Islam-Image
Während in islamischen Ländern die Sympathie für Selbstmordattentate fällt, nimmt in Europa die Antipathie gegenüber dem Islam dennoch zu. Das ist das blamable Ergebnis einer Studie von “Pew Global Attitudes”:
Opinions about Muslims in almost all of these countries are considerably more negative than are views of Jews. Fully half of Spanish (52%) and German respondents (50%) rate Muslims unfavorably. Opinions about Muslims are somewhat less negative in Poland (46%) and considerably less negative in France (38%). About one-in-four in Britain and the United States (23% each) also voice unfavorable views of Muslims. Overall, there is a clear relationship between anti-Jewish and anti-Muslim attitudes: publics that view Jews unfavorably also tend to see Muslims in a negative light.
Gleichzeitig befindet sich in Europa auch der Antisemitismus im Aufwind – im Gegensatz zur These des ansonsten so geschätzten Avi Primor.
Behält Ralph Peters also recht?
Mohammed und der Feminismus
War Mohammed ein Feminist? Nicht wenige Reformer in der Islamischen Welt sagen Ja. Immerhin hat der Prophet des Islam die Stellung der Frau in der Gesellschaft verbessert. Und war er ein Sozialist? Auch diese Frage beantworten viele positiv. Ein Demokrat? Ja, sicher, meinen andere.
Intellektuelle in der Islamische Welt tendieren durchweg dazu, ihre Weltanschauung, sei sie progressiv oder reaktionär, sei sie salafitisch oder säkularistisch, sei sie feministisch, sozialistisch oder kosmopolitisch, mit dem Koran und Mohammad zu begründen. Jeder Diskurs über die Moderne gerät so zu einem Diskurs über den “wahren Islam”.
Das Problem dabei ist nicht, dass diese Begründungen allesamt nicht schlüssig wären. Das Problem ist vielmehr, dass eine Ableitung demokratischer oder feministischer Überzeugungen aus der Religion kontraproduktiv sein muss. Sie repräsentieren dann keine selbständigen Werte mehr, sondern werden erst legitim durch die Gnade einer heiligen Schrift - deren Interpretation immer auch anders ausfallen kann.
Grundsätzliche (und zu begrüssende) Kritik am ganzen Unternehmen einer Reform des Islam kommt nun von unerwarteter Seite in der “Berliner Zeitung”:
Es werden dabei heutige Anliegen und Sichtweisen auf den Propheten rückprojiziert. Muslime, die auf diese Weise einen reformierten, offenen, lebendigen Islam für die Gegenwart begründen wollen, tun damit im Prinzip das Gleiche wie ihre Gegner, die engherzige, buchstabengetreue und oft auch autoritäre Varianten des Islam propagieren. Beide Seiten versuchen so, ihre eigenen Ansichten zu legitimieren.
Das Problem ist die Schriftgläubigkeit. Es ist das eine, den Propheten Mohammed als Vorbild zu nehmen für das eigene Leben im 21. Jahrhundert. Das machen die Christen, die Jesus als ihr Rollenvorbild sehen, auch nicht anders. Aber gläubige Muslime sind der Überzeugung, dass der Koran Gottes Wort sei und deswegen stehen sie vor einem Problem: Die Heilige Schrift wurde in einer bestimmten historischen Situation offenbart, und es stehen, wie auch in der Bibel, Dinge darin, die wissenschaftlich widerlegt oder aus der Gender-Perspektive problematisch sind - und die sich mit Interpretation allein nur schwer auflösen lassen.
Exakt. Gesellschaftlicher Fortschritt findet seine Voraussetzung nicht in einer Reformtheologie. Wie andere Religionen auch, so ist der Islam ebensowenig ein Hindernis für gesellschaftlichen Fortschritt, wie er eine Quelle für dessen Begründung sein kann.
Die Letztbegründung einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft kann nur in der Einsicht liegen, dass es erstrebenswerter ist, menschliches Potential in Frieden und Wohlstand zu investieren als in deren Verhinderung im Namen höherer Werte. Dort, wo die Religion diesem Ziel nicht entgegensteht, wird sie eine Zukunft haben.
Antiamerikanismus in der Türkei und in Griechenland
In internationalen Umfragen liegen, wie Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen, die Türkei (s. auch hier) und Griechenland stets ganz vorn in Sachen Antiamerikanismus. In der aktuellen Ausgabe der Middle Eastern Studies (44/3) widmet sich nun die Politologin Aylin Güney den Ursachen des Antiamerikanismus in der Türkei.
Allerdings sind ihre Ausführungen wenig überzeugend. So sieht sie die türkischen Ressentiments gegen die USA durchgängig als Reaktion auf die amerikanische Aussenpolitik. Den Sündenfall Amerikas in der Region verortet sie im wesentlichen mit dessen Haltung im Zypernkonflikt Anfang der 70er Jahre.
Hier hätte schon ein Vergleich mit Griechenland zutage bringen müssen, dass diese Begründung, so gerne sie in der türkischen Bevölkerung angeführt werden mag, eigentlich nur ein Vorwand sein kann, denn ebenso wird in Griechenland die eigene antiamerikanische Einstellung nur zu gern mit Zypern in Verbindung gebracht.
Die Frage ist daher, inwieweit Selbstauskünfte zur Einschätzung der eigenen antiamerikanischen Haltung, für bare Münze zu nehmen sind. Könnte es vielleicht sein, dass Amerika viel eher für das gehasst wird, was es repräsentiert, nämlich Marktwirtschaft, Globalisierung und den berühmten meltiing pot, als dafür, wie es aussenpolitisch handelt? Und könnte es sein, dass Menschen die Neigung haben, ihre Ressentiments durch den Verweis auf das angebliche Tun dessen, den man verabscheut, plausibel zu machen?
Wenn die Vernachlässigung der irakischen Turkmenen durch die amerikanische Aussenpolitik eine der Ursachen für den türkischen Antiamerikanismus sein soll, dann müsste Saddam Hussein Auslöser eines noch grösseren Antiirakismus gewesen sein. Aber davon keine Spur. Auf der anderen Seite haben Griechenland und die Türkei gerade aussenpolitisch Amerika viel zu verdanken. Beschränken wir uns darauf, auf die Truman-Doktrin zu verweisen, ohne die beide Länder dem expansiven Sowjetkommunismus zum Opfer gefallen wären.
Die Studie von Ioannis Stefanidis zum Phänomen des griechischen Antiamerikanismus, von der auf diesem Blog schon einmal die Rede war, sucht die Ursache dafür jedenfalls in der griechischen Gesellschaft selbst. Andreas Andrianopoulos vom Woodrow Wilson Center hat dazu eine aufschlussreiche Rezension verfasst:
Inevitably, a “victim culture” developed portraying the nation as the object of designed subversion. It is indicative if the idiosyncracy of modern Greek culture that in the language of politics foreign policy pursuits are not labelled national interests but national rights. Implying of course that history has assigned certain inappropriate rights to Greeks exclusively. It goes without saying that Greeks consequently cannot possibly be wrong. Whatever failure may have suffered in their post-independence political history cannot possibly be the outcome of bad policies or faulty decisions. They have to be the result of foreign conspiracies or the product of treacherous acts by indigenous misinformed or bought out individuals.
…
Greeks claim to never have nourished expansive schemes against any of their neighbours. They justify, however, acts of aggression and the occupation of new lands, mainly during the so-called Balkan wars and the Asia Minor expedition, as initiatives to restore national territorial integrity.
…
The meticulously researched analysis of Stirring the Greek Nation depicts beyond any shred of doubt that Greek anti-americanism is not a product of the imposition of the Greek junta or of the consequent Cyprus tragedy.
Es fällt ins Auge, dass die griechische Gesellschaft sich zu einem Gutteil derselben Argumentation wie die türkische bedient, wenn es darum geht, die eigene Abneigung gegen Amerika rational erklärbar zu machen. Gerade das legt den Verdacht nahe, dass die wahren Ursachen in tieferen Seelenschichten zu suchen sind. Und das dürfte für den Antiamerkanismus anderswo - z.B. in Deutschland - genauso gelten.
Andrei S. Markovits weist in seinem Uncouth Nation. Why Europe dislikes America (2007) darauf hin, dass Amerika in seiner Quintessenz eben auch als Ausdruck der Moderne gilt (S. 178). Im Unbehagen gegen letztere dürften denn auch die tieferen Ursachen für den Antiamerikanismus zu finden sein.
Unheilige Allianz
Bei weitem nicht alle, aber auch nicht wenige Linke haben nur zu gern den Schulterschluss mit Autokraten und Potentaten verschiedenster Couleur gesucht, wenn es darum ging, den Kampf gegen Kapitalismus und Coca Cola aufzunehmen. Und das gilt bis heute. Einen der Gründe für diese unheilige Allianz nennt Daniel Pipes:
Islamism has historic and philosophic ties to Marxism-Leninism. Sayyid Qutb, the Egyptian Islamist thinker, accepted the Marxist notion of stages of history, only adding an Islamic postscript to them; he predicted that an eternal Islamic era would come after the collapse of capitalism and Communism. Ali Shariati, the key intellectual behind the Iranian revolution of 1978–79, translated Franz Fanon, Che Guevara, and Jean-Paul Sartre into Persian. More broadly, the Iranian analyst Azar Nafisi observes that Islamism “takes its language, goals, and aspirations as much from the crassest forms of Marxism as it does from religion. Its leaders are as influenced by Lenin, Sartre, Stalin, and Fanon as they are by the Prophet.”
Vor einiger Zeit hat Ladan Boroumand im Interview ebenfalls darauf hingewiesen, wie eng die ideologische Nähe zwischen Islamisten und Linken tatsächlich ist:
Only ten chapters of John Locke were available in Farsi in 1979 in a book that had not been on the market for 20 years. Liberal ideas were almost non-existent while Lenin, Marx, Fanon were systematically translated.
Pipes’ Behauptung, “Islamists accept the free market” sollte sich damit übrigens von selbst erledigt haben.
Proteste in Zandjan
In meinem Heimtatland Iran gibt es derzeit einen Aufstand gegen einen Vizepräsidenten der Universität Zandjan. Dieser wollte eine Studentin in seinem Büro sexuell belästigen und wurde dabei von Studenten in flagranti erwischt. Es gab mehrere Tage lang massive Proteste, bis der Mann gestern in Untersuchungshaft genommen wurde.
Das ist deshalb so bedeutsam, weil sich der Jahrestag des 18. Tir nähert, der Tag der studentischen Bewegung, weswegen die Atmosphäre in iranischen Universitäten sehr gespannt ist. Ich selbst bin einer der Begründer der Universität von Zandjan. Deutsche Medien scheinen sich für die Ereignisse nicht weiter zu interessieren.
Hier zwei Aufnahmen von den Protesten:
Jüdische Mathematiker
Gelobt wird die Telekom dieser Tage (und auch sonst) zu Recht selten. Wegen diesem feinen Beispiel von Kultursponsoring will ich aber eine Ausnahme machen.
Ahmadi-Nejad und der Kapitalismus
Der Oskar Lafontaine hat ja immer gewusst, dass es “Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion” gibt, die vor allem darin bestehen, dass man in einem “übersteigerten Individualismus”, diesem Ausdruck der Dekadenz westlicher Gesellschaften, einen gemeinsamen Feind findet. Darum zeigt jetzt der iranische Präsident Ahmadi-Nejad, dass das Diktum Lafontaines keineswegs nur so daherschwadroniert war, sondern dieser sich auf sein Alter Ego in Teheran verlassen kann.
Vor einer Gruppe von Universitätsgelehrten machte Ahmadi-Nejad deutlich, was er vom Kapitalismus hält: “Die wirtschaftliche Stagnation, die ihr heute in Amerika seht, ist der Anfang vom Ende des Neo-Kolonialismus auf dieser Welt, demgegenüber es unsere Verpflichtung ist, bereit zu sein und den Entwurf für ein neues System vorzulegen.” Das neue System, mit dem die Welt beglückt werden soll, ist der politische Islam, der als holistisches Konzept auf allen Gebieten zur Anwendung kommen müsse, nicht nur auf dem der Ökonomie.
Die einer zunehmenden Gleichschaltung unterliegenden Universitäten des Iran seien “als authentischste Universitäten der Islamischen Welt” dazu berufen, eine politische Theorie auszuarbeiten, die das herrschende Weltsystem, das im Zerfall begriffen ist, von Grund auf zu verändern. Folgerichtig sieht Ahmadi-Nejad in den Wirtschaftssanktionen gegen sein Land auch mehr Nutzen als Schaden, werden so doch “die verschlungenen Kanäle, die unsere Ressourcen und unser Kapital nach ausserhalb unseres Landes befördern, geschlossen.”
Das einzige, was ein Land voranbringe und auf den Weg des Fortschritts führe, so Ahmadi-Nejad weiter, sei die Arbeit. Darum auch sei es für den Iran, der für Ahmadi-Nejad zu den drei bis vier bedeutendsten Ländenr der Welt gehöre, so wichtig, nach der Nukleartechnologie zu streben, die zu erlangen die Welt den Iran nicht hindern könne: “Die Kultur und der Geist des Islam sind mit der herrschenden Idee und dem Kapitalismus, der Arbeit und Arbeiter als Mittel zum Füllen der Taschen einiger weniger benutzt, unvereinbar.”
Na, ist das nicht reiner Laftontaine?
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Siehe auch:
- Der Sokrates unserer Tage, 27. April 2008,
- Prügel statt Wissenschaft, 4. Februar 2008,
- Iran: Kulturrevolution schreitet voran, 2. Dezember 2007,
- Zweite Kulturrevolution an iranischen Universitäten, 7. September 2006,
- Schutz-Schildbürger, 4. April 2006,
- “Das Pendel schlägt zurück”, 15. März 2006.




























