01/4/14

Immer nur Israel

Wenn es ein Thema gibt, bei dem es völlig normal ist, dass Leute, die sich berufen fühlen, es zu kommentieren, selbst allerelementarste Fakten nicht zur Kenntnis nehmen, dann muss es sich um Israel bzw. den Nahostkonflikt handeln. So erschien bei der “Neuen Osnabrücker Zeitung” (NOZ) ein Kommentärchen zum aktuellen Stand der Friedensbemühungen amerikanischer Diplomatie, der grundlegende Denkfehler enthält, die immer wieder auftauchen, wenn es um das Thema geht (s. dazu auch die Anmerkungen von U. Sahm).

Die Verfasserin des Kommentars hält es demnach für unzumutbar, gar für “völlig inakzeptabel“, dass die palästinensische Seite Israel als jüdischen Staat anerkennen solle. Der Grund? Beides sei mit einer modernen Konzeption von Staatlichkeit nicht vereinbar, denn entweder beziehe sich der jüdische Charakter auf die Religion, dann begründe er eine Art von Gottesstaat ähnlich dem iranischen Modell, oder er beziehe sich auf die Juden als Ethnos, dann grenze er die Palästinenser aus und bilde nichts weiter als eine Apartheidsideologe. An diesen Gedankengang ist alles, wirklich alles, falsch.

Zunächst einmal: Die israelische Forderung nach einer Anerkennung Israels als jüdischer Staat wird nicht an die Adresse der eigenen arabischen Staatsbürger erhoben, sondern an die künftige Führung eines zu schaffenden Nachbarstaates. Da hat die Redakteurin etwas durcheinandergebracht. Das Anliegen dient dem Zweck, Rückkehrforderungen der Nachkommen palästinensischer Flüchtlinge und einen damit verbundenen demographischen Umschwung zu Lasten Israels auszuschliessen, weswegen es alles andere als “unzumutbar” ist. Aber auch sonst ist die schon von dem verstorbenen amerikanischen Historiker Tony Judt vertretene Haltung, der israelische Staat müsse auf seinen jüdischen Charakter verzichten, um “modern” zu sein, unsinnig.

Israel ist ein Nationalstaat und wie jeder Nationalstaat ist er um einer Nominalbevölkerung willen gegründet worden, in diesem Falle die jüdische Nation. Die meisten Nationalstaaten dieser Welt beheimaten ethnische Minderheiten auf ihrem Territorium, worin noch keine Diskriminierung liegt, solange diese Minderheiten dieselben staatsbürgerlichen Rechte geniessen. Ein eventuelles Spannungsverhältnis zwischen Nominalbevölkerung und Minderheit wird nicht dadurch ausgeglichen, dass die Nominalbevölkerung von dem abrückt, was ihr identitätsstiftendes Merkmal ausmacht. Es gibt kein Demos, das israelische Juden einerseits und arabische Muslime und Christen andererseits umfasst.

Nicht nur in Israel, auch in anderen Staaten der Östlichen Mittelmeerwelt ist Religion ein ganz entscheidender Faktor nationaler Identität. Das gilt z.B. für Griechenland, aber auch für die Türkei. Beide sind – ebenso wie Israel – auf dem Boden des ehemalischen Osmanischen Reiches entstanden und als Nationalstaaten um der griechischen bzw. türkischen Nation willen geschaffen worden. Diese wiederum sind eng mit der Religion verwoben. So kann man auch ohne Zugehörigkeit zur griechischen Kirche Staatsbürger des Landes sein, aber kein Grieche im eigentlichen Sinne. Dasselbe gilt für die türkische Nation und die Zugehörigkeit zum sunnitischen Islam.

