Hartz IV für Taliban?

Sunday, January 31, 2010
Von Heinz Eggert

Morgenpostkolumne 31. Januar 2010

Lange hatte ich sie nicht gesehen. Sie saßen dicht aneinander geschmiegt im Café in der Altmarkt-Galerie. Ihr Sohn saß glücklich dazwischen. Seinem Vater kam alles hier so unwirklich vor, wie mir sein momentaner Einsatzort: Afghanistan.

Verständlich, bei dem, was er erzählt. Tag und Nacht lebt er in der Welt des Krieges, des Leides, des Schmerzes und des Misstrauens. Immer steht er unter der ungeheuren Anspannung, möglichst heil und unbeschadet aus allen Auseinandersetzungen herauszukommen, weil er an seinem Leben hängt und seine Familie liebt.

Ihr Auftrag lautet Präsenz zu zeigen. Aber das alleine kann es nicht sein. Denn damit werden die Taliban nicht bekämpft und die Bevölkerung wird nicht geschützt. Die Zweifel an ihrem Einsatzmandat behalten die Soldaten schon lange für sich. Die Äußerungen der Politik und die öffentlichen Diskussionen in Deutschland machen sie vorsichtig. Zur äußeren Unsicherheit soll nicht noch die innere kommen.

Nie weiß er, ob der Bauer, der ihn gestern noch freundlich grüßte, nicht heute schon im Auftrag der Taliban mit einem Sprengstoffgürtel unterwegs ist und in welcher Absicht ihnen die Kinder entgegenlaufen. Auf die korrupte Polizei, die sie selber ausbilden, ist kein Verlass. Selbstschutz ist alles.

Seine verletzten und toten Kameraden sind eine ständige Warnung. Während er erzählt, hält seine Frau seine Hand. Sie würde jetzt schon gerne jetzt schon auf den zusätzlichen Sold verzichten Sie hofft einfach auf ein gutes Ende seines Einsatzes. Dann sind auch ihre Schlafstörungen vorbei und das innere Zusammenzucken, jedes Mal wenn das Wort Afghanistan fällt.

Ich frage ihn, was er von den momentanen Diskussionen über den Afghanistaneinsatz hält. Es regt ihn mehr auf, als ein bevorstehender Kampfeinsatz. Dass deutsche Staatsanwälte in der Wärme ihrer Amtstuben wochenlang Zeit haben, die Richtigkeit und Angemessenheit von Entscheidungen zu überprüfen, die vor Ort im Kampf in Sekundenschnelle getroffen werden müssen, daran haben sie sich alle schon gewöhnt. Von mancher unsachlichen politischen Diskussion fühlt er sich beleidigt.

Ich frage ihn, was er von Westerwelles Vorschlag hält, ein Aussteigerprogramm für Talibans zu finanzieren. Er lacht. Offensichtlich habe man vergessen, dass die Taliban mehr Geld weltweit mit Drogen machen, als der deutsche Haushalt hergeben würde. Damit können sie mehr Einsteigerprogramme finanzieren als die Weltgemeinschaft Aussteigerprogramme. Schon jetzt wisse man, dass ein Großteil der ausgebildeten Polizisten zu den Taliban überläuft und der andere Teil korrupt von der Bevölkerung Geld erpresst.

Es sei wie im Irak. Viel Militär und viel Geld bewirken keine demokratischen Strukturen. Das scheint mir sehr logisch. Vielleicht unterliegen wir momentan einem sehr teuren denkerischen Kurzschluss!

Oder?

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