirchekairo

Moschee und Kirche in Kairo

Obwohl auf dem Boden der gesamten Schweiz gerade einmal vier Minarette ihr Dasein fristen (weswegen die meisten Einwohner Minarette wohl nur aus dem Fernsehen kennen), ist das Alpenland, dessen gefühlte Grösse etwa der Liechtensteins entspricht, schon jetzt schwer überfremdet. Oder jedenfalls beinahe. Vier Minarette sind immerhin vier Minarette.

Freiheit verteidigt man daher am besten durch praktizierte Sippenhaftung: Weil in Dubai keine Kirchen gebaut werden dürfen, darf es in der Schweiz keine weiteren Minarette mehr geben. Symmetrie nennt man das. Symmetrie ist die neue Waffe im Kampf gegen die Islamisierung, wenngleich diese bislang eher darin bestand, dass ein Teil der Muslime sich selbst ausgrenzt (bis jetzt jedenfalls wurde noch keine Nicht-Muslimin unter die Burka gezwungen).

It is true that, since the Enlightenment and the French Revolution, messianic passions have not shaped continental European religious life as profoundly as they have in the United States. But it is equally true that continental Europe has been less prepared intellectually to cope with such passions when they do arise and become a force in politics. – Mark Lilla.

Aber halt, war da nicht was? Vor drei Jahren konnte man auf diesem Blog lesen, dass die Regierung in Dubai die Bereitschaft signalisiert, der griechisch-orthodoxen Gemeinde den Bau einer Kirche am Golf zu ermöglichen. Zwei Jahre später wurde in Qatars Hauptstadt Doha die erste katholische Kirche eingeweiht, vier weitere sollen gebaut werden. Die erste Kirche am Golf wurde übrigens in Bahrain gebaut und mittlerweile gibt es dort dreissig an der Zahl.

Keine Frage, die meisten islamischen Länder tun sich schwer mit religiösen Minderheiten, aber die islamische Welt ist andererseits auch kein monolithischer Block. Allerdings tun sich auch manche Länder Europas mit anderen Religionen schwer, man denke nur an Griechenland oder Malta. Demgegenüber ist das schweizerische Vorgehen, den Bau neuer Minarette generell zu verbieten, geradezu albern. Kein Islamismus wird auf diese Weise eingedämmt, keine Integration betrieben und keine Einführung der Religionsfreiheit in Saudi-Arabien provoziert.

Die USA übrigens integrieren besser. Hier sei noch einmal an das Wort des amerikanischen Ideenhistorikers Mark Lilla erinnert, der treffend konstatierte:

It is true that, since the Enlightenment and the French Revolution, messianic passions have not shaped continental European religious life as profoundly as they have in the United States. But it is equally true that continental Europe has been less prepared intellectually to cope with such passions when they do arise and become a force in politics. (”The Stillborn God”, 2007)

Bleibt nur zu hoffen, dass die arabischen Golfstaaten nicht in solch überfllüssiges Tit-for-Tat einfallen und ihrerseits auf die Idee kommen, den Bau nicht-islamischer Gotteshäuser zu behindern. Aber dort gibt es ja auch keine direkte Demokratie.

Leseempfehlung: Tagesspiegel, Welt, Zeit.

Bild: Michael Kreutz

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13 Responses to “Tit for tat”

  1. @Michael Kreutz

    Ich denke, vor allem die Dialogindustrie, die immer mit DEM Anderen ins Gespräch kommen will, hat massgeblichen Anteil am schlechten Image nicht nur des Islam, sondern der Muslime insgesamt. Zu Dialogveranstaltungen werden fast ausschliesslich muslimische Interessenvertreter eingeladen, die eher halbseiden sind oder gleich extremistisch, um sie irreführenderweise als “muslimische Stimme” oder “Vorkämpfer muslimischen Reformdenkens” zu präsentieren

    Ehrlich gesagt finde ich das zu pauschal. Es ist ja jetzt Mode geworden, den Dialog zu kritisieren. Es gibt eben auch nicht DEN Dialog. Es gibt ihn auf verschiedenen Eben und es geht eben nicht immer nur um den ANDEREN. An obigen Kritiken ist viel dran, aber das trifft meiner Meinung schon längst nicht mehr eben auf alle Ebenen zu.
    Wir hatten mal Tilman Nagel im Rahmen einer Ringvorlesung zu Gast in unserem Studiengang. Das war auch Dialog, aber Nagel hat sich z.T so geäußert wie man es von ihm kennt und sehr viel kritisches gesagt. Und es ist sehr niveauvoll abgelaufen. Es wird durchaus nicht nur gekuschelt :-)

    #52796

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