Das kleine Einmaleins des Nahostkonflikts (2)

Die Ausstellung “1948” hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Staates Israel vom Ideologischen Geröll zu befreien und als legitimen Nationalstaat in der Region zu betrachten. [^1] Natürlich ist der Vorwurf der Ideologie universell verwendbar. Aber er trifft dort zu recht, wo selbst einfachste Zusammenhänge, das kleine Einmaleins des Nahostkonflikts, missachtet werden.

Einige Einwände von Kritikern aus dem Palästinakomitee Stuttgart (PAKO) mögen sogar zutreffend sein und würden sie nicht mit einer Geste der Entlarvung vorgetragen, könnte man darüber sogar in Ruhe diskutieren. Dennoch lässt sich ein ideologisches Interesse der Ausstellungskritiker nicht übersehen, das offensichtlich darin besteht, Israel ganz grundsätzlich zu delegitimieren. Die Tricks und Täuschungen, derer sie sich bedienen, sollten daher nicht unwidersprochen bleiben.

So verweist Ausstellungskritikerin Ingrid Rumpf auf die sogenannten „Neuen Historiker“, die ihrer Meinung nach die Geschichte Israels besser zu deuten imstande seien, da sie “nach Öffnung der Archive seit den frühen 80-er-Jahren eine vollkommen neue Einschätzung der Zeit um 1948 vorgenommen haben.‟ Sie verschweigt jedoch, dass diese Einschätzung nicht unwidersprochen geblieben ist: Efraim Karsh, ein exzellenter Kenner der Archive, hat zahlreiche Annahmen der Neuen Historiker bestritten und ihnen vorgeworfen, Fakten zu fabrizieren. Ein prominenter Vertreter der Neuen Historiker wie Benny Morris hat eigene Einschätzungen später revidiert.

Wenn Rumpf über Tafel 9 der Ausstellung behauptet, hier würden “ausgeleierte Vorurteile” über die Türken (Osmanen) verbreitet, dann beweist sie ihre völlige Unkenntnis von der Geschichte der Region. Unabhängig von der Richtigkeit der Annahme, ob die Türken (d.h. Osmanen) für eine mögliche Rückständigkeit der Region verantwortlich waren oder nicht, stammt diese Überzeugung gar nicht von den Zionisten, sondern war unter der intellektuellen Elite v.a. Ägyptens in der damaligen Zeit absolut gängig. Der Arabist Ulrich Haarmann u.a. haben das ausführlich belegt.

Was die Bewertung der osmanischen Präsenz in Bezug auf die Wirtschaft der Region betrifft, so sollte man vielleicht einmal zur Kenntnis nehmen, wie die Ökonomen Acemoglu und Robinson das Osmanische Reich in dieser Hinsicht beurteilen. Diesem nämlich fehlte die Struktur zur Eintreibung von Steuern, weshalb Steuereintreiber ernannt wurden, die auf eigene Faust agierten. Die Besteuerung war daher sehr hoch, reichte von der Hälfte bis zu zwei Dritteln der Agrarprodukte.

Auch die Eigentumsverhältnisse an Land waren unsicher, es gab Gesetzlosigkeit und Banditentum. Der Handel im Osmanischen Reich stand zudem unter staatlicher Kontrolle und der Arbeitsmarkt war beherrscht von Gilden und Monopolen. In ihrer Studie “Why Nations Fail” (2012) kommen Acemoglu und Robinson zu dem klaren Schluss: „[…] it was the expansion and consolidation of the Ottoman Empire, and it is the institutional legacy of this empire that keeps the Middle East poor today.”

Noch einmal in dieselbe Kerbe schlägt Rumpf, wenn sie schreibt, der “Mythos von Palästina als ödes, vernachlässigtes Land” werde von Zionisten gerne verbreitet, sei aber falsch. Natürlich war Palästina kein Land ohne Volk, eine solche Behauptung ist in der Tat falsch. Aber Palästina war doch von den arabischen Nationalbewegungen stiefmütterlich behandelt worden. Bis heute sehen viele Menschen in der Arabischen Welt Palästina als einen Teil Grosssyriens und so wäre zu erwarten gewesen, dass es für die syrische Nationalbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine grosse Rolle gespielt hat. Wie die Historikerin Dalal Arsuzi-Elamir (2003) jedoch gezeigt hat, war dies nicht der Fall.

