Warum nicht verhandeln?
Todenhöfer mal wieder. Die FAS[1] stellt ihm für seinen jüngsten Egotrip eine volle Seite zur Verfügung. Darin drängeln sich Personalpronomen der 1. Person Singular dem Leserauge entgegen wie hungrige Kükenmäuler dem Mutterschnabel:
Wie viele andere Menschen habe auch ich nur schlechte Erfahrungen mit Diktaturen gemacht. Mit der Sowjetunion, die nach meinem Marsch nach Afghanistan verkündete, sie werde mich auspeitschen und erschießen lassen. Später mit Augusto Pinochet. Monatelang griffen mich westliche Politiker an, weil ich es gewagt hatte, mit dem Diktator über die Freilassung politischer Gefangener zu verhandeln. Auch mein zweistündiges Gespräch mit Präsident Bashar al-Assad wird heftig kritisiert. Dass es um die schnellere Einführung der Demokratie ging, interessiert nicht.
Und so weiter. Der Verfasser, der allen Ernstes glaubt, durch einen persönlichen Besuch beim Diktator könne er die Einführung der Demokratie beschleunigen, hat nun wohl endgültig jegliche Bodenhaftung verloren. Dass in Syrien sich nur der politisch frei zu äussern wagt, der pro Assad ist, kommt ihm schon gar nicht in den Sinn. Dafür aber dies:
Es gibt eine Alternative zu diesem geistlosen gegenseitigen Morden. Sie heißt: verhandeln, verhandeln, verhandeln. Verhandlungen sind fast immer besser als Krieg. Darf man das in diesen kriegslüsternen Zeiten noch sagen?
Assad nämlich habe sich wie kein anderer arabischer Diktator auf “umfassende Reformen festgelegt”. Dass er – die Schicksale von Mubarak und Ghaddafi vor Augen – vielleicht nur versucht sein könnte, den eigenen Hals zu retten, scheint dem deutschen Friedensapostel ebenfalls unvorstellbar. Natürlich verhandeln die Oppositionellen nicht mit Assad, solange sie die Hoffnung haben, dass sie das Regime stürzen können.
Überhaupt, wer sagt ihnen, dass sie nicht in Assads Folterkellern landen, sobald sie sich aus der Deckung trauen? Wer möchte ausprobieren, ob Assad wirklich bereit ist, friedlich mit ihnen zu verhandeln? Und wenn der Aufruhr in Syrien islamistisch unterwandert sein sollte – was durchaus sein kann–, dann bringt es auch nichts, in deutschen Sonntagszeitungen für Verhandlungen zu werben. Vom Grössenwahn zur moralischen Zerrüttung ist es, wie so oft, auch hier nur ein kleiner Schritt:
Ja, Assad ist politisch verantwortlich für jeden Zivilisten, der im syrischen Bürgerkrieg stirbt. Genauso wie Obama für die getöteten Kinder Pakistans und Afghanistans und die deutsche Bundesregierung für die Toten von Kundus. Aber all das sind keine Gründe gegen Verhandlungen. Gerade mit Gegnern muss man verhandeln.
Wer den Kampf gegen den Terrorismus – gleich, wie man dazu stehen mag – auf eine Stufe mit diesem stellt, wirkt als Verfechter demokratischer Reformen wenig glaubwürdig. Freilich braucht er dann auch nicht mehr zu Verhandlungen aufzurufen. Es sei denn als Vorwand zur eigenen Heiligsprechung.
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Siehe auch: Märchen aus dem Morgenland
- Die syrische Tragödie / Von Jürgen Todenhöfer, FAS vom 19. Februar 2012, Nr. 7, S. 25. Nicht online auf der FAZ-Präsenz, den Text findet man hier. ⇧
