Lebendige Alternativen

Morgenpostkolumne 29.05.2011
Allgegenwärtig scheint der Tod nur noch in den Medien oder im Internet zu sein, wo schreckliche Unfälle, grausame Verbrechen bis in alle Einzelheiten hinein dokumentiert und vermarktet werden. Da kann sich der Einzelne emotional berühren lassen oder abschalten. Aber das wirkliche Leiden zwischen Leben und Tod, das in jedem Jahr in Deutschland fast eine Million Menschen durchstehen müssen, ist im Bewusstsein der Gesellschaft fast bis in die Unsichtbarkeit verschoben worden.
Es wird in Krankenhäusern oder Pflegeheimen gestorben, aber selten zu Haus. Weil die Berührungen mit Tod und Sterben wirklich berühren und dem einzelnen viel Kraft abverlangen und Nachdenken nicht ersparen. Man glaubt, unsere Wohlstandsgesellschaft könne es sich leisten, selbst den Tod professionell an dafür zu bezahlende Spezialisten – Pfarrer, Mediziner, Pfleger, Beerdigungsunternehmer usw. – zu delegieren.
Glaubt man! Aber das ist ein teurer Irrglaube, den wir mit dem Abbröckeln von Mitmenschlichkeit und einer irrationalen Todesangst bezahlen. Denn Nichts wirkt so sehr nach in einer Gesellschaft, wie Themen, die man glaubt aus guten Gründen verdrängen zu müssen.
Aber genau solche Ängste können radikal machen. Angeblich einfache Lösungen werden propagiert.So wird dann „Sterbehilfe“ als scheinbar einzige menschliche Lösung gesehen (an der auch noch viele gut verdienen wollen). So wird suggeriert, dass wir das Heft des Handelns bis zum Schluss in der Hand behalten. Die todbringende Spritze des Arztes auf eigenes Verlangen – ein wenig Gott spielen im Vorhof des Todes.
Aber wäre es nicht tröstlicher und menschlicher nicht durch die Hand eines Menschen sondern an der Hand eines Menschen zu sterben? Wäre es nicht menschlicher, den Menschen in den letzten Tagen die Angst vor Schmerzen und vor Einsamkeit zunehmen? Darüber werden engagierte Mitarbeiter aus Hospizen und der Palliativmedizin in einem Monat in Dresden diskutieren.
Früher waren Hospize Orte der Gastfreundschaft für Reisende und Pilger, denen Rast und Stärkung angeboten wurde. Jetzt sind es Orte, an denen Menschen aufgenommen werden, damit sie mit erträglichen Schmerzen und mit ständiger menschlicher Begleitung und Ansprache würdevoll die letzten Schritte gehen können. Denn Sterben ist nicht der Anfang des Todes, sondern der letzte Akt des Lebens, in dem wir Menschen bleiben dürfen.
Deshalb gibt das behutsame und einfühlsame Zusammengehen und Begleiten auf der letzten Lebensstrecke, die bis zum letzten Atemzug immer noch Leben ist. Das ist sind die Stärken der Hospizbewegung und der Pallativmedizin, die die letzte Zeit eines Menschen nicht zur Hölle auf Erden werden lassen. Deshalb treffen sie sich, um über eine bessere und gemeinsame Vernetzung aller Möglichkeiten und Bemühungen nachzudenken. Dazu sollten wir Ihnen viel Erfolg wünschen.
Denn einmal wird jeder von uns sie brauchen. Oder?
Foto © olga meier-sander / pixelio.de
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