Covid-19 und die Suche nach einfachen Antworten

Einige Leute muss man wohl daran erinnern: Auch alte Menschen haben einen Anspruch auf Behandlung. Der Tod gehört zwar zur menschlichen Existenz. Aber zunächst müssen alle Menschen unterschiedslos behandelt werden. Man kann sie wohl kaum mit dem Argument verrecken lassen, sie hätten doch ihr Leben gelebt. Das ist zynisch und menschenverachtend, zumal niemand weiss, ob ein Achtzigjähriger nicht vielleicht doch noch zehn oder fünfzehn Jahre zu leben gehabt hätte.

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Was darf Satire?

Was darf Satire? Alles, folgt man Tucholsky. Fast alles, folgt man dem Grundgesetz. Wen aber sollte Satire aufs Korn nehmen? Argumentiert man mit dem Goethe-Institut, dann “darf und soll” Satire “die Mächtigen kritisieren und durch den Kakao ziehen, nicht den Einzelnen und nicht den Schwachen.”

Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist das Verständnis von Satire mitunter ein anderes: Satire, so liesse sich formulieren, soll Ressentiments bedienen, die ein pogressiv gestimtes Publikum gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen hegt, also gegen Deutsche ohne Migrationshintergrund und im Rentenalter.

Menschen verächtlich zu machen, die einen Migrationshintergrund haben und im arbeitsfähigen Alter sind, bleibt den Rechten überlassen, die freilich insofern einen Wettbewerbsnachteil in der öffentlichen Meinungsbildung haben, als sie ihren Menschenhass nicht glaubhaft als Satire ausgeben können. Dieses Privileg bleibt den Linken vorbehalten.

Kommt es dann zu einem Sturm der Entrüstung, springt man in den Opfermodus. Dabei ist der Hohn und Spott, mit denen alte “weisse”, übergewichtige und kranke Menschen übergossen werden, ungefähr so originell und herzerfrischend wie die Zwiebelsauce, in der man in der WDR-Kantine die Putenleber badet.

Was darf Satire? Alles. Aber vielleicht sollte jemand den Öffentlich-Rechtlichen stecken, dass sie zur Abwechslung auch einmal witzig sein darf – und die Mächtigen treffen, nicht den Einzelnen und nicht den Schwachen.

Coronische Zeiten

Es klingelt an der Tür. Das Gesundheitsamt. Weil ich vor einiger Zeit mit dem und dem Kontakt hatte, darf ich mich jetzt in Quarantäne begeben. Für die kommenden vierzehn Tage. Kann ich schnell noch einkaufen? Nein, auf keinen Fall. Also muss ich mich telefonisch darum kümmern, wer in der Lage wäre, mich mit dem Nötigsten zu versorgen. Familienmitglieder kommen nicht in Frage, stehen sie doch ebenfalls unter Quarantäne. Die grossen Supermarktketten bieten zwar Online-Bestellungen mitsamt Lieferung nach Hause an – aber leider nicht in unserem Stadtteil.

Dieses Szenario, von dem ich bislang verschont geblieben bin, kann jeden treffen. Jeden Tag. Man braucht weder zur Risikogruppe zu gehören noch mit Sicherheit mit dem Corona-Virus infiziert zu sein, denn es reicht der Verdacht, gegründet auf eine rekonstruierte Infektionskette. Das Klügste und Vernünftigste wäre es also, Vorräte für mindesten vierzehn Tage zu bunkern – umgangssprachlich als Hamsterkäufe bekannt.

Nun haben wir eine fantastische Bundesernährungsministerin, die allen Ernstes zu Mass und Mitte bei der Aufstockung der persönlichen Vorräte aufruft, denn sie denkt vom Ende her: Versorgungsengpässe haben wir in Deutschland keine, belehrt sie den Bürger. Das gilt freilich nur für die Supermarktketten. Wie das Zeug in den Supermärkten zum einzelnen nach Hause gelangt, wird im Notfalle nachbarschaftlich geregelt, als Ausdruck gelebter Solidarität.

Das ist das grosse Stichwort: Solidarität. Die undogmatische Salon-Linke träumt schon lange von einem Komplettumbau der Gesellschaft und bis jetzt ist ein solcher immer an der Unzuverlässigkeit des Individuums gescheitert. Die linken Gesellschaftsdesigner denken in Kategorien wie Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichheit und leben in einer Welt des Geistes, der Literatur und der Musik – während der einfache Bürger von nebenan einfach nur Fussball spielen will, im Garten grillen oder die neueste Serie beim Streaminganbieter seiner Wahl ansehen.

Das Corona-Virus eröffnet daher ganz neue Möglichkeiten. Im “Spiegel” freut man sich: “Endlich” sei nichts mehr so, wie es war. Jetzt sei der Moment gekommen, über unser Land, unser Gemeinwesen, unser Leben nachzudenken. Andere lassen ihrem Biologismus freien Lauf: Wenn ältere Menschen am Virus sterben, sei das das Sterben alter Individuen einer “der natürlichsten und für die Population gesündesten Vorgänge der Welt.” Dass die Medizin dafür da sein könnte, das Sterben hinauszuzögern, hat in diesem Denken keinen Platz.

Stattdessen wird mit der Natur argumentiert, nachdem Linke solche Argumentationen gerne als reaktionär abgelehnt und gefordert haben, lieber ohne Kinder alt zu werden, den eigenen Kinderwunsch also zu unterdrücken und ganz als Kulturwesen durch die Weltgeschichte zu wandeln. Manch einer träumt gar von einer Expertenregierung. Dabei ist die Gefahr, die durch das Corona-Virus ausgeht, offenbar sehr viel geringer als es der allgemeine Hype vermuten lässt.

Wer nicht zur Risikogruppe gehört, wird nach einer Infektion in der allermeisten Fällen entweder keine oder nur schwache Symptome entwickeln, die denen einer Grippe ähneln. Die Infektion mit COVID-19, so die Abkürzung für die Krankheit, dürfte wohl weniger Menschenleben kosten als viele andere Dinge, an die sich die Gesellschaften auf diesem Planeten längst gewöhnt haben, seien es Drogenkonsum, Morde oder Verkehrsunfälle.

Sicher hätte es genügt, allein die Risikogruppen zu isolieren, anstatt das Gsellschaftsleben dermassen zu beschneiden und die Wirtschaft unnötig in Mitleidenschaft zu ziehen, was zu einem späteren Zeitpunkt auszubügeln sich lange hinziehen wird. Aber, wie gesagt, vielen ist das eben sehr willkommen und scheint ihnen als günstige Gelegenheit für einen Testlauf flächendeckender disziplinierender Massnahmen.

Aber Halt, es sind keinesfalls nur die Linken, die Mass und Mitte längst verloren haben. Grossbritanniens rechtspopulistische Regierung ist schon einen Schritt weiter und wird wohl demnächst allen älteren Bewohnern des Königreiches eine Quarantäne von satten vier Monaten verordnen. Vier Monate, das ist Freiheitsberaubung durch den Staat. Wäre das auch in Deutschland vorstellbar? Das kann man nie wiss –

Es klingelt an der Tür.


Nachtrag 15. März 2020

Der französische Biologe François Balloux weist aufgrund statistischer Datenlage darauf hin, dass ein Kollaps der Wirtschaft im Gefolge von Covid-19 zu weitaus mehr Toten führen könnte als durch Covid-19 selbst.

Nachtrag 16. März 2020

Hendrik Streeck, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, gibt im Interview mit der FAZ eine Einschätzung der Lage, die mit einem Mal sehr viel weniger bedrohlich erscheint als es die zahlreichen Massnahmen der Politik erwarten lassen. Demnach “muss man berücksichtigen, dass es sich bei den Sars-CoV-2-Toten in Deutschland ausschließlich um alte Menschen gehandelt hat.” Streecks vorsichtige Vorhersage lautet: “Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.”

Massnahmen wie in Frankreich und Österreich, wo Ausgangssperren verhängt werden, hält der Mikrobiologe und Virologe Alexander Kekulé für übertrieben und ungerechtfertigt: “Die ganze Republik jetzt in die Bude einzusperren, dafür gibt es keine medizinische Indikation.”

Nachtrag 19. März 2020

Die NZZ schreibt mit Blick auf die Bilder von Parks und Cafés voller Menschen, die mit dem Kommentar “unfassbar” verbreitet werden: “So verlockend es sein mag, «die da draussen» pauschal zu beschimpfen, so heikel ist es auch. Denn es wirkt als Verstärker für all jene, die sich schon immer nach autoritärer Führung gesehnt haben, sei es mit rechter oder linker Prägung. Diese Freunde des «starken Staates» haben die Bürger noch nie für den Souverän gehalten.”

Das italienische Institut für Gesundheit (ISS) hat, wie NTV berichtet, folgende Statistik erstellt: “In Italien liegt das Durchschnittsalter der an den Folgen einer Coronavirus-Infektion Verstorbenen bei 79,5 Jahren. […] Die Wissenschaftler machten rund ein Dutzend Vorerkrankungen aus, an denen die meisten der gestorbenen Covid-19-Patienten gelitten hatten. […] Nur bei drei der Verstorbenen war dem Institut zufolge keine Vorerkrankung bekannt. Dies entspricht 0,8 Prozent aller in Italien registrierten Todesfälle.” Ich frage mich, warum dann immer noch auf flächendeckende Isolation gesetzt wird, anstatt auf eine Kombination aus Isolation (nämlich für die Risikogruppe) und sog. Herdenimmunität (für den Rest). Mir ist unverständlich, dass die Politik, indem sie sich für die flächendeckende Isolation entscheidet, eine Einschränkung individueller Freiheiten wie auch einen massiven Wohlstandsverlust achselzuckend in Kauf nimmt.

Aha. Das bringt ein wenig Klarheit in die Sache: Ein Artikel auf “Spiegel Online” erklärt, warum die Kombination aus Isolation + Herdenimmunität auf zwei Missverständnissen beruhe. Zum einen wird es so oder so zu einer Herdenimmunität kommen und die einzige Frage wäre demnach, ob man diesen Prozess hinauszögern wolle oder nicht; zum anderen weiss man nicht genug über die Logik des Virus, der Weg zur Herdenimmunität kann daher mit Leichen gepflastert sein. Ein interessanter Diskussionsbeitrag, allerdings geht er nicht auf die oben erwähnte italienische Statistik ein, die doch recht eindeutig ist.

Nachtrag 20. März 2020

Der amerikanische Arzt und Epidemiologe John Ioannidis meldet generelle Zweifel an der weltweiten Politik der Massenquarantäne an: “Unfortunately, we do not know if these measures work. […] School closures may also diminish the chances of developing herd immunity in an age group that is spared serious disease.” Er argumentiert, dass der bisherige Ansatz, die Kurve der Fallzahlen abzuflachen (“flattening the curve”), Dinge noch schlimmer machen könnte, denn die Massenquarantäne dürfte zahlreiche Nebenwirkungen mit sich bringen, die das Gesundheitssystem erst recht zum Kollaps bringen.

In einem Beitrag für die WDR-Wissenschaftsendung “Quarks” heisst es: “Die dauerhafte Quarantäne oder Isolierung erhöht vermutlich die Wahrscheinlichkeit von psychischen Krankheiten wie Depression oder akutem Bewegungsmangel, oder auch für stressbedingte Herz- oder Immunerkrankungen. […] Das Ziel sollte also sein, realistische Maßnahmen zu treffen, die über einen längeren Zeitraum durchgehalten werden können, die Grundimmunisierung der Bevölkerung zu erhöhen und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.” Letztlich kommt auch dieser Beitrag wie der von Ioannidis zu dem Schluss, dass die Datenlage unzureichend ist für eine Abschätzung der angemessenen Quarantänedauer.

Ein Bericht auf “Spiegel Online” rechnet verschiedene Szenarien durch, welche Massenquarantäne welche Erfolge zeitigt. Alle Szenarien sind reichlich düster und prognostizieren eine lange Dauer der Quarantäne. Aber es gibt auch Hoffnung: “So könnte sich herausstellen, dass die Zahl der unerkannt Infizierten viel größer ist als gedacht. Gäbe es, wie eine Studie nahelegt, zehnmal mehr Fälle als in den aktuellen Statistiken, läge die Sterberate (Mortalität) viel niedriger. Eine hohe Infiziertenzahl wäre dann auch weniger gefährlich für das Gesundheitssystem.” Das ist die grosse Unbekannte.

Nachtrag 21. März 2020

Der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner wirft ein: “Nicht akzeptabel wäre, wenn sich die Bundesländer jetzt einen Wettbewerb darum liefern würden, wer die einschneidendsten Beschränkungen sozialer Kontakte durchsetzt, um als besonders kraftvoller Krisenmanager zu gelten. […] Ich halte viel von dem Vorschlag, statt der gesamten Bevölkerung gezielt besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen zu isolieren, insbesondere Ältere und Vorerkrankte.” Zwar redet der Mann Unsinn von einer “Ausgangssperre” für über 70jährige, aber im Grossen und Ganzen möchte man ihm zustimmen

Dazu erhebt sich reihenweise Kritik am Vorgehen des bayerischen MP Söder, u.a. von der Grünen-Chefin Annalena Baerbock, wie die “Oldenburger Online-Zeitung” berichtet: “Die ‘tief greifenden Beschränkungen unseres gesamten Lebens’ müssten zudem klar befristet sein und immer wieder überprüft werden, so Baerbock.”

Der Jurist Uwe Volkmann sieht die gegenwärtige Lage auch aus rechtlicher Sicht kritisch: “Man bekommt, wenn man den Blick von dem gegenwärtigen Problem einmal abwendet, eine Ahnung davon, was auch in demokratischen Rechtsstaaten binnen kurzer Zeit alles möglich ist, wenn einmal die falschen Leute die Hebel der Macht – oder sagen wir es, wie es ist: die des Rechts – in die Hand bekommen. Darüber hinaus haben wir aus der Diskussion um die Ausnahmelage einiges gelernt, was in der derzeitigen Situation vielleicht von Nutzen sein kann, etwa dass diese traditionell die Stunde der Exekutive ist. Opposition wird nicht honoriert und kommt deshalb auch faktisch nicht vor […].” Es leben die Verfassungsrechtler!

Ein Kommentar in der “Süddeutschen” mahnt: “Freiheiten werden abgebaut, Rechte gebeugt, Sicherheiten genommen. Die Gemeinschaft wird das nicht ertragen, wenn sich nur der Hauch eines Verdachts ergibt, dass die Rechte nicht wieder zurückkehren.”

Nachtrag 22. März 2020

Der israelische Biochemiker und Virenfachmann Shy Arkin konstatiert: “This is not going to kill humanity. This is a disease that mostly afflicts the elderly (…). But to people that are not classified as elderly, this generates a respiratory tract infection that is not very severe, and most people have very mild symptoms.” Allerdings verteidigt er durchaus die weltweit ergriffenen harschen Massnahmen zur Eindämmung des Virus mit der Begründung, dass es das Unbekannte zu fürchten gelte. Zwar gelte: “(…), flu every year just in the United States kills about 60,000 people. So in terms of the death toll, flu is much, much, much worse. Even in China, flu this season — I’m not talking about last year — this year has killed far more people than COVID-19.” Mit der Grippe sei man jedoch vertraut, mit COVID-19 nicht.

Nachtrag 24. März 2020

Der Epidemiologe Stefan Willich von der Berliner Charité äussert im Interview mit dem “Tagesspiegel” Skepsis gegenüber einer umfassenden Massenisolation, weil dies die wirtschaftliche Existenz vieler Menschen gefährde und Armut nachgewiesenermassen der “wichtigste gesellschaftliche Risikofaktor für Krankheitshäufigkeit und höhere Sterblichkeit ist.” Einzelne Todesfälle auf Kosten der Gesamtsterblichkeit zu verhindern sei daher unverhältnismässig (vgl. Nachtrag vom 15. März). Willich weist darauf hin, dass die Niederlande sich für den Mittelweg aus Herdenimmunität plus Isolierung gefährdeter Bevölkerungsgruppen entschieden haben und man abwarten müsse, welche Strategie die besten Erfolge zeitige.

Eine Gegenmeinung kommt vom Virologen Christian Drosten, ebenfalls von der Charité: Eine gezielte Durchseuchung jüngerer Bevölkerungsschichten zum Zwecke der Herdenimmunität hält er für ethisch nicht vertretbar, zumal in Einzelfällen auch Jüngere, darunter Leistungssportler, schwer durch COVID-19 erkrankt seien.

Nachtrag 25. März 2020

Wie “Spiegel Online” vermeldet, halten die Niederlande an ihrem Sonderkurs fest. Zwar gebe es im Land selbst eine Diksussion darüber und habe die Regierung Rutte manche Bestimmung verschärfen müssen, doch könnten die Daten den Sonderkurs bestätigen. Das niederländische Zentrum für Infektionsbekämpfung beim Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt gehe jedenfalls davon aus, dass die Kurve der Neuinfektionen höchstwahrscheinlich nicht mehr exponentiell ansteige.

Nachtrag 26. März 2020

Ein Kommentar in der “Zeit” rüttelt auf: “Nein, das Beunruhigende war (…) dass nicht sehr viele Menschen zu hören und zu lesen waren, die die Aussicht auf eine allgemeine Ausgangssperre erschütterte. (…) Menschen, die sonst gegen “Verbotskultur” polemisieren und damit Maßnahmen gegen den langfristig ebenso bedrohlichen Klimawandel meinen, feiern jetzt den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, weil der nicht rede, sondern handle. (…) Als gäbe es nur Umsetzungsdefizite und kein gewaltiges gesellschaftliches Dilemma.”

Die “Zeit” berichtet über den schwedischen Sonderweg (der sonst ähnlich nur von den Niederlanden beschritten wird): “Ältere oder gesundheitlich vorbelastete Menschen sollen so gut es geht isoliert werden. (…) Das ist die eine Regel. Die andere lautet: Alle, die Symptome aufweisen, sollen sofort zu Hause bleiben, selbst beim geringsten Husten.” Der oberste schwedische Seuchenbekämpfer Anders Tegnell wird dazu mit den Worten zitiert: “Wenn man diese beiden Regeln befolgt, braucht man keine weiteren Maßnahmen, deren Effekt sowieso nur sehr marginal ist.” Dagegen regt sich allerdings Widerstand im eigenen Land, wovon der “Tagesspiegel” berichtet, der auch darauf hinweist, dass Tegnell mit seiner Anfang März abgegebenen Prognose, Schweden habe nunmehr den Höhepunkt der Seuche erreicht, komplett falsch lag.

Nachtrag 27. März

Thomas House, ein mathematischer Epidemiologie aus Grossbritannien, hält am Ansatz der Herdenimmunität fest: “Wir müssen systematisch darüber nachdenken, wie wir dafür sorgen können, dass die Menschen sich immunisieren.” Denn: “Das Ziel ist, die Situation mit einem Minimum an Leid in den Griff zu kriegen.”

Ein Artikel im österreichischen “Falter” referiert die Ansicht verschiedener Fachleute von der WHO und anderer, dass Ausgangssperren wenig hilfreich bei der Bekämpfung des Virus seien und vielmehr auf umfassende Tests und die Isolierung von Infizierten gesetzt werden müsse.

In der “New York Times” versucht der Gründungsdirektor des Yale-Griffin Prevention Research Center, David L. Katz, die Dinge ein wenig zurechtzurücken: “The data from South Korea, where tracking the coronavirus has been by far the best to date, indicate that as much as 99 percent of active cases in the general population are “mild” and do not require specific medical treatment.” Er äussert die tiefe Sorge, dass die sozialen, wirtschaftlichen und allgemeingesundheitlichen Kosten verheerend sein könnten und vielleicht sogar gravierender als das Virus selbst. Auch Katz schlägt vor, die Tests auszuweiten und vor allem jene zu schützen, die besonders gefährdet sind.

Nachtrag 31. März

Das Robert-Koch-Institut hat eine Statistik zum Alter der Todesopfer von COVID-19 veröffentlicht. Demnach liegt der Durchschnitt liegt bei achtzig Jahren, wie die “Süddeutsche” berichtet.

Während manche Rechtspopulisten wie Trump in den USA und Bolsonaro in Brasilien die Gefahr durch COVID-10 herunterspielen, nutzt Ungarns Premier Orban sie, um seine Macht zu zementieren, indem er fortan per Notstandsgesetz regiert.

Derweil plant die NRW-Regierung unter Armin Laschet ein Gesetz zur “Verpflichtung zum Einsatz medizinischen und pflegerischen Personals”. Im Entwurf dazu heisst es: “Durch Anordnungen gemäß der §§ 12 bis 15 können die Grundrechte der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 des Grundgesetzes) und der Freiheit der Person (Artikel 2 Absatz 2 Satz 2 des Grundgesetzes) eingeschränkt werden.”

In Mecklenburg-Vorpommern wiederum hat das CDU-geführte Gesundheitsministerium verfügt, dass Gesundheitsämter der Landkreise und kreisfreien Städte Listen mit den Wohnorten von Corona-Infizierten zu erstellen und an die Polizei (!) zu schicken. Das hält nicht nur der Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, Andreas Crusius, für einen Verstoss gegen die ärztliche Schweigepflicht, auch weigert sich die Hanstestadt Rostock, dieser Verfügung nachzukommen, wie Rostocks Sozialsenator Steffen Bockhahn verlautbarte. Es kommt auch nicht alle Tage vor, dass ich mit der Linkspartei einer Meinung bin!

Aus den USA meldet sich der Mediziner Benjamin Alli zu Wort, indem er daran erinnert, dass eine Langzeitquarantäne mehr Schaden als Nutzen bringt: “The tax that quarantines can have on the mind is well-covered. They increase cases of post-traumatic stress disorder, alcoholism, and depression, to name a few. (…) A complete shutdown could also mean trillions more in government spending, taking away needed funding to combat the virus.

Nachtrag 7. April 2020

Soviel Geschlossenheit ist in einer Demokratie erklärungs- und diskussionswürdig. Doch einer offenen Debatte gehen die Handelnden aus dem Weg,” moderiert Shakuntala Banerjee das “ZDF Spezial” vom Sonntag an. In dem Beitrag wird nicht nur die schlechte Kommunikation der Regierung kritisiert, sondern auch die vermeintliche Alternativlosigkeit im Vorgehen gegen das Virus infrage gestellt – weniger mit Verweis auf Schweden, mehr mit Verweis auf Taiwan.

Der schwedische Sonderweg, vermeldet n-tv, zieht im Land selbst immer mehr Kritik auf sich. Ein schwedischer Mathematiker bezeichnet das Vorgehen der Regierung als “russisches Roulette mit der schwedischen Bevölkerung”.

Nachtrag 15. April

Stefan Homburg, ein Ökonom, argumentiert in der “Welt”, dass die Zahlen für das schwedische Modell sprächen. Zwar habe dort die Zahl der Todesfälle infolge von Corona zunächst zugenommen, sich aber nicht exponentiell gesteigert. Zudem würden in Schweden am Anfang der nächsten Virensaison mehr Menschen immun sein als in Deutschland. Scharfe Kritik übt Homburg am deutschen Robert-Koch-Institut (RKI), das erst die Verdopplung der Infektionszahlen zum Parameter für einen Erfolg des Lockdown gemacht habe, dann aber auf die Reproduktionszahl als Indikator umgeschwenkt sei. Diese aber, so Homburg, sei nicht überprüfbar. Zudem wolle das RKI die Infektionsrate nicht mehr stabil halten, sondern beenden, das Virus also ausrotten, was aber unüberschaubare Konsequenzen habe. In jedem Falle, so Homburg, bleibe festzuhalten, dass “Länder wie Schweden, Südkorea oder Taiwan mit ihrem Verzicht auf Lockdowns klug gehandelt” haben.

Nachtrag 16. April 2020

Der Virologe Hendrik Streeck findet es bemerkenswert, dass beim deutschlandweit ersten nachgewiesenen Ansteckungsfall, der Mitarbeiterin einer Autozulieferers aus China, nur Kollegen aus ihrem engen Umkreis angesteckt wurden, jedoch niemand im Restaurant, kein Taxifahrer und niemand in öffentlichen Verkehrsmitteln, “obwohl diese Frau hochinfektiös gewesen zu sein scheint.” Dazu passt eine chinesische Studie, die zu dem vorläufigen Schluss kommt: “All identified outbreaks of three or more cases occurred in an indoor environment, which confirms that sharing indoor space is a major SARS-CoV-2 infection risk.

Nachtrag 19. April 2020

Möglicherweise ist das Virus doch gefährlicher als gedacht. Mittlerweile deutet einiges darauf hin, dass auch genesene Patienten dauerhaft schwere Lungenschädigungen davontragen können, wie RAI aus Innsbruck vermeldet.

Der Kanzleramtschef und studierte Mediziner Helge Braun hält die Strategie einer Herdenimmunität für nicht durchführbar, denn um “nur die Hälfte der deutschen Bevölkerung in 18 Monaten zu immunisieren, müssten sich jeden Tag 73.000 Menschen mit Corona infizieren.” Damit würde das Gesundheitssystem überfordert werden, die Kontrolle über die Epidemie uns entgleiten.

Im Gegensatz zu Stefan Homburg (s. Nachtrag vom 15. April) verteidigt die Wissenschaftsjournalisstin Mai Thi Nguyen-Kim im Phoenix-“Presseclub” von heute den Wechsel des Indikators auf die Reproduktionszahl, weil Epidemien ein dynamisches Modell seien und um die Test- und Infektionskettenverfolgungskapazitäten zu unterschreiten und so in eine “Containment-Phase” zu kommen. Sie plädiert für fortgesetzte Disziplin, weil es neue Ausbrüche und Wellen geben wird. Allerdings glaubt sie, dass Gesellschaft und Wirtschaft nebenher relativ normal laufen können.

Nachtrag 23. April 2020

Ein Beitrag auf n-tv widmet sich den Thesen von Stefan Homburg (s.o.) und attestiert ihm “falsche Voraussetzungen“. Dass die seit dem 23, März eingeführten Massnahmen sinnlos seien, wie Homburg behauptet, sei demnach falsch.

Auch der schwedische Weg bleibt umstritten. Zum einen ist man von einer Herdenimmunität wohl doch weiter entfernt als erhofft. Zum anderen hat Schweden ein Kommunikationsproblem mit seinen Zuwanderern, die vielfach aus Ländern stammen, in denen man behördlichen Mitteilungen wenig Beachtung schenkt.

Nachtrag 27. April 2020

Wie nicht anders zu erwarten, schlägt Homburg (s.o.) zurück und macht seinen Kritikern klar, wie falsch sie seiner Meinung nach liegen. Derweil meldet sich auch der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel zu Wort, demzufolge 133 von 142 in Hamburg an Covid-19 gestorbene Menschen obduziert worden sind und bei allen festgestellt wurde, dass sie an Vorerkrankungen gelitten haben, relativ alt und schwer krank waren. Fragt sich nur, welche Schlussfolgerung daraus zu ziehen ist: Dass Vorerkrankte keiner Behandlung bedürfen, weil sie ohnehin gestorben wären? Oder dass primär Risikogruppen zu isolieren sind?

Nachtrag 1. Mai 2020

Ist das Coronavirus vielleicht doch nicht so gefährlich wie gedacht? Wissenschaftler streiten sich. In einem Beitrag für “Achgut.com” schreibt D. Maxeiner: “Je mehr Zahlen und Daten zur Verfügung stehen, desto deutlicher wird: Covid-19 ist nicht der nie dagewesene Killer, als der er anfangs und teilweise heute noch in den Medien dargestellt wird …” In der FAZ kritisiert F. Lübberding den Glauben an eine allwissende Wissenschaft und weist darauf hin, dass Virologen sich wiederholt geirrt und ihre Ansichten geändert haben.

Nachtrag 2. Mai 2020

Da auch Jüngere gefährdet seien und selbst viele alte Menschen im Schnitt noch fünf bis dreizehn Jahre zu leben hätten, sei der “Verweis auf Vorerkrankungen […] zynisch – und man gerät in Gefahr, ein Leben mit Krankheit als weniger lebenswert zu betrachten“, argumentiert Ch. Berndt in der “Süddeutschen”.

Nachtrag 4. Mai 2020

Der Virologe Hendrik Streeck (s. Nachträge vom 16. März und 16. April) weist im Interview mit der FAZ darauf hin, immer gesagt zu haben, “dass man das Virus nicht bagatellisieren, aber auch nicht überdramatisieren darf. Diesen schmalen Grat zu gehen ist schwierig. Ich stehe nicht für Lockerungen, die Maßnahmen anfangs waren richtig und wichtig …

Nachtrag 7. Mai 2020

Ist der schwedische Weg vielleicht doch der bessere? Langfristig gesehen könnte das wohl sein, findet Wolfram Weimer auf n-tv, denn kommt erst die zweite Welle der Infektionen, werde sie in Schweden wohl auf eine insgesamt widerständsfähigere Bevölkerung stossen. Aber genau weiss man es eben nicht.

Derweil melden in der FAZ zwei Mediziner Zweifel an der Streeck’schen Heinsberg-Studie an, der sie eklatante Statistikschwächen attestieren: “Denn die Sterblichkeit der Virusinfektion in Deutschland kann aufgrund der Studie in Heinsberg nur mit großer Unsicherheit abgeschätzt werden.”

Nachtrag 16. Mai 2020

Eine gemeinsame Studie des ifo-Instituts und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, die sich der Frage widmet, welche Politik in der Corona-Krise Wirtschaft und Gesundheit gleichermassen gerecht wird, kommt aufgrund eigener epidemiologischer und ökonomischer Simulationen zum Schluss, “dass allenfalls eine leichte, stufenweise Lockerung der Shutdown-Maßnahmen geeignet ist, die ökonomischen Kosten zu reduzieren, ohne die medizinischen Ziele zu gefährden.” Die Autoren der Studien können “in Bezug auf eine starke Lockerung keinen Konflikt zwischen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Kosten feststellen – die Kosten würden in beiden Dimensionen höher ausfallen. (…) Diese Faktoren sprechen dafür, einen umsichtigen, schrittweisen Öffnungsprozess fortzusetzen.

In der FAZ rückt der Volkswirt Martin Hellwig, ehemals vom Max Planck-Institut, einige Missverständnisse über Covid-19 und dessen Bekämpfung gerade. Explizit kommt er auf Stefan Homburg (s.o., Einträge vom 15., 19., 23. und 27. April) zu sprechen, der dem Robert-Koch-Institut, das 300.000 Todesfälle prognostiziert hatte, vorhielt, sich völlig verrechnet zu haben, gebe es doch bislang nur dreitausend: “Ein Fehler um den Faktor hundert macht weniger als sieben Verdoppelungen aus; bei einer Verdoppelungszeit von vier Tagen, wie wir sie im März hatten, braucht man dafür weniger als einen Monat. Die Kritiker übersehen die Dimension des exponentiellen Wachstums bei ungehinderter Ausbreitung des Infekts“, so Hellwig.

Nachtrag 18. Mai 2020

An der Studie von Ioannidis (s. Nachtrag vom 20. März) wachsen die Zweifel. “BuzzFeedNews” hat eine Entwicklung nachgezeichnet, die in den Anschuldigungen eines Whistleblowers gipfelt, wonach die Studie gekauft sein könnte: “All in all, the complaint raises even more questions about a study that has already come under fire.”

Der Jurist Oliver Lepsius kritisiert im Interview mit der “Zeit” die Politik vor allem der Landesregierungen zur Eindämmung von Covid-19, da sie die Gewaltenteilung aufweicht, was er als “unfreiheitlichen Zustand” bezeichnet. Er sagt aber auch: Wer “über eine Diktatur in Deutschland redet, zeigt wenig Ahnung.” Schliesslich sei die Meinungsfreiheit “jederzeit gewährleistet” gewesen.

Der Jurist Max Steinbeis ist der Meinung, so das Rechercheportal “Correctiv”, dass viele der Freiheitsbeschränkungen, die in den Ländern verfügt worden sind, „einem kritischen Blick, mit welchem Schutzzweck das gerechtfertigt sein soll, im Nachhinein nicht standgehalten haben.“ Er warnt davor, dass der Sicherheitsstaat sich die Gelegenheit, Machtbefugnisse auszubauen, „womöglich nicht entgehen lassen will.“ Allerdings hält er den „großen Generalalarm“ im Moment nicht für gerechtfertigt.

Nachtrag 28. Juni 2020

Ist der schwedische Weg doch der bessere? Wie n-tv berichtet, sprechen kontinuierlich sinkende Todeszahlen wieder dafür. Allerdings zeigt sich: Wer wie Schweden gegen den Lockdown ist, muss wie Schweden Menschen daran gewöhnen, Distanzregeln einzuhalten.

Nachtrag 14. Juli 2020

Wie “ScienceFiles” berichtet, konnten einer Studie zufolge durch den Lockdown allein in Deutschland 560.000 Tote vermieden. werden.