Was man alles unter der Scharia verstehen kann

Welche Früchte die Jasmin-Revolution in Ägypten und anderswo zeitigen mag, wagen auch die Nahost-Experten nicht vorauszusagen, die meist nicht mehr wissen, als was man am Vortag schon in den Zeitungen lesen konnte. Aber gesetzt den Fall, die politische Zukunft all der arabischen Länder, die ihre Diktatoren abgeschüttelt haben oder noch abschütteln werden, stünde ganz im Zeichen der Scharia, wäre das nicht ein Rückschritt? Kommt darauf an, was man unter Scharia versteht, weiss eine Expertin aus Berlin:

Für viele Muslime – und zwar nicht nur die Islamisten unter ihnen – gibt es in der Tat nur die eine Scharia. In der Realität stellen wir jedoch fest, dass religiöse Autoritäten über die Jahrhunderte hinweg unterschiedliche Konzepte von Scharia entwickelt haben und unterschiedliche Einzelregelungen und dass auch in den Ländern, die von sich behaupten, die Scharia anzuwenden, unterschiedliche Varianten in die Praxis umgesetzt werden. (…) Es herrscht hier eine große Spannbreite, Muslime verstehen unter Scharia durchaus Unterschiedliches.

Und so gross ist die Spannbreite:

Problematisch bleibt die Idee der bürgerlichen Gleichheit und Freiheit, zumindest wenn hier die westeuropäische Gesellschaft des frühen 21. Jahrhunderts den Maßstab gibt. Frauen und Nichtmuslime sind nach herkömmlichem Scharia-Verständnis den männlichen Muslimen nicht in allen Bereichen gleichgestellt. In dieser Frage ist allerdings einiges in Bewegung: Politische Rechte wie das aktive und passive Wahlrecht aller Bürger unabhängig von Religionszugehörigkeit und Geschlecht werden leichter zugestanden als die völlige Gleichstellung in zivilrechtlichen Dingen. Nicht anders war es ja lange genug in westlichen Gesellschaften.

Doch wohin führt das, was da in Bewegung gerät? – Genau dorthin:

Eng bleiben die Grenzen im Bereich der religiösen, künstlerischen, akademischen und sexuellen Freiheit: Moral wird in islamischen Kreisen ganz groß geschrieben, und ihr Begriff von »Korruption« beschränkt sich nicht auf das Feld der Ökonomie. Daher ist die Geschlechterordnung im gesellschaftlichen Diskurs zentral – und nicht nur unter Islamisten.

Grosse Spannbreite innerhalb enger Grenzen: So fortschrittlich kann die Scharia sein.

Ahmadinejad und der Feminismus

Wenn Ahmadinejad sich zum Thema Feminismus äussert, ahnt man schon, was kommt. Auch dieses Mal ist das Ergebnis mindestens pythonesk. Feminismus ist nämlich nicht etwa unislamisch, ganz im Gegenteil. Der Feminismus ist nur leider korrumpiert. Und zwar durch die Zionisten.

Denn, so Ahmadinejad weiter, der Feminismus sollte doch eigentlich der Aufschrei der vom Kapitalismus unterdrückten Frau sein. Deren Aufgabe wiederum ist es, die Werte des Islam in der Gesellschaft zu verbreiten, wozu gehört, dass die Wirtschaft dem Menschen und der Gesellschaft zu Diensten zu sein hat. Zu dumm, dass die Zionisten dieser schönen Idee wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. (Wie das? – Fragen Sie besser nicht.)

Ahmadinejads eigene Frau zeigt schon einmal wacker Haltung im ideologischen Kampf gegen eine von Zionisten beherrschte Welt. Der letzte Schrei der theokratischen Revolutionsmode ist der schwarzgewandete Aufschrei gegen den Kapitalismus, sozusagen.

Integrierte Beliebigkeit

Weisen die einen auf die Beispiele gelungener Integration hin, ohne zugleich die Gegenbeispiele zu leugnen, prangern andere lieber ebendiese Gegenbeispiele an – natürlich ohne ihrerseits die Beispiele gelungener Integration zu leugnen. Wen das nicht vom Hocker haut.

