Weihnachtswunder
Morgenpostkolumne 20. Dezember 2009
Weihnachten ist eigentlich immer für Überraschungen gut. Wir wissen zwar alle, dass das Wesentliche und insgeheim Erträumte doch nicht zu kaufen ist – aber versuchen es immer wieder. Vielleicht ist wirklich der am besten dran, der das Hoffen auf ein Wunder nie aufgegeben hat. Das macht uns menschlicher und offener, als wenn wir die Banalitäten des Lebens für reales Leben halten. Das hört sich jetzt alles ein wenig nach Predigt an. Ich weiß!
Das ist aber auch nicht verwunderlich, weil ich 16 Jahre lang in der Oybiner Bergkirche zu Weihnachten gepredigt habe. Dort vollzog sich jedes Jahr ein kleines Weihnachtswunder. Wir hatten zwar nur 320 Kirchgemeindemitglieder, aber zur Christnacht kamen manchmal über 700 Besucher, so dass manche wieder gehen mussten, weil die Kirche überfüllt war.
Die Weihnachtsgeschichte wurde gespielt, die alten Kirchenlieder gesungen und die Stasispitzel schrieben die Predigt mit. Ich habe meine Predigten nie aufgehoben, aber fast alle in meiner Stasiakte wiedergefunden. Da stellt sich bei mir trotzdem keine Dankbarkeit ein, denn sie sind zusammengeheftet mit Berichten, in denen der Gottesdienst eingeschätzt und die Staatsfeindlichkeit des Pfarrers herausgearbeitet wurde.
In allen Berichten schießt ein Stasispitzel aus Löbau den „Vogel“ ab. Am 9.1.1984 schreibt er in seinem Bericht, dass er seiner alten Mutter eine Freude machen wollte und mit ihr mit dem Zug zur Oybiner Christnacht gefahren sei. Die Kirche sei zum Brechen voll gewesen und die Predigt stellte eine einzige Anklage gegen das politische System der DDR da.
Er begründet das auch. Der Pfarrer habe behauptet, dass die Resignation immer mehr um sich greife. Die Geburt Christi habe sich nicht hinter verschlossenen Türen abgespielt, die die Bevölkerung dann nur hinnehmen und öffentlich begrüßen durfte. Es fehle an Offenheit in der Gesellschaft. Damit habe der Pfarrer nur das System der DDR meinen können. Zweifellos das wäre es aber auch gewesen, warum die Predigt bei den Bürgern außerordentlich gut ankam.
Ein kluger Mann, der die Interpretation meiner Worte der Staatssicherheit gleich selbst liefert. Aber auch ein hinterhältiger Mann. Denn zum Schluss denunziert er ein Ehepaar, das ihn und seine Mutter im Auto mit nach Zittau nimmt. Dieses Ehepaar habe geäußert, dass ihnen die Predigt aus dem Herzen gesprochen habe. Die Adresse könne über die Polizei erfragt werden.
Zum Schluss bittet er seine Mutter, den Pfarrer um die Zusendung der Predigt zu bitten, weil diese so toll sei und er sie an Bekannte weitergeben wolle. Die „Bekannten“ sind jetzt bekannt. Dass sie jetzt keine Macht mehr haben, ist für mich auch nach zwanzig Jahren immer noch ein „Weihnachtswunder“.
Und Wunder machen dankbar. Oder?
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