“Ehrenmord” und Mauer

Wednesday, January 20, 2010
Von Martin Riexinger

Die Zahl aller hierzulande bekannten Ehrenmörder mit (noch so diffusem) islamischem Hintergrund macht weniger als 0,01 Prozent der hier lebenden Namensmuslime aus. Dies systematisch zu verschweigen, heißt verleumden.

meint Till R. Stoldt in der “Welt”. H.M. Broder entgegnet hierauf:

Und jetzt machen Sie mal eine Rechnung auf: In den 70er Jahren lebten in der Bundesrepublik rund 60 Millionen Menschen. Etwa 60 von Ihnen gehörten der RAF an. Das waren genau 0.0001% der Bevölkerung. Das Verhältnis der RAF-Angehörigen zu den Ehrenmördern mit islamischem Hintergrund liegt also bei 1 zu 100. Das heisst, relativ betrachtet gab es viel weniger RAF-Täter als Ehrenmörder mit islamischem Hintergrund. Und die meisten sind inzwischen voll resozialisiert, wie z.B. Christian Klar – neun vollendete Morde, elf Mordversuche. Worüber regen wir uns also auf? Über 0.01 Ehrenmörder mit diffusem Hintergrund, die ab und zu eine Verwandte umlegen? Dies systematisch zu verschweigen, heisst Wasser auf die Mühlen der Islamophobie treiben.

Dieser Einwand geht m.E. an der eigentlichen Problematik vorbei, ein anderer drängt sich stattdessen auf:

An der innerdeutschen Grenze und an der Seegrenze (Ostsee) wurden nach dem 13. August 1961 mindestens 50 Personen gewaltsam durch Schusswaffen oder andere Gewaltakte der Grenztruppen getötet, 33 Personen kamen durch Erd- oder Splitterminen ums Leben (2).

Man könnte sagen, 50 Tote, das ist nicht so wahnsinnig viel, im Vergleich zu, sagen wir, Ruanda. Wichtig ist jedoch vor allem, dass jeder wusste, welche Gefahr der Grenzübertritt mit sich brachte, und dass dieses Wissen das Handeln und die Lebensentwürfe bestimmte. Nicht grundlegend anders verhält es sich mit dem Ehrenmord. Wer in einem Umfeld aufwächst, in dem die Familie und kulturelativistische Richter diese Sanktion für legitim halten, der zieht, wenn er nicht todesmutig ist, bestimmte Verhaltensweisen eben gar nicht erst in Betracht.

Aber wie Regina Mönch heute in der FAZ bemerkt (und wie Necla Kelek schon vor Jahren sagte) hat die Unfähigkeit, dies nachzuvollziehen, ihren Grund darin, dass unsere Linksintellektuellen von jeher Probleme mit dem Begriff der individuellen Freiheit haben:

Es erinnert zuweilen an die Ost-West-Debatten, die Dissidenten im Osten ihrer Konflikte enteignete, weil man sich gestört fühlte und weiter entspannen wollte, koste es, was es wolle. Wer nach dem Mauerfall autoritäre, sozialistisch geprägte Kollektivstrukturen geißelte, wurde oft angegriffen, weil „wir im Osten“ so nicht seien. So gereizt wie auf diese Selbstbehauptung reagiert man nun auf Muslime, die darauf bestehen, dass die europäischen Freiheiten für alle gelten, auch für sie.

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3 Responses to ““Ehrenmord” und Mauer”

  1. > und dass dieses Wissen das Handeln und die Lebensentwürfe bestimmte

    Richtig. Bestrafe einen und erziehe Hundert. Ist auch Sinn und Zweck des Kampfbegriffs Islamophobie und der Instrumentalisierung von Rassismus und Xenophobie. Als wir noch hordenweise umherstreiften, war es durchaus rational, ständig den Horizont im Auge zu behalten, um die andere Horde eher zu entdecken als diese die eigene. Unterschiedliche Phänotypen kamen gelegen, die Haut- und Haarfarbe allen voran. Auch heutzutage im befriedeten Mitteleuropa braucht der Neue im Bahnabteil noch eine geraume Weile, bis sich die Alteingesessen an ihn gewöhnt haben, um dann mit ihm gemeinsam auf den nächsten Eindringling im Revier verschnupft zu reagieren.

    Die Erlangung der Deutungshoheit über Rassismus und Xenophobie durch politkorrekte Aktivisten ist die beste Erfindung seit der Erbsünde – damit hat man jeden in der Tasche, bei jedem bösen Gedanken, der uns Menschen mehrmals täglich durchzucken wird, solange sich die Sonne dreht. Die linke Regression kennt ihren Carl Schmitt nämlich besser, als man meinen sollte. Der postulierte, dass die Begrifflichkeit des Politischen notwendig immer aus der religiösen Sphäre übernommen werden – das gilt für unsere heillos helfenden säkularen Christen an erster Stelle. Mit Marcuses repressiver Toleranz bekam der Wahnsinn dann Methode, dergestalt, dass er auch gestandenen, bürgerlich sozialisierten Nahostwissenschaftlern unwillkürlich zur zweiten Natur wurde – nuff said.

    #52845
  2. Unterschiedliche Phänotypen kamen gelegen, die Haut- und Haarfarbe allen voran.

    Gähn, lassen Sie sich mal was Neues einfallen.

    #52847
  3. [...] eine Rechnung auf, die sich gewaschen hat. Das geht an der Sache vorbei, meint Martin Riexinger im Transatlantic Forum und zeigt, wie es besser gemacht werden kann. Und gibt den „Linksintellektuellen“ noch [...]

    #52851

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