Jubiläum im Kabarett

Sunday, April 3, 2011
Von Heinz Eggert

Morgenpost Kolumne, 3. April 2011

Die Einladung kam für mich ziemlich unerwartet. Denn die Einladungen der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, haben im Allgemeinen einen anderen Inhalt.

„Die Dresdner Herkuleskeule wird 50. Bekannte Kabarettisten und nicht minder bekannte Politiker greifen zu derselben und liefern sich einen heiter-ernsten Schlagabtausch. Sie unterwerfen sich dem Urteil eines Kampfrichters. Das Publikum darf reinreden. Das Datum sorgt für Lockerheit. Machen Sie mit?“

Natürlich machte ich. Ich mag das Kabarett und habe zu DDR Zeiten dadurch lachen gelernt, wo eigentlich Weinen angesagt gewesen wäre.Natürlich waren mir die Texte von Wolfgang Schaller und Peter Ensikat vertraut. Wie oft habe ich sie auch in Predigten einfließen lassen oder an Freunde im Westen verschenkt, die beim Lesen dann den Eindruck hatten, in der DDR würde Meinungsfreiheit herrschen.

Davon waren wir wirklich weit entfernt. Aber unser Lachen war befreiend! Natürlich wussten oder ahnten wir damals auch die Zwänge der Kompromisse, die Texte überhaupt auf die Bühne oder in das Buch bringen zu können.

Denn damals gab es noch zuständige Kulturabteilungen der SED und kleinkarierte Kulturfunktionäre die sehr eifrig Vorgaben oder “Denkanstöße” gaben, die unbedingt beachtet werden mussten. Denn Auftritts und Schreibverbote sind in einer Diktatur immer eine allgegenwärtige Drohung. So mussten die Kabarettisten die Kunst beherrschen, dem Kaiser das Gefühl zu geben, kostbar gekleidet zu sein, und uns dem Publikum dabei immer wieder einen Teil seiner entblößten Nacktheit zu zeigen. Ein fantasievoller Spagat, weil ein kunstvolles jonglieren mit Worten.

Denn wer die inhaltsleere Propagandarhetorik der SED zu lächerlich machte, muss dafür einstehen oder einsitzen. Deshalb hörten wir damals ja auch ganz anders zu. Mit leiser Sprache, mit vorsichtigen Andeutungen, mit doppeldeutigen Vergleichen wurden die Botschaften immer vermittelt. Das alles hat sich geändert. Jetzt leben wir Gott sei Dank in einer Demokratie.

Allerdings oftmals auch mit ihrem langen folgenlosen Geschwätz, in denen Worte noch lauter und deftiger und kräftiger betont werden müssen, um wenigstens kleine Wahrheiten an das Publikum zu bringen. Im Kabarett muss man jetzt noch lauter, aufdringlicher und übertreibender sein, um den hohlen Lärm zu übertönen.

Darum ging es Freitag Abend in der Herkuleskeule. Natürlich waren wir nicht alle einer Meinung. Aber in einem waren wir uns einig:Der Schwund an differenziertem Denken tut keiner Gesellschaft gut! Aber das überrascht bestimmt niemanden.

Oder?

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