Erst als Alexandretta (Provinz Hatay), früher ein wichtiger Hafen für Aleppo, das nach dem Willen der arabischen Nationalbewegung zu Syrien gehören sollte, unter das französische Mandat fiel und 1939 Teil der Türkei wurde, machte die herrschende Elite in Damaskus die Palästina-Frage zu einem „Problem der arabischen Nation‟ und die „zionistische Gefahr‟ zur „Gefahr, die die arabische Nation in ihrer Existenz bedroht.‟ Palästina war also ein durchaus vernachlässigtes Gebiet – und zwar von der arabischen Nationalbewegung!

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, wie ein prominenter Ägypter syrischer Herkunft, Jurji Zaydan, das 1914 von ihm besuchte Palästina beschreibt. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift al-Hilal gibt er umfassend Auskunft über den Zustand der Region, wobei sein Interesse nicht zuletzt dem Bildungssystem gilt. Sein Urteil fällt für die arabische Seite vernichtend aus, die zionistischen Anstrengungen empfahl er als Ansporn zu mehr Leistung. Palästina war also noch Anfang des 20. Jahrhunderts ein vielfach vernachlässigtes Gebiet, das ganz wesentlich von der zionistischen Aufbauarbeit profitierte.

Wer wie besagte Kritiker die ganze Ausstellung “1948” als “klägliche historische Fälschung” verunglimpft, sollte sich schon mit etwas besseren Argumenten aus der Deckung wagen. Stattdessen kommen, wie von Israelkritikern gewohnt, nur wieder die üblichen steilen Thesen, deren Fundament nicht Fakten, sondern Wortspiele sind. So behauptet ein anderer Ausstellungskritiker derselben Clique, Arn Strohmeyer, dass Israel ein “Weltanschauungsstaat” sei. Dessen Ziel bestehe darin, in “einem eigentlich von Arabern bewohnten Territorium” einen jüdischen Nationalstaat zu errichten.

“Eigentlich von Arabern bewohnt”, so steht es da. Nicht etwa: Von Arabern, Juden und anderen bewohnt. Strohmeyer arabisiert den ganzen Landstrich nach seinem Gusto, um dann Gewalt als ein dem zionistischen Vorhaben innewohnendes Element zu konstatieren – ohne offenbar irgendeine Vorstellung davon zu haben, dass sämtliche Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches ihre Aspirationen mit Gewalt durchgesetzt haben. Das waren die Spielregeln damals und wer nicht nach ihnen spielte, hatte keine Aussicht auf einen Staat.

Überhaupt verweist die verächtlich gemeinte Bezeichnung Israels als „Weltanschauungsstaat‟ auf ein grundsätzliches Wahrnehmungsproblem gegenüber dem jüdischen Staat: Israel wird von vornherein als Sonderfall in der Region verstanden, gedeutet, geschmäht. Die Frage, wieviele Juden in Palästina gelebt haben und wieviele Araber die Zionisten vertrieben oder bei Kampfhandlungen getötet haben, geht daher an der Sache vorbei. Der Zionismus ist im Kontext betrachtet kein Sonderfall, sondern die Regel: Jede Nationalbewegung hat damals versucht, für sich ein möglichst grossen Stück vom Kuchen abzubekommen und die Grossmächte Grossbritannien und Frankreich für sich einzuspannen.

Während die arabischen Nachbarstaaten Israels aber niemals ein Interesse gezeigt haben, die Flüchtlingsproblematik zu lösen, sind auf der anderen Seite des Mittelmeeres an die Stelle verfeindeter Nationalbewegungen Staaten entstanden, die sich gegenseitig anerkennen. Man sollte hier also nicht über das Stöckchen springen, das Antizionisten hinhalten, um dem Staat seine Legitimation zu rauben. Wer Israels Existenz für illegitim hält, würde, bei Anwendung gleicher Massstäbe, auch viele andere Staaten, die aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches hervorgegangen sind, für illegitim halten müssen.

Ist Griechenland also ein “Weltanschauungsstaat”? Die Türkei? Serbien? Syrien? Pustekuchen. Die Antizionisten wird es nicht anfechten. Sie haben ihr Urteil schon gefällt. Für sie ist Israel und allein Israel die grosse Anomalie der Weltgeschichte – weil sie es so sehen wollen.


