Diese meine Feinde

Gefragt, wie Christen Kreuzzüge führen, Ketzer verbrennen und Juden verfolgen konnten, wo Jesus doch zur Feindesliebe aufgerufen habe, weiss eine evangelische Theologin (“Pfarrerstochter in vierter Generation”) im Gespräch mit dem Magazin “chrismon” nichts besseres zu antworten als: “Ich weiß es nicht. Mich macht sprachlos, dass man Gewalt sogar mit dem Christentum begründete. Das passt gar nicht zu Jesus.”

Noch sprachloser freilich macht, wenn eine Theologin die Bibel nicht gelesen hat. Denn ganz so friedfertig ist auch das Neue Testament nicht, wie viele meinen. “Meinet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert” heisst es in Mt 10:34 und in Lk 19:27 lesen wir:„Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie König würde, führet hierher und machet sie vor meinen Augen nieder!‟ Was das zweite Zitat angeht, so fällt das griechische Original noch drastischer aus, als die hierzulande verbreitete Zürcherbibel in ihrer Übersetzung erahnen lässt. Wo in letzterer von „niedermachen‟ die Rede ist, spricht der griechische Text vom “niedermetzeln” („katasfáxate!”).

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat vielleicht recht, wenn er es als eine Errungenschaft “ausgereifter Religionskulturen” bezeichnet, dass ihren Mitgliedern heute “viele Stellen aus den eigenen sakralen Büchern, aus denen der heilige Furor redet, wie peinliche Anarchismen vorkommen” ((Peter Sloterdijk, Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen, Frankfurt a.M. u. Leipzig 2007, S. 168.)) In Wahrheit aber ist es wohl eher so, dass selbst gläubige Christen solche Passagen kaum mehr kennen, was damit zusammenhängt, dass wir uns eine selektive Lesart anerzogen haben. Die oben zitierte Theologin scheint mir da ganz typisch zu sein.

Als sich das Christentum in Europa auszubreiten begann, war das religiöse Bewusstsein aber noch ein ganz anderes, wovon die Zerstörung heidnischer Tempel und jüdischer Synagogen beredtes Zeugnis gibt und es wäre eine Verharmlosung, hier von Einzelfällen zu sprechen. Die entscheidende Änderung trat erst ein, als das Christentum unter den Druck von Säkularisierung und Aufklärung geriet, um schliesslich, wie es er Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann formulierte, “so zahm und menschenfreundlich” zu werden,” wie es uns heute in der engagierten Arbeit von kirchlichen Institutionen begegnet.“ ((Jan Assmann, Monotheismus und die Sprache der Gewalt, Wien 2009, S. 15.))

Wie man theologisch damit umgeht, ob man solche Stellen des Neuen Testaments wie die oben zitierten historisiert oder sonstwie umdeutet, steht auf einem anderen Blatt. Ansonsten sollte es selbst für gläubige Menschen – es ist ja kein Geheimnis: ich selbst bin keineswegs ein Atheist oder aus der katholischen Kirche ausgetreten – keinerlei Tabu geben, die eigenen heiligen Schriften zu hinterfragen. Sie zunächst zu gelesen zu haben, ist freilich Voraussetzung.

Des Eiferers Biograph

Wahrscheinlich haben Sie es schon gesehen: Im Internet kursiert gerade ein Video, das den amerikanischen Publizisten Reza Aslan im Interview mit dem Fernsehsender Fox zeigt. Weil die Moderatorin offensichtlich mit der Tatsache überfordert ist, dass ausgerechnet ein muslimischer Autor ein Buch über Jesus schreibt, obgleich dieser im Islam als Prophet gilt,  gerät das Interview im letzten Dritten zu einem Desaster. Die Moderatorin, so hat es den Anschein, versucht geradezu verbissen, Aslan einer geheimen Agenda zu überführen, denn wenn ein Muslim ein Buch über die zentrale Heilsgestalt des Christentums schreibt, muss ja etwas faul sein. Hier also das Interview, falls Sie es noch nicht kennen sollten.

Nicht minder amüsant ist allerdings der Interviewte, von dem man wusste, dass er seine Brötchen mit Kursen über kreatives Schreiben verdient und in seiner Freizeit ein apologetisches Buch über den Islam geschrieben hat. Nun erfahren wir, dass Aslan auch ein ausgebildeter Religionswissenschaftler ist und damit es auch wirklich jeder begreift, weist er selbst mehrfach in der Sendung darauf hin. Auch verfügt er nach eigener Auskunft über eine “fluency in Biblical Greek”, was auch immer man sich darunter vorzustellen hat. Sein Buch über Jesus beinhaltet schon im Titel eine Provokation. Es heisst “Zealot”, auf Deutsch: Eiferer.

Man darf gespannt sein, aber die Erwartungen sollte man auch nicht allzu hoch stecken. Soweit man der Vorschau bei Amazon entnehmen kann, scheint er nur Sekundärquellen benutzt zu haben, doch das kann täuschen. In seinem Islam-Buch jedenfalls gleitet er in einen “Sumpf aus Kitsch und Apologie” ab, wie sein deutscher Rezensent moniert, und auch sonst flössen seine Publikationen wenig Vertrauen ein. Als vor zwei Jahren am Flughafen meine Augen zufällig auf das “Time”-Magazin fielen, wurde ich neugierig, weil die Titelgeschichte dem arabischen Reiseschriftsteller Ibn Battuta aus dem 14. Jahrhundert gewidmet war.

Ich kaufte ein Exemplar und las. Autor der Geschichte war Reza Aslan, der seiner Leserschaft die Vorstellung nahezubringen versuchte, dass sein Held Ibn Battuta, der bis nach China gekommen sein soll, in einer Welt gelebt hat, die nicht minder globalisiert war als die heutige. Wir Westler, so der Basso continuo, bildeten uns ein, dass erst mit uns die Globalisierung auf dem Planeten Einzug gehalten habe, doch war die Islamische Welt schon 700 Jahre vor uns auf diesem Stand. Das ist nicht ganz abwegig, doch ist Ibn Battuta der falsche Gewährsmann, wenn es um mittelalterliche Weltbeschreibungen aus arabischer Sicht geht.

Was die Leser von Aslans Geschichte, die bis heute im Internet zu finden ist, nämlich nicht erfuhren, ist dies: Ibn Battuta war, nach allem was wir heute wissen, wohl ein Schwindler. Die meisten der von ihm geschilderten Gegenden hat er offenbar nie selbst bereist. Durch genaue Textstellenanalyse weiss man mit ziemlicher Sicherheit, aus welchen Quellen er sich bedient hat. Davon erfuhren die Leser des “Time”-Magazins nichts, denn Aslan zeigte sich einmal mehr als Apologet der Islamischen Welt denn als blosser Vermittler von Fakten an ein grösseres Publikum.

Das kommt davon, liebe “Time”-Redaktion, wenn man Leute über islamische Geschichte schreiben lässt, deren Qualifikation sich darin erschöpft, Eltern aus dem Iran zu haben. Pech für alle, die ihr Geld für ein “Time”-Heft ausgegeben haben. Wir schlussfolgern: So ungeschickt die Fragestellerin sich im obigen Interview verhalten haben mag, so hatte sie doch guten Grund, seine Behauptung, er schreibe einzig als Religionswissenschaftler, Aslan nicht ohne weiteres abzukaufen.

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