Denk ich an Deutschland in der Nacht …

Thursday, September 2, 2010
Von Gastautor

… dann bin ich um den Schlaf gebracht, erst recht angesichts der nicht abreißen wollenden spätabendlichen Talk-Runden über Thilo Sarrazin. Eher über ihn als mit ihm, denn so richtig ausreden lassen ihn die empörungsbereit daherquasselnden Studiogäste selten. Kommt er mit Zahlen, will sie keiner haben. Geht es ihm nicht um Zahlen, wird er der Pseudowissenschaftlichkeit bezichtigt. Gerade bis zum Ausgangspunkt dessen, was er zu sagen hat, kommt er dennoch: Wieso schaffen es Russlanddeutsche, Menschen aus Fernost und aus dem ehemaligen Ostblock, sich erfolgreich einzugliedern, im Gegensatz zur Mehrheit muslimischer Einwanderer?

Die Antwort darauf sind gewiss nicht auf Hochglanz polierte muslimische Elitemigranten, wie sie uns in den Medien gerne vorgeführt werden. Es geht nicht um sie, die sie Ausnahmen sind, sondern um all diejenigen anpassungsunwilligen Menschen, die vor allem dem Kreis muslimischer Migranten angehören. Die Gruppe der nicht oder schlecht integrierten muslimischen Migranten wird keineswegs von Sarrazin in diskriminierender Absicht abgesondert und ins Rampenlicht gezerrt, sie schaffen es ganz alleine. Wer die damit verbundenen Probleme öffentlich anzweifelt, lügt sich in die Tasche und den anderen etwas vor. Und wer die Schuld bei sich selbst sucht, der weiß zu wenig über diejenigen Migranten, die ihr neues Heimatland grundsätzlich zu bejahen bereit sind.

Migration beginnt im Kopf und ist, zumindest was Deutschland angeht, keine Frage des Entgegenkommens im Gastland – das behaupte ich als Migrantin der ersten Generation. Es reicht, wenn Migrationswilligen keine Steine in den Weg gelegt werden und es ist angenehm, wenn ihnen geholfen wird. Aber Integration gelingt nur dann, wenn sie gewollt und aktiv vorangetrieben wird. Sie abholen von dort, wo sie stehen? Niemals – sie müssen sich bitte selbst in die Haltestelle bemühen, wenn sie mitfahren wollen.

Integrationswillige Migranten leben häufig mit Schuldgefühlen ihren Kindern gegenüber. Sie haben nicht nur sich selbst sondern auch ihre Kinder entwurzelt. Das ist Grund genug, die Kinder zu unterstützen, ihre eigenen neuen Wurzeln dort zu bilden, wo sie leben. Die eigene Diskontinuität, der Filmriss im eigenen Leben, muss in Kauf genommen aber nicht familiär weitergepflogen werden. Der Grad der Integration hängt nicht davon ab, was und wie viel das Gastland dafür leistet, sondern von der Bereitschaft und den Bemühungen der Migranten. Dass es leicht wird, hat ihnen niemand versprochen.

Wenn die Religion einer Migrantengruppe das Eingliedern erschwert und teilweise verbietet, wenn der Besuch der gemischten Turnstunde und die Teilnahme an Schulausflügen verunmöglicht wird, dann hat die Religion die Sphäre des Privaten verlassen. Wenn diese Religion dazu führt, dass Kinder der Lebensweise und der Kultur des Gastlandes entfremdet werden und schlimmstenfalls sie zu verachten, als etwas Minderwertiges anzusehen lernen, dann reicht die Religionsausübung in das gemeinschaftliche Leben hinein, wo sie nichts zu suchen hat. Die klare Grenzziehung ist Aufgabe der Politik. Wenn Migranten mit eindeutigen Grenzen ein Problem haben, ist es nicht an den Deutschen, ihr Problem zu dem ihren zu machen und es für sie zu lösen.

Sarrazin verliert seinen Posten und womöglich auch seine Parteizugehörigkeit. Nicht wegen seines Buches sondern wegen Nebenbemerkungen abseits seines Hauptthemas. Seiner Glaubwürdigkeit tut das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Je mehr an verliehenen Würden er verliert, umso nackter stehen die da, die der Realität nicht ins Auge sehen wollen.

Dr. Anna Fuhrmann

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