Wirtschaft ohne Wachstum

Alles ganz freiwillig: Harald Welzer, Bestsellerautor und Sozialpsychologe, denkt über die Zukunft des blauen Planeten nach, was an sich keine schlechte Sache ist. Weil Welzer allerdings zur Überzeugung gereift ist, dass die “globalisierte Wachstumswirtschaft” das gute Leben nicht offeriert, sondern zerstört, müssen alternative Modelle des Wirtschaftens her. Wie also mag die Zukunft aussehen? Welzer verrät es im Gespräch mit der Taz:

Woran es fehle, wäre nach Harald Welzer sehr simpel zu benennen: gesellschaftlicher Druck, der die Dinge des schlechten Lebens ändert. Könnten Verbote nicht viel wirksamer sein? Welzer gibt zu: “Ja, klar sollten SUVs verboten werden, diese Kampfwagen gegen das Weltklima.” Allein: Noch fehle es an allgemeiner Akzeptanz für eine solche strikte Politik.

Darum also geht es: Der “allgemeinen Akzeptanz” für eine Politik den Boden zu bereiten, die den einzelnen noch stärker diszipliniert und anleitet. “Entwöhnung kann auch guttun”, findet Welzer. Wer freiwillig auf Wohlstand verzichtet, wird auch noch auf mehr verzichten. Doch keine Angst: die Demokratie darf bestehen bleiben, sind doch Diktaturen wie die chinesische zu unflexibel, “um unter großem Veränderungsdruck zu steuern.”

Da sind wir aber froh.

No thinko

Michael Kreutz · September 18, 2007

“Wer Globalisierung sagt, redet also von einem dynamisierten und komfort-animierten artifiziellen Kontinent im Weltmeer der Armut, wenngleich die dominierende affirmative Rhetorik gern den Anschein erweckt, das Weltsystem sei seinem Wesen nach all-inklusiv verfaßt” schrieb einmal der Philosoph Peter Sloterdijk, womit er ein prächtiges Beispiel für die in seinem Milieu herrschende Vorverurteilung des Marktes abgibt. Zahlen, Daten, Fakten – das haben wir ja alles gar nicht nötig.

Andere wiederum kleiden ihren “globalisierungskritischen” No-Brainer in eine peppige Jugendsprache, womit vor allem der No-Logo-Göre Naomi Klein bislang grosser Erfolg beschieden war. Nur irgendwie scheint auch hier die Luft raus zu sein, wie folgendes Interview in der “Zeit” zu Tage fördert:

ZEIT online: Sie starten mit einem eindrucksvollen ersten Kapitel, in dem Sie Folteropfer vorstellen, und es läuft einem kalt den Rücken herunter. Macht Ihre Leser bereit, ebenso schlimm über die ökonomischen Schocks zu denken, die Sie auf den Seiten danach beschreiben.

Naomi Klein: Das war so sicher nicht geplant. Ich wollte eine menschliche Geschichte voranstellen, bevor so viel trockenes Zeug folgt, über Hyperinflation und so weiter. (Pause) Ich wollte, dass diese Geschichte einen menschlichen Zugang zu diesem Thema eröffnet. Aber ich kann schon nachvollziehen, was Sie sagen.

Das muss man wirklich im Ganzen gelesen haben. Schöner hat sich die bramabarsierende Hirnlosigkeit der westlichen Anti-Markt-Intelligenzija noch selten zerlegt. (Wobei ich gestehen muss: Ihre Hilflosigkeit macht Frau Klein sehr menschlich und damit beinahe schon wieder sympathisch.)

Dass sie die Chavez-Linke in Südamerika anhimmelt, hat schon etwas Tragikomisches: Einer Pew-Umfrage zufolge bevorzugen 72% der Venzolaner das Leben in einer freien Marktwirtschaft.

[Aus dem Archiv.]

Im Irrgarten der Antiglobalisierer

Neues von der Ikone der Antiglobalisierungsbewegung, Naomi Klein: In einem Beitrag für “The Nation” schlägt sie wieder gedankliche Kapriolen der besonderen Art. Diesmal geht es um die Anschläge von London. Wer jetzt erwartet, dass Frau Klein die tiefere Ursache in der Irak-Kampagne vermutet, wird enttäuscht. So originell ist sie doch, dass sie dem Leser eine ganz besondere Erklärung bietet. Schuld am islamistisch motivierten Terrorismus ist jetzt also der britische, resp. westliche, Rassismus:

Hussain Osman, one of the men alleged to have participated in London’s failed bombings on July 21, recently told Italian investigators that they prepared for the attacks by watching “films on the war in Iraq,” La Repubblica reported. “Especially those where women and children were being killed and exterminated by British and American soldiers of widows, mothers and daughters that cry.”

