Blog- & Artikelempfehlung

Salman Hameed vom Hampshire College, Amherst MA, unterhält den interessanten Blog “Science and Religion News“.

Lesenswert ist auch die Zusammenfassung seiner Studie über die Einstellung zur Evolutionstheorie in der Türkei, Kasachstan, Indonesien, Ägypten, Pakistan und Malaysia.

Das Bild der Kreuzzüge als westliches Konstrukt

Der französische Arabist und Historiker Rémi Brague hat einmal darauf hingewiesen, dass die Bedeutung der Kreuzzüge in der Islamischen Welt meist überbewertet wird. Tatsächlich waren die Kreuzzüge dort völlig in Vergessenheit geraten, bis im 19. Jahrhundert eine ins Arabische übersetzte französische Histoire des croisades (1812-22) von Joseph-François Michaud sie ins kollektive Bewusstsein rückte.

Der Übersetzer, so Brague, musste dabei neue Wörter für Kreuzzug und Kreuzfahrer erfinden, die es bis dahin im Arabischen nicht gab. Ein seit Jahrhunderten bestehendes, auf die Kreuzzüge zurückgehendes muslimisches Trauma ist folglich eine Fiktion: “Ein großer Teil des Bildes, das man im Mittleren Osten von den Kreuzzügen hat, ist (…) eine vom Westen inspirierte Rekonstruktion.” Tatsächlich waren für die Arabische Welt des Mittelalters Byzanz und die Fatimiden weitaus bedeutendere Gegner, die entsprechend weitaus grössere Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Der Kirchenhistoriker Jonathan Riley-Smith, der verschiedene Werke zur Geschichte der Kreuzzüge vorgelegt hat, weist jetzt in einem Beitrag darauf hin, wie absurd daher der Bezug islamistischer Rhetorik auf die Kreuzzüge ist. Wie auch Brague, so konstatiert Riley-Smith, dass das Image der Kreuzzüge im Westen selbst entstanden ist. Gegenläufige Darstellungen im 19. Jahrhundert, die zwischen Romantisierung (Michaud) und Demaskierung (Scott) oszillierten, reduzierten sich auf eine einzige Sichtweise - und zwar sowohl im Westen wie auch im Vorderen Orient:

(…) with the decay of imperialism in the twentieth century these contradictory visions fused in the West into a historiographical tradition which still colors popular conceptions and a similar convergence occurred in the Muslim world, although it was expressed in different terms.

Der aufkommende arabische Nationalismus machte sich dieses Ideologem zu eigen und bezog die Kreuzzüge recht bald auf den jungen Staat Israel, der in der politischen Rhetorik zu einer späten Frucht europäischer Kreuzzugsmentalität umgedeutet wurde, bevor die Islamisten auf diese Rhetorik einschwenkten. “It is notable that the West has not tried to counter their historical vision, in spite of the fact that it is obviously a distortion of reality” lautet daher Riley-Smith’ Schlussfolgerung.

In der Tat sieht es ganz so aus, als ob der Westen die Deutungshoheit über die Kreuzzüge offenbar stillschweigend an die Islamisten abgetreten hat.

Die erste Bürgermeisterin Ägyptens

December 15, 2008 · Filed Under Arabische Welt, Demokratie, Welt des Islam · Comment 

Eva Habil hat gerade ihr Amt in der oberägyptischen, mehrheitlich christlichen Kleinstadt Kamboha angetreten.

Damit aber auch schon genug der positiven Nachrichten aus Ägypten, denn gefunden hab ich den Artikel via hier und dort.

Lashkar-i Tayyiba, Hintergründe

Bei einem der in Pakistan als Drahtzieher der Anschläge von Bombay Festgenommenen handelt es sich um Zaki ur-Rahman Lakhvi, der zweite Mann des Lashkar-i Tayyiba. Sein Nachname ist Kennern der Geschichte des Islams im Punjab um 1900 nicht unbekannt.

Lakhvi verweist auf das Dorf Lakhoke/ Dist. Ferozpur im heute indischen Teil des Punjab. Dort unterhielt eine Gelehrtenfamilie eine madrasa, an der von den 1890er Jahren an die puritanischen Lehren der Ahl-i Hadis gelehrt wurden. Diese Denkschule war ab den 1830er Jahren in Indien entstanden, nach dem indische Muslime im Jemen die Doktrinen des politisch einflussreichen Gelehrten aš-Šaukānī kennengelernt hatten[1]. Dieser lehnte die vier Rechtsschulen, denen nach traditioneller Auffassung ein Sunnit angehören soll, ab. Er forderte stattdessen, dass juristische Entscheidungen allein auf Koran und Prophetentradition zu beruhen hätten. Zudem war er ein entschiedener Gegner der von den Sufis praktizierten Heiligenverehrung. Da diese gerade in Südasien besonders ausgiebig praktiziert wird, begaben sich die Ahl-i Hadis in Opposition zur Mehrheit der Muslime. Den Briten waren sie zunächst suspekt. Zum einen da etliche von ihnen an die afghanische Grenze zogen und Jihad gegen die Briten führten, zum anderen, weil sie vermuteten, dass sie mit den Wahhabiten in Verbindung stünden. Dieser Verdacht war wegen der Ähnlichkeit der religiösen Lehren nicht ganz unbegründet, doch beruhte die auf gemeinsamen Quellen, vor allem dem Damaszener Gelehrten Ibn Taimiyya (gest 1328). Eine engere Kooperation kam erst in den 1920er Jahren zustande, nachdem die Saudis ihr Reich errichtet hatten.

