“Iraks einziger schiitischer Oppositioneller gegen die USA”
“Ich bin der einzige schiitische Kleriker, der gegen die amerikanische Präsenz im Irak ist”, beklagt sich Grossajatollah Ahmad al-Husni al-Baghdadi auf Alarabiya.net.
Im Interview mit dem saudischen Sender kritisiert der Kleriker nicht nur die amerikanischen Truppen, die nach seinen Angaben in sein Haus eingebrochen waren und seinen Sohn verhafteten, sondern auch seine Klerikerkollegen, die “einerseits sagen, dass sie die Amerikaner bekämpfen, andererseits aber in die Politik eintreten” – zwei Dinge, zwischen denen es nach Ansicht al-Baghdadis keine Versöhnung geben könne!
Und so ruft der Grossajatollah nicht nur zum sofortigen Abzug der amerikanischen Truppen aus, sondern auch zum Sturz der Verfassung. Sunniten und Schiiten dagegen sollten ihre Spaltung überwinden und unter dem Dach eines “arabischen Islam” (Islām ʿurūbī) zusammenfinden. Bislang jedoch lebten die Iraker in “einem grossen Gefängnis”. Wieviel freier waren sie unter Saddam!
Doch vergessen ist das Gestern. “Ich bin stärker als die vier Grossajatollahs”1, zeigt sich al-Baghdadi gewiss. Nun ist die Behauptung, der einzige schiitische Oppositionelle im Irak (oder auch nur der einzige unter den Klerikern) zu sein, sicherlich eine Übertreibung. Immerhin aber zeigt sie wohl, dass die Ablehnung der amerikanischen Präsenz im Irak vielleicht nicht ganz so populär ist, wie manch einer im Westen es gerne glauben möchte.
- Gemeint sind Scheich Ishaq al-Fayyad, Sayyid Ali as-Sistani, Scheich Muhammad Said al-Hakim und Scheich Bashir an-Nadjafi [back]
Politische Hautwiderstandsmessung
Sind politische Überzeugungen genetisch bedingt? Wahrscheinlich nicht, aber eine gewisse Grundeinstellung könnte durchaus biologisch begründet sein. Das jedenfalls legen die Ergebnisse eines psychologischen Tests nahe, von dem “spektrum direkt” berichtet.
So mussten sich in einem Test die Probanden auf einen Bildschirmpunkt konzentrieren, während sie wiederholt durch ein lautes Geräusch per Kopfhörer erschreckt wurden. Das Blinzeln der Augen diente dann als Mass für den Grad der Schreckreaktion. Ergebnis:
Damit konnten die Wissenschaftler die politische Weltanschauung mit der Neigung zur Schreckhaftigkeit korrelieren.
Und siehe da: Wer eher auf Sicherheit setzte, offenbarte sich als ängstlich; die etwas gelasseneren Zeitgenossen tendierten dagegen zu weniger restriktiven Ansichten.
(…) [U]nsere freie Meinung, die wir bei politischen Diskussionen in tiefster Überzeugung zum Besten geben, könnte auf einer biologischen Basis beruhen - vermutlich verborgen in unseren Genen - und somit unserer Vorstellung von Willensfreiheit einen leichten Dämpfer versetzen.
Die ganze Studie gibt es hier. Der Religionswissenschaftler M. Blume weist darauf hin, dass Weltanschauungen jedoch nie im erziehungs- und kulturfreien Raum entstehen. Die Gene stellen allenfalls einen von mehreren Faktoren dar. Was Kant über das menschliche Gehirn behauptete, lässt sich deshalb sicherlich auch auf den Menschen insgesamt beziehen:
“Wäre das menschliche Gehirn so simpel, dass wir es erfassen könnten, wären wir so simpel, dass wir es nicht könnten.”
Noch mehr Geld für Afrika! (6)
Wenn afrikanische Regierungen ein Recht auf Auswanderung nach Europa verlangen, dann, so der ehemalige Botschafter Volker Seitz, ist was faul. Und zwar vor allem mit der Entwicklungshilfe:
Die afrikanischen Regierungen interessieren sich einfach nicht für die Armen in ihrem Land - und schieben die Verantwortung auf uns ab. Eine große Anzahl von Armen ist ihnen doch geradezu die Garantie dafür, dass wir weiter Geld schicken.
