“Aber sie versuchten nicht, dem Rest der Welt Vorschriften zu machen.”
Meint der Marxist Eric Hobsbawm in einem Vergleich der britischen mit der amerikanischen Weltmachtpolitik. Wie war das nochmal mit der Sklaverei?
PEW: Europäer antisemitischer, antiislamischer
Was nun, Avi Primor? Hatte der ehemalige israelische Botschafter in Berlin kürzlich noch ein Sinken des Antisemitismus in Deutschland konstatiert, so kommt eine aktuelle Studie zu einem anderen Ergebnis. Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Antiamerikanismus sind in Europa auf dem Vormarsch, lautet das Ergebnis der Umfrage von PEW Research.
Während der Antisemitismus in Deutschland allerdings nur geringfügig zugelegt hat, erreicht er in Spanien Rekordzuwächse. Wieso gerade Spanien? Das möchte dieser Autor auch gerne wissen: Hatten vor drei Jahren noch 21% der Spanier zugegeben, Ressentiments gegenüber Juden zu hegen, so sind es mittlerweile satte 46%! In allen 24 untersuchten Ländern haben die USA den geringsten Bevölkerungsanteil derer, die Juden in einem negativen Licht sehen, nämlich gerade einmal 7%.
Noch schlechter weg kommen allerdings Muslime. Auch hier belegt Spanien mit einem Bevölkerungsanteil von 52%, die Ressentiments gegen Muslime hegen, den Spitzenplatz. Insgesamt hat sich der europäische Mittelwert zwischen 2005 und 2008 von 21% auf 30% verlagert. Diese Korrelation findet sich auch in anderen europäischen Ländern:
For example, in a 2006 Pew survey, among Germans who consider immigration from North Africa and the Middle East a bad thing, 27% had a negative view of Jews. In contrast, when it comes to people who rate immigration from these regions as a good thing, only 14% hold a negative view of Jews.
Dies gilt auch in Bezug auf eine Skepsis gegenüber der Globalisierung:
Similarly, 48% of French respondents who say trade is bad express a negative opinion of Muslims, compared with 35% of trade supporters. (…) Europeans who believe growing trade and business ties are having a negative impact on their families are more likely to hold negative opinions of both Jews and Muslims. Likewise, people who think foreign ownership of companies in their country is a bad thing are also more likely to give Jews and Muslims negative ratings.
Aber natürlich gibt es auch Antisemitismus unter Muslimen. Und auch dieses Phänomen scheint zu wachsen. Eine ähnliche PEW-Studie von vor zwei Jahren hatte festgestellt, dass 60% der spanischen Muslime eine negative Meinung von Juden haben, 47% der Muslime in Grossbritannien und 44% in Deutschland. Nur in Frankreich fiel die Zahl bemerkenswert niedrig aus. Dass die Zunahme des Antisemitismus in Europa auf den muslimischen Bevölkerungsanteil zurückzuführen sein könnte, schliessen die Autoren der Studie aber aus.
Interessant ist, dass Deutschland als einziges Land eine relative Mehrheit der Unterstützer Israels aufzuweisen hat, während seine Nachbarn mehrheitlich Sympathie für die palästinensische Sache bekunden! Hier gibt es allerdings einige Widersprüche gegenüber anderen Studien. Ein Trostpflaster für’s blaue europäische Auge gibt es aber auch:
This rise in negative attitudes toward Jews has for the most part been modest, and anti-Jewish sentiments in Europe remain much less common than anti-Muslim views. Most of the Europeans surveyed by Pew continue to hold favorable opinions of Jews and, compared with other regions of the world, Europeans remain relatively tolerant.
So sagen im Libanon, in Jordanien und in Ägypten 95% oder mehr der Befragten, dass sie von Juden eine negative Meinung haben.
Wie andere Nationen mit Pornografie…
… halten es sie Franzosen mit?
Ein Arbeitskreis Pro-Westler in der FDP…
… tut angesichts der linksparteikompatiblen außenpolitischen Vorstellungen von Westerwelle dringend not.
Antiamerikanismus in der Türkei und in Griechenland
In internationalen Umfragen liegen, wie Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen, die Türkei (s. auch hier) und Griechenland stets ganz vorn in Sachen Antiamerikanismus. In der aktuellen Ausgabe der Middle Eastern Studies (44/3) widmet sich nun die Politologin Aylin Güney den Ursachen des Antiamerikanismus in der Türkei.
Allerdings sind ihre Ausführungen wenig überzeugend. So sieht sie die türkischen Ressentiments gegen die USA durchgängig als Reaktion auf die amerikanische Aussenpolitik. Den Sündenfall Amerikas in der Region verortet sie im wesentlichen mit dessen Haltung im Zypernkonflikt Anfang der 70er Jahre.
Hier hätte schon ein Vergleich mit Griechenland zutage bringen müssen, dass diese Begründung, so gerne sie in der türkischen Bevölkerung angeführt werden mag, eigentlich nur ein Vorwand sein kann, denn ebenso wird in Griechenland die eigene antiamerikanische Einstellung nur zu gern mit Zypern in Verbindung gebracht.
Die Frage ist daher, inwieweit Selbstauskünfte zur Einschätzung der eigenen antiamerikanischen Haltung, für bare Münze zu nehmen sind. Könnte es vielleicht sein, dass Amerika viel eher für das gehasst wird, was es repräsentiert, nämlich Marktwirtschaft, Globalisierung und den berühmten meltiing pot, als dafür, wie es aussenpolitisch handelt? Und könnte es sein, dass Menschen die Neigung haben, ihre Ressentiments durch den Verweis auf das angebliche Tun dessen, den man verabscheut, plausibel zu machen?
Wenn die Vernachlässigung der irakischen Turkmenen durch die amerikanische Aussenpolitik eine der Ursachen für den türkischen Antiamerikanismus sein soll, dann müsste Saddam Hussein Auslöser eines noch grösseren Antiirakismus gewesen sein. Aber davon keine Spur. Auf der anderen Seite haben Griechenland und die Türkei gerade aussenpolitisch Amerika viel zu verdanken. Beschränken wir uns darauf, auf die Truman-Doktrin zu verweisen, ohne die beide Länder dem expansiven Sowjetkommunismus zum Opfer gefallen wären.
Die Studie von Ioannis Stefanidis zum Phänomen des griechischen Antiamerikanismus, von der auf diesem Blog schon einmal die Rede war, sucht die Ursache dafür jedenfalls in der griechischen Gesellschaft selbst. Andreas Andrianopoulos vom Woodrow Wilson Center hat dazu eine aufschlussreiche Rezension verfasst:
Inevitably, a “victim culture” developed portraying the nation as the object of designed subversion. It is indicative if the idiosyncracy of modern Greek culture that in the language of politics foreign policy pursuits are not labelled national interests but national rights. Implying of course that history has assigned certain inappropriate rights to Greeks exclusively. It goes without saying that Greeks consequently cannot possibly be wrong. Whatever failure may have suffered in their post-independence political history cannot possibly be the outcome of bad policies or faulty decisions. They have to be the result of foreign conspiracies or the product of treacherous acts by indigenous misinformed or bought out individuals.
…
Greeks claim to never have nourished expansive schemes against any of their neighbours. They justify, however, acts of aggression and the occupation of new lands, mainly during the so-called Balkan wars and the Asia Minor expedition, as initiatives to restore national territorial integrity.
…
The meticulously researched analysis of Stirring the Greek Nation depicts beyond any shred of doubt that Greek anti-americanism is not a product of the imposition of the Greek junta or of the consequent Cyprus tragedy.
Es fällt ins Auge, dass die griechische Gesellschaft sich zu einem Gutteil derselben Argumentation wie die türkische bedient, wenn es darum geht, die eigene Abneigung gegen Amerika rational erklärbar zu machen. Gerade das legt den Verdacht nahe, dass die wahren Ursachen in tieferen Seelenschichten zu suchen sind. Und das dürfte für den Antiamerkanismus anderswo - z.B. in Deutschland - genauso gelten.
Andrei S. Markovits weist in seinem Uncouth Nation. Why Europe dislikes America (2007) darauf hin, dass Amerika in seiner Quintessenz eben auch als Ausdruck der Moderne gilt (S. 178). Im Unbehagen gegen letztere dürften denn auch die tieferen Ursachen für den Antiamerikanismus zu finden sein.
Die Strassen von Teheran (2)
“Die Straßen von Damaskus und Teheran sind viel sicherer als die Straßen von New York oder Detroit”, findet der Jürgen Todenhöfer.
Jetzt wurden im Teheraner Evin-Gefängnis 29 Todesurteile vollstreckt, allesamt an angeblichen Mördern, Drogenhändlern und Ehebrechern.
Der Teheraner Staatsanwalt Said Mortasavi erklärte dazu im Fernsehen:
“Mit der Zusammenarbeit der Bürger und der vollständigen Umsetzung des öffentlichen Sicherheitsplanes, wird Teheran in diesem Jahr zur unsichersten Stadt der Welt für Mörder, Drogenhändler, asoziale Elemente1 und Verbrecher an den Traditionen des Volkes.”2
Sicherheit hat eben ihren Preis.
- Pers. arazel ve-oubash, ein Gummibegriff in der Rechtsprechung der iranischen Theokratie. [back]
- Im Original: با همکاری شهروندان و با اجرای کامل طرح امنیت اجتماعی ، امسال شهر تهران برای سوداگران مرگ ، قاچاقچیان مواد مخدر، اراذل و اوباش و متجاوزان به نوامیس مردم نا امن ترین شهر دنیا شود. [back]
Todenhöfer und wie er den Irak sieht
In der Zeit vor dem Irakkrieg hatte ich mich als Übersetzer für arabische Texte verdingt, die Aufträge bekam ich von einem befreundeten Iraker, der seit Jahren im Übersetzungsgeschäft tätig war. Als Anfang 2003 der Krieg immer näher kam, hatten wir uns natürlich auch darüber unterhalten. Wie die Stimmen anderer irakischer Exilanten, die ich bis dahin gehört hatte, so befürwortete auch er vehement ein Eingreifen der USA in seinem Heimatland, sah er darin doch die einzige Möglichkeit, die verhasste Diktatur Saddam Husseins loszuwerden.
Als die amerikanischen Truppen Bagdad bombardierten, war er völlig euphorisch und konnte es kaum fassen, dass Saddams Tage gezählt sein sollten. Ich fragte ihn natürlich, ob das allein seine Ansicht war und was seine Landsleute in Bochum (wo sich diese Geschichte zugetragen hat) dächten. Er antwortete mir, dass er alle Iraker, die er in Bochum kenne, zum Krieg befragt habe und von einem Dutzend Personen nur eine einzige dagegen gewesen sei. Befragt, was er und seine Lebensgefährtin über die die PACE-Flaggen-schwenkenden Peaceniks meinten, antworteten mir beide, dass das doch junge Leute seien, die keine Vorstellung davon haben, wie es unter einer totalitären Diktatur wie der im Irak zugehe.
Als die Amerikaner in Bagdad einmarschierten und Menschen auf der ganzen Welt sich über den irakischen Informationsminister amüsierten, da feierten mein Freund und seine Landsleute ausgelassen den Sieg. Ich rief ihn über Handy an und gratulierte ihm. Kurze Zeit nachdem der Krieg vorbei war, fuhr mein irakischer Freund mit seiner Lebensgefährtin nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder in seine Heimat. Beide hatten das ganze Land bereist und berichteten mir nach ihrer Rückkehr, dass überall, wo sie hingekommen seien, die Menschen eine tiefe Erleichterung darüber verspürt haben, dass der Alptraum einer 40jährigen Terrorherrschaft nun endlich vorbei sei!
Unterdessen waren im deutschen Fernsehen lauter Fachleute zu sehen, die ausser der Tatsache, allesamt keine Iraker zu sein, vor allem das Weltbild teilten, genauestens über die Befindlichkeiten der Iraker bescheid zu wissen und dem deutschen Fernsehpublikum eifrig klarzumachen bemüht waren, dass das Leiden der irakischen Bevölkerung erst mit dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad begonnen habe. Ich hatte also meinen irakischen Freund gedrängt, sich mit verschiedenen Fernsehsendern in Verbindung zu setzen und ihnen vorzuschlagen, einmal einen Iraker zu Wort kommen zu lassen, zumal mein Freund ein promovierter Orientalist war, der über Saddams Minderheitenpolitik gearbeitet hatte.
Tatsächlich kam ein Fernsehteam von n-tv in seine Wohnung, um ihn zu interviewen. Die Journalisten hatten mit dem, was sie zu hören bekamen, wohl nicht gerechnet. Jedenfalls wurde das Interview um vier Uhr nachmittags ausgestrahlt. Abends, zur Hauptsendezeit, waren dann wieder die altbekannten Pappnasen und Schwarzmaler auf dem Äther.
Jürgen Todenhöfer, ein deutscher Medienmanager, war ganze zwei Wochen im Irak. Das macht aus ihm natürlich gleich einen Experten, zumal er den Vorteil hat, selber kein Iraker zu sein. Diese zwei Wochen hätte er in Bagdad, Basra, Sulaimaniya oder sonstwo verbringen können, aber nein, er hat sich für Ramadi entschieden, ausgerechnet Ramadi, das im sogenannten “Dreieck des Terrors” liegt, über das Najem Wali, ein anderer Exiliraker, schon vor fünf Jahren die Deutschen vergeblich aufzuklären versucht hat:
Neuerdings wird der anwachsende Terror im Irak in manchen Medien als Ausdruck eines zunehmenden „irakischen Widerstands“ bezeichnet. Dies ist ein unerträglicher Euphemismus, der die Wirklichkeit grob verfälscht. Betrachtet man die terroristischen Aktivitäten genauer, stellt man rasch fest, dass sich alle diese Operationen auf den Westen des Landes konzentrieren. In dieser Region haben sich jene Sippen formiert, die über die Jahre der Diktatur hinweg von dem System Saddam Husseins profitierten.
Todenhöfer also kommt nach zwei Wochen aus der Hochburg der Saddam-Anhänger nach Deutschland zurück – und was er uns mitbringt, sind tiefe Einblicke ins Land wie dieser:
Das Erziehungssystem in Anbar zerfällt. Zahlreiche Schulen in Ramadi wurden zerstört, keine einzige wurde neu erbaut. Trotz Schulpflicht geht nur noch die Hälfte der Kinder zur Schule. Studenten brechen aus Geldnot und mangels Perspektiven ihr Studium ab und gehen zur Polizei. Die Lebensmittelversorgung in Anbar verschlechtert sich weiter. Nahrungsmittelrationen werden nur noch unregelmäßig verteilt. Sie sind kleiner und qualitativ noch miserabler als früher.
Und wo war Todenhöfer, als Saddam Hussein Krieg gegen seine eigene Bevölkerung führte? Vertreibung, Vernichtung, systematische Zerstörung der Dörfer, Vergiftung und Verminung des Bodens, systematische Folter, Amputation der Gliedmaßen, Vergewaltigung von Frauen, auf den Vorwurf der Prostitution steht Köpfung.
Wo, Todenhöfer, warst Du?




























