Mumienstreit
Wurde das Tarimbecken im heutigen Sinkiang-Uigur von Westen aus besiedelt, wie uigurische Nationalisten behaupten, wie es aber auch die anthropologischen Befunde von Wissenschaftlern aus dem Ausland nahelegen. Oder von Osten aus, wie es die offizielle Lehrmeinung in China ist. Mit dieser Auffassung soll natürlich der Herrschaftsanspruch über die Region legitimiert werden, mit fatalen Folgen für die wissenschaftliche Arbeit:
Some foreign scholars say the Chinese government, eager to assert a narrative of longtime Chinese dominance of Xinjiang, is unwilling to face the fact that the mummies provide evidence of heterogeneity throughout the region’s history of human settlement.
As a result, they say, the government has been unwilling to give broad access to foreign scientists to conduct genetic tests on the mummies.
“In terms of advanced scientific research on the mummies, it’s just not happening,” said Victor H. Mair, a professor of Chinese language and literature at the University of Pennsylvania who has been at the forefront of foreign scholarship of the mummies.
(Quelle)
Leo Strauss und der chinesische Sozialismus
Die politische Gefahr des Fanatismus zu erkennen und mit den Instrumentarien der Philosophie zu entschärfen, war ein wesentliches Anliegen des amerikanischen Philosophen Leo Strauss, der in der Weimarer Republik den heraufdämmernden Nationalsozialismus miterlebt hatte. Strauss, der kein Liberaler war[1], empfahl den Intellektuellen, die gesellschaftlichen Verhältnisse dadurch zu verbessern, dass sie die Meinungen der Elite mässigen und der Wahrheit nahebringen.
In den Werken des arabischen Philosophen al-Farabi (gest. 950) sah er den Herrscher durch das geheime Königtum des Philosophen unterminiert, der aus dem Privaten heraus agiert und mit den Mitteln exoterischer Lehre, ohne ihr allzu offen zu widersprechen, die herrschenden Ansichten in seinem Sinne zur Wahrheit führt. Wegen dieser Ansichten gilt Strauss als vermeintlicher Vordenker des amerikanischen Neokonservatismus für viele bis heute als eine Art Darth Vader der amerikanischen Philosophie.[2]
Zwar bin ich kein Straussianer, aber wer glaubt, dessen Ansichten seien Phantastereien, der möge sich einmal das Interview mit dem China-Forscher Sebastian Heilmann in der aktuellen FAS durchlesen. Heilmann beschreibt dort, wie China quasi auf dem Strauss’schen Wege in den Kapitalismus gefunden hat:
Zu Beginn der 1990er Jahre machten einige Reformer den Vorstoß, in China Aktienbörsen auf “experimenteller Basis” zu errichten. Kritiker wurden beruhigt, indem man das ganze Programm als Kapitalbeschaffung für die Staatsbetriebe verkaufte. So sollte der Sozialismus nicht beschädigt, sondern im Gegenteil, gestärkt werden. Das hat sogar die Kommunisten überzeugt, schließlich musste keine Privatisierung befürchtet werden.
Ein weiteres Beispiel sind Chinas ländliche Unternehmer:
Die ursprünglich im kommunalen Eigentum befindlichen Betriebe gerieten in den 80er Jahren zunehmend unter die Kontrolle privater Unternehmer. Die örtlichen Regierungen ließen diese Unternehmen aber weiterhin offiziell als Kollektivunternehmen firmieren. Denn größere Privatunternehmen waren damals noch verboten. Erst als sich die politische und rechtliche Lage klärte, hatten diese Betriebe ihr großes “Coming out” als Privatunternehmen.
Strauss hätte das gewiss amüsiert.
- Oder doch? ⇧
- vgl. Clemens Kauffmann, Anti-Traditionalismus: Die “ideengeschichtliche Programmatik” von Leo Strauss, in: Harald Bluhm / Jürgen Gebhardt (Hgg.), Politische Ideengeschichte im 20. Jahrhundert, Baden-Baden 2006: Nomos, S. 125-53, hier S. 147. ⇧
635 Mio. Chinesen der Armut entkommen
Schlechte Nachrichten für alle Kulturpessimisten: Die Liberalisierung der chinesischen Wirtschaft hat die Armut im Land drastisch reduziert. 635 Mio. Chinesen haben seit 1981 die Zeit der maoistischen Mangelversorgung hinter sich gelassen. (Und Lafontaines Segel suchen noch immer den Wind der Geschichte.)
Zu allem Überfluss ist in den letzten drei Jahren auch die Zahl der Terrorvergehen und Kampfhandlungen weltweit zurückgegangen, so eine UN-Studie. Dies steht natürlich in einem krassen Widerspruch zu dem populären Glauben, dass der Krieg gegen den Terror diesen erst anheize.
Aber welche linke Prophezeiung wurde nicht irgendwann von der Realität überholt? “An den Pessimismus gewöhnt man sich zuletzt wie an ein zu enges Sakko, das sich nicht mehr ändern lässt” wusste schon André Gide.
Bleibt dran, Genossen.
