Dialog mit einem Sterbenden
Morgenpostkolumne, 21. November 2010
Ich erkannte ihn zuerst nicht wieder. Ich kannte ihn als großen schlanken muskulösen Mann, der mit seiner blonden Löwenmähne, ganz gleich wo er auftauchte, immer Aufmerksamkeit erregte. Er war Extremsportler, der im Winter als Skilehrer im Gebirge und im Sommer als Surflehrer an der See sein Geld verdiente. Inzwischen war er 27 Jahre alt geworden, die Löwenmähne war einer Glatze gewichen, der muskulöse Körper abgemagert und mit Metastasen durchsetzt.
Er hatte im Hospiz darum gebeten, dass ich ihn die letzten Tage seines Lebens begleite. Im ersten, fast dreistündigen Gespräch erklärte er mir zum Schluss, dass er den Kontakt zu seiner Freundin und zu seinen Eltern abgebrochen habe, weil er ihnen seinen Zustand nicht zumuten wolle und dass er das Sterben auch alleine hinbekomme. Ich habe ihn im Gespräch dann doch überzeugt, mit allen wieder Kontakt aufzunehmen. Er hatte noch fünf Tage zu leben und die Zeit genutzt, um von seinen Eltern seiner Freundin und seinen Freunden ganz bewusst Abschied zu nehmen.
Er brachte eine ungeheure Lebensstärke auf. Zwischen Ermattung und Schlaf, immer ein wenig in Morphiums Armen, waren wir wortlos oder im Gespräch zusammen. Dann … am späten Abend des letzten Tages:
Er: Ich glaube, ich habe nicht mehr viel Zeit.
Ich: Es könnte sein, dass dein Gefühl dich nicht trügt.
Er: Du hast mir vor ein paar Tagen versprochen, in meiner letzten Stunde mit dabei zu sein.
Ich: Wenn ich es dir versprochen habe, werde ich es auch halten.
Er: Hältst du meine Hand und liest du mir etwas vor?
Ich halte seine Hand und lese aus den tröstlichen Worten der Psalmen. Er atmet sehr ruhig und liegt mit geschlossenen Augen da. Gegen Mitternacht nicke ich im Sitzen ein. Als ich wieder aufwache, bin ich mir nicht mehr sicher ob er noch atmet. Ich beuge mich über sein Gesicht, da schlägt er die Augen auf und sagt lächelnd mit matter Stimme: Du kannst es wohl gar nicht erwarten!
Ich: (lache ihn an) Du weißt doch, ich gehöre zu denen die immer pünktlich Feierabend machen wollen.
Er: Du kannst es nicht lassen. (nach einer Pause) Schade, dass wir uns nicht schon lange vorher so gut kennengelernt haben. Wir hätten gute Freunde werden können.
Ich: Wir sind Freunde. Das weißt du doch.
Er nickt und greift nach meiner Hand. Dann schläft er wieder ein. Nach einer Weile schlafe auch ich. Ich wache wieder auf!
Sterbende haben Angst vor der Einsamkeit beim Sterben und vor übergroßen Schmerzen. Wenn wir ihnen das in der Hospizarbeit nehmen können, dann können andere nicht mit der „Sterbehilfe“ an der Lebens- und Sterbensnot verdienen. Oder?
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