Seitz weist im FAS-Interview darauf hin, dass laut Transparency International jährlich rund 150 Mio. Dollar durch Korruption verlorengehen. Dazu kommt eine Kapitalflucht von geschätzten drei bis 13 Mrd. Dollar jährlich. Solange aber Entwicklungshilfeorganisationen Schlange stehen, um Gutes tun zu dürfen, fehlt vielerorts das Bewusstsein dafür, dass Wandel not tut. Das gilt nicht nur für Regierungen, sondern auch für die Helfer:
Manchmal streiten die Geber geradezu darum, helfen zu dürfen. Allein in Deutschland leben nach meiner Schätzung rund hunderttausend Menschen von der Entwicklungshilfe. Die haben kein Interesse daran, dass Projekte auch einmal abgeschlossen werden.(…) Leider ist es wahr: Mit unserer Entwicklungshilfe zementieren wir die Unmündigkeit der Armen.
Für Leser dieses Blogs ist das freilich nichts neues. Neu ist aber der “Bonner Aufruf“, der in jedem Falle Beachtung verdient, wie auch das ganze Interview.
Schwache Märkte und starke Menschen
Morgenpost-Kolumne 12.10.2008
Drei Tage war ich in Leipzig. Vorträge, Moderationen beim Fernsehen und im Gewandhaus zum Tag der friedlichen Revolution. Am 9.10.1989 waren rund 70 000 Menschen auf die Straße gegangen, um für Freiheit und Menschenrechte einzutreten. Sie standen 8000 Bewaffneten gegenüber.
Aber es floss – Gott sei Dank! – kein Blut. Die Angst wich, der Mut wuchs und die Mauer stürzte ein. Vor lauter Vorbesprechungen, Begegnungen und Vorbereitungen kam ich jetzt nicht dazu, die Nachrichten und Talkshows im Fernsehen zu verfolgen.
Mir entging der der Anblick der ansonsten starken selbstbewussten Bankmanager, die die Welt zum Spielcasino verkommen ließen und jetzt für das nicht Erklärbare stockend nach Erklärungen suchen. Da sie allerdings ohnehin nicht wissen, an welchem Rad sie erfolgreich drehen können, verpasste ich nichts.
Denn statt auf die Schwäche ihrer Argumente traf ich auf ausgesprochen starke Menschen. Auf einen sehr engagierten Mann, den ich schon lange kenne. Er wirkt immer beweglicher und ansteckend lebenslustiger, als seine Umgebung. Obwohl er an den Rollstuhl gefesselt ist. Aber über diesen will er nicht definiert werden. Dazu erwartet er zu viel vom Leben. Deshalb fordert er das für sich und ähnlich Betroffene auch nachdrücklich ein. Damit macht er ihnen Mut. Er weiß, Klagen und Mitleid nutzen sich ab. Er will zum Leben dazugehören und nicht danebensitzen.
Am nächsten Abend treffe ich nach langer Zeit wieder Mitstreiter von 1989. Unter ihnen auch Bärbel Bohley. Trotz ihrer schweren Krankheit strahlt sie wie immer Freundlichkeit und Zuversicht aus. Sie freut sich wie ein Kind, in der Masse der Menschen mit Kerzen zur Nikolaikirche zu gehen. Auf die Frage, was sie der Jugend empfehlen würde, sagt sie: Vergesst eure Träume nicht. Sie weiß, unsere Träume tragen uns bis ans Ende des Lebens. Wenn wir uns nicht vorher von den trocknen Wirklichkeiten zermürben lassen.
Vor der Nikolaikirche treffen wir auf eine alte Dame, die sich an einem Rollator festhält. Auf meine Frage, ob es nicht zu strapaziös ist, sich an diesem Abend so zwischen 5000 Menschen zu bewegen, erwidert sie lächelnd: “Aber ich gehöre doch hierher! Ich war damals dabei und will jetzt auch dabei sein.” Sie hat damals Gleichgesinnte kennen gelernt. Die Wärme der Begegnungen tut ihr immer wieder gut. Sie ist auch für eine bessere Zukunft ihrer Enkel auf die Straße gegangen. Diese, jetzt schon erwachsen, stehen schützend mit Kerzen in der Hand hinter ihr.
