Im Abwind

Sunday, March 6, 2011
Von Heinz Eggert

Morgenpost Kolumne, 6. März 2011

Am Anfang der Diskussionen war ich belustigt und grinste über alle, die zusammen nicht so viel Ausstrahlung hatten wie zu Guttenberg und jetzt offensichtlich versuchten, ihn über seine Doktorarbeit zu beschädigen. Ich glaubte ihm nämlich sein Versehen mit ein paar vergessenen Fußnoten.

Später dann, als das Ausmaß seines Versagens nicht mehr zu beschönigen war, fror mein Grinsen ein. Denn mir war klar, dass er damit an jeder akademischen Einrichtung fristlos gekündigt worden und der Staatsanwalt von sich aus zu Ermittlungen verpflichtet gewesen wäre.

Dabei hätte er diesen Titel bei der Ausübung seines politischen Amtes überhaupt nicht gebraucht. Er wäre auch so durch seine klaren Worte und seine gezeigte Entschlossenheit, populär und akzeptiert worden. Aber wer den akademischen Raum betritt, muss dessen Regeln einhalten.

Das hat er nicht getan und ist damit völlig unnötig in seine eigene Eitelkeitsfalle getappt. Von daher war sein Rücktritt – auch wenn ihn sehr viele bedauern – überfällig und unausweichlich. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille.

Der öffentliche Umgang mit dieser Problematik hat mich schon erschreckt. Stell dir vor, es sind Kriege auf der Welt, im arabischen Raum brennt es, deutsche Soldaten werden in Afghanistan erschossen und selbst die ARD betrachtet das alles als zweitrangig und setzt in den Nachrichten die Doktorarbeit an die erste Stelle. Wir müssen es uns nicht mehr vorstellen, wir haben es erlebt.

Es ist völlig klar und logisch, auch das gehört zum politischen und medialen Alltag, dass intensiv nachgefragt, recherchiert und informiert wird. Auch nicht jeder, der Guttenberg angeblich stützte, wollte es wirklich. Als Seehofer lauthals verkündete, er würde ihn zum Durchhalten ermuntern, machte er dessen Rücktrittsgedanken öffentlich und öffnete ein politisches Scheunentor.

Als ich dann aber auch noch sehen musste, wer alles – immer die Wahrhaftigkeit beschwörend – von Anfang an seinen Rücktritt forderte, strebten meine Gefühle gegen meine Einsicht. Zu Guttenberg hätte nur eine einzige Chance gehabt, etliche dieser Kritiker mundtot zu machen, wenn er mit der Staatssicherheit gekungelt hätte, dienstliche Bonusmeilen in private Flüge umgewandelt, sich von einem großen Autokonzern ein Jahr lang ohne Gegenleistung auf die Gehaltsliste setzen lassen oder sich mit vollgekoksten ukrainischen Nutten vergnügt hätte.

Dann hätten nämlich etliche seiner „wahrhaftigen“ Kritiker schweigen müssen. Aber so haben sie in dieser Diskussion das stolze Pferd „Wahrhaftigkeit“ zur Schindmähre heruntergeritten. Natürlich hat das Volk, das von einigen oftmals als blöder eingeschätzt wird als es ist, das auch gemerkt. So ist der größte Verlierer bei dieser politischen Affäre die politische Kultur in Deutschland.

Aber gerade sie müsste doch von allen Beteiligten gestärkt werden. Oder?

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