Our Books

Arabischer Humanismus in der Neuzeit

…oder direkt beim Verlag.

Von dem Sinn eines ins Blaue hinein geführten Dialogs mit »dem« Islam war ich noch nie so recht überzeugt. Und zwar nicht deshalb, weil ich den Islam für monolithisch und unreformierbar hielte, sondern weil das Problem der Modernisierung in erster Linie woanders zu suchen ist. Die eigentliche Frage ist nämlich nicht die, ob ein 1400 Jahres altes Buch mit der modernen Welt in Einklang zu bringen ist, sondern warum es Menschen gibt, die meinen, den Gehalt eines solchen Buches auch heute noch wortwörtlich umsetzen zu müssen und jede Kritik an ihm verwerfen. Ein kritischer Umgang mit der eigenen Kultur und Religion tut daher in der Islamischen Welt not, so wie das in den Ländern des Westen, Israel eingeschlossen, schon längst der Fall ist.

Arabisch-muslimische Intellektuelle haben sich allerdings, und zwar durchaus im Gegensatz zu vielen Intellektuellen iranischer Herkunft, so gut wie nie zu einer fundamentalen Kritik an ihrer Religion durchringen können. Hier ist immer gern von einer »Versöhnung« von Islam und Moderne die Rede, von einem »eigenen Weg«, einem islamischen »Reformismus« und davon, dass Ratio und Islam nicht im Gegensatz zueinander stünden. Das mag alles richtig und möglich sein, aber Aufklärung, wie wir sie aus Europa kennen, hat nie Rücksicht auf die Religion genommen. Aufklärung nämlich ist Konfrontation, sie ist unbequem und sie brüskiert. Davon ist die arabisch-islamische Welt noch um einiges entfernt.

In Europa ist der Weg zu einer individualistischen, liberalen Gesellschaft vor allem mit den Begriffen »Humanismus« und »Aufklärung« verbunden. Die Ablösung eines von der Religion beherrschten Weltbildes erfolgte schliesslich im Rückgriff auf die Antike, die vor allem nach 1750 zum Vorbild wird. Die Übersetzungen der homerischen Epen, eine Lyrik im Stile Pindars, Herders Konzept einer griechischen Einheit von Poesie und Leben prägten diese Epoche nicht nur in Deutschland, denn auch die Französische Revolution wusste sich für die Antike zu begeistern.

Tatsächlich hat – wenngleich mit einiger Verzögerung – diese Rezeption auch Einzug in die Arabische Welt gehalten. Vorwiegend im 19. Jahrhundert bis etwa zum 2. Weltkrieg, einer Epoche, die der grosse Historiker Albert Hourani als »liberal age« bekannt gemacht hat, versuchten arabische Literaten, auf ebenjener Grundlage der griechischen Antike einen arabischen Humanismus zu begründen, der einen Höhepunkt arabischen intellektuellen Schaffens darstellt und immerhin ansatzweise davon geprägt war, dem Individuum eine Autonomie jenseits religiös zentrierten Denkens zu vermitteln und die Arabische Welt in die Moderne zu führen.

Dem deutschen Leser mögen Personen wie Rifaa Rafi at-Tahtawi, Taha Husayn, Taufiq al-Hakim oder Lutfi as-Sayyid möglicherweise kein Begriff sein, aber in der Arabischen Welt sind diese Intellektuellen unvergessen und gehören zu den herausragendsten Vertretern der modernen arabischen Literatur und Literaturkritik. Bislang hat es keine grössere Arbeit über den modernen Humanismus arabischer Autoren in der liberalen Epoche der Arabischen Welt gegeben. Die Forschung beschränkt sich hier auf eine überschaubare Zahl von Arbeiten u.a. von S. Bencheneb (1956), J. Kraemer (1956, 1963), R.G. Khoury (1972), W. Fanus (1984), T. Fahd/R.G. Khoury (1988), D. Bellmann (1989), denn die Arabistik ist nun einmal sehr auf den Islam kapriziert.

Diese Lücke soll der kleine Band schliessen, der jetzt von mir erschienen ist: »Arabischer Humanismus in der Neuzeit«.