Dabei sollte eigentlich niemanden wundern, warum das Schnarchthema Integration auch nach der tausendsten in den Talkshows und Feuilletons geführten Debatte nicht aus den Puschen kommt: Weil der Begriff der Integration selbst nur eine Gummiente auf dem lauwarmen Badewasser der Geschwätzigkeit ist.

Die Christianisierung der Arabischen Welt

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Viele Muslime, kritisiert Nivin, laden Andersgläubige gerne dazu ein, sich über den Islam zu informieren, ohne selbst jemals auf den Gedanken zu kommen, sich mit dem Christentum oder anderen Religionen vertraut zu machen. Nivin weiss, wovon sie spricht. Sie selbst ist vor drei Jahren vom Islam zum Christentum konvertiert.

Nachdem sie zuerst mit dem Judentum angebändelt hatte, gehört sie jetzt als Mitglied der Unitarischen Kirche zu einer Minderheit in der Minderheit. In Jordanien, wo sie übergetreten ist, kenne sie viele Muslime, die zum Christentum konvertiert seien. Man trifft sich dort in vertrauter Runde, um zu beraten, wie man sein „Coming Out“ am besten durchführt. Wie in schwulen Selbsthilfegruppen, scherzt Nivin.

Die jordanischen Behörden raten den Konvertiten zu entsprechender Diskretion – aus eigenem Interesse. Deshalb, so Nivin, hört man in arabischen Ländern so häufig von Konversionen zum Islam, nicht aber vom Islam zu anderen Religionen. Ihrer eigenen Einschätzung nach gibt es jedoch mindestens ebensoviele, die vom Islam zum Christentum wechseln wie umgekehrt.

Abbildung (c) 2010 Michael Kreutz

Aufpoliert

Was den Internetdienst Mideastwire.com von MEMRI unterscheidet, ist vor allem die Wahl der Quellen. Zentrales Kriterium ist der Publikationsort, nicht die Sprache. Im Klartext: Eine so wichtige iranische Exilantenzeitung wie die Londoner Kayhan findet in der Presseschau von Mideastwire.com keine Berücksichtigung.

Gerade im Falle nahöstlicher Diktaturen sind die inländischen Medien jedoch alle mehr oder weniger regimetreu, die wichtigsten Informationsquellen stammen von ausserhalb des Landes. Wes Geistes Kind Mideastwire.com ist, sollte damit schon hinreichend deutlich geworden sein. Jetzt hat der in Beirut ansässige Dienst noch eins draufgesetzt:

Few Arabic-language study programmes include visits with Hamas and Hizbollah officials as part of their curriculum. But at Damascus Exchange, a two-week course, access to such people is what students sign up for.

“Getting a chance to talk with Hamas was an amazing opportunity,” said Mert Karakus, a 22-year-old student from Turkey and one of 11 participants in this summer’s programme in Damascus, which is run by Mideastwire.com, a Beirut news translation service. (…)

Candid discussions with political figures were also important to Mr Karakus, who studies political economy in the US at Bates College in Maine.

“Hamas is a radical organisation that I hear about in the news,” he said. “But in the news you have a very negative image; the human element is lost. Hearing their stories, their concerns, seeing how they think, how they analyse, how they approach the situation, was what was important for me.”

Eine neue Generation von Nahostexperten begibt sich in die Startlöcher.

[Aus dem Archiv,]

Die “Taz” entdeckt die schwarze Pädagogik

Neues aus der Serie “Unerträglicher als Sarrazin sind nur seine Gegner“. Am Wochenende las man in der “Taz”:

Zu dieser “kulturell bedingten” Mentalität gehöre, dass muslimische Jungen am liebsten unter sich blieben, Frauen jeden Respekt verweigerten und ihre Lehrer gern als “Hurensöhne” titulierten.

Als Beweis zitiert Sarrazin den arabischstämmigen Berlin-Neuköllner Sozialarbeiter Fadi Saad: “Mit Kuschelpädagogik kommt man bei diesen abgebrühten Jungs nicht weiter”, sagt Saad, selbst ehemaliges Gang-Mitglied. Gleichzeitig berichtet dieser noch, dass es in Schulen im Libanon üblich sei, saubere Fingernägel vorzuzeigen – und völlig undenkbar, den Lehrer als “Hurensohn” zu begrüßen.