Weitere Beispiele liessen sich nennen. “Love and longing for Zion is the irreducible minimum of the Jewish religion,” schreibt David Gelernter – Israel existiert als jüdischer Staat oder gar nicht. Warum aber wird immer nur Israel sein Nationskonzept vorgeworfen, obwohl es sich hierin von so vielen anderen Staaten nicht grundsätzlich unterscheidet? Würde Israel auf die jüdische Identiät seines Staates verzichten, wäre damit auch kein Problem gelöst, denn dann gäbe es noch immer kein gemeinsames Nationalbewusstsein von Juden und Arabern. Da letztere die vollen staatsbürgerlichen Rechte ihres Landes ohnehin schon geniessen, wäre mit einer De-Judaisierung des Staates auch nichts gewonnen.

Behauptungen, die Israel in die Nähe eines Apartheidstaates rücken, sind denn auch nichts als töricht. Was das Südafrika der Apartheid zu einem Unrechtstaat machte, war nicht die Tatsache, dass dieser ein Nationalstaat für eine burische Nominalbevölkerung war, sondern die Tatsache einer völligen Entrechtung der schwarzen Bevölkerung, welche einer umfassenden staatlichen Diskrimierung unterlag und keinerlei Bürgerrechte genoss. Dies ist Lichtjahre von der gesellschaftlichen und politischen Realität Israels entfernt, das seine arabischen Bürger nicht nur mit gleichen Rechten versehen hat, sondern sie auch in der Praxis mit Sicherheit besser behandelt, als so manche europäische Demokratie ihre Minderheit.

Ganz falsch ist daher auch die Ansicht, Israel würde, wenn es den jüdischen Charakter seines Staates in rein religiösem Sinne begriffe, zu einer Art Gottesstaat wie im Falle des Iran werden. Was den Iran zu einem sog. Gottesstaat oder eine Theokratie macht, ist jedoch nicht ein etwaiges Konzept von einer iranischen Nation, das eng mit dem schiitischen Islam verquickt wäre, sondern der diktatorische Charakter des Landes, der das gesamte öffentliche Leben den Vorgaben der Religion unterwirft. Davon kann im Falle Israels noch nicht einmal ansatzweise die Rede sein, wo das öffentliche Leben keinem staatlichen Zwang unterliegt, sich konform zur Religion zu verhalten.

Fazit: Israel tut gut daran, auf dem jüdischen Charakter seines Staates zu bestehen und sich dies von der palästinensischen Seite anerkennen zu lassen. Das zu akzeptieren ist weder für einen künftigen palästinensischen Nachbarstaat unzumutbar, noch für die arabischen Staatsbürger Israels. Wenn man nicht andauernd Begriffe wie Staat, Nation oder Bevölkerung durcheinanderbringt und weiss, was eine religiöse Diktatur von einer nationalstaatlichen Demokratie unterscheidet, ist das auch leicht nachzuvollziehen. Der Kommentar in der NOZ ist freilich nicht der erste Fehlschluss dieser Art und er wird gewiss nicht der letzte sein.

12/31/13

Warum der Bohei?

Das besetzte Hamburger Flora-Theater (“Rote Flora”) versteht sich als “politisches Projekt” gegen die herrschende Ordnung. In Wahrheit ist alles nur Schau. Die Veranstaltungen, die in der Flora stattfinden, könnten harmloser und spiessiger kaum sein.

Der Veranstaltungskalender verzeichnet so revolutionäre Aktionen wie die montägliche “Motorradwerkstatt – schrauben und klönen”, eine “Fahrrad Selbsthilfe Werkstatt” (sic!) oder eine “offene Selbsthilfegruppe für Alkoholiker”. Selbsthelfende aller Länder, vereinigt euch.

Sonntags wiederum trifft man sich zu “leckeren Veranstaltungen und politischem Kaffee”. Damit “soll Menschen die Möglichkeit gegeben werden, einfach mal in die Flora reinzuschauen, sich in netter Atmosphäre über politische Themen zu informieren und auszutauschen, Leute zu treffen und vieles mehr.” Keine Fick-Orgien, kein revolutionäres Kiffen, und kein Singen von Arbeiterliedern in sturzbesoffenem Zustand.

Erlebnishungrige Sozialrevolutionäre erwartet ein wahrhaft trockenes Brot: “Von politischen Diskussionsrunden, Filmen und Dia-Shows über T-Shirt bedrucken ist alles mögliche denkbar es ist natürlich genauso o.k. einfach gemütlich abzuhängen.” Dia-Shows und Abhängen: Vorgeschmack aufs Altenheim.

Der Restverstand wird mittels eines “Archivs der Sozialen Bewegungen” sediert, das “als Beitrag zu aktuellen und zukünftigen theoretischen Arbeiten und praktischen Auseinandersetzungen” … Gähn. Themen sind “z. B. Stadtentwicklung, Repression, FrauenLesben, Antirassismus, Internationalismus, Hausbesetzungen.” Fehlt nur noch Jürgen Fliege.

Deutschland ist eine alternde Gesellschaft. Sein schleppende Müdigkeit schlägt sich auch in der revolutionären Szene nieder. Warum dann aber diese Gewalt? All das, vom Fahrradschrauben bis zum Musikhören und Abhängen könnte man auch legal in rechtmässig erworbenen oder angemieteten Räumlichkeiten durchführen. Was also soll der Bohei?

In Wahrheit haben die Besetzer ein Steuersparmodell erdacht, dass sie per Faustrecht gegenüber der Gesellschaft absichern. Wer auf Techno und Punk steht, kann zu einem der zahlreichen Konzerte in der besetzten Flora gehen. Mit fünf Euro ist man dabei. Steuern gezahlt werden keine.

Das kann Otto Normalunternehmer gerne einmal für sich ausprobieren. Vorausgesetzt er schafft es, ein paar tausend Chaoten zu mobiliseren, wenn die Steuerfahndung um fünf Uhr morgens an seine Tür klopft. In Wahrheit ist die besetzte Flora ein Projekt von Anarchokapitalisten und Sozialdarwinisten.

Auch wenn die Hausbesetzer das hinter einer Fassade des Altruismus verbergen mögen.

12/31/13

Boykott mit Hintertür

Schon seit einiger Zeit schlägt der Boykott-Aufruf einer amerikanischen Vereinigung namens ASA (American Studies Association) hohe Wellen. Ziel ist wieder einmal Israel, boykottiert werden sollen israelische akademische Institutionen nicht nur im Westjordanland, sondern auch in Israel selbst.

Dass ein solcher Aufruf ebenso töricht wie antisemitisch ist, liegt auf der Hand. Töricht ist er, weil er u.a. auch arabische Israelis und jordanische Gaststudenten trifft; antisemitisch, weil israelische Akademiker gleich welcher politischen Richtung kollektiv abgestraft werden sollen, aber auch, weil Israel wieder einmal unter den Nationen ausgesondert wird.

Nun ist Israel ein sehr forschungsstarkes Land. Wer die Zusammenarbeit mit israelischen Forschern und Institutionen verweigert, schneidet sich daher leicht ins eigene Fleisch. Das weiss man auch bei der ASA, die sich just aus diesem Grunde ein Hintertürchen für ihre Mitglieder offenhält, mit israelischen Institutionen zusammenzuarbeiten, ohne gegen den Boykott zu verstossen:

… the Council developed guidelines specifying that collaboration on research and publications between individual scholars does not fall under the ASA boycott.

Wie die Vereinigung das schafft? Ganz einfach, indem sie sich hinter den Palästinensern verschanzt:

Be it resolved that the American Studies Association endorses and will honor the call of Palestinian civil society for a boycott of Israeli academic institutions.

Das ist so hasenfüssig wie ehrlos. Natürlich wäre der Boykott nicht besser, wenn er die Palästinenser nicht als Vorhut missbräuchte. Und er wäre auch nicht besser, wenn andere Länder – mit welcher Begründung auch immer – in den Boykottaufruf mit aufgenommen würden oder dieser nur israelische Institutionen im Westjordanland beträfe.

Akademische Boykotte wissenschaftlicher Institutionen sollte es nämlich überhaupt nicht geben und zwar ausschliesslich deshalb, weil sie nicht im Sinne der Wissenschaft sind. Diese lebt vom vorbehaltlosen Austausch von Fakten, Entdeckungen und Theorien. Es gibt keinen vernüftigen Grund, dieses Ideal infrage zu stellen.

Wer respektable Institutionen wegen ausseruniversitäter Gründe vom Diskurs ausschliessen will, wer sogar bereit ist, für die eigene Forschung Nachteile in Kauf zu nehmen, nur um aus politischen Motiven nicht aus den Arbeiten bestimmter Wissenschaftler zitieren oder mit diesen zusammenarbeiten zu müssen, der kann kein Freund der Wissenschaft sein.

Das Hintertürchen der ASA macht die Sache denn auch nicht besser. Nur kläglicher.

12/25/13

Erinnerungen an die Habsburgermonarchie

In der NZZ widmet sich der Historiker Timothy Snyder der Frage, was ein Reich wie die Habsburgermonarchie, die sechshundert Jahre Bestand haben konnte, zu Fall gebracht hat und welche Lehre ihr Ende für die heutige EU parat hält. Snyder bezweifelt, dass es innere Schwächen waren, die zum Zerfall des Staatsgebildes geführt haben, obwohl, wie er einräumt, im 19. Jahrhundert “der Nationalismus buchstäblich im ganzen Reich um sich griff”.

Die Erklärung, warum die Monarchie letztlich scheiterte, lag für ihn vielmehr in der physischen Beseitigung der Offizierskaste während der Balkankriege sowie in der “Balkanisierung” Ostmitteleuropas nach 1918, denn “der Nationalismus kam nicht von innen”. Gerade die inneren Kräfte aber scheint er zu unterschätzen, bedenkt man, wie sehr das habsburgische Wien eine wesentliche Rolle als Umschlagplatz reformistischen und erneuernden, später nationalistischen Gedankengutes spielte – und das schon seit dem 16. Jahrhundert. Die Stadt war ein Anziehungspunkt für alle jene Kräfte, die auf eine kulturelle und gesellschaftliche Erneuerung aus waren.

Rhigas

So hatte von Wien aus der bekannteste griechische Freiheitskämpfer, der berühmte Rhigas (eigtl. Rhigas Ferraios Velestinlis, 1754-1798) Propagandamaterial für die griechische Unabhängigkeitsbewegung erstellt, bis er von der Polizei festgenommen wurde. (Das Verhörprotokoll liest sich übrigens unfreiwillig komisch, wenn es heisst, Rhigas habe u.a. gestanden, den Thourios Hymnos (“Kriegslied”), “öfters gesungen und auf der Flöte geblasen” zu haben.) Daneben war Wien seit dem 18. Jahrhundert auch ein Zentrum serbischer kultureller Aktivitäten geworden; hier wurden Bücher und Zeitschriften auf Serbisch publiziert. Der serbische Sprachreformer Vuk Karadžić wirkte zeitweilig in Wien, ebenso wie viele andere serbische und slawische Reformer und Aktivisten. Ein weiterer wichtiger Reformer des Serbischen war der heute vergessene Grieche Panagiotis Papakostopulos (ca. 1820-1879), der in Wien Medizin studierte, bevor er 1853 nach Belgrad ging.

Auch die Haskala, die jüdische Aufklärung, die in Königsberg und Berlin entstand, breitete sich über Wien ostwärts im habsburgischen Reich aus, gelangte so nach Böhmen, Mähren und Galizien. Der 1879 unter dem Titel “Eine ernste Frage” erschienene Artikel des hebräischen Sprachreformers Eliezer Ben-Yehuda (1858-1922), der nach der Zukunft des jüdischen Volkes im Zeitalter der Nationalstaaten fragte und die Notwendigkeit einer eigenen Nationalsprache formulierte, erschien in der hebräischsprachigen Zeitschrift ha-Shakhar (“Die Morgenröte”) in – Wien.

In Wien wirkte auch Theodor Herzl, dessen zionistische Ideen vom bosnischen Rabbiner Yehuda Alkalai inspiriert waren, den er bei dessen Reise nach Wien 1873 persönlich kennenlernte. Yehuda Ben Shlomo Hai Alkalai (1798-1878) aus Sarajevo trat unter dem Eindruck der sog. Damaskus-Affäre 1840 in diversen Schriften für die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Auch der deutsche Zionist Moses Hess kannte Alkalais Schriften, wie man seinem Band Rom und Jerusalem (1862) entnehmen kann, den Herzl zwischen 1898 und 1901 in Jerusalem gelesen hatte. Alkalai selbst, der seine Schriften im serbischen (damals ungarischen), der Habsburgermonarchie zugehörenden Semlin verfasste, war stark von dem aus Sarajewo stammenden Rabbiner Eliezer Papo beeinflusst, aber mehr noch von dem auf Korfu tätigen Rabbiner Yudah b. Samuel Bibas (1780-1852), einem der Begründer der Hibbat Zion (“Zionsliebe”), einer Vorläuferbewegung des Zionismus.

Man könnte hier noch viele weitere Beispiel nennen, um die Bedeutung Wiens für den Nationalismus Ostmittel- und Südosteuropas und selbst des Nahen Ostens zu demonstrieren, doch wollen wir an dieser Stelle nur noch auf den Einfluss Herders für die Entstehung nicht nur der slawischen Nationalbewegungen hinweisen, hatte Herder doch verkündet, dass die Zukunft den Völkern des Ostens gehören solle, v.a. den slawischen Völkern. Herders Denken wurde weithin rezipiert, bis ins Osmanische Reich hinein. Das alles ist tief romantisch geprägt und vieles, was in dieser Zeit geschrieben und propagiert wurde, trug zugleich aufklärerische und humanistische Züge. Aber dieses Völkererwachen hatte auch eine Schattenseite.

Vor allem im Revolutionsjahr 1848 erhob sich in den südslawischen Gebiete eine antideutsche, antiösterreichische und antidynastische Stimmung, die die Habsburgermonarchie sogar noch überdauern sollte. Darüber, so berichtet der österreichische Slawist Josef Matl in seinen Südslawischen Studien (1965), gerieten die positiven Aufbauleistungen der Monarchie, ihre Reformen in Justiz und Verwaltung, in Vergessenheit. Matl, der selber aus Slowenien stammte, hatte diese Stimmung nach eigenen Angaben “in hunderten von Debatten im Schützengraben des ersten Weltkrieges” selbst miterlebt.

Letztlich muss man sagen, dass es wohl gar nicht so bedeutsam ist, was im einzelnen zum Ende der Monarchie geführt hat, wenn man sich vor Augen hält, dass fast alle heutigen Nationalstaaten aus Imperien hervorgegangen sind: aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, aus dem Osmanischen Reich, aus den britischen und spanischen Kolonialreichen usw. Die Habsburgermonarchie ist letztlich untergegangen, weil die Zeit der Grossreiche zu Ende gegangen war. Was genau den Todesstoss schliesslich versetzt hat, erscheint da nur noch zweitrangig.

Daraus lässt sich auch eine Lehre für die Europäische Union ableiten – aber eine andere als Snyder glaubt. Vielmehr wird die EU, so könnte man schlussfolgern, nur dann Bestand haben, wenn ihre Eliten anerkennen, dass es kein europäisches Demos gibt, die EU also nur stark als ein Verbund von Nationalstaaten sein kann. Der britische Premier David Cameron hat das ganz richtig erkannt. Alle Versuche, aus der Einigung Europas einen europäischen Superstaat zu machen, werden scheitern. Da hilft auch keine Offizierskaste und keine Militärakademie.

Für Samuel Huntington war übrigens alles, was östlich der früheren österreichisch-ungarischen Grenze liegt, kein kultureller Teil Europas mehr. Vielleicht dieser Grenzlage wegen weckt die Habsburgermonarchie so oft romantische Gefühle. Vielleicht aber auch, weil sie sich besonders gut als Projektionsfläche für das Bonmot von Alexander Roda Roda eignet, der einst schrieb: „Es gibt zwei schöne Dinge auf der Welt: Erinnern und Vergessen. – Und zwei hässliche: Erinnern und Vergessen.“

Lit.: Michael Kreutz, Das Ende des levantinischen Zeitalters: Europa und die Östliche Mittelmeerwelt 1821-1939, Hamburg 2013, S. 46-7, 63, 127-31, 156.

(Abb. Statue des Rhigas in Athen. Foto: Michael Kreutz.)

12/24/13

Frohe Festtage!

Allen Leserinnen und Lesern der transatlantic annotations wünschen wir frohe Festtage und ein gutes neues Jahr! Lassen Sie sich reichlich beschenken und … bleiben Sie uns gewogen!

Leuchter_Münster

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12/22/13

Hamburg schafft sich ab

An den Ausschreitungen um das besetzte Hamburger Flora-Theater (“Rote Flora”) zeigt sich, dass eine Anbiederung an extremistische Kräfte nur noch mehr Unheil bringt. Die Grünen empören sich zwar – jedoch über die Polizei, weil diese möglicherweise die Demonstration zu früh gestoppt hat. “Die vielen verletzten Polizisten und Polizistinnen, aber auch die unbekannte Zahl der Verletzten insgesamt sind auch eine deutliche Mahnung an die gesamte Stadt und an uns in der Politik” findet Antje Möller von der Grünen Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft.

Das Verhalten gewaltbereiter Chaoten ist also eine “Mahnung” und damit jeder versteht, was gemeint ist, heisst es ergänzend: “Gewalt darf kein Mittel der Politik sein.” Das passt zur gemeinsamen Outing-Kampagne von Grüner Jugend und Linksjugend von vor acht Monaten, in der stolz verkündet wurde: “Ich bin linksextrem.” Teile der Grünlinge (immerhin hat sich die Grüne Jugend in Hessen von der Kampagne distanziert) haben offenbar noch immer nicht ihren Frieden mit der bürgerlichen Republik gemacht.

Ausbaden muss das Desaster die Polizei: 120 Polizisten wurden verletzt, neunzehn davon mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die CDU-Bürgerschaftsfraktion sprach von “bürgerkriegsähnlichen Attacken” auf die Polizei. Die Flora ist Ausgangspunkt “gezielter Gewalt”, so Kai Voet van Vormizeele von der Hamburger CDU. Was die friedlichen Demonstranten (gibt es noch andere?) anbetrifft, so dürfen sie sich bei den Chaoten bedanken, dass ihr Anliegen um den Erhalt des Status Quo (= fortgesetzte Tolerierung der Besetzung) nunmehr kein Gehör fand.

Für dieses Anliegen darf in einer liberalen Demokratie demonstriert werden, auch wenn moralische Zerrüttung aus ihm spricht. Bei den Hamburger Grünen ist die Besetzung des Flora-Theaters ganz in diesem Sinne nur eines von vielen “strittigen Themen”, für die man “politische Lösungen” finden müsse. Vielleicht müssen erst die Häuser Hamburger Grünen-Politiker besetzt werden, um zu erkennen, dass es nicht um ein “strittiges Thema”, sondern um Kriminalität geht. 

Nützen wird den Hamburger Grünen ihre Anbiederung an die Chaoten freilich nichts. Die Webpräsenz der Besetzer verkündet unverdrossen die Parole: “Regierung stürzen!!! Vielleicht nicht heute oder morgen aber übermorgen. Steter Tropfen höhlt den Stein.” 

12/21/13

Ein Krankenhaus in Aleppo

Wohl kein Krieg der Geschichte stand jemals so sehr im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit wie derjenige im gegenwärtigen Syrien. Beinahe im Minutentakt wird Filmmaterial ins Internet hochgeladen, das den Schrecken des Krieges immer wieder aufs Neue demonstriert. Nachdem das Assad-Regime erhebliche Erfolge im Kampf mit den Rebellen erzielt haben soll, haben diese gestern einen bedeutenden Sieg errungen, als es ihnen gelang, das Kindi-Krankenhaus in Aleppo zu erobern.

Das Krankenhaus, das sich keine zehn Kilometer vom Stadtkern entfernt befindet, galt als Folterzentrum der Regierung (Vorsicht! Diese Bilder sind nichts für schache Nerven). Schon seit Wochen wurde versucht, das Gebäude zu erobern, das einen hohen strategischen Wert haben soll, zumal ein Gefängnis der Regierung in unmittelbarer Nähe liegt.

Die entscheidende Szene erfolgt, als ein Wagen mit Sprengstoff, der den Islamisten von “Fajer al-Sham” gehört, den Hang hinaufkriecht, auf dem das Krankenhaus steht. Kurz darauf kommt es zu einer gewaltigen Detonation.

Insgesamt handelt es sich um zwei Lastwagen mit Sprengstoff. Wie man sieht, sind Teile des Krankenhauses eingestürzt. Dann wird das Gebäude von den Rebellen erstürmt.

Nach der Einnahme des Krankenhauses machen die Rebellen Gefangene unter den Soldaten der Regierung. Diesen Soldaten droht die rasche Erschiessung oder der Foltertod.

Es scheint kaum mehr Hoffnung für Syrien zu geben. Sollten die Rebellen siegen, wird die Welt sich das Assad-Regime als das kleinere Übel wünschen. Vielleicht. Daniel Pipes’ Vorschlag, dass der Westen im syrischen Krieg diejenige Seite unterstützen solle, die ins Hintertreffen gerät, mag zynisch klingen, möglicherweise aber ist das die einzig rationale Antwort auf die Frage, wie der Westen sich überhaupt positionieren soll.

Berichten, nach denen die französische Regierung Beweise dafür haben soll, dass die dschihadistischen Gruppen in Syrien mit Assad kooperieren, verdienen keine allzugrosse Aufmerksamkeit. Es häufen sich aber die Berichte, dass der Vormarsch der Islamisten selbst unter Syrern, die das herrschende Regime ablehnen, dazu geführt hat, dass Assad tatsächlich als das geringere Übel erscheint.

Andererseits ist das Regime nicht dafür bekannt, seine Angriffe so zu führen, dass die Zivilbevölkerung möglichst wenig in Mitleid gezogen wird. Dafür braucht man sich noch nicht einmal auf Angaben von Rebellenorganisationen oder Menschenrechtsaktivisten zu verlassen, sondern muss lediglich die Videos anschauen, die das Regime selbst im Netz zur Verfügung stellt (hier ein Beispiel aus Latakia).

Medizinische Untergrundstationen arbeiten derweil unter katastrophalen Bedingungen, immer in der Gefahr, von der Gegenseite beschossen zu werden. Allerdings haben die Rebellen offenbar auch wenig Absicht, die ambulanten Stationen als solche aus der Luft kenntlich zu machen. Dass jene vom Regime bombardiert werden, nehmen sie in Kauf, um das anschliessende Leiden propagandistisch ausbeuten zu können.

Nachtrag 28. Dez. 2013

Auf diesem Video (Vorsicht!) sieht man zwei Rebellen vor dem abgeschnittenen Kopf eines mutmasslichen Regierungssoldaten. Die oben geäusserte Vermutung, dass die Gefangenen von den Rebellen keine Gnade zu erwarten haben, wird somit zur Gewissheit.