Starke Menschen. Sie sind unser eigentliches Kapital, dass wir nur wahrnehmen können, wenn wir nicht wie gebannt auf die Börsenkurse starren. Oder?
-Heinz Eggert
Erinnerungen an den 7. Oktober
Kalenderblätter aus dem Oybiner Pfarrhaus
Erinnerungen an den 07.10.1989 verstärken die Freude am 03.10.2008
07. Oktober 1989! Der 40. Staatsfeiertag der DDR. In der Oybiner Bergkirche feiern wir Erntedank. Auf der Einladung war vermerkt: Damit wir an diesem Tag auch etwas zu feiern haben. Der Trompeter aus Cottbus kommt zum Konzert eine Stunde zu spät: Viermal an der Grenzstraße zu Polen Polizeisperren. Viermal musste er seine Instrumentenetuis öffnen. Wirklich nur Trompeten.
Nach dem Konzert spricht mich ein Ehepaar an. Sie haben Tränen in den Augen. Der Junge ist mit Freunden verschwunden. Richtung Ungarn. Ein Zettel: Wir rufen euch aus dem Westen an. Der andere Sohn ist in Berlin bei den Grenztruppen. Urlaubssperre. Abends bin ich fassungslos. Vor dem Fernsehen. Jubelnd ziehen Massen in Berlin am Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR und Vorsitzenden des Verteidigungsrates usw. vorbei.
Später werden die Marschierer sagen, ihre geballten Fäuste in Richtung Tribüne waren ihr Protest gewesen. Die lachenden Gesichter waren nur Tarnung. Warum darf ich erst 1990 erfahren, unter lauter Widerstandskämpfern gelebt zu haben? Sie hatten sich wirklich gut getarnt. Gorbatschow äußert sich in Berlin sybillinisch über die Entwicklung in der DDR. Was er nicht weiß: In wenigen Monaten wird sein Imperium zusammenstürzen.
08. Oktober. Unser Sohn kommt von einer Schulveranstaltung aus dem Pionierlager. Wir wissen nicht - woher auch - das es ein Internierungslager werden soll. Das wir auch auf der Liste stehen. Seine Frage: Wisst ihr schon das die NVA an der Grenze steht? Er meint unsere Grenze. Wir wohnen 130m von der tschechischen Grenze entfernt.
Ich mache einen Erkundungsspaziergang. Kinderwagen liegen in den Gebüschen. Sie hindern bei der Flucht. Familien versuchen, illegal über die tschechische Grenze nach Ungarn zu kommen. Rostocker, Berliner, - Sachsen sowieso. Nachbarn, aufmerksame Grenzhelfer, informieren ihre zuständigen Dienststellen. Ihr Kommentar später: Weißt du sonst wäre ich dran gewesen. Ich weiß. Aber jetzt sind erst einmal die Ertappten dran.
Die Flüchtigen werden auf LKWs verladen. Männer, Frauen und Kinder. Ins Gefängnis. Warum bleiben sie nicht? Die Wende kommt doch. Haben wir doch alle gewusst. Oder? Ich gehe weiter bis an die Grenze. Im doppelten Sinn. Zwei junge Soldaten, mit MPI bewaffnet, fragen Bürger nach Ihrem Personalausweis. Ich sage: Ich bin der Ortspfarrer, ich trage meinen Ausweis nie dabei, wenn ich durch den Ort gehe. Entschuldigen Sie, sagt der Eine, das haben wir nicht gewusst. Sie sind aber verpflichtet, sagt der Andere matt. Die sollen erst einmal in Berlin ihre Pflicht tun, sage ich. Sie nicken.
Am liebsten würden sie ihre Knarre an einen der umweltgeschädigten Bäume hängen und in Richtung Ungarn hinterherlaufen. Vielleicht, sage ich zu meiner Frau, hält sich das hier nicht mehr lange. Vielleicht?
Islam-Image
Während in islamischen Ländern die Sympathie für Selbstmordattentate fällt, nimmt in Europa die Antipathie gegenüber dem Islam dennoch zu. Das ist das blamable Ergebnis einer Studie von “Pew Global Attitudes”:
Opinions about Muslims in almost all of these countries are considerably more negative than are views of Jews. Fully half of Spanish (52%) and German respondents (50%) rate Muslims unfavorably. Opinions about Muslims are somewhat less negative in Poland (46%) and considerably less negative in France (38%). About one-in-four in Britain and the United States (23% each) also voice unfavorable views of Muslims. Overall, there is a clear relationship between anti-Jewish and anti-Muslim attitudes: publics that view Jews unfavorably also tend to see Muslims in a negative light.
Gleichzeitig befindet sich in Europa auch der Antisemitismus im Aufwind – im Gegensatz zur These des ansonsten so geschätzten Avi Primor.
Behält Ralph Peters also recht?
Abgehakt?
Morgenpostkolumne 31.8.2008
Heinz Eggert
Ich war sehr gespannt. Eine Fotoausstellung in Liberec, die an den 21.8.1968 erinnern sollte, wurde am Vorabend eröffnet. Ein wichtiger Prager Politiker - dessen Wichtigkeit an der Blaulichtkolonne erkennbar war - hielt die Rede. Junge Journalisten, genauso desinteressiert wie die meisten ihrer Hörer und Leser, interviewten bekannte Persönlichkeiten, die zu dem Tag zwar keinen Bezug hatten, nur da waren und wie immer etwas zu sagen hatten. Hinterher gab es so Sushi und Wein, Bier, Saft, dunklen Espresso und nette Gespräche. Ein Gedenktermin war wieder abgehakt.
Allerdings nicht für alle! Obwohl sie nicht im Übermaß beachtet wurde, war diese Gruppe kaum zu übersehen. Sie waren alt geworden. Aber der21.8.1968 war ihr gemeinsamer Schicksalstag, weil sie sich dem Einmarsch der Russen in ihre tschechische Heimat widersetzten. Sie kannten sich nicht alle, denn der Widerstand war unorganisiert.
Da war der damals noch junge, vom menschlichen Kommunismus überzeugte Lehrer, der wegen antikommunistischer und antisowjetischer Hetze aus dem Schuldienst entlassen wurde und bis 1989 als Bauarbeiter arbeiten musste. Er hatte mit anderen zusammen sämtliche Straßenschilder der Innenstadt ausgetauscht. Jede Straße hieß nun “Dubčekova ulice” (Dubcekstrasse). Damit nahmen sie den Russen die Orientierung und sich selbst die Aussicht auf Karriere.
Da war die Frau, deren ältere Schwester erschossen wurde, als früh um 7:45 Uhr aus einem russischen Panzer – ohne Vorwarnung - das Feuer auf die vor dem Rathaus friedlich versammelten Demonstranten eröffnet wurde. Sie wäre jetzt 66 Jahre alt, sagt sie mit leiser Stimme. Ihre Eltern sind nicht nur am Tod der Tochter verzweifelt, sondern auch an der Tatsache, dass Kommunisten Kommunisten umgebracht haben. Als der Vater diesen Kummer zu öffentlich machte, bekam er vom Geheimdienst den Hinweis, doch wenigstens noch an die Zukunft der noch verbliebenen Tochter zu denken. Da verstummte er ganz.
Da war der jetzt 73-jährige, der damals als tschechischer Militärfotograf die spektakulären Fotos von dem Panzer machte, der auf dem Rathausplatz ein Wohnhaus zum einstürzen brachte. Aus dem Büro der Kommunisten wurde das Bild in die Welt gefaxt. Später fahndete der Geheimdienst nach dem Fotografen, den die Angst vor der Entdeckung nie verließ. Er hatte die Negative in einer Kassette im Museum versteckt, wo er sie 1989 wieder hervorholte.
Jetzt können sie alle sehen, wenn sie denn wollten und dabei lernen - es gibt keine Helden, aber Situationen, wo wir von unseren eigenen Überzeugungen geleitet, instinktiv das Richtige tun müssen. Denn Zivilcourage brauchen wir immer! Oder?




























