Im Haifischbecken

Spähaffäre und kein Ende: Politik und Medien scheinen zur Zeit kein grösseres Problem mehr zu kennen (nachdem dem medial aufgeblasenen Skandälchen um den Limburger Bischof die Luft ausgegangen ist). Dabei ist fraglich, ob die ganze Empörung um die NSA irgendetwas bringt, wenn sie nicht ohnehin gar kontraproduktiv ist.

Denn wir leben in einer Welt, in der sich gewaltbereite, extremistische Gruppen nicht mehr so leicht unterwandern lassen. Das gilt für rechtsextreme, aber vielleicht noch mehr für islamistische Zellen. Wenn einige bis dahin unbescholtene Extremisten eines Tages beschliessen, ein Bombenattentat im Namen ihrer Ideologie zu planen, dann wird kein Geheimdienst in der Lage sein, diese Zelle mit V-Leuten zu infiltrieren – eben weil niemand sie auf dem Radarschirm hat. „Im Haifischbecken“ weiterlesen

Parallelwelten

Was an der Wahrnehmung und Diskussion der Ereignisse im Iran immer wieder auffällt, ist, dass westliche Intellektuelle und iranische Exilanten in zwei verschiedenen Welten leben. Oder haben Sie schon einmal etwas von Journalisten wie Ali Reza Nourizadeh oder Elahe Boqrat gehört? Vielleicht von Wissenschaftlern wie Ali Mirfetros, Jalal Matini, Ali Mirssepassi, Bahram Choubine oder Abbas Milani? Oder von Aktivisten wie Ladan Borumand, Nasrin Sotoudeh oder Nadia Shahram? Kennen Sie den Fernsehsender Manoto?

Wenn nicht, dann sind Sie bestimmt kein Iraner. Von der westlichen Öffentlichkeit unbemerkt hat sich schon längst eine persischsprachige Kommunikations- und Lebenskultur in der Diaspora gebildet, die sich kaum für das Steckenpferd so vieler nicht-iranischer Intellektueller interessiert, nämlich das Projekt eines Reformislam bzw. einer reformierten Islamischen Republik, deren Exponenten Mohsen Kadivar, Abdolkarim Soroush oder Shirin Ebadi heissen. Solche Leute mögen eine gewisse Anhängerschaft haben, doch in der iranischen Gemeinde sind sie weitaus weniger populär, als manch einer im Westen denken mag.

Das korrespondiert mit der Tatsache, dass der Zuspruch zur Religion gerade unter Iranern erstaunlich gering ist – jedenfalls im Vergleich mit Muslimen anderer Herkunft. Nach der Studie “Muslimisches Leben in Deutschland” des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge von 2008 bezeichnen sich stolze 55% der Iraner als “eher nicht gläubig” oder “gar nicht gläubig” und 75% halten sich nicht an die islamischen Speisevorschriften – Spitzenwert unter allen Einwanderern aus islamischen Ländern. Nur eine Minderheit von knapp unter 50% der Iranischstämmigen bezeichnet sich überhaupt als muslimisch.

Nicht wenige sind offenbar zum Christentum konvertiert. Gegenstand des Stolzes so vieler Iraner sind Traditionen, die häufig einen vorislamischen Ursprung haben, darunter das Nowruz-Fest, das im Iran unter den Argusaugen der Obrigkeit begangen wird, in der westlichen Diaspora dagegen ganz ungehemmt. Treffpunkt der weltweit grösste Nowruz-Party ist mittlerweile übrigens Oberhausen geworden, sonst  keine Stadt, die mit irgendetwas aufbieten kann, was in der Weltliga spielt. Was für Nowruz gilt, gilt allgemein für Kunst und Kultur, deren Pflege und Weiterentwicklung grösstenteils ausserhalb des Irans zum Zuge kommen.

Freunde des Dialogs sollten darüber einmal nachdenken, bevor sie sich auf Völkerverständigungsübungen mit Leuten einlassen, die dem Teheraner Regime nahestehen.