[^1]: Ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass ich Mitglied im Beirat der Ausstellung bin.

Das kleine Einmaleins des Nahostkonflikts (1)

Der “Israel-Arab Reader” von Laqueur und Rubin hat über sechshundert Seiten Umfang. Man muss ihn nicht gelesen haben, um den Nahostkonflikt zu begreifen, aber wer meint, sich unbedingt zu diesem Thema äussern zu müssen, sollte es sich nicht zu leicht machen und vielleicht doch etwas tiefer in die Materie eintauchen. Schaut man sich jedoch um, was aktuell die Israel-Kritiker-Szene so umtreibt, stellt man fest, dass selbst die Grundlagen, das Einmaleins des Konflikts unverstanden geblieben sind.

So durfte unlängst an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Andreas Zumach seine ganze Unwissenheit über den Nahostkonflikt zur Schau stellen, was nur deshalb einer Erwähnung wert ist, weil dies symptomatisch für den Zustand einer Bewegung nicht zuletzt an deutschen Universitäten ist, die glaubt, man müsse Israel auf diplomatischem und ökonomischem Wege in die Knie zwingen, um einen friedfertigen und gerechten Nahen Osten zu schaffen.

Zumach glaubt etwa (ab ca. 1:24), dass ein Staat nicht zugleich jüdisch und demokratisch sein könne. In Anlehnung an Noam Chomsky versteht er “jüdisch” in Analogie zu “christlich” oder “muslimisch”, also als Adjektiv, das eine religiöse Qualität bezeichnet. Diese falsche Annahme führt Zumach dann zu dem nicht minder falschen Vergleich Israels mit dem iranischen Ajatollah-Regime, das einen islamischen Staat reklamiere.

Einmal abgesehen davon, dass das iranische Regime sich zwar tatsächlich als islamischer Staat begreift, nicht aber als Demokratie, was schon jeden Vergleich mit Israel zunichte macht, gibt es hier noch einen Unterschied auf ganz anderer Ebene. Denn “jüdischer Staat” meint keinen religiösen Staat, sondern bezieht sich auf das Staatsvolk, das dem Staat seine Legitimation verschafft.

Im Klartext: Israel ist ein Nationalstaat. Jeder Nationalstaat wurde um einer Nation willen gegründet. Das Adjektiv “jüdisch” ist hier also in Analogie zu deutsch, tschechisch, schwedisch, dänisch, griechisch, thailändisch, brasilianisch etc. zu verstehen. Traditionell versteht sich das Judentum als Volk und wer zur jüdischen Orthodoxie konvertieren will, von dem wird erwartet, dass er sich dem Volk Israel anschliesst, nicht einfach nur einer Glaubensgemeinschaft. Alles andere ist ein christliches Missverständnis.

Natürlich gibt es so etwas wie die Vorstellung vom “deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens”, doch ist dies eine Erscheinung, die es erst seit dem 19. Jahrhundert gibt. Eine solche Reduktion auf eine Glaubensgemeinschaft war dem Judentum bis dahin fremd. Das hebräische Wort für Religion (dat) ist bezeichnenderweise ein Lehnwort aus dem Persischen, der hebräische Begriff für „Judentum“ (yahadut) eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen, der in hebräischen Texten nicht vor dem 11. Jahrhundert auftaucht.

Natürlich hat jeder Jude das Recht, sein Judentum für sich zu definieren. Hier bleibt nur festzuhalten, dass der Zionismus, wie andere Nationalbewegungen auch, darauf abzielte, einen Nationalstaat zu schaffen, dessen Nominalvolk das jüdische ist. Wie andere Nationalstaaten steht aber auch der Staat Israel vor dem Problem, autochthone Minderheiten zu loyalen Staatsbürgern zu machen. In Deutschland sind es die Dänen und Sorben, die keine ethnischen Deutschen, dennoch deutsche Staatsangehörige sind, die aber auch nicht durch Selbstmordanschläge von sich reden machen.

Das alles muss man Leuten wie Zumach erklären. Sie halten Vorträge, schreiben Aufsätze und nehmen an Podiumsdiskussionen teil, geben Interviews und engagieren sich in irgendwelchen Palästina-Solidaritätskomitees – aber die grundlegenden, die allerelementarsten Fakten über Israel und den Nahostkonflikt kennen sie nicht. Dass Leute wie Zumach sich an deutschen Universitäten ausbreiten können, sagt daher auch etwas über deren Zustand aus.