Offenbar gibt es doch keine Mentalität, die aus der Herkunftskultur importiert wird – sonst wäre das Verhalten der muslimischen Jugendlichen in Berlin und im Libanon ja nicht so unterschiedlich.

Einmal abgesehen davon, dass die Darstellung Sarrazins nicht eben widerlegt wird, ist bemerkenswert, dass die Generation Kinderladen autoritäre Erziehungsmethoden wie zu Kaisers Zeiten bewundert, wenn es darum geht, die Existenz probematischer Sozialisationsmuster zu verdrängen.

Sind Hamas und Hisbollah antisemitisch?

Sind Hamas und Hisbollah antisemitisch? Die Gender-Expertin Judith Butler weiss es nicht so genau. Dafür ist sie sich sicher: Bei beiden handelt es sich um progressive Bewegungen. Zumindest aus einer sehr verqueeren Perspektive.

Ich verstehe, dass es in Deutschland schwer ist, zwischen einer Kritik beispielsweise der israelischen Besatzung und Antisemitismus zu unterscheiden. Wenn Hamas und Hizbollah antisemitische Positionen vertreten, dann sind sie unbedingt abzulehnen. Doch man muss genau analysieren, ob in der Kritik Israels Antisemitismus im Spiel ist oder nicht. (…) Der einzige Grund, warum ich glaube, dass, deskriptiv gesehen, diese Gruppen unter die Kategorie »links« gehören, ist, weil sie gegen Kolonialismus und Imperialismus kämpfen.

Deskriptiv gesehen handelt es sich bei diesem verschwurbelten Käse um völkisches Denken in progressiver Uniform: Die Freiheit der Völker geht über die Freiheit des Individuums. Auch fragt sich, welchen Planeten Frau Butler eigentlich ihr Zuhause nennt, wenn sie den Traum der Hamas und Hisbollah von einer Welt ohne Israel als Kritik am jüdischen Staat deutet.

Aber weil das natürlich wieder alles aus dem Kontext gerissen ist, legt Frau Butler nach:

Ich habe mich auch gefragt, ob die Verwendung meiner gekürzten Bemerkungen über Hamas und Hizbollah nicht selbst eine Art antisemitischer Angriff war. Ich spüre in der Tat wieder meine Verletzbarkeit als Jüdin in Deutschland, wenn ich auf diese Art und Weise in den Medien diskreditiert werde. Es wäre mindestens paradox, wenn ich als queere Jüdin mich für Hizbollah und Hamas aussprechen würde, wie das in der Taz nahegelegt worden ist. Ihre Taktik, in der meine Aussagen verzerrt worden sind, hat mein Jüdin-Sein negiert und mich als eine selbsthassende Jüdin dargestellt, und in diesem Sinne wurde mir Gewalt angetan.

So findet die intellektuelle Zerrüttung ihre letzte Bestimmung in der Weinerlichkeit.

“Das grösste Aufrüstungsprogramm in der modernen Geschichte Griechenlands”

Trotz Finanzkrise leistet sich Griechenland immer noch exorbitant höhe Rüstungsausgaben, die weit über dem Vergleichwert anderer EU-Länder liegen. unter Waffen hat. Auch sind in

Griechenland 2,9 Prozent aller Erwerbstätigen bei den Streitkräften beschäftigt, während der Durchschnitt in NATO-Europa nur ein Prozent beträgt. Hintergrund ist vor allem das spezielle Verhältnis zum türkischen Nachbarn. Ein Papier des Bonn International Center vor Conversion fördert durchaus erstaunliches zutage:

Griechenland ist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von „Rüstungslücken“ sowie „strategischen Ungleichgewichten“ und „massiver Unterlegenheit“ ausgegangen, die es durch große Aufrüstungsprogramme auszugleichen versucht hat. Der damalige griechische Ministerpräsident Kostas Simitis (1996 bis 2004) rühmte sich zum Beispiel, „das größte Aufrüstungsprogramm in der modernen Geschichte Griechenlands in Gang gesetzt“ zu haben. Es sah Waffenkäufe von 1996 bis 2006 im Wert von 25 Mrd. Euro vor. Sein Nachfolger Kostas Karamanlis plante für den Zeitraum 2006 bis 2016 Waffenkäufe im Wert von 26,7 Mrd. Euro ein.

