Kaffeesatzleserei
Morgenpostkolumne, 3. Januar 2010
Als Papst Innozenz XII. 1691 den 1. Januar als den ersten Tag des Jahres endgültig festlegte beseitigte er den Streit über den Kalender, der oft genug Zankapfel zwischen Kaisern oder Päpsten war. Wenn er nur geahnt hätte, was er uns damit an tut.
Aber wie alle Jahre wieder ist es geschafft. Wie vom Kalender gefordert, waren wir lustig und haben gefeiert. Von den 290 Millionen SMS-Nachrichten, die in der Neujahrsnacht in Deutschland verschickt werden, habe ich 63 bekommen. Von den Raketen, die die Deutschen jedes Jahr für mehr als 100 Millionen Euro in den Silvester-Himmel knallen, habe ich noch weniger mitbekommen.
Nur unser Schäferhund hat sich bei dem Lärm der Explosionen knurrend verkrochen. Für Hunde muss Silvester genauso fürchterlich sein, wie für uns das Lesen und Hören von Jahresausblicken und Vorhersagen, weil ja letztlich allen der Überblick fehlt. Nicht umsonst sagen die Japaner „Sobald man davon spricht, was im nächsten Jahr geschehen wird, lacht der Teufel.”
Natürlich verstärkt die Sucht nach guten Botschaften unsere Leichtgläubigkeit. Aber wer sich über die neuen Steuergeschenke freut, sollte erst einmal die neue Abgabenlast überprüfen. Denn einen Lastenausgleich wird es nicht geben. Mit meinem Horoskop kann ich als Stier zufrieden sein: “Grundsätzlich wird das Jahr 2010 für die meisten Stiere ein durchweg positives Jahr ohne große Probleme.“ Jetzt kann ich nur hoffen, dass ich zu den meisten gehöre.
Es ist wie bei den Wirtschaftsprognosen. Würfeln bringt uns offensichtlich genauso weit.
Die Lage stabilisiert sich, die Wirtschaft kommt langsam wieder in Fahrt, es gibt eine Belebung des privaten Konsums, sagen die einen. Die Firmenpleiten nehmen zu, die Kaufkraft wird um 8 Milliarden abnehmen, Strom und Ökostrom-Anbieter werden kräftig die Preise anziehen, sagen die anderen. Alles ernstzunehmende Wirtschaftsinstitute.
Die Prognosen der Politiker sind natürlich eng an ihre Ideologien gebunden. Eines kann man aber gewiss sagen: die politischen Aufsteiger am Anfang des Jahres werden die politischen Absteiger am Ende des Jahres sein. Das ist so in einem geschlossenen System.
Jetzt hat uns unsere Kanzlerin auf ein schwieriges Jahr 2010 eingestimmt. Das ist ehrlicher als Zweckoptimismus. Wenn sie aber jetzt noch mit ihrer Regierung politisch daran arbeitet, Schwierigkeiten für die Bürger zu beseitigen, statt sie zu produzieren, könnte 2010 ein ganz gutes Jahr werden. Oder?
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