Überfälliges und Überflüssiges

Sunday, February 28, 2010
Von Heinz Eggert

Morgenpostkolumne 28.02.2010

Auf der Augustusbrücke in Dresden kommt mir am Vormittag ein kräftiger, junger, leicht alkoholisierter Mann entgegen. Es entwickelt sich folgender Dialog.

Er: Ach, der Eggert! Was tun sie eigentlich?

Ich (grinsend): Nichts!

Er grinst zurück: Ich tue heute auch nichts!!

Ich: Ich vermute einmal, du hast gestern auch nichts getan!

Er lachend: Bingo, und morgen auch nicht. Und, geht’s mir schlecht?

Ich grinsend: Nee, siehst nicht so aus.

Also zwei momentane Nichtstuer, könnte man meinen. Mit einem Unterschied – ich habe 49 Arbeitsjahre hinter mir und er offensichtlich keins und lebt trotzdem ganz gut, wenn sich nichts ändert. Aber es muss sich etwas ändern.

Denn es ist schon lange nicht mehr lustig. Gemeinsam haben der junge Mann und ich, dass wir beide von denen finanziert werden, die jetzt arbeiten, Steuern und Abgaben zahlen, finanziell für die Fehler der Banker und die Verschwendungen der Politiker geradestehen müssen und nicht wissen, wie ihre eigene Altersabsicherung einmal aussehen wird.

Dazu kommt noch, dass die Lebenserwartung zugenommen hat – was menschlich nur zu begrüßen, finanziell aber eingerechnet werden muss. Es darf auch nicht übersehen werden, dass die zu versorgenden Alten zu- und die jungen Arbeitsfähigen abnehmen. Das soziale Netz wurde einmal zu Zeiten geknüpft, als es darum ging, die größte Not zu lindern für Menschen, die sich wirklich nicht selbst helfen konnten.

Leider gibt es heute auch Menschen, die nur noch auf die Unterhaltungspflicht des Staates vertrauen und keinerlei Leistungsbereitschaft zeigen. Oftmals auch, weil es sich für sie auf Grund ihrer Geringqualifizierung nicht lohnt. Sie nutzen ein System aus, das sie selbst nicht geschaffen haben und in das – alleine für Hartz IV – jährlich 45 Milliarden Euro gepumpt werden.

Natürlich sind sie nicht in der Mehrheit und sind auch nicht das alleinige Problem dieses Systems, das überlastet und nicht mehr tragfähig ist. Ideologien erweisen sich als zu teurer Realitätsverlust. Der soziale Frieden ist ein sehr hohes Gut. Wer mit der Brechstange Änderungen vornehmen will, gefährdet ihn genauso, wie der, der auf dem jetzigen Status verharrt. Keine Überlegung darf ausgespart werden, wenn sie sich realitätsbezogen an verantwortbaren Zahlen festmacht.

Das soziale Netz ist sehr filigran und kann nur behutsam verändert werden. Wer auf stetige Staatsverschuldung setzt, muss wissen, dass er heute gewissenlos das Holz verfeuert, das später einmal die Enkel wärmen sollte. Beleidigende Holzhackermentalität ist aber genauso unangemessen. Wenn Westerwelle einmal ein Jahr lang von Hartz IV gelebt hat und dann meint, dass der Betrag zu hoch sei, wäre er bestimmt glaubwürdiger als jetzt.

Oder?

–––

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