Paradigmenwechsel
In der neuesten Ausgabe seiner immer wieder lesenswerten “Jerusalem Letters” entwickelt Joram Hazony vom Jerusalemer Shalem-Center eine interessante Perspektive: Wenn die EU die Überwindung des Nationalstaates zum Ziel hat, lässt sich daraus eine Maxime ableiten, die letzten Endes das Existenzrecht Israels in Frage stellt?
Auch ohne Kuhns Theorie von der “Struktur wissenschaftlicher Revolutionen”[1] kann man die Frage stellen, ob es einen grundlegenden Wandel (Paradigmenwchsel) in der Beurteilung des Nationalstaates und damit auch Israels gibt:
Let’s begin with the old paradigm, which is the one that granted Israel its legitimacy in the first place. The modern state of Israel was founded, both constitutionally and in terms of the understanding of the international community, as a nation-state, the state of the Jewish people. This is to say that it is the offspring of an early modern movement that understood the freedom of peoples as depending on a right to self-protection against the predations of international empires speaking in the name of a presumed higher authority. (…)
But the idea of the nation-state has not flourished in the period since the establishment of Israel. On the contrary, it has pretty much collapsed. With the drive toward European Union, the nations of Europe have established a new paradigm in which the sovereign nation-state is no longer seen as holding the key to the well-being of humanity.
Den Paradigmenwechsel, so Hazony, hatte zuvor schon Kants philosophischer Entwurf “Zum ewigen Frieden” eingeleitet, der seine eigentliche Wirkung aber erst im 20. Jahrhundert entfalten sollte – fortan galt der Nationalsozialismus als die verdorbene Frucht der deutschen Nationalstaates. Genau diese Argumentation aber hält Hazony für grundverkehrt, denn:
The Nazi state (…) was precisely the opposite of this: Hitler opposed the idea of the nation-state as an expression of Western effeteness. On his view, the political fate of all nations should be determined by the new German empire that was to arise: Indeed, Hitler saw his Third Reich as an improved incarnation of what he referred to as the First Reich—which was none other than the Holy Roman Empire of the Hapsburgs! The Nazis’ aim was thus diametrically opposed to that of the Western nation-states. Hitler’s dream was precisely to build his empire on their ruin.
Den Autor ängstigt die Vorstellung, dass so traditionsreiche Nationalstaaten wie Frankreich oder Grossbritannien vollständig in der EU aufgehen könnten, weil die dahinter stehende Vorstellung dazu führen könnte, dass auch Israel infrage gestellt wird. Diesen Passimismus teile ich allerdings nicht, weil den europäischen Superstaat nur die wenigsten wollen. Der tschechische Präsident Vaclav Klaus hält die europäische Identität gar nur für eine künstlich in Brüssel geförderte.
Hazony liegt jedoch ohne Zweifel richtig, wenn er feststellt: “Many Europeans, too, see Auschwitz as being at the heart of the lesson of World War II. But the conclusions they draw are precisely the opposite of those drawn by Jews.” Was dann kommt, geht allerdings haarscharf an der Sache vorbei:
Following Kant, they see Auschwitz as the ultimate expression of that barbarism, that brutal debasement of humanity, which is national particularism. (…) If such evil is to be prevented from happening again and again, the answer must be in the dismantling of Germany and the other national states of Europe, and the yoking together of all the European peoples under a single international government.
Für viele in Europa dürfte die Lehre aus Auschwitz wohl vor allem im Pazifismus liegen, was freilich genauso abwegig ist, denn bekanntlich wurde das Vernichtungslager nicht von klampfespielenden Paceflaggenträgern befreit, sondern von den Soldaten der Roten Armee.
Auf jeden Fall sind Hozanys Ausführungen unbedingt der Lektüre wert.
- Darauf, dass der Schlüsselbegriff des “Paradigmas” in derselben Bedeutung bereits bei Lichtenberg auftaucht, hat Hans Blumenberg in seinem Buch “Höhlenausgänge” (1996: 589) hingewiesen. ⇧


bekanntlich wurde das Vernichtungslager nicht von klampfespielenden Paceflaggenträgern befreit, sondern von den Soldaten der Roten Armee.
Klar, Schlangengift können sie mit Schlangengift neutralisieren. Aber wenn es kein Gift mehr gibt, brauchen sie auch keine Gegengift mehr. Wenn alle Pazifisten wären, bräuchte man keine Waffen mehr. Theoretisch möglich, aber in der Praxis wird das wohl nie kommen. Schade.
Ganz recht, die Nazis waren keine Pazifisten. Worauf also hätten die Insassen von Auschwitz hoffen sollen?