“Nationalsozialistische Propagandabehauptung”

Tuesday, January 12, 2010
By Martin Riexinger

Das Kuriose an dem Streit über die Sarrazinsche Schwadronage ist, dass seine linken Gegner sie mit noch größerem Schwachsinn beantworten:

SPD-Vorstände aus Spandau und Alt-Pankow ein Gutachten zu Sarrazins umstrittenem Interview mit dem Magazin Lettre International vorgelegt.

An diesem diesem Gutachten von Gideon Botsch, einem Mitarbeiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums der Universität Potsdam, springt ins Auge, dass der Autor Sarrazin gerade seine positiven Äußerungen über die bedeutende wirtschaftliche Stellung der Juden in Berlin vor 1933 ankreidet:

Das Gutachten wirft Sarrazin außerdem vor, er verbreite eine “nationalsozialistische Propagandabehauptung”, als er in dem Interview erklärt habe, dass in der Weimarer Republik 30 Prozent aller Ärzte Juden gewesen seien – dies stimme schlicht nicht. Auch der Einzelhandel sei nicht, wie Sarrazin verkündet habe, “großenteils in jüdischem Besitz” gewesen. Die Nationalsozialisten hatten diese Behauptungen aufgestellt, um damit den hohen Einfluss von Juden zu belegen – tatsächlich habe nach Schätzungen lediglich jedes zehnte Einzelhandelsgeschäft einem Juden gehört.

Der Darstellung des Bildungsservers Berlin-Brandenburg zufolge hat Sarrazin mit Blick auf die Ärzteschaft jedoch eher untertrieben:

Mitte 1938 war die Ausschaltung jüdischer Ärzte aus dem Gesundheitswesen abgeschlossen. Für das Gesundheitswesen hatte diese Vertreibung katastrophale Folgen. In Berlin arbeiteten 1933 ca. 6500 Ärzte. Die Hälfte davon waren Juden (Hervorhebung M.R.). Besonders viele waren als Kassenärzte zugelassen, nämlich ca. 2000. Ab 1934 durfte ein Großteil dieser Kassenärzte nicht mehr arbeiten. Mit dem Entzug der Approbation, d. h. der Zulassung als Arzt, sank 1938 die Zahl der jüdischen Ärzte insgesamt in Berlin auf gerade einmal 279! Das hat zu einer erheblichen medizinischen Unterversorgung der Bevölkerung geführt. Welche exakten Auswirkungen die Ausschaltung der jüdischen Ärzteschaft hatte, muss von der Wissenschaft noch genauer untersucht werden.

Für den Einzelhandel habe ich keine Zahlen speziell für Berlin gefunden, aber so falsch sind Sarrazins Zahlen wohl nicht, wenn man nicht den Anteil der Juden an den Geschäftsinhabern, sondern deren Anteil am Gesamtumsatz zugrundelegt. Avraham Barkai fasst die vorliegenden Daten aus den frühen 1930er Jahren folgendermaßen zusammen[1]:

Anfang 1933 gab es in Deutschland über 100 000 selbständige Betriebe. Es waren zum größten Teil kleine und mittlere Firmen, vornehmlich im kommerziellen Sektor. Ende 1932 wurde ca. 52 000 jüdische Einzelhandelsgeschäfte und knapp 10 000 Handwerksbetriebe, zum Teil mit eigenen Verkausfslokalen, gezählt. Obwohl die jüdischen Läden und Geschäfte zahlenmäßig nur gegen 6% aller Einzelhandelsbetriebe ausmachten, umfaßten sie gegen ein Viertel des gesamten deutschen Einzelhandels, sowohl nach dem Umsatz als auch nach der Beschäftigung.

Die Zahlen beziehen sich wie gesagt auf das ganze Reich, in dem der Bevölkerungsanteil der Juden 0,9% betrug, während er in in Berlin bei über 4% lag.

Aus zweierlei Gründen erscheint mir die Argumentation, die in den mir zugänglichen Fragementen dieses Gutachtens aufscheint, als typisch für die Diskussionskultur bezüglich der Themen Antisemitismus, Rassismus und “Islamophobie”. Aus einem a priori feststehenden negativen Werturteil über einen Diskurs wird gefolgert, dass die in ihm vermittelnden Inhalte falsch sein müssen. Entgegen kommt er damit Auftraggebern, die über den Antisemitismus nicht gescheit reden können, weil sie vom Antikapitalismus schweigen wollen. Gehasst wird Sarrazin in seiner Partei ja weniger deswegen, weil er etwas gegen Türken und Araber hat, sondern weil er sich der Tatsache bewusst ist, dass Geld, das Partylöwen und Bezirksfunktionäre ausgeben wollen, von irgendjemandem erwirtschaftet werden muss. Darauf ist zurückzuführen, dass sich seine Einstellung zu Unternehmern grundsätzlich von der von SPD-Vorständen aus Spandau und Alt-Pankow unterscheidet, und auch, dass er die unternehmerische Aktivität von Juden vor 1933 und Vietnamesen in der Gegenwart unbefangen gutheißen kann.

Das soll kein Freispruch für Sarrazin sein. Nichts spricht dagegen, dass jemand in seinen Urteilen über Juden und zu wirtschaftpolitische Fragen richtig liegen und gleichzeitig ein Rassist sein kann. Ich bin in dieser Frage nicht sonderlich bewandert, halte es aber für durchaus möglich, dass die Art und Weise, wie er sich über Türken und Araber auslässt, eine Parallele im Diskurs der Nazis über die Sinti und Roma hat. Würde das in einem Gutachten, dessen Anspruch Solidität und kein Skandalwert wäre, nachgewiesen, wäre das schlimm genug.


  1. ”Die deutschen Unternehmer und die Judenpolitik im Dritten Reich” Geschichte und Gesellschaft 15 (1989) S. 227 – 247, dort S. 230 auch die Quellenangaben; weiteres statistisches Material findet sich in: Esra Bennathan: “Demographische und wirtschaftliche Struktur der Juden” in: Werner E. Mosse (Hrsg.): Entscheidungsjahr 1932. Zur Judenfrage in der Endphase der Weimarer Republik, Tübingen: Mohr, 1966 (Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts; 13) S. 87 – 131.
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