Aufklärung ohne Ende

Saturday, July 24, 2010
By Michael Kreutz

Und so kommt am Ende des 18. Jahrhunderts, 16 Jahre nach Kants Was ist Aufklärung?, Friedrich Schleiermacher und hält die Religion hoch – ist dabei aber ganz Aufklärer. Keine Offenbarung, keine Orthodoxie, keine Fremdbestimmung: Schleiermacher ruft zur Autonomie im Glauben auf. Geht in euch, da werdet ihr das Religiöse erfahren. Die Bibel, sagt er, kann ein jeder selbst schreiben.

meint der Publizist Rüdiger Safranski im Gespräch mit der „Zeit‟. Diese Äusserung verdient eine Anmerkung. Und stellt eine gute Gelegenheit dar, an Johann Salomo Semler zu erinnern.

Angefangen hatte alles mit dem von Friedrich Heinrich Jacobi ausgelösten Pantheismusstreit. Jacobi hatte dem bekannten Aufklärer Lessing bei dessen Besuch in Wolfenbüttel 1780 das ungedruckte Gedicht „Prometheus‟ von Goethe gezeigt, worauf Lessing bekannte, dass er „die orthodoxen Begriffe der Gottheit‟ für sich nicht mehr annehmen könne: „Hen kai Pan (Eins und alles)! Ich weiß nicht anders. Dahin geht auch dies Gedicht; und ich muß bekennen, es gefällt mir sehr.‟

Auf Jacobis Bemerkung, dass er damit nahe bei Spinoza sei, dessen Philosophie gemeinhin mit Atheismus in Verbindung gebracht wurde, gestand Lessing: „Wenn ich mich nach jemand nennen soll, so weiß ich keinen andern‟, was Jacobi 1785 in öffentlichen Briefen an Moses Mendelssohn publik machte. Der Skandal war perfekt. Goethe erinnert sich später in „Dichtung und Wahrheit‟, dass sein Gedicht „zum Zündkraut einer Explosion [diente], welche die geheimsten Verhältnisse würdiger Männer aufdeckte und zur Sprache brachte: Verhältnisse, die, ihnen selbst unbewußt, in einer sonst höchst aufgeklärten Gesellschaft schlummerten.‟[1]

Mit seiner Enthüllung hatte Jacobi nicht nur auf Lessing, sondern auf die gesamte deutsche Aufklärung abgezielt, doch ging der Schuss nach hinten los. Eine wahre Spinoza-Euphorie war die Folge und in Weimar betrachtete man ihn als Stifter einer Art aufgeklärter Religion.[2] Davon anstecken liessen sich neben Herder, Hölderlin u.a. auch der genannte Schleiermacher. Schleiermachers Projekt einer aufgeklärten Religion griff dabei auch auf den von Johann Salomo Semler vertretenen Perfektibilitätsgedanken zurück, wenngleich dieser von Schleiermacher modifizierte wurde.

Die Vorstellung von einer Vervollkommnung des Christentums im geschichtlichen Prozess eines allgemeinen, von Gott gelenkten Erkenntnisfortschritts[3], brach mit dem älteren Konzept einer bevorstehenden Vernichtung des Kosmos und einem Ende der Menschheitsgeschichte. Schleiermacher „Gemeingeist‟, der die Entwicklung der Gläubigen befördert, knüpft daran an.[4] Auf diesen Zusammenhang hatte vor allem Kants Nachfolger auf seinem Königsberger Lehrstuhl, Wilhelm Traugott Krug (1770-1842), hingewiesen. Für den Theologen Emanuel Hirsch war Friedrich Schleiermacher sogar „der eigentliche vollmächtige Erbe Semlers.‟

Diese Episode zeigt, wie einzelne Ideen eine ungeahnte Wirkmächtigkeit entfalten und schliesslich sogar zu einer Umprägung der gesamten Gesellschaft führen können. Ob Fortschrittsdenken und Individualismus auch in der Islamischen Welt zum Durchbruch finden, mag die Zukunft zeigen.


  1. Cassirer, 2007: 255; Blumenberg, 1981, Bd. 2: 442 ff.
  2. Krochmalnik 2006: 149-50.
  3. Eine Haltung, die einem Kulturpessimisten wie Safranski fremd sein muss.
  4. Hornig 1996: 205.
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One Response to “Aufklärung ohne Ende”

  1. Den Perfektivbilitäsgedanken findet man in Ansätzen bei dem als Häretiker gingerichteten sudanesischen Denker Maḥmūd Ṭāhā.

    #52937

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