Der Vorwurf der politische Illoyalität trifft ebenfalls nur teilweise zu, denn etliche Exponenten der Ahl-i Hadis waren vor dem Ersten Weltkrieg dezidiert pro-britisch, weil sie die Dominanz der Hindus fürchteten. Als nach dem Ersten Weltkrieg die Unabhängigkeitsbewegun einen Ersten Höhepunkt erreichte, schlossen sich hingegen viele ihrer Gelehrten dem Indian National Congress an. Gerade die Gelehrten aus Lakhoke machten bei dem Bündnis puritanischer Muslime mit dem indischen Nationalismus nicht mit. Muinuddin Lakhvi verwarf die Kooperation mit dem Indian National Congress und fiel der Polizei durch Hetzreden gegen Hindus auf.

1947 mussten die Lakhvis, wie die gesamte muslimische Bevölkerung des westlichen Punjab fliehen, eine Folge der von ihnen befürworteten Teilung. Sie ließen sich im Distrikt Okara nieder, und gründeten eine madrasa. Zaki ur-Rahman wurde dort geboren und er hatte dort auch seinen Wohnsitz.

Dass Lashkar-i Tayyiba wurde 1989 von Muhammad Said, einem Angehörigen der Ahl-i Hadis, der am Afghanistankrieg teilgenommen hatte, gegründet. Wenngleich Kaschmir dessen Hauptkampfgebiet ist, rekrutiert es seine Anhänger vorwiegend aus jenen Regionen des Punjab, wo die Ahl-i Hadis stark vertreten sind. Dies sind neben Lahore und Gujranwala vor allem die Bewässerungsgebiete (canal colonies) um Faisalabad, wo sich nach 1947 viele der aus den alten Ahl-i Hadis Hochburgen Amritsar und Ferozpur Vertriebenen niedergelassen hatten.


  1. Bernard Haykel: Revival and Reform in Islam: The Legacy of Muhammad Al-Shawkani, Cambridge: University Press, 2003

Respekt für Kultur…

December 9, 2008 · Filed Under Arabischer Golf, Kultur, Türkei · Comment 

… wird in der islamischen Welt gerne eingefordert, seltener praktiziert, auch dann nicht, wenn es um islamisches Kulturerbe geht. So beklagt ein in Mekka ansässiger türkischer Bibliothekar, dass ein 450 Jahre alter Aquädukt, den die Tochter des Sultan Süleyman gestiftet hat, dem Verfall preisgegeben wird.

Büchner als türkischer Staatsideologe

Es geht nicht um Georg, sondern um seinen heute weitgehend unbekannten jüngeren Bruder Ludwig (1824 - 1899). Im 19. Jahrhundert verhielt es sich gerade umgekehrt, der Dramatiker war in Vergessenheit geraten, während der Propagandist des Materialismus einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren seiner Zeit war. Politisch war er ein Linksliberaler. Marx und Engels warfen ihm und seinen Gesinnungsgenossen Vogt und Moleschott mangelndes Verständnis für die Dialektik vor. Seither haftet ihnen die polemische Bezeichnung Vulgärmaterialisten an, wenngleich man dem Engelschen “dialektischen” Materialismus wohl kaum größere Gedankentiefe zusprechen kann.

Besondere Popularitiät erlangten seine Schriften bei den Bildungsschichten “rückständiger” Gesellschaften. Das bekannteste Zeugnis findet sich in Dostojevskijs Dämonen, wo ein radikaler Intellektueller aus den Schriften von Büchner Vogt und Moleschott einen Altar errichtet[1]. Er karikiert damit, dass ihre radikale Religionskritik zugleich als Religionsersatz fungierte.

Ähnlich verhielt es sich in der arabischen Welt und bei den osmanischen Türken[2]. Hier kam Büchner deswegen besondere Bedeutung zu, weil durch ihn die Evolutionstheorie bekannt wurde. Allerdings mit der Folge, dass man statt Darwin selbst eben Büchners Flachversion las. Der in Princeton lehrende große Kenner der Jungtürken, Şükrü Hanioğlu, hat in seinen Schriften gezeigt, wie stark Büchner (und Ernst Haeckel) das Denken der jungtürkischen Intellektuellen beeinflusst hat[3]. In einer zweiteiligen Artikelserie (1, 2) für die Zeitung “Zaman” hat er nun gezeigt, wie sehr Büchners Ideen noch die offizielle Bildungspolitik der frühen Republik bestimmten. Hierfür war aber nicht Büchner selbst ausschlaggebend, sondern einer seiner englischen Anhänger, H.G. Wells, der neben den Science-Fiction-Romanen Die Zeitmaschine und Krieg der Welten auch das populärwissenschaftliche Werk The Outline of History verfasste, dessen französische Übersetzung Atatürk (noch als Mustafa Kemal) mit Begeisterung gelesen hatte.