In diesem Zusammenhang hört man häufig den Begriff “Ethnokratie”, der immer darauf hinausläuft, Israel mit dem Südafrika zu Zeiten der Apartheid zu vergleichen. Das ist ein grundfalscher Vergleich. Meint Ethnokratie die Entrechtung einer Ethnie durch eine andere, so trifft dies auf Israel nicht zu, denn die arabische Minderheit geniesst dort die gleichen Bürgerrechte wie die jüdische Mehrheit. Das war in Südafrika zu Zeiten der Apartheid anders, wo Schwarze eben nicht die gleichen Rechte wie Weisse besassen.

Meint Ethnokratie hingegen, dass der Staat um einer bestimmten Nation oder Ethnie willen geschaffen wurde, dann sind alle Nationalstaaten Ethnokratien. Es ist also ein unsinniger Begriff, der einzig dem Zweck dient, Fakten zu verschleiern und falsche Analogien herstellen zu können, die Israel delegitimieren sollen. Das ist typisch für “Israelkritiker”, die aber keinesfalls des Antisemitismus bezichtigt werden wollen.

Auch was das Thema Besetzung betrifft, beweist Zumach seine völlige Unkenntnis des Nahen Ostens. Er redet gerade so, als lebte er noch in den frühen 1990ern. Zur Erinnerung: Israel hält die Westbank zwar immer noch besetzt, doch leben geschätzte 99 Prozent der Palästinenser in Gebieten, die palästinensisch verwaltet werden. Israel hat diese Situation herbeigeführt, damit die Palästinenser einen Proto-Staat aufbauen und ihre Eignung zur Koexistenz beweisen können.

Des weiteren hat sich Israel im Jahre 2000 in einer einzigen Nacht vollständig aus dem Südlibanon zurückgezogen und im Jahre 2005 die jüdische Präsenz im Gazastreifen vollständig beendet. In beiden Fällen haben militante Kräfte dies für sich ausgenutzt, eine Friedensdividende hat Israel nie erhalten. Man nehme es bitte zur Kenntnis: Die Machtübernahme durch die Hamas im Gazastreifen ist Ergebnis des Rückzugs, nicht der Besetzung Israels.

Was also sollte Israel (und den Rest der Welt) veranlassen zu glauben, dass ein Rückzug aus der Westbank etwas anderes hervorbringt als noch mehr Fanatismus?

Natürlich sollen die Palästinenser ihren Staat bekommen, aber es gibt keinen Grund, dass dies um jeden Preis geschieht. Die palästinensische Selbstverwaltung krankt an repressiven und korrupten Strukturen, wie sie auch aus anderen arabischen Ländern bekannt sind, während ihr Präsident sich eines Doppelsprechs bedient, der die arabischen Massen aufheizt und den Westen beschwichtigt. Aktuell bekundet Abbas seine Bereitschaft, mit Israel über einen eigenen Staat zu verhandeln. Doch wie glaubhaft das ist und wie glaubhaft die Bereitschaft der israelischen Seite, Verhandlungen einzugehen, wird sich erst noch zeigen.

Israel-Kritiker vom Schlage eines Andreas Zumach wird es aber wohl kaum interessieren. Sie plappern und schwatzen völlig unbekümmert von den israelischen Erfahrungen mit einem Rückzug aus besetzten Gebieten und interessieren sich nicht die Bohne für die einfachsten Grundtatsachen des Nahostkonflikts. Das Judentum halten sie für eine blosse Glaubensgemeinschaft, Israel setzen sie in Analogie zu Iran und es würde nicht wundern, wenn sie Falafel für einen biblischen Propheten hielten.

Ein Treffen in Jerusalem

Hätten die Briten den Mufti von Jerusalem vor achtzig Jahren auf die Seychellen deportiert, sähe die Welt heute anders aus, denn dann wäre der unter Führung des Muftis aufkeimende islamistische Terror nie zu einem globalen Phänomen geworden. Das ist eine starke These, die der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel da aufstellt – und überaus fragwürdig. Beim Aufstieg des islamistischen Terrors sind noch andere Faktoren im Spiel, die zum Teil weit in die Geschichte zurückreichen, zum Teil jüngeren Datums sind.

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