Erfahrungen
Morgenpost Kolumne, 26. September 2010
In diesem Jahr feiern wir 20 Jahre Deutsche Einheit. Schon in den ersten 3 Monaten dieses Jahres stapelten sich bei mir die Einladungen zu Vorträgen. Nicht alle konnten berücksichtigt werden, aber einigen sagte ich zu. Von meiner Planung her eigentlich zu vielen.
Diese Woche mussten die Einladungen eingelöst werden. Vorträge an Gymnasien und Abendveranstaltungen in Bielefeld, Siegen, Münster, Hannover, Wernigerode, Stendal und Kiel. Deutschland ist seit 20 Jahren erheblich größer geworden und der eigene Bewegungsspielraum scheint grenzenlos unermesslich. Das merke ich beim Autofahren.
Wenn ich auf den neu gebauten Autobahnen an den alten Wachtürmen an der ehemaligen Grenze vorbei fahre, mache ich mir immer wieder klar, dass ich vor 20 Jahren hier nicht weitergekommen wäre. Schluss! Hier war die Welt zu Ende, hier wurde sie durch Stacheldraht, Mauer und Maschinenpistolen begrenzt, weiter ging es nicht. Ganz bewusst denke ich jedes Mal daran. Ich will die vor 20 Jahren erworbenen Freiheiten nicht selbstverständlich nehmen, weil sie sich nicht von selbst verstehen und für Milliarden Menschen auf dieser Erde unvorstellbar sind.
Viel hat sich in diesen 20 Jahren verändert. Nicht nur auf den Straßen und an den Häusern, sondern auch im Denken vieler Menschen. Entgegen vieler „repräsentativer“ Umfragen der Medien, habe ich noch nie jemanden getroffen, der sich die Mauer wirklich zurück wünscht. Man kann große erfreuliche Ereignisse auch negativ kleinreden. Darin scheinen gerade die Deutschen Weltmeister zu sein. Wenn ich gleich nach der Wende von Thüringen aus nach Hessen gefahren bin, habe ich sofort, ohne auf die Ortsbezeichnungen zu sehen, am Zustand der Straßen und der Häuser erkannt, ob ich noch im Osten oder schon im Westen bin.
Das ist heute wieder so. Nur dass sich die überholungsbedürftigen Straßen und die zu renovierenden Häuser nicht mehr im Osten, sondern im Westen befinden. Wer hätte das damals gedacht. Gesprächsstoff ohne Ende. Interessant auch, dass sich die Diskussionen zum Prozess der deutschen Einheit im Osten und im Westen gleichen.
Besonders die jungen Menschen gehen unideologischer, unverkrampfter und offener in diese Diskussion. Manchmal denke ich, sie haben das gleiche Gefühl, das ich als Kind hatte ,wenn mein Stiefvater vom Krieg erzählte. Alles irgendwie interessant, aber auch unvorstellbar und bei zu vielen Wiederholungen zu langweilig. Natürlich ranken sich viele Gespräche um die Frage, was im Prozess der Deutschen Einheit schiefgelaufen ist und was man von Anfang an hätte besser machen können.
Ein unendliches Thema. Eigentlich können doch alle deutschen Gott für den Fakt der deutschen Einheit danken. Die einen, weil der Spuk der Diktatur vorbei war und die anderen, weil sie ihn nie erleben mussten. Oder?
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