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Siehe auch:
- Globalisierung, Neokolonialismus und das Übel Afrikas, 29. Mai 2007,
- Angst vor dem gelben Mann, 2. November 2005.
Bonanza im Zweistromland
Der Irak verfügt über die drittgrössten Ölreserven der Welt. Voraussichlich im Juli wird das irakische Parlament auf Drängen Washingtons ein neues Gesetz verabschieden, das es der Regierung erlaubt, sich zur Erschliessung neuer Ölfelder ausländischer Investoren zu bedienen. Welchem Land wird da wohl die Vorreiterrolle zukommen? Na?
Richtig geraten: Wie es aussieht, ist es China, das für seine boomende Industrie bekanntlich einen wachsenden Enegiebedarf hat. Die China National Petroleum Corp. hatte schon Ende der 90er Jahre einen Vertrag mit dem Baath-Regime zur Erschliessung des al-Ahdab-Feldes geschlossen. Damals war es um Milliarden Barrel Öl gegangen.
Ob sich chinesische Arbeiter angesichts der miserablen Sicherheitslage tatsächlich in den Irak aufmachen werden, ist allerdings höchst ungewiss. Gleichwohl dürfte der Zugriff Chinas nur eine Frage der Zeit sein: “Iraq’s potential is so tremendous that they’re all ready to pounce as soon as the situation permits,” so ein Insider, “It’s a bonanza waiting to happen.”
Die Steine im Fluss ertasten
Wer in einer schicken Pekinger Hochhaussiedlung ein Lokal eröffnet, weiss oft nicht, ob die Behörden es wegen mangelnder Lizenz bald wieder schliessen, berichtet Mark Siemons in der heutigen FAZ (leider nicht online). Es entspricht jedoch der chinesischen Mentalität, so Siemons, sich von solchen Ungewissheiten, die den Alltag in China prägen, nicht davon abschrecken zu lassen, unternehmerisch tätig zu werden: So machen Lokalbesitzer häufig noch ein zweites Restaurant auf, um im Falle einer Schliessung des ersten die Gäste auffangen zu können.
Solcherart Beispiele gibt es viele: Wer einen Film dreht, kann sich nicht darauf verlassen, dass das Ergebnis von der Zensurbehörde freigegeben wird und vielleicht sogar zu einem Berufsverbot führen kann. Und dennoch lassen sich Produzenten und Regisseure kaum abschrecken. Dabei sind die Restriktionen in China häufig unausgesprochen und uneindeutig. Journalisten und Blogger wissen nie genau, welches Wort sie in Bedrängnis bringen kann. Man arbeitet sich vorwärts, ohne zu wissen, was einem blüht. “Den Fluss überqueren, indem man nach Steinen tastet”, nannte das einst Deng Xiaoping.
Nicht nur Dissidenten, auch Funktionäre und Manager gehen nach diesem Prinzip vor; für den Chinakenner Donald Sull (“Made in China”) haben chinesische Firmen die Ungewissheit akzeptieren gelernt und praktizieren “aktives Warten”, die Bereitschaft, plötzliche Chancen zu erkennen und in die eigenen Entscheidungen einzubeziehen. Der französische Philosoph und Sinologe François Jullien hält diese Eigenschaft für kulturell vorgeprägt. Demnach geht das chinesische Denken nicht von einem bestimmten Wirklichkeitsmodell aus, sondern von der Einschätzung einer gegebenen Situation, deren Potential es zu erkennen gilt. Die Unver- lässlichkeit der Ereignisse wird als gegeben betrachtet.
Das erinnert doch sehr an den Satz des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama, die Stärke Amerikas liege im “perpetual American desire to reinvent oneself in a place where conventional expectations don’t apply.” Das könnte auch auf China gemünzt sein.
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Siehe auch:
• Asiens amerikanischer Traum, 12. Dez. 2005.
Keine Eulen mehr in Athen
Griechenland steht in der EU an letzter Stelle bei den öffentlichen Ausgaben für Forschung und Technologie (eng.). Das ist nicht notwendigerweise eine schlechte Nachricht, denn theoretisch könnte ja der Anteil der privatwirtschaftlich finanzierten Forschung umso grösser sein.
Theoretisch. Praktisch dagegen folgen griechische Wissenschaftler dem Trend ihrer Kollegen aus anderen EU-Ländern, dauerhaft in die USA überzusiedeln. Und vielleicht heisst der nächste Forschungsmagnet ja China.
China in Afrika (II)
Chinas Interessen auf dem afrikanischen Kontinent werden wohl kaum dazu führen, dass Peking sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzt. Aber so kann man es auch sehen:
(…) die unverhoffte chinesisch-afrikanische Allianz bringt ein Element in die postkoloniale Ära, das auch einen blinden Fleck der Ersten Welt enthüllt. Sie findet sich nun wieder als eine, die Afrika immer zum Objekt ihrer eigenen Ambitionen machte, zuerst ihrer materiellen, später ihrer politischen. China dagegen nimmt den Kontinent insofern ernst, als es ihn in einen realen Interessenaustausch verwickelt.
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Siehe auch:
• China in Afrika, 16. Mai 2006.



























