Märchen aus dem Morgenland

Tuesday, February 14, 2012
Von Michael Kreutz

Vor weniger als zwei Jahren, zwischen August und November 2010, war ich für knapp drei Monate in Syrien. Unter den vielen Menschen, die ich kennengelernt hatte, Muslime wie Christen, gab es kaum jemanden, mit dem ich über Politik sprach. Zum einen kann ein solches Gespräch in einer Diktatur wie der syrischen unangenehme Folgen haben, zum anderen lässt sich selten genug einschätzen, mit wem man es eigentlich zu tun hat und wieviel Glaubwürdigkeit der Gesprächspartner beanspruchen kann. Gleichwohl konnte man aus den Äusserungen einzelner heraushören, dass sie sich für den schlechten Zustand ihres Landes schämten.

Ganz anders der ehemalige Burda-Manager Jürgen Todenhöfer. Der Mann verbrachte zwar nur ein Drittel der Zeit im Land. Aber in dieser Zeit hat er gleich mit einer Vielzahl von Syrern über Politik und die Zukunft Syriens gesprochen. Und siehe da: Die meisten von Todenhöfers Gesprächspartnern bekennen sich zu Assad, ja selbst die erklärten Regimegegner sagen offen, dass nur die Hälfte der Bevölkerung hinter ihnen stehe.

Todenhöfer kommt es offenbar nicht in den Sinn, dass in Assads Syrien sich nur diejenigen ohne Repressalien fürchten zu müssen über Politik äussern können, die nicht gegen das Regime sind. Der lange Arm der Geheimdienste reicht soweit, dass sogar Syrer im Ausland unter Druck gesetzt werden. Doch Brückenbauer-Eitelkeit und Naivität nahöstlichen Diktaturen gegenüber sind ein häufiges Merkmal vieler “Nahostexperten”.

Die zitierte Umfrage der Qatar Foundation, nach der 55% der befragten Syrer sich zu Assad bekennen, ist im übrigen fragwürdig, und das nicht nur, weil die Umfrage auf der Internetpräsenz der Stiftung offenbar nicht zu finden ist (in die Welt gesetzt wurde diese Nachricht vom britischen “Guardian”, der gleich von einem “westlichen Propagandakrieg” sprach), sondern weil es noch eine weitere Umfrage gibt, deren Ergebnis ganz anders aussieht: So berichtet die panarabische “Asharq Alawsat”, dass 81% der Syrer einen Regimewechsel befürworten und dass entgegen herrschender Meinung selbst unter den Christen der Rückhalt gering ist.

Den Syrern nämlich blieb nicht verborgen, wie ein exklusiver Zirkel um den Präsidenten sich schamlos bereichert. Der Syrienkenner Fouad Hamdan resümiert:

Some Arab journalists, academics, Nasserists (yes, Gamal Abdel Nasser was a bloody dictator, too), Baathists (yes, there are still a few outside Syria) and hard-core leftists who still believe communism-inspired ideologies are democratic have been propagating since June 2000 that Assad the son is a “young reformer”. They often claim he who could not impose all his “reformist policies” on the so-called old-guard and some of his family members. And they highlight the “economic achievements” and “first steps to fight corruption”.

More than eleven years of Bashar Assad in power – and this is what counts when assessing a politician’s work – show a rather depressing picture. A rational evaluation of his achievements and a comparison of his promises with his acts lead to a clear assessment: The son of dictator Hafez Assad has been unconditionally holding the reigns of power since day one in the presidential palace, and he is fully responsible for all failures that led to the people rising up against his dictatorial regime.

Den Mythos vom Reformer Assad hält Hamdan denn auch längst für tot. Ich habe meine Meinung über Syrien, aber während meiner Zeit dort (es war das dritte Mal, das ich das Land bereiste), habe ich mich neutral verhalten. Nie hätte ich jemanden auf politische Themen angesprochen. Dennoch sagte mir in Damaskus ein Strassenverkäufer ganz unvermittelt im Gespräch: “Die Menschen, die du hier siehst, mögen einen friedlichen Eindruck machen und scheinen guter Dinge zu sein. Aber das ist nur die Oberfläche, darunter gärt es. Jeden Moment kann hier eine Revolution ausbrechen. Vielleicht schon morgen.”

Ein halbes Jahr später war es soweit.

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