Dementi

Es ist verblüffend, mit welcher Hartnäckigkeit selbst unversöhnliche Islamisten im Westen häufig zu moderaten Dialogpartnern verklärt werden. Ein kurzer Blick zurück: Als vor fünf Jahren der damalige iranische Präsident Ahmadinejad seinen Vertrauten Esfandiar Rahim Mashaie zu seinem Stellvertreter machen wollte, wurde das im Westen von nicht wenigen Analysten mit Verzückung aufgenommen.

Weil Mashaie gegenüber Israel und den USA sehr wohlwollende Töne angeschlagen und sein Land einen Freund der Israelis genannt haben soll, habe sich Ahmadinejad mit dessen Ernennung gegen die Hardliner des eigenen Regimes positioniert, schrieb damals eine deutsche Zeitung, während der Direktor eines Berliner Thinktanks von einer nicht zu unterschätzenden Signalwirkung sprach.

Sollte es möglich sein, dass die Regierung Ahmadinejad, aller sonstigen Rhetorik zum Trotze, sich mit der Existenz Israels insgeheim abgefunden hatte? Immerhin hatte Ahmadinejad seinem Stellvertreter Rückendeckung gegeben, als dieser sich heftigen Attacken im Parlament ausgesetzt sah. Doch schon kurze Zeit später trat Mashaie an die Öffentlichkeit und dementierte.

Alles sei ein Missverständnis, beteuerte er in einem Interview mit der Zeitung “Kargozaran”, tatsächlich habe er nur Sympathie für die Menschen ausdrücken wollen, die unter israelischer Besatzungsherrschaft lebten. Israel bezeichnete er als eine “Krebsgeschwulst”, deren Verschwinden unumgängliche Voraussetzung für einen Frieden im Nahen Osten sei. Maschai befand sich damit ganz auf der Linie seines Präsidenten, in dessen Äusserungen im Westen immer wieder gute Absichten hineingelesen wurden.

Natürlich kann man nicht ausschliessen, dass auch Extremist einmal moderate Töne anschlägt und sich ein Saulus zum Paulus wandelt. Das erklärt allerdings nicht die Gutgläubigkeit, mit der Äusserungen, die Anlass zu Skepsis sind, leichtfertig für bare Münze genommen werden. Tatsächlich ist der Islamischen Republik der Hass auf den jüdischen Staat ins Fundament gegossen, und ebenso den militanten Organisationen Hamas und Hisbollah.

Gerade von der Hisbollah haben westliche Analysten immer wieder einmal behauptet, dass man sie nur parlamentarisieren müsse, damit sie ihre Militanz aufgebe und eine konstruktive Rolle im Nahen Osten einnehme. Von namhaften Vertretern der Organisation wurde das jedoch dementiert. Darum sind die von Israel besetzten Shebaa-Farmen im Süden des Libanon auch nur ein Vorwand, warum die Hisbollah sich bis an die Zähne aufrüstet.

So hatte Ali Ammar, Abgeordnete der Hisbollah im libanesischen Parlament, keinen Zweifel daran gelassen, was sich ändern werde, sollte Israel sich von den Shebaa-Farmen zurückziehen: Gar nichts. Die Waffen der Hisbollah, verkündete er, sind Waffen, “die bleiben, bleiben, bleiben.” Die in westlichen Medien umlaufende Behauptung, dass die Hisbollah nur solange unter Waffen stehe, wie sie ihr Ziel einer vollständigen Befreiung des Südlibanon noch nicht erreicht habe, dementierte Ammar ohne Wenn und Aber.

Auch andere hochrangige Vertreter der Hisbollah hatten stets deutlich gemacht, dass eine Entwaffnung ihrer Organisation gar nicht zur Debatte steht. Die Fürsprecher der Hisbollah im Westen hindert das jedoch nicht daran, dieser eine angebliche Flexibilität und einen vermeintlichen Pragmatismus zu attestieren. Der Parlamentsabgeordnete Muhammad Raad, ebenfalls Hisbollah-Funktionär, erklärte in aller Öffentlichkeit, dass die Hisbollah niemals ihre Waffen niederlegen werde.