Das Buch basiert im wesentlichen auf den arabischen Originalquellen, die darüberhinaus, soweit es sich um Übersetzungen aus dem Griechischen handelt, von mir mit der Vorlage abgeglichen wurden. Ich habe mich zudem bemüht, historische Bezugnahmen sowohl auf die Antike als auch auf zeitgenössische lokale Ereignisse zu erläutern, sodass die Thematik auch Leser anspricht, die mit dem historischen und kulturellen Hintergrund nicht vertraut sind.

Die Materie selbst bleibt freilich anspruchsvoll, denn die behandelten Autoren haben auf hohem Niveau antike griechische Philosophen übersetzt – teilweise direkt vom altgriechischen Original – und eine reiche Essayistik entwickelt, die in ihrer Betrachtung der Antike vor allem von französischen Denkern beeinflusst war und dabei häufig Bezug nimmt auf die eigene arabisch-islamische und auch -vorislamische Geschichte. Nicht übersehen werden darf auch die Tatsache, dass ein grosser Teil der Wahrnehmung griechischer Quellen auf französische Einflüsse zurückzuführen ist, die ich ebenfalls versucht habe, soweit als möglich auszuleuchten.

Warum der Arabische Humanismus letztlich gescheitert ist, erörtere ich in meiner Schlussbetrachtung. Grundsätzlich aber bietet die Bewegung in ihrer Blütezeit originelle Gedanken, die auch heute wieder von Bedeutung werden könnten, um die arabischen und islamischen Gesellschaften im Vorderen und Mittleren Orient in die Moderne zu führen.

Das Buch wird aus gutem Grunde in einer philosophischen anstatt in einer arabistischen oder islamwissenschaftlichen Buchreihe veröffentlicht, um die Thematik über den Kreis der Fachgelehrtenschaft hinaus bekanntzumachen. Anderenfalls wäre auch nur wieder ein Exotismus befördert worden, der aussereuropäische Intellektuelle vor allem als Vertreter einer unterprivilegierten Gruppe sieht und sie damit letztlich nicht ernst nimmt.

Dankbar bin ich deshalb Herrn Prof. Hans Lenk und Herrn Dr. Matthias Maring dafür, dass sie mein Buch in ihre Reihe »Philosophie im internationalen Kontext« aufgenommen haben, wo es den Auftaktband zu den »Studies« bildet. Für alle, die es nicht wissen: Hans Lenk gilt als einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart und ist als amtierender Präsident des Institut International de Philosophie Inhaber des höchsten wissenschaftlichen Amtes, das die Fachdisziplin international zu vergeben hat. Matthias Maring ist Leiter des Ethisch-Philosophischen Grundlagenstudiums in Karlsruhe. Ich hoffe natürlich, dass dem Buch Erfolg zuteil wird, indem es einen wenig beachteten Aspekt in der Debatte um den Islam und die Moderne in der Arabischen Welt beleuchtet.

Michael Kreutz: Arabischer Humanismus in der Neuzeit. Berlin 2007.
Reihe: Philosophy in International Context/Philosophie im internationalen Kontext. Studies/Abhandlungen, Bd. 1, 144 S., 17.90 EUR, br., ISBN 9783825800468

Aus dem Inhalt:

Einleitung. I. Ein neues Weltbild: Die Ära Muḥammad ʿAlī – Sprache im Angesicht der Moderne – Res publica und Religion. II. Politik und Epik: Sulaymān al-Bustānī – Ein arabisches Publikum für Homer – Gibt es eine arabische Epik? – Wider die absolute Herrschaft. III. Literaturkritik und Vernunft: Ṭāhā Ḥusayn – Auf der Suche nach dem idealen Staat – Ethik der Freiheit. IV. Das Drama der modernen Kultur: Aristoteles in Ägypten – Tawfīq al-Ḥakīm – Ödipus und die menschliche Seele – Der Geist der griechischen Tragödie. Epilog. Bibliographie. Zeittafel. Index.






Comments are closed.

Search

Categories

Archives

 

February 2012
M T W T F S S
« Jan    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
272829  

Visitors

Visitors Online

Visitors Online: 2

Editor’s Corner

Bad Behavior has blocked 10498 access attempts in the last 7 days.