Autoritarismus mit progressivem Vorzeichen

Es ist leicht, gegen PEGIDA, besorgte Bürger, AfD-Gestalten wie Höcke und andere zu sein. Sie sind allesamt mehr oder minder vulgär, dumpf, proletenhaft und vor allem: autoritär. Auf eine verschwitzte Art und Weise huldigen sie dem starken Staat, der Menschen nicht einfach nur vor Kriminalität beschützt, sondern vor den Zumutungen der Globalisierung überhaupt und damit einer vermeintlich gleichmacherischen Moderne, die in einem Völkersterben endet.

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Vom Elend allzu steiler Thesen

Steile Thesen halten meist den Fakten nicht stand. Dass eine mega-hyper-steile These, wie der Münsteraner Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer sie in seinem Buch Die Kultur der Ambiguität (2011) aufgestellt hat, ungeachtet ihrer argumentativen Defizite den wohl bedeutendsten Forschungsförderpreis in Deutschland erhalten hat, dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass sie ganz der Weltanschauung des Postkolonialismus verpflichtet ist, der die Tendenz aufweist, nicht-westliche Kulturen für friedlicher und fortschrittlicher zu halten als westliche.

Bauer beschreibt nicht nur Beispiele für Ambiguitätstoleranz in der arabisch-islamischen Geschichte, was eine interessante Lektüre hätte sein können, sondern nimmt sie als Beleg für eine Grundverschiedenheit von europäischer und islamischer Zivilisation, die sich über viele Jahrhunderte verfolgen lasse. Dass Bauers Argumentation alles andere als schlüssig ist, habe ich ausführlich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (2016) gezeigt. Auch die Tatsache, dass Bauer seine Behauptungen über die europäische Kultur einem einzigen Buch entnommen hat, das sich für eine solche These aber gar nicht heranziehen lässt, hat ihm nicht geholfen.

Aber wenn die eigene These auf dermassen grosse Resonanz stösst, dann lässt man sich nicht so leicht beirren. Dass viele Fehlschlüsse Bauers allzu offensichtlich sind und man zum Teil noch nicht einmal eine islamwissenschaftliche Ausbildung braucht, um über sie zu stolpern, lässt tief in eine Forschungslandschaft blicken, deren checks and balances vor allem dazu dienen, eine bestimmte Linie durchzusetzen. Jetzt hat Thonas Bauer mit einem neuen Buch nachgelegt, in dem er seine Komplementärthese von der Intoleranz der westlichen Kultur gegenüber der Ambiguität von Erscheinungen vertieft.

Darin erklärt er, hierin sich als echter Neognostiker erweisend, die westliche Unduldsamkeit gegenüber Ambiguität ganz un-ambig mit den alten Feindbildern der Linken: Mit Kapitalismus, Markt, Konsum und Globalisierung. Bauer holt so zum grossen Rundumschlag einer westlich induzierten Moderne aus und verpasst nebenher auch noch dem modernen Städtebau, der Künstlichen Intelligenz, Fitness-Trackern, Krimis, und Fernsehprogrammen eine verbale Ohrfeige und beschwört die Schrecken eines „kapitalistischen Verwertungssystems‟, in dem der schwitzende Maschinenmensch „selbstoptimiert‟ funktioniere.

Ja, das ist universitärer Mainstream, wo noch die hundertste Dissertation und das zwanzigtausendste Working Paper Marktwirtschaft und Konsumgesellschaft zu den Wurzeln aller Übel nicht zuletzt im Nahen Osten erklärt. Bauer mag ein Linker sein, aber sein von Kulturpessimismus triefender Traktat hätte genauso gut aus der Feder eines Rolf Peter Sieferle oder eines anderen rechtskonservativen Denkers stammen können. Das Trauern über eine Welt des Konsums, die nichts als blosser Schein sei und nur ein „ewiggleiches Einerlei an billigen Sinnesreizen‟ biete, ist ebenso elitär wie wohlfeil und gehört zum Standardrepertoire aller Marktverächter von links wie von rechts.

Weil der Markt eine „ambiguitätsauflösende Macht‟ habe, gebe es noch ein weiteres Problem, glaubt Bauer zu wissen: Kapitalismus nämlich wolle Authentizität, Authentizität und Demokratie seien aber nicht miteinander vereinbar, also sei fraglich, ob Kapitalismus und Demokratie miteinander vereinbar seien. Neu an dieser Argumentation ist eigentlich nur, dass Authentizität diesmal dem Kapitalismus zugeschrieben wird. Der Germanist Heinz Schlaffer hat gezeigt, dass sich in der deutschen Literaturgeschichte viele Beispiele für einer Verherrlichung der Armut als Schicksal, um dann jedoch Authentizität sowohl gegen Kommerz als auch Politik auf dichterische Weise gegeneinander auszuspielen.

In jedem Falle ist Bauers Buch ein echtes Produkt der universitären Filterblase: Die Nacht wird zum Tag, der Tag zur Nacht gemacht. In des Autors Vorstellungswelt mögen Demokratie und Kapitalismus miteinander unvereinbar sein, in der realen Welt gibt es keine liberale Demokratie, die nicht zugleich kapitalistisch wäre. Der Kommunismus hat nur Armut und Repression hervorgebracht. Gerade Kapitalismus bedeutet Demokratisierung, indem nämlich Kunst und Kultur, Bildung und Wissen nicht länger Dinge sind, die nur Könige und Fürsten sich leisten können, sondern die Massen.

Freilich gehört die aristokratische Verachtung für die Massen zum Habitus aller Kapitalismus-Verächter. Bauer, der die „Niederlage des Kapitalismus‟ herbeisehnt, empfiehlt seinen Lesern allen Ernstes, von „vormodernen Gesellschaften‟ zu lernen, sei dort doch Ambiguität „nicht nur geschätzt und gepflegt, sondern regelrecht eingeübt‟ worden. Das ist selbst dann Stuss, wenn es richtig wäre, denn eine Gesellschaft, die Ambiguität kultiviert, aber weder Wohlstand noch Freiheit kennt, kann den meisten Menschen wohl gestohlen bleiben.

Das Wesen menschlicher Zivilisation besteht eben darin, dass wir die Dinge, die uns umgeben und mit denen wir uns umgeben, fortlaufend verbessern. Nur Toren, die die Errungenschaften dieser Zivilisation für selbstverständlich oder entbehrlich halten, glauben, wir Heutigen sollten uns vormoderne Gesellschaften zum Vorbild nehmen.

Wie in seinem vorigen Buch geht es Bauer aber vor allem darum, einen Ost-West-Gegensatz zu konstruieren, wobei dem ambiguitätsfeindlichen kapitalistischen Westen ein traditionel ambiguitätsfreundlicher Islam gegenübergestellt wird, der seit zweihundert Jahren dem verderblichen Einfluss des Westens ausgesetzt ist. Die Methode, derer Bauer sich bedient, ist einmal mehr die selektive Faktenwahl. Man hätte auch umgekehrt verfahren und das Gegenteil beweisen können, aber das wäre nicht mit dem vereinbar gewesen, was die postkoloniale Weltanschauung verlangt.

Entnervt legen wir diesen Mumpitz beiseite und geloben – darin ganz und gar ambiguitäts-INtolerant – nie wieder ein Buch zu lesen, das den Namen Thomas Bauer trägt.

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Ditzingen: Reclam 2018. 104 Seiten, € 6,00.


Nachtrag, 9. Mai 2019

Der Kapitalismus, glaubt Thomas Bauer, zeichne sich dadurch aus, dass er “allem einen genauen Wert zuweisen kann, in dem alles so viel wert ist wie es halt kostet.” Völliger Mumpitz, weil Menschen den materiellen Dingen unabhängig vom Marktwert immer auch einen ideellen Wert zumessen können. Bauers wertloses Geschwurbel bleibt davon natürlich ausgenommen.

Finis Germania in Tränen

Es gibt Bücher, da fragt man sich, womit sie diese Aufmerksamkeit verdient haben. Das Buch von Rolf Peter Sieferle, aus dem Nachlass erschienen, ist so ein Fall und der Antisemitismus-Vorwurf, der von verschiedener Seite erhoben wurde, verdeckt die Tatsache, dass es sich auch sonst um ein intellektuell äusserst dürftiges Traktat handelt.

Worum geht es? Zunächst einmal um das Erbe der deutschen Geschichte. Hier zeigt sich ein sekundärer Antisemitismus, wenn Sieferle beklagt, dass die Deutschen mit dem Vorwurf einer Kollektivschuld belastet würden, die sogar eine metaphysische Dimension aufweise, als dem Schuldigen doch niemals verziehen und vergeben werde. Die auf ewig ungesühnte Schuld lasse vielmehr nur einen Ausweg zu: Der kollektiv Schuldige möge verschwinden, “damit die Menschheit vom Anblick seiner Verworfenheit befreit werde.”

Das “Volk der Nazis”, also der Deutschen, sei so zum “negativ auserwählten Volk geworden”, denn “[d]a der Holocaust keinem profanen, sondern einem auserwählten Volk widerfahren ist, wurde das Volk der Täter ebenfalls der profanen Geschichte entrückt und in den Status der Unvergänglichkeit erhoben.” Während die Juden aber ihre Schuld, nämlich an der Kreuzigung des Messias, nicht anerkannt haben, haben die Deutschen dies getan, weswegen nun ausgerechnet sie “von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden” müssen.

Das ist offenbar eine Anspielung auf die aktuelle Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Ohne es explizit zu sagen, bedient Sieferle damit den von Rechtskonservativen gepflegten Verschwörungsmythos, dass die Zuwanderung Teil eines Planes sei, als Sühne für Auschwitz die deutsche Bevölkerung durch massenhafte Zuwanderung zu „verdünnen‟. Hingegen haben Recherchen der “Zeit” wie auch des “Welt”-Journalisten Robin Alexander ergeben, dass die Regierung in der Flüchtlingsfrage ganz einfach die Kontrolle verloren hat. Das ist schlimm genug und aller Kritik wert, aber etwas anderes als die Umsetzung eines perfiden Plans.

Sieferle aber will die Deutschen zu einem Opferkollektiv machen. Wer behauptet eigentlich, dass ihnen eine Kollektivschuld aufgebürdet ist? Noch nicht einmal ein Historiker wie Daniel Jonah Goldhagen, der die Wurzeln des Nationalsozialismus in der deutschen Kulturgeschichte verborgen sieht und den Deutschen bekanntermassen attestiert hat, Hitlers willige Vollstrecker gewesen zu sein, spricht von einer Kollektivschuld, im Gegenteil: “Die Vorstellung einer Kollektivschuld lehne ich kategorisch ab”, erklärt er im Vorwort zur deutschen Ausgabe seines vielbeachteten Buches.

Dass die Erinnerung an den Holocaust und die deutsche Schuld, die dennoch keine vererbbare ist, ganz einfach zur politischen Kultur der Bundesrepublik gehört, deren Selbstverständnis auf der vollständigen Abgrenzung von allem basiert, was nationalsozialistisch belastet ist, um eine Wiederholung des Drittes Reiches unmöglich zu machen, ist ein Gedanke, der Sieferle so fremd und so fern ist, wie er nur sein kann.

Schliesslich landet Sieferle wieder bei den Juden, die für ihn Anlass zur Klage bieten, als irgendeine Kritik an ihnen nicht möglich sei. Wer ausser einem Antisemiten freilich sollte eine pauschale Kritik an den Juden ernsthaft in Betracht ziehen wollen? Stattdessen setzt er die Deutschen in Analogie zu letzteren und behauptet, jene seien von Helden zu Händlern geworden wie diese zu Wucherern, um dann abermals die Deutschen als Verdammte dieser Welt zu kollektiven Opfern zu machen.

So elendig dies ist, neu ist es keinesfalls. Nach dem Krieg standen die Deutschen – unabhängig von der Einzigartigkeit und Präzedenzlosigkeit des Holocaust – mit Verbrechen und Grausamkeiten zwar nicht allein da. “Womit sie so ziemlich allein stehen”, schrieb der Historiker Sebastian Haffner (“Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg”, 1981) vor mehr als drei Jahrzehnten, “ist die Naivität, mit der sie sich selbst freisprechen und von einer herausgeforderten, schwer mißhandelten und schließlich siegreichen Welt völlige Folgenlosigkeit ihrer Taten beanspruchen.”

Nicht, dass Sieferle den Holocaust leugnen würde, aber seine Kritik, dass die deutsche Schuld ins Unendliche projiziert werde, um die Verbrechen anderer Völker, nicht zuletzt der Russen unter Stalin, bis zur völligen Bedeutungslosigkeit schrumpfen zu lassen, ist Humbug, zumal nicht gesagt wird, wer denn diese Schuld als eine unendliche propagiert. Abermals wird einer Verschwörung das Wort geredet, ohne den Begriff selbst zu verwenden.

Auch kann so etwas nur jemand schreiben, der die letzten zwanzig Jahre auf dem Mond verbracht haben muss. Als ob es nie ein Schwarzbuch Kommunismus oder das nicht minder umstrittene Bloodlands von Timothy Snyder gegeben hätte! Auch über die Verbrechen des Maoismus zu sprechen ist kein Tabu, wie sonst hätte Mao von Jung Chang und Jon Halliday ein solcher Publikumserfolg werden können, der auch das Lob der Kritiker fand?

Weitere Beispiele liessen sich nennen, aber man darf wohl bezweifeln, dass Sieferle, wenn er noch lebte, ihnen zugänglich gewesen wäre. Ihn umtreibt weniger die scharfe Beobachtung als vielmehr ein Gefühl des Verlusts. So folgt der Klage über den Verlust der Kultur diejenige über das Verschwinden des Menschen und darüber, dass Politiker nur noch den „Scheitelkamm großer Wanderdünen‟ bildeten, sei doch der „unzeitgemäße Bösewicht Adolf Hitler‟ das letzte große Individuum gewesen. Dessen Wiederkehr sehnt Sieferle zwar keineswegs herbei, umso mehr jedoch erträumt er sich eine östliche Variante des “preußischen Sozialismus”, anderenfalls drohten Deutschland amerikanische Zustände in Form zerstörter und verwahrloster Innenstädte.

Indem er die hohe Warte des Kulturkritikers einnimmt, lässt Sieferle keinen Zweifel daran, dass seine Sympathie einer “nicht-liberalen Moderne” gilt, wie Japan sie zu verkörpern scheint, nämlich als ein Land, das sich, im Gegensatz zum Westen, am Kollektiv und nicht am atomistischen Individualismus orientiere. Dass das moderne Japan die eigene Modernisierung dem Entschluss verdankt, sein Rechtssystem auf westlicher Expertise und Teilen des französischen und deutschen Zivilrechts zu errichten und die Stärkung des rechtlichen und politischen Status der Frauen zu den von den USA aufgezwungenen Reformen nach dem 2. Weltkrieg gehört, weiss er nicht. Die vermeintlich “nicht-liberale” Moderne Japans verdankt sich erheblich dem Liberalismus des Westens.

Im Terminus der “nicht-liberalen Moderne” aber zeigt sich der autoritäre Zug des Traktats. Denn wie so viele Intellektuelle von rechts und von links verachtet auch Sieferle das Individuum: Während in früheren Hochkulturen Aristokraten geherrscht haben, „die gewöhnlich eine Patina kultureller Verfeinerung ansetzten‟, herrsche in der Massenzivilisation der vulgäre Typus des Massenmenschen, “für den Fast Food und Entertainmentkultur geschaffen sind”. So ist das eben: Während die intellektuelle Elite grosse Pläne für die Gesellschaft hegt, von nationaler Glorie (rechts) oder der Überwindung der Klassengesellschaft (links) träumt, will das Individuum einfach nur ins Kino gehen oder mit der Familie Urlaub am Strand machen.

Wenn Sieferle schreibt, “Freiheit wird gewonnen, wenn man sich der Zwänge der Natur entledigt”, dann gibt er sich als Ahne des deutschen Idealismus zu erkennen, der mitunter gnostisch argumentiert und die Aufwertung des Leibes seit dem späten 19. Jahrhundert zur Ursache des heutigen Übels erklärt. Dass diese Gesellschaft “antiintellektuell”, “besessen vom Reichtum”, “vulgär” und “gierig” sei, ist natürlich vollendeter Mumpitz, denn wie antiintellektuell kann eine Gesellschaft sein, in dem die Bücher von Philosophen und Historikern zu Bestsellern werden, und in der mehr als zweieinhalb Millionen Menschen ins Theater oder in die Oper gehen?

Früher, da hat man am Strand von der Flut angeschwemmte Muscheln, Tang, Holz und Knochen gefunden, heute dagegen nur noch – Zivilisationsmüll. Früher war eben alles besser. Wirklich? Hat der Durchschnittsmensch der frühen Neuzeit oder des Mittelalters besser gegessen, gab es eine massenhafte Teilhabe an der “Patina kultureller Verfeinerung”, oder war es nicht vielmehr so, dass der Anteil derer, die in den Genuss hoher Kultur gelangten, weitaus geringer war als heute? Einen rechten Kulturpessimisten ficht das freilich ebensowenig an wie die Tatsache, dass in einer pluralistischen Gesellschaft hohe Kultur und Massenkultur, Oper und Kino, Côte de Boeuf und Bratwurst einander nicht ausschliessen.

Stattdessen gibt es nur aristokratische Verachtung für den “kleinen Mann”, der in der modernen, zivilisierten Gesellschaft herrsche und dieser seinen Stempel aufdrücke. Dagegen beschwört Sieferle das 18. und 19. Jahrhundert, als das Geniekonzept einen natürlichen Adel im Gegensatz zum Geburtsadel hervorzubringen imstande gewesen sei, um in einer zweiten Phase dem überlegenen Einzelnen die Möglichkeit zu bieten, sich von der Herde oder Massen abzusetzen. In Wahrheit ist dieser Geniekult der Deutschen kaum der Bewunderung wert, war er doch bloss Zerrbild des westlichen Individualismus. Sein zentraler Gedanke, dass herausragende Individuen moralische Autonomie geniessen, war ohne weiteres anschlussfähig an den Faschismus.

So schliesst sich der Kreis und man muss sagen: Ja, dies ist das Buch eines rechten Kulturpessimisten, in dem sich ein latenter Antisemitismus bemerkbar macht und das verschwörungstheoretische Züge trägt. Vor allem aber enthält es unbelegte und wohl auch kaum zu belegende Behauptungen, wobei es – was für einen Historiker bemerkenswert ist – vergleichsweise wenige Bezüge zur Geschichte enthält. Es ist eine dröge Lektüre.

Ein Mann steht am Meer, betrachtet den Plastikmüll und beklagt die deutschen Zustände, während die Welt um ihn herum zu versinken droht – so larmoyant, so tränenreich können Bestseller sein. Und das in einer Gesellschaft, die ein Bundeskanzler Helmut Kohl einmal als “Urlaubsrepublik” und “kollektiven Freizeitpark” gescholten hat. Dass der “Spiegel” den Titel aus seiner Bestsellerliste genommen hat, ist dessen ungeachtet ein geistiges Armutszeugnis, sollte eine solche Liste doch Fakten widerspiegeln anstatt sie zu filtern.

Rolf Peter Sieferle: Finis Germania. Schnellroda 2017. Gebunden, 104 Seiten, Euro 8,50.

Paternalismus, nicht Eigennutz

“Nur wer an die Macht des Teufels glaubt, kann verstehen, was sich in den letzten anderhalb Jahrzehnten in Westeuropa und Amerika zugetragen hat. Denn nur als Teufelswerk kann gedeutet werden, was wir erlebt haben. … Rausch der ‘Freiheit’! Ideologie des Liberalismus!”

Dieses Zitat von Werner Sombart ((Werner Sombart, Deutscher Sozialismus, Berlin 1934, 3.)) stammt aus den Dreissigern, dürfte aber auch heute wieder ein grosses Mass an Zustimmung finden. Und das längst nicht nur in der radikalen Linken, sondern mittlerweile ganz offensichtlich auch im bürgerlichen Lager.

Denn je mehr Menschen weltweit der Armut entrinnen, je weniger Kriege es gibt und je höher die Lebenserwartung steigt, mit einem Wort: je erfolgreicher die Marktwirtschaft in der Welt, desto schriller die Töne ihrer Verächter. Es ist wieder soweit. Oder hat es jemals aufgehört? In blindem Furor gegen alles, was nach Ökonomie riecht, schreibt der Frank Schirrmacher von der FAZ gegen die “Ökonomisierung von allem und jedem” an womit er auch die sog. Nudge-Theorie in Verbindung bringt.

Tatsächlich firmierte die vor allem mit den Namen Richard Thaler und Cass Sunstein verbundene Nudge-Theorie anfangs unter dem Begriff “libertärer Paternalismus“. Wohl um die Bevormundung, die immer um eines höheren Gutes willen vonstatten geht, zu verschleiern, wurde der Begriff des “nudge” benutzt. Und sicherlich auch aus kommerziellen Gründen. Paternalismus, mit dem Zusatz “libertär” versehen oder nicht, ist jedenfalls das genaue Gegenteil der Idee von einer auf schierem Eigennutz basierenden Welt.

Die Prediger wider die Marktwirtschaft haben auf solche Details freilich noch nie Rücksicht genommen. Begriffe wie Rationalismus, Konsum, Geld und Gewinn sind ihnen ein solches Greuel, dass ihnen die Fähigkeit zum analytischen Denken in Überschallgeschwindigkeit abhanden kommt. Doch wem der Markt zuwider ist, der muss auch wissen, worin die Alternative besteht.

Der grosse Ökonom Ludwig von Mises hat zu recht darauf hingewiesen, dass das Leitprinzip der Marktwirtschaft das Gewinnmotiv sein mag – in der Zwangswirtschaft ist es die Disziplinierung. ((L. v. Mises, Die Bürokratie, Sankt Augustin 1997 [Orig.: Bureaucracy, New Haven 1944], 95, zit. nach ders., Logik der Freiheit, hg. von R. Baader, Thun 2000, 198.)) Wir haben die Wahl.

Zu früh gefreut?

Als ich von dem Buch “Wir neuen Deutschen” hörte, war ich sofort begeistert. Endlich einmal Menschen migrantischer Herkunft, die – ohne diese zu verleugnen – sich offensiv zu Deutschland als ihrer Heimat bekennen. Die Deutschland trotz seiner Fehler als Chance begreifen, zumindest als Herausforderung. Die für sich in Deutschland mehr Vorteile als Nachteile sehen.

Dachte ich. Sofort wurde ich Facebook-Fan (ohne das Buch gelesen zu haben – ich rasender Irrer.) Doch offenbar hatte ich mich zu früh gefreut. Deutsch ist der Kulturpessismismus der drei Autorinnen nämlich ganz bestimmt. So war der Auslöser, “Wir neuen Deutschen” zu verfassen, allen Ernstes: Wut. Aus einem Interview mit dem Deutschlandradio:

Wut auf einen Diskurs, der über unsere Köpfe hinweg geführt wird – so haben wir das zumindest empfunden (…) –

Ich finde, es fehlt ein Wort der Anerkennung darüber, in was für einer Situation migrantische Familien sich oft befinden. –

Man soll also wirklich so wenig wie möglich auffallen, und das ist eigentlich ein zutiefst verstörender Vorgang (…)

Ihr seid der Wahnsinn! möchte man den drei Autorinnen da nur noch zurufen. Und wieder bricht ein neuer Tag an auf dem Planeten Deutschland.

[Aus dem Archiv.]

Gebühren versenkt

Unser Lieblingssender Arte hat etwas ganz Unerhörtes im Programm. Aus einer Ankündigung:

Der Neo-Liberalismus in der Wirtschaftspolitik hat im Verlauf der letzten 30 Jahre die Banken immer mächtiger werden lassen. Profit hat oberste Priorität, statt Investitionen bestimmen Spekulationen die Geschäfte. Dabei gerät die Politik immer mehr unter den Einfluss omnipräsenter Finanzmanager. Wird die gegenwärtige Finanzkrise daran etwas ändern?

Zumindest an der Wahrnehmung von Wirtschaft wird sich nichts ändern. Denn der Neo-Etatismus in der Rundfunkpolitik hat im Verlauf der letzten 30 Jahre die öffentlich-rechtlichen Sender immer einseitiger werden lassen. Staatliche Alimentierung hat oberste Priorität, statt Vielfalt bestimmt Ideologie die Geschäfte. Dabei geraten die Inhalte immer mehr unter den Einfluss omnipräsenter Wichtigtuer – weswegen sich auch die gegenwärtige Bildungskrise nur verschärfen wird.

[Aus dem Archiv]

Intellektuellenland

… ist abgebrannt. Klagen, dass in gesellschaftlichen Fragen der Spezialist an die Stelle des Intellektuellen getreten sei (oder zu treten drohe), wirken merkwürdig aus der Zeit gefallen. Der hohe Grad an Alphabetisierung und die heute leichter als vor ein- oder zweihundert Jahren zu erwerbende Bildung sind der Grund dafür, dass dem Intellektuellen die Kontrastfolie massenhaften Unwissens abhandengekommen ist. Auch ist seit Leibniz die Zeit des Universalgelehrtentums nun einmal vorbei. Schlechte Nachrichten sind das nicht.

Das zu akzeptieren fällt vielen Intellektuellen freilich schwer. Bescheidenheit nämlich ist ihre Stärke nicht. Da war Karl Popper noch aus anderem Holz geschnitzt. Feststellen zu müssen, dass Xenophanes seine Erkenntnistheorie um 2500 Jahre vorweggenommen hatte, lehrte Popper, wie er selbst sagte, bescheiden zu sein – nur um anschliessend zu erfahren, dass auch auch die Idee der intellektuellen Bescheidenheit vor fast ebenso langer Zeit vorweggenommen wurde.[1] Bleiben wir also auf dem Teppich.

  1. Karl Popper, Die Welt des Parmenides. Der Ursprung des europäischen Denkens, hrsg. von Arne F. Petersen, München 2001, 100.
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