Als sich die Schuldenkrise des Landes Ende 2009 zuspitzte, war es für die dann neue Regierung unter Ministerpräsident Papandreou unumgänglich, auch an die Rüstungsausgaben heranzugehen.

Zwar, so heisst es weiter, sei “sich die griechische Regierung bewusst, dass sie angesichts des drohenden Staatsbankrotts an weiteren Kürzungen im Rüstungshaushalt sowie den Beschaffungsplänen nicht vorbeikommt.” Allerdings halte sie an “überkommenen Bedrohungswahrnehmungen” fest, weswegen sie keine Anstrengungen erkennen lässt, die Rüstungsausgaben des Landes auf den Durchschnitt der europäischen NATO-Länder zu senken.

Erotisis, apantisis

Griechische Fragen stellt Hannes Stein auf der “Achse des Guten”. Ein paar Gedanken von mir im folgenden.

War es richtig oder falsch, dass das demokratische Großbritannien sich 1940 mit Ioannis Metaxas gegen Mussolini und Hitler verbündete?

Metaxas und der griechische König Georg hatten zwar schon 1936 verkündet, dass sie im Falle eines Konfliktes auf britischer Seite stünden, doch weder blieb dem britischen Foreign Office Metaxas’ Avancen den Deutschen gegenüber verborgen, noch billigte man seine faschistischen Anwandlungen. Auf britischer Seite jedoch sah man keine Alternative zur Diktatur, nahm dies aber hin, solange Metaxas nur Premierminister von des Königs Gnaden war und man sich der Loyalität des griechischen Königs sicher zu sein können glaubte.

Georg II. schien anfangs offen für eine britische Kritik an der repressiven Politik Metaxas’, stellte sich dann jedoch entschlossen auf dessen Seite: Da Griechenland kein westliches Land und die Griechen Orientalen seien[1], würde jeder gemässigte Kurs nur als Schwäche verstanden. Gegenüber dem Präsidenten des British Council, Lord Lloyd, machte der König deutlich, dass er Metaxas für den einzigen halte, dem er die Führung des Landes zutraue.

Grossbritannien war bereit, Griechenland vor einem italienischen Vordringen zu unterstützen, vermied es jedoch, eine Garantieerklärung abzugeben, was von italienischer Seite als Provokation hätte verstanden werden können. Im Foreign Office fürchtete man offenbar die Gefahr eines Landkriegs. Das faschistische Italien sollte besiegt, Griechenland aber nicht um jeden Preis gehalten werden. Sowohl gegenüber Griechenland als auch gegenüber Rumänien liess sich Grossbritannien daher nicht zu mehr als einer vagen Absichtserklärung hinreissen, im Falle eines Angriffs Unterstützung zu leisten.

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Truman-Statue, Athen

Das britische Verhalten lässt sich durchaus rechtfertigen, zumal es, wenngleich zaghafte, Versuche gab, die Faschisierung der griechischen Gesellschaft[2] aufzuhalten. Allein, es war nicht der richtige Zeitpunkt für einen Kurswechsel: Fortgesetzte Provokationen von italienischer Seite, darunter die Torpedierung des griechischen Kreuzers “Elli”, führten dazu, dass die griechische Bevölkerung sich mit Metaxas solidarisierte.

Mussolini versuchte zwar, Griechenland zu beschwichtigen. Nur zwei Monate nach der Attacke auf die “Elli” liess er jedoch durch seinen Botschafter Grazzi dem griechischen Premier Metaxas ein Ultimatum aushändigen, Italien zu dessen Sicherheit einige Stützpunkte auf griechischem Territorium zu überlassen. Metaxas’ Nein (”Ochi”) geht in die Geschichte ein.