Die Erklärung des Ursprungs der Religion mit dem Versuch primitiver Menschen, das gefürchtete, verstorbene Sippenoberhaupt zu beschwichtigen, wurden ebenso aus diesem Werk in die Schulbücher übernommen wie die Begeisterung für die arische Rasse, allein mit dem Unterschied, dass die Türken zu deren herausragenden Vertretern erklärt wurden. Die von Carl Vogt geprägten Begriffe “dolichocephal” (langschädlig) und “brachycephal” spielten eine wichtige Rolle in der berüchtigten “Sonnensprachtheorie”, nach der das Türkische die “Ursprache” sei[4].


  1. München: Piper, 1986, S. 480
  2. An der Levante und in Ägypten war er bei den meist christlichen Autoren der Wissenschaftszeitschrift “al-Muqtataf” sehr beliebt, hierzu Dagmar Glaß: Der Muqtataf und seine Öffentlichkeit, Würzburg: Ergon-Verlag, 2004
  3. ”Blueprints for a future society: late Ottoman materialists on science, religion, and art” in Elizabeth Özdalga (ed.): Late Ottoman society, London: Routledge Curzon, 2005, S. 28-116
  4. Jens Peter Laut: Das Türkische als Ursprache?: Sprachwissenschaftliche Theorien in der Zeit des erwachenden türkischen Nationalismus, Wiesbaden: Harrassowitz, 2000

PEW: Europäer antisemitischer, antiislamischer

Was nun, Avi Primor? Hatte der ehemalige israelische Botschafter in Berlin kürzlich noch ein Sinken des Antisemitismus in Deutschland konstatiert, so kommt eine aktuelle Studie zu einem anderen Ergebnis. Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Antiamerikanismus sind in Europa auf dem Vormarsch, lautet das Ergebnis der Umfrage von PEW Research.

Während der Antisemitismus in Deutschland allerdings nur geringfügig zugelegt hat, erreicht er in Spanien Rekordzuwächse. Wieso gerade Spanien? Das möchte dieser Autor auch gerne wissen: Hatten vor drei Jahren noch 21% der Spanier zugegeben, Ressentiments gegenüber Juden zu hegen, so sind es mittlerweile satte 46%! In allen 24 untersuchten Ländern haben die USA den geringsten Bevölkerungsanteil derer, die Juden in einem negativen Licht sehen, nämlich gerade einmal 7%.

Noch schlechter weg kommen allerdings Muslime. Auch hier belegt Spanien mit einem Bevölkerungsanteil von 52%, die Ressentiments gegen Muslime hegen, den Spitzenplatz. Insgesamt hat sich der europäische Mittelwert zwischen 2005 und 2008 von 21% auf 30% verlagert. Diese Korrelation findet sich auch in anderen europäischen Ländern:

For example, in a 2006 Pew survey, among Germans who consider immigration from North Africa and the Middle East a bad thing, 27% had a negative view of Jews. In contrast, when it comes to people who rate immigration from these regions as a good thing, only 14% hold a negative view of Jews.

Dies gilt auch in Bezug auf eine Skepsis gegenüber der Globalisierung:

Similarly, 48% of French respondents who say trade is bad express a negative opinion of Muslims, compared with 35% of trade supporters. (…) Europeans who believe growing trade and business ties are having a negative impact on their families are more likely to hold negative opinions of both Jews and Muslims. Likewise, people who think foreign ownership of companies in their country is a bad thing are also more likely to give Jews and Muslims negative ratings.

Aber natürlich gibt es auch Antisemitismus unter Muslimen. Und auch dieses Phänomen scheint zu wachsen. Eine ähnliche PEW-Studie von vor zwei Jahren hatte festgestellt, dass 60% der spanischen Muslime eine negative Meinung von Juden haben, 47% der Muslime in Grossbritannien und 44% in Deutschland. Nur in Frankreich fiel die Zahl bemerkenswert niedrig aus. Dass die Zunahme des Antisemitismus in Europa auf den muslimischen Bevölkerungsanteil zurückzuführen sein könnte, schliessen die Autoren der Studie aber aus.

Interessant ist, dass Deutschland als einziges Land eine relative Mehrheit der Unterstützer Israels aufzuweisen hat, während seine Nachbarn mehrheitlich Sympathie für die palästinensische Sache bekunden! Hier gibt es allerdings einige Widersprüche gegenüber anderen Studien. Ein Trostpflaster für’s blaue europäische Auge gibt es aber auch:

This rise in negative attitudes toward Jews has for the most part been modest, and anti-Jewish sentiments in Europe remain much less common than anti-Muslim views. Most of the Europeans surveyed by Pew continue to hold favorable opinions of Jews and, compared with other regions of the world, Europeans remain relatively tolerant.

So sagen im Libanon, in Jordanien und in Ägypten 95% oder mehr der Befragten, dass sie von Juden eine negative Meinung haben.

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