Katastrophal!
Morgenpost Kolumne, 1. August 2010
Es war am Samstag, 24. Juli 2010. Zusammen mit meiner Frau saß ich in einer gemütlichen tschechischen Kneipe in Hammerdorf am See (Hamr). Ein kleiner zauberhafter Ort, den die Russen mit ihrem Uranraubbau fast vernichtet hätten. Es war zunächst ein entspannter Abend.
Das beeindruckende an diesem Abend war nicht der Preis (zwei Portionen Gulasch mit Knödel und Sauerkraut und zwei Bier für € 8,00), sondern wie die halbseitig gelähmte erwachsene Tochter der Besitzerin, humpelnd und freundlich in der engen Gaststube Gläser und Geschirr von den Tischen abräumte. In Deutschland wäre das wahrscheinlich schon von einigen Gästen als für sie nicht zumutbar empfunden worden.
Dann kam in den tschechischen Fernsehnachrichten ein Bericht von den schrecklichen Ereignissen der Loveparade. Es wurde still im Gastraum. Dann sprach uns ein Tscheche von einem Tisch an, an dem eine tschechische Wandergruppe feierte. „Wir sprechen den Deutschen unser Beileid aus. Wir trauern mit ihnen!!“ Alle am Tisch nickten dazu. Was ich dann abends im Fernsehen und im Internet verfolgen konnte, wäre ganz bestimmt für die Tschechen nicht denkbar und zumutbar gewesen.
Volksmusiksendungen dudelten weiter dahin, Nachrichtensender hatten offensichtlich – für sie billige Praktikanten – vor Ort in Duisburg platziert, deren Fragen genauso unplatziert waren wie die Antworten der „Verantwortlichen“. Ein Panikforscher, der an der Erarbeitung des „Un“-Sicherheitskonzepts, beteiligt war, gab Antworten, dass man den Eindruck haben musste, Panikforscher würden für das Verursachen von Panik bezahlt werden. Der Oberbürgermeister schob jegliche Verantwortung von sich, als seien die Toten durch eigene Schuld zu Tode gekommen. Offensichtlich wird er sich seiner Eigenverantwortung viel zu spät bewusst.
Beim Lesen im Internet wurde mir auch nicht besser. Da wurden zynisch die Toten von Duisburg mit den Toten anderer Katastrophen verglichen, als könne man Tote gegen Tote aufrechnen. Den Vogel dieser Diskutanten schoss mit einem an Blödheit nicht zu überbietenden Artikel Eva Herman ab, beinahe so als hätten sich diese jungen Menschen freiwillig in den Abgrund des Todes gestürzt.
Am nächsten Tag in allen Zeitungen der Kampf um das fürchterlichste Foto, den wieder einmal die Bildzeitung gewonnen hat. Fragt sich eigentlich noch jemand, was eine Mutter empfindet, deren Sohn von einer fröhlichen Feier nicht zurückkam und die am anderen Morgen ihren totgetrampelten Sohn in der Zeitung anhand seiner sichtbaren Armbanduhr identifiziert? Wer immer die abendländische Kultur beschwört, der muss der Stille der Trauer und dem Respekt vor den Toten und ihren trauernden Angehörigen Raum einräumen, statt ihnen die Luft zum Atmen zu nehmen.
Diese Gedanken können uns doch nicht immer erst kommen, wenn statt unserer Kinder der Todesbote an der Tür klingelt. Oder?
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