Man wundert sich: Filmmaterial, das zeigt, wie britische und amerikanischer Soldaten weinende Frauen und Kinder töten, und ja: auslöschen (exterminate). Ein filmisch dokumentierter Massenmord an Zivilisten also. Warum niemand im Westen derartiges Filmmaterial zu Gesicht bekommen hat? Nun, das weiss Frau Klein sicher ebensowenig wie ihre Leser, aber da die Information von einem Terroristen stammt, hält sie sie für glaubwürdig.

Was Frau Klein offenbar nicht weiss, ist, dass mit Filmen, die Kriegsgrausamkeiten zeigen, eine regelrechte Gehirnwäsche betrieben wird, um potentielle Attentäter der islamistischen Szene aufzustacheln und für Anschläge gefügig zu machen. (Quellen hier und hier.)

Osman’s comments suggest that what propelled at least some of the bombers was rage at what they saw as extreme racism. And what else can we call the belief–so prevalent we barely notice it–that American and European lives are worth more than the lives of Arabs and Muslims, so much more that their deaths in Iraq are not even counted?

Geheuchelte Empörung. Die amerikanischen Streitkräfte mögen vielleicht die Toten im Irak nicht zählen, aber 1. dürften die meisten seit dem Sturz des Hussein-Regimes ohnehin auf das Konto der Terroristen gehen, und 2. lässt sich daraus kein allgemeines Desinteresse der westlichen Welt an den Opfern der Gewalt im Irak folgern. Wird denn nicht jeder Anschlag in den westlichen Medien gemeldet, und zwar samt Zahl der Opfer? Weiss Frau Klein das nicht auch? Wie mag sie sich dagegen wohl erklären, dass so manches ausgehobene Massengrab aus der Zeit Saddam Husseins keine Erwähnung in den westlichen Medien gefunden hat? Vielleicht, weil Todesopfer oft nur dann interessant sind, wenn die Amerikaner sie zu verschulden haben? Man fragt sich.

It’s not the first time that this kind of raw inequality has bred extremism. Sayyid Qutb, the Egyptian writer generally viewed as the intellectual architect of radical political Islam, had his ideological epiphany while studying in the United States. The puritanical scholar was shocked by Colorado’s licentious women, it’s true, but more significant was Qutb’s encounter with what he later described as America’s “evil and fanatic racial discrimination.”

Einer der von mir geschätzten Vorzüge der westlichen Welt ist es, dass sie – bei allen Fehlern – zu Selbstreflexion und Verbesserung aus eigenem Antrieb fähig ist. Auch die USA sind heute nicht mehr das, was sie noch vor einem halben Jahrhundert waren. Und wie steht es mit dem Fortschritt in grossen Teilen der islamischen Welt?

By coincidence, Qutb arrived in the United States in 1948, the year of the creation of the State of Israel. He witnessed an America blind to the thousands of Palestinians being made permanent refugees by the Zionist project. For Qutb, it wasn’t politics, it was an assault on his identity: Clearly Americans believed that Arab lives were worth far less than those of European Jews.

Flüchtlinge gibt es für die Qutbs und Kleins nämlich nur, wenn Zionisten damit zu tun haben. Dass die arabischen Nachbarstaaten Israels die eigentlichen Verursacher des palästinensischen Flüchtlingsproblems sind, interessiert Naomi Klein dagegen nicht im geringsten. Das führt Frau Klein zu einer überraschenden Schlussfolgerung:

In other words, so-called Islamist terrorism was “home grown” in the West long before the July 7 attacks–from its inception it was the quintessentially modern progeny of Colorado’s casual racism and Cairo’s concentration camps.

Naomi Kleins Irrationalismus ist ohne Mass: Die Schuld an allem trägt der Westen, auch wenn Qutb die Erfahrung der Folter, die doch sein Denken so nachhaltig beeinflussen sollte, in Ägypten gemacht hatte. Und NUR in Ägypten. Einen Bogen in die Gegenwart schlagend, konstruiert die Autorin eine gewagte Gedankenkette bis zu den islamistischen Gewalttaten der jüngsten Zeit. In einer bildreichen Sprache zeichnet sie ein wahres Armageddon auf einem globalen Schlachtfeld. Ihre Schlussfolgerung kann man nicht anders als pathetisch nennen:

As Qutb’s past and Osman’s present reveal, it’s not our tolerance for multiculturalism that fuels terrorism; it’s our tolerance for the barbarism committed in our name.

Die intellektuelle Dürftigkeit der Antiglobalisierungsbewegung ist wahrlich nichts neues. Wie sehr die Abwesenheit von folgerichtigem Denken in einen vakuumfüllenden Fanatismus zur Schau getragener Empörung mündet, die sich aus der kritiklosen Übernahme islamofaschistischer Denkfiguren speist, das zeigt Naomi Kleins Beispiel auf erschreckende Weise.

[Aus dem Archiv. Überarbeitet. Ersterscheinungsdatum genähert.]

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