Nicht nur unter den Nahostspezialisten ist diese Haltung häufig anzutreffen. Auch in den zahlreichen Dialogveranstaltungen, die seit langem Konjunktur haben, zeigt sich ein übermächtiger Wunsch nach Verständigung, demgegenüber die nüchterne Analyse dessen, was im Nahen Osten geschieht, zusehends ins Hintertreffen gerät. In Wahrheit jedoch gründet die Hoffnung, mit Islamisten einen Dialog führen zu können, zumeist auf Projektionen von westlicher Seite.

Das zeigt auch das Beispiel der Hamas. Im Jahre  2006 war die Nachricht um die Welt gegangen, dass die Hamas im sog. “Gefangenendokument” einer Zwei-Staaten-Lösung für Palästina zugestimmt habe. Hier hätte man schon skeptisch sein müssen. Denn im Dokument selbst ist nur davon die Rede, dass der Schwerpunkt des “Widerstands” fortan auf den besetzten Gebiete liegen solle. Von einer Zwei-Staaten-Lösung und damit impliziten Anerkennung Israel war keine Rede. Doch genau das wurde im Westen kolportiert.

Die Hamas dementierte eine mögliche Anerkennung Israels. Mahmud az-Zahar, hochrangiges Mitglied der Organisation, hatte vor seiner Ernennung zum Aussenminister öffentlich seinen Traum geäussert, dass nach Gaza auch Haifa und Jaffa aus der Hand der “zionistischen Besatzer” würden. Nach seiner Ernennung zum Minister sprach er von seinem Traum, sich “eine grosse Karte an die Wand meines Hauses in Gaza zu hängen, auf der es kein Israel gibt.” Unumwunden gab er zu, dass es Ziel seines Kampfes sei, einen islamischen Staat zu schaffen, der ganz Palästina umfasse. Wohlgemerkt, dies war alles noch vor dem israelischen Einmarsch im Gazastreifen 2006.

Wie der Iraner Rahim Mashaie blieb sich Mahmud az-Zahar auch als Minister treu. Die Parlamentarisierung der Hamas keineswegs zu ihrer Pazfizierung geführt. Wie alle islamistischen Gruppierungen bilden Militanz und der Hass auf Israel reinen Selbstzweck. Da der im Westen so häufig anzutreffende Glaube an das Gute im Extremisten jedoch unerschütterlich ist, sehen diese sich immer wieder gezwungen, ihr ungewollt positives Image gegenüber westlichen Medien zu dementieren.

Dies war auch der Fall, als vor Jahren die Meldung verbreitet wurde, Ahmadinejad habe bei einem Besuch in Saudi-Arabien zugesagt, die Friedensinitiative des Arabischen Gipfels in Beirut 2002 zu unterstützen. Die iranische Regierung reagierte mit einem deutlichen Dementi. Die Meldung stellte sich schliesslich als Irrtum einer saudischen Nachrichtenagentur heraus. Entsprechende Meldungen sollten folglich erst eingehend überprüft werden, bevor man sie verbreitet.

Das führt zu der Frage, warum es überhaupt zu diesen Missverständnissen kommt. Die tiefere Ursache dieser Einstellung liegt offensichtlich in einem westlichen Paternalismus und Unwillen, in Muslimen etwas anderes zu sehen als die ewigen Opfer westlicher Arroganz. Damit werden die Vertreter eines dschihadistischen Islamverständnisses allerdings zu Stimmen der Unterdrückung aufgewertet.

Dialogveranstaltungen haben Konjunktur, seitdem das Schlagwort vom “kritischen Dialog” erstmals 1992 in die politische Debatte geworfen wurde. Damals war mit diesem Begriff ein neuer politischer Kurs der EU gegenüber dem Iran etikettiert worden. In den Schlussfolgerungen des Europäische Rates am 12. Dezember 1992 in Edinburgh heisst es: “Angesichts der Bedeutung Irans in der Region bekräftigt der Europäische Rat seinen Standpunkt, dass ein Dialog mit der iranischen Regierung geführt werden sollte.” Ausdrücklich festgestellt wurde, dass dieser Dialog ein “kritischer” zu sein habe.

