Zu Reich und zu Arm?

Sunday, July 18, 2010
By Heinz Eggert

Morgenpost Kolumne, 18. Juli 2010

Berlin, am 9. Juli. 37°. Die Stadt stöhnt unter der Hitze. Ministerpräsident Tillich und ich führen im Schatten und mit Blick auf den Reichstag das schon lange verabredete Interview. Es geht um das, was wir und der Staat nicht genügend haben – ums Geld. Bei einer Umfrage in Leipzig sagte eine Frau: Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer ärmer. Ein Satz, der oft zu hören ist. Auch dazu befrage ich Tillich.

Nach der Sendung sitze ich im Schatten eines Restaurants neben dem ARD Hauptstadt-Studio, trinke Wasser und beobachte die Leute. Die freundlichen Kellnerinnen bedienen. Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten, die sich ausgesprochen wichtig nehmen und so laut darüber reden, dass es wahlkampfschädigend für ihre Chefs sein könnte. Sarah Wagenknecht rauscht vorüber ohne nach links und rechts zu sehen. Warum sollte sie die Welt auch wahrnehmen wollen, die sie retten will? Mit einer schönen Frau an seiner Seite, das cremefarbene Jackett – trotz der drückenden Hitze – lässig auf der Schulter tragend, nimmt ein ZDF-Moderator Platz unter den Schirmen an der Spree.

Alles scheint ruhig unter der heißen Mittagssonne, bis ein an Kleidung und Geist vernachlässigter bärtiger, sonnenverbrannter Mann – ungefähr 30 Jahre alt – mit seinem verschmutzten Jogginganzug an den Tisch des Moderators geht, der gerade seinen Essen serviert bekam. Ich vermute, um zu betteln, irre mich aber. Ein gellender Schrei der Empörung durchbricht die dösige Stimmung. Er kommt vom Moderator, dem gerade sein Essen gestohlen wird.

Der Dieb lässt sich nicht stören, legt sich mit dem Teller auf den Fußweg, verzichtet auf Messer und Gabel, und stopft alles mit den Fingern heißhungrig in sich hinein. Brüllend ergiesst sich die Empörung über die freundliche aber hilflose Kellnerin, während der Mann am Boden ungestört weiter isst. Er sei schon in der ganzen Welt gewesen, so der Bestohlene überlaut, aber so etwas „wie in dieser Scheiss-Stadt Berlin“ sei ihm noch nie passiert. Warum eigentlich kein Sicherheitsdienst vor den Tischen stehen würde und sie die Polizei immer noch nicht gerufen habe.

Verwirrt erklärt ihm die freundliche Kellnerin, daß so etwas noch nie passiert sei und daß er natürlich das Essen nicht bezahlen müsse und wie sie es überhaupt wieder gutmachen könne. Wütend ranzt er zurück, daß er auch nicht vorhabe zu zahlen, wirft sich sein cremefarbenes Jackett über die Schulter, das mehr Haltung beweist als sein Träger, steigt über den immer noch „Speisenden“ und verlässt mit der Dame den Platz des Geschehens. Offensichtlich waren ihm, der in seinen Sendungen Mitleid mit jedem Bettler in Kalkutta hat, diese „Aspekte“ des Lebens zu neu. Dann trollt sich auch der gesättigte Dieb, der vorsichtshalber von einem herbeigeeilten Koch mit Bodygard-Statur flankiert wird.

Ich versuche die verwirrte Kellnerin zu trösten, daß sie nun wirklich nichts dafür könne. Sie bedankt sich und meint zum Schluss, dass sie sehr hoffe, dass es bei dieser Ausnahme bleibe. Wenn nicht, würde es sie auch nicht verwundern, da ja die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer würden.

Da war er wieder der Satz. Offensichtlich hat er sich im Volksbewusstsein fest gesetzt. Wenn er nicht stimmt, muss die Politik ihn argumentativ entkräften. Sollte er aber stimmen, muss sie handeln!

Oder?

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