Kompass
Morgenpost Kolumne, 9. Januar 2011
Die Tage zwischen den Feiertagen sind immer besonders gut geeignet, um mal ein wenig aufzuräumen. Im Kopf und in den Bücherregalen. Einfach um die Übersicht nicht zu verlieren. Nicht über das eigene Leben und nicht über seiner eigenen Bücher.
Dabei ist es für mich immer einfacher, den Kopf als die Bücherregale zu entrümpeln. Denn gestern erst habe ich die wenigen, zwischen Weihnachten und Neujahr aussortierten Bücher, wieder einsortiert. Vielleicht brauche ich sie doch wieder einmal.
Beim Sortieren fiel mir eine Geschichte in die Hand, die so banal und einfach erzählt ist und trotzdem stimmig. Sie erzählt von einem kleinen Junge, der vor Langeweile nichts mit sich anzufangen wusste. Also ging er zu seinem Vater, um diesen zum Spielen aufzufordern. Der hatte aber Wichtigeres zu tun und überlegte krampfhaft, wie er seinen Sohn am sinnvollsten beschäftigen könnte.
Wer kennt diese Situation nicht? Der Vater findet dann in einer Zeitung eine sehr detaillierte Abbildung der Erde. Er zerschnipselt dieses Bild in sehr viele Einzelteile und gibt dieses Bilderpuzzle seinem Sohn, in der Hoffnung, dass dieser nun einige Zeit damit beschäftig sei, das alles wieder zusammen zufügen.
Der Junge verkrümelte sich in seinem Zimmer und kam bereits nach wenigen Minuten freudestrahlend zu seinem Vater zurück und zeigte ihm das fertige Bild. Der Vater war sichtlich erstaunt und fragte seinen Knaben, wie er das aus so vielen Einzelteilen bestehende, komplizierte Bild, so schnell zusammensetzen konnte, worauf der Kleine erwiderte:
„Papi, auf der Rückseite dieser Erdkugel war ein Mensch abgebildet den ich zusammengesetzt habe.
Und als der Mensch in Ordnung war, da war es auf einmal auch die ganze Welt!“
Jetzt ist das neue Jahr schon neun Tage alt. Schlechte Nachrichten und gute Vorsätze lösten einander ab. Wie alle Jahre wieder. Denn es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Die einen wollen den Kommunismus wieder einführen. Offenbar ohne die Folgekosten zu bedenken. Die anderen misstrauen dem großen Schwung, mit dem die deutsche Wirtschaft ins neue Jahr startet. Sie warnen davor, dass sich alles zu einem ungesunden Boom auswachsen könne. Andere wollen den Euro abschaffen, während wieder andere ihn retten wollen.
Viel Post werden wir in diesem Jahr bekommen. Nicht nur wegen der Volkszählung, sondern auch wegen der vielen Wahlen. Versprecher und nicht eingehaltene Versprechen werden sich häufen. Dazwischen wird es viele ehrliches Bemühen, Erfolge und Misserfolge, Gewinne und Verluste geben.
Wenn wir uns einmal zwischen all diesen Dingen nicht mehr richtig zurechtfinden, sollten wir vielleicht auf den ganz einfachen Kompass aus dieser Geschichte zurückgreifen.
„Wenn der Mensch in Ordnung ist, dann ist es auch die Welt!“
Das wirft natürlich wieder ganz neue Fragen auf. Aber wenigstens die richtigen! Oder?
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