Damit war schon das ganze Wesen des kritischen Dialogs umrissen: Er ist ein Weg ohne Ziel, darauf angelegt, allen Beteiligten ein gutes Gefühl zu vermitteln. Darum gehen ihre Befürworter auch gerne auf Äquidistanz zu den Konfliktparteien im Nahen Osten. Und darum halten sie eine israelische Atomwaffe für ebenso bedrohlich wie eine iranische. “Man kann doch nicht sagen: Wir, die guten Nationen in der Welt, verfügen über Nuklearwaffen, aber die bösen Nationen dürfen keine haben”, empörte sich Linke-Politiker Oskar Lafontaine seinerzeit während einer Haushaltsdebatte im Bundestag.

Äquidistanz beruht jedoch auf einer Täuschung, weswegen es bei ihr nicht bleibt. Sie ist lediglich der erste Schritt, um die Kausalkette umzukehren. Dann heisst es: Der Iran rüstet auf, weil er sich von Israel bedroht sieht. Der Aggressor wird zum vermeintlichen Opfer. Vergessen werden die Opfer des iranischen Regimes im eigenen Land. Der amerikanische (zur Linken gehörige) Journalist Danny Postel wurde von den iranischen Intellektuellen, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten, mit denen er der nach eigenen Angaben hunderte von Gesprächen geführt hat, immer wieder gefragt, warum die amerikanische Linke so gleichgültig gegenüber dem Kampf der iranischen Bevölkerung sei.

Dieser Kampf geht weiter, auch wenn die iranische Bevölkerung vorläufig zermürbt scheint. Skepsis ist also angebracht, wenn – wie jüngst geschehen – die Nachricht verbreitet wird, Irans neuer Präsident Hassan Rouhani habe über “Twitter” den Juden Irans und der Welt Grüsse zum Neujahrsfest Rosh Hashana ausgerichtet. Rouhanis Büro hat die Existenz eines “Twitter-Accounts” jedenfalls sofort dementiert und deutlich gemacht, dass offizielle Verlautbarungen nur über das Büro erfolgten.

Dessen ungeachtet glaubt ein deutscher Kommentator zu wissen, dass Rouhani nicht nur der Urheber der Neujahrsgrüsse, sondern eine “grundsätzliche atmosphärische Veränderung” im Iran zu beobachten sei.  Zudem habe Rouhani die Rückendeckung des Revolutionsführers Khamenei und damit erheblichen Spielraum. Einmal abgesehen davon, dass nicht ganz einsichtig ist, warum Rouhani trotz Unterstützung von oberster Stelle vor “Hardlinern im Lande” zurückstecken sollte, ist allerdings zweifelhaft, ob Khamenei an einem versöhnlichen Kurs überhaupt gelegen ist.

Khamenei nämlich, der dieser Tage in einer Rede dazu aufrief, die Spaltung in der Islamischen Welt zu überwinden, da sie nur dem “usurpatorischen zionistischen Regime” nütze, bleibt sich aussenpolitisch treu. Die Feinde des Islam, so Khamenei, hätten takfirische (d.h. anti-schiitischer) Gruppen und pseudo-islamische Medien in die Welt gesetzt, um die Zwietracht unter den Muslimen weiter anzufachen. Hinter den “Kriegsdrohungen der USA” gegen Syrien, so erklärte er, stünde nichts weiter als die Interessen der “Zionisten und Grosskapitalisten”.

Das sind in der Tat ganz neue Töne, die da aus Teheran kommen und gewiss untrügliche Anzeichen einer “atmosphärischen Veränderung”. Aber alle Dementis können den Glauben so vieler westlicher Kommentatoren an das Gute in den Diktaturen des Nahen Osten nicht erschüttern.

Die Lust am Tabubruch

Unter dem Titel “Das Undenkbare denken” will ein Werner Sonne in der FAS von heute mit dem abgedroschensten aller Argumente – “weil Deutschland durch den Holocaust untrennbar mit dem Staat der Juden verbunden ist” – den Druck auf Israel erhöhen, um Frieden im Nahen Osten zu verwirklichen und “deutsche Soldaten an der Grenze Israels” zu stationieren – natürlich allein “zum Schutz des Staates der Juden.”

Woher kommt eigentlich diese Obsession so vieler Deutscher für Israel und den Nahostkonflikt? Syrien brennt, Ägypten ist im Aufruhr, Iran entwickelt Nukleartechnik mit möglicherweise zerstörerischen Zielen – egal! Erde an Sonne (Wortspiel nicht beabsichtigt): Friedensgespräche finden bereits statt. Trotzdem soll Druck auf Israel ausgeübt werden – und nur auf Israel. Wozu? Für Palästinenser ist die Missachtung der Menschenrechte eine Gefahr, die eher von der Hamas ausgeht als vom jüdischen Staat.

Falls es die Siedlungen im Westjordanland sein sollten, die Sonne Kopfzerbrechen bereiten: diese werden ohnehin überwiegend in Arealen gebaut (s. auch hier), die im Falle eines Friedensfahrplans zu Israel gehören werden. Die verbleibenden Siedlungen östlich des Sicherheitswalls werden später wahrscheinlich aufgelöst. Sie sollten also kein Hindernis für den Frieden sein. Unterdessen vertritt mit Mahmoud Abbas ein Präsident die Palästinenser, dessen Amtszeit vor fünf Jahren abgelaufen ist.

Ich fürchte, diese Lust am Tabubruch (“das Undenkbare denken”) in Verbindung mit dem Wunsch, Deutschland als Ordnungsmacht im Nahen Osten zu installieren, ist noch nicht einmal als Satire gemeint.

Warum Ägyptens Kirchen?

Das ägyptische Militär greift hart gegen die Mursi-Sympathisanten durch. Mehr als 500 Tote sind das Ergebnis. Bei den Unruhen gerieten immer wieder auch Kirchen in Brand, was wohl auf das Konto der Muslimbrüder geht. Aber warum? Warum werden gerade Kirchen angezündet?

In einem Beitrag für “Middle East Online” macht Mohammed al-Hamamsi im wesentlichen zwei mögliche Motive aus: Zum einen wäre denkbar, dass Christen geradezu zwangsläufig ins Visier geraten, weil die Muslimbrüder überall einen Krieg gegen den Islam am Werk  sehen. Auch sollen die Christen nicht abseits stehen, während Muslime mit Muslimen zusammenstossen.

Mittlerweile soll es schon mehrere Fatwas geben, die den Krieg gegen Christen zur Pflicht eines jeden Muslims erklärt haben (wobei unklar ist, wie einflusssreich die Verfasser dieser Fatwas sind.) Auch gab es schon Anschuldigungen, dass Kirchen als Waffenlager missbraucht würden. Diese Anschuldigungen sind sicherlich aus der Luft gegriffen, aber sie liefern das Motiv für Brandanschläge auf Kirchen.

Das zweite mögliche Motiv besteht darin, dass mit den Brandanschlägen auf Kirchen auch eine Warnung an den Westen gerichtet, bzw. dieser unter Druck gesetzt werden soll – nach dem Motto: wenn der Westen nicht auf unserer Seite ist, werden es nicht nur Kirchen sein, die Anschlägen zum Opfer fallen. Anders gesagt: Solange der Westen uns nicht beisteht, müssen die Christen daran glauben.

Dieser Schuss könnte freilich nach hinten losgehen und den Westen dazu veranlassen, im Militär noch das kleinere Übel zu sehen.

Siehe dazu auch diesen Beitrag auf dem Blog Beer7. (18. Aug. 2013)

Was man alles nicht braucht

In den Medien tummeln sich vermehrt Zeitgenossen, die uns erklären wollen, warum die Konsungesellschaft, wie wir sie kennen, abgeschafft gehört. Denn vieles brauchen wir doch gar nicht, obwohl uns die Werbung etwas anderes einreden will. Diese manipuliert uns und das wollen wir nicht.

Man könnte nun sagen, dass es schlimmeres gibt, als Dinge zu kaufen, die man nicht unbedingt braucht. Wer derzeit in Syrien lebt, hat ganz andere Probleme und würde vielleicht nur zu gern sein Leben in einer Ecke der Weltgeschichte fristen, in der man von Wachstumskritik leben kann. Welch ein Luxus.

In Wahrheit ist unter den Dingen, mit denen wir uns im Alltag umgeben, so gut wie nichts, was wir wirklich brauchen – zumindest, wenn wir unser physisches Überleben zum Massstab machen. Wenn es nur darum geht, den Tag zu überstehen, brauchen wir eigentlich nur sauberes Trinkwasser, Nahrung, Kleidung und einen Unterstand für die Nacht. Wenn überhaupt so viel.

Der amerikanische Physiologe Jared Diamond beschreibt in seinem Buch “Kollaps”, dass selbst auf einer so unwirtlichen Insel Südostpolynesiens wie Henderson, eigentlich ein nur dürr bewachsenes Korallenriff, Generationen von Menschen gelebt haben. Und das, obwohl es dort weder Gestein für die Herstellung von Werkzeugen gab noch grössere Bäume, um Häuser zu bauen. Allein die üppige Meeresfauna sorgte für die notwendige Nahrung und sicherte das Überleben.

Nicht entscheidend für unsere physische Existenz sind ganz sicherlich Wecker, Rotweine, Lampen, Romane, Elektroherde, Radiergummis, Duschköpfe, Fussbodenheizungen, Lederschuhe, Wasserpfeifen, Opern, Zeitungsabonnements, Telefone, goldene Füllfederhalter, Sonnenbrillen, elektrische Zahnbürsten oder sämtliche Folgen von “King of Queens” im Kühlschrank.

Trotzdem umgeben sich Menschen überall auf der Welt mit Dingen wie diesen und noch viel mehr. Warum? Vielleicht, weil wir keine Eichhörnchen, Hühner oder Fische sind. Weil es in der Natur des Menschen liegt, sich fortlaufend materiell zu verbessern. Weil wir nicht leben wollen, wie die Bevölkerung auf Henderson es getan hat, bevor ihre Welt unterging, auf der nur verzehrt, aber nichts produziert wurde.

Den Sozialpsychologen Harald Welzer ficht das nicht an. “Man ist in gewisser Hinsicht nicht mehr autonom zu entscheiden, brauche ich das oder brauche ich das nicht”, beklagt er sich und meint damit die Werbemaschine, der wir nicht entkommen können. Noch schlimmer trifft es nur noch diejenigen, die ihren Fernseher anschalten oder ihre Regionalzeitung aufblättern und mit der Ungewissheit leben müssen, vielleicht wieder auf einen Wachstumskritiker zu stossen.

Welzer ist nämlich nicht nur Sozialpsychologe, er weiss offenbar auch genau, worauf wir verzichten können und worauf nicht. Das unterscheidet ihn von der Masse derer, die unbedingt ein Produkt von Apple besitzen wollen, ohne seine Bedenklichkeitserklärung auch nur wahrnehmen zu wollen. “Warum ist es so attraktiv, zu kaufen und zu besitzen, auch Dinge, die man “eigentlich” gar nicht braucht?” ist die Frage, die ihn umtreibt.

Welzers Antworten mögen ausfallen wie auch immer: Lesen wird seine Gefolgschaft sie am Rechner, auf dem E-Reader oder als Buch, bestellt bei Amazon. Dinge, die man eigentlich gar nicht braucht – typische Aporie der Fortschrittsfeinde. Mögen diese sich den Kopf darüber zerbrechen. Die Welt wird nicht daran zugrundegehen, dass Menschen Dinge erwerben, die sie eigentlich nicht brauchen. An einer Tugenddiktatur schon eher.

 

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