Eine Absetzbewegung

Friday, June 4, 2010
Von Martin Riexinger

Die Unterstützung der Gaza Flotilla durch die türkische Regierung wird mit Erdoğans neoosmanischen Großmachambitionen in Verbindung gebracht. Umso interessanter ist, dass sich eine der profiliertesten Persönlichkeiten des islamischen Lagers gerade jetzt von ihm absetzt.

Der in Amerika lebende Prediger Fethullah Gülen äußerte gegenüber dem “Wall Street Journal”:

“What I saw was not pretty,” he said. “It was ugly.”
Mr. Gülen said organizers’ failure to seek accord with Israel before attempting to deliver aid “is a sign of defying authority, and will not lead to fruitful matters.”

Mr. Gülen said he had only recently heard of IHH, the Istanbul-based Islamic charity active in more than 100 countries that was a lead flotilla organizer. “It is not easy to say if they are politicized or not,” he said. He said that when a charity organization linked with his movement wanted to help Gazans, he insisted they get Israel’s permission. He added that assigning blame in the matter is best left to the United Nations.

Das mag nicht besonders spektakulär klingen, in Anbetracht der Tatsache, dass antiisraelische Ressentiments in religiösen Lager besonders stark verbreitet sind, sind diese Worte jedoch als Fundamentalansage an das Vorgehen der “Aktivisten” zu betrachten. So wurde es in der Türkei auch aufgenommen, alldieweil Gülen, der den Aufstieg der AKP zunächst unterschätzt hatte, Erdoğan bei den letzten Wahlen unterstützte. Während säkulare Zeitungen sachlich berichteten, ließ Bülent Yıldırım, der Chef der İHH, in Erdoğans Hausblatt “Yeni Şafak” verkünden “Gott gebe, dass das nicht wahr sei.” Aber auch seine eigenen Sprecher stellte Gülen vor eine schwierige Aufgabe. Abdülhamit Bilici betont in der Gülen-Zeitung “Zaman”, dass der “Lehrer” (hocaefendi), die Leitung kritisiere, den Märtyrern aber sein Beileid bekunde (Gülen’den şehitlere taziye, yönteme eleştiri). Dabei bedient er sich eines Vokabulars, auf das Gülen selbst offensichtlich verzichtet: Freiluftgefängnis (açık hapishane Gazze’ye).

Was das zu bedeuten hat, bleibt abzuwarten. Der Stern der AKP sinkt ohnehin. Die Wirtschaft dümpelt, und nachdem der unsägliche Deniz Baykal als Chef der Republikanischen Volkspartei (CHP) zurücktreten musste, weil er den Berlusconi gemacht hat, gibt es wieder eine für viele Türken wählbare säkulare Alternative, denn sein Nachfolger Kılıçdaroğlu versucht nicht mehr die AKP an Paranoia zu überbieten. Mit der Unterstützung der Aktivisten wollte Erdoğan wohl nicht zuletzt einen Befreiungsschlag vorlegen. Sehr sicher scheint er sich ohnehin nicht zu sein, denn Google wurde heute gesperrt. Hat Gülen, der außer beim Aufstieg der AKP, fast immer ein sicheres Gefühl dafür bewiesen hat, wer politisch eine Zukunft hat, Erdoğan nun aufgegeben?

Die säkularistischen Zeitungen wird durchaus auf die Gewaltbereitschaft der Aktivisten hingewisen, wie Doris Akrap in der TAZ zeigt.
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Update 6.6.2010

Dass sich Gülen von Erdoğan absetzen will,vermutet auch die erzkemalistische “Cumhuriyet”.

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2 Responses to “Eine Absetzbewegung”

  1. Was Kılıçdaroğlu betrifft, sieht das Engin Ardiç etwas anders.

    #52910

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