Wenn man Grossbritannien etwas vorwerfen kann (rückblickend lässt sich das natürlich immer leicht sagen), dann die Tatsache, dass es nicht entschlossen genug Griechenland unterstützt hat: Das italienische Vordringen bildete nämlich nur den Auftakt zur Besetzungdes Landes durch Nazideutschland (das Metaxas nicht mehr miterlebte, da er kurz zuvor verstarb). Dessen Herrschaft kostete 86% der griechischen Juden das Leben, davon 54.000 Juden aus Thessaloniki. Die Bevölkerungszahl vor der Nazizeit betrug 77.377, danach 10.226.

Weiter wird gefragt:

Was ist der Unterschied zwischen der Unterstützung für Metaxas und der Unterstützung (zumindest Duldung, Billigung) der griechischen Junta durch die Amerikaner zwischen 1967 und 1974, für die Bill Clinton später um Entschuldigung bat?

Man könnte argumentieren, dass zur Zeit der griechischen Junta Griechenlands Souveränität nicht bedroht war. Dass der Junta-Chef Papadopoulos mit dem CIA in Verbindung stand, dürfte allerdings nur die halbe Wahrheit für die Toleranzpolitik der USA gegenüber dem Regime sein. Auch das Nachwirken der Truman-Doktrin hat sicherlich eine Rolle gespielt.

Die Unterstützung für die Junta lässt sich jedoch weitaus geringer rechtfertigen als die für Metaxas. Eine kommunistische Übernahme hätte jedenfalls kaum einen neuen Holocaust zur Folge gehabt. Hinzu kommt, dass die griechische Junta mit ihrer Zypernpolitik eine türkische Invasion geradezu provoziert hatte: So liess sie durch die EOKA-B, eine faschistische Miliz, einen Anschlag auf den griechisch-zypriotischen Ministerpräsidenten Makarios verüben und versuchte dann, den Kopf der EOKA-B, Nikos Sampson, an dessen Stelle zu setzen. Auch Anschläge auf türkisch-zypriotische Zivilisten konnte die Türkei nicht hinnehmen. Es kam zur Invasion.

Wie gross die Unterstützung der USA für die Junta war, lässt sich schwer sagen. Der ehemalige, durchaus graecophile US-Botschafter in Athen, John Brady Kiesling, der wegen der Kritik an der Irakpolitik seines Landes zurücktrat, hielt die Unterstützung, soweit ich mich erinnere (Quelle gerade nicht zur Hand), wohl für eher gering. Es scheint sich im wesentlichen um einen Austausch geheimdienstlicher Informationen gehandelt zu haben. Der heutige griechische Antiamerikanismus ist jedenfalls älteren Ursprungs.

Welche Lehren lassen sich daraus für Afghanistan ziehen? Wenn die Wahl zwischen einer Militärdiktatur und einem Taliban-Staat besteht, dann spielt man beide gegeneinander aus und setzt sich in die Position des lachenden Dritten. So ähnlich hat ein anderer grosser Grieche schon einmal einen verwickelten Knoten gelöst.

Das Bild zeigt die Truman-Statue in Athen. Foto: Michael Kreutz.

 

  1. Sic! Auch das britische Foreign Office sah das so, vgl. Dan Diner, Zweierlei Osten. Europa zwischen Westen, Byzanz und Islam, in: Otto Kallscheuer, Hg., Das Europa der Religionen. Ein Kontinent zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus, Frankfurt a.M. 1996, S. 97–113.
  2. Rafailidis in seinem Buch Ιστορία (κωμικοτραγική) του νεοελληνικού κράτους, Athen 1993, S. 138, spricht davon, dass Metaxas Mussolini und Hitler nachgeahmt habe. Konzentrationslager jedenfalls gab es unter Metaxas keine.

 

[Aus dem Archiv.]

Die Zukunft der Islamwissenschaft

Schaut man sich islambezogene Veranstaltungen an deutschen Universitäten an, so drängt sich einem zuweilen der Eindruck auf, dass die Wissenschaft ihren Rang an den Dialog abgetreten hat. Nicht Expertise, sondern Herkunft und Religionszugehörigkeit scheinen häufig die entscheidenden Kriterien für die Wahl der Referenten. Wie vor einiger Zeit auf diesem Blog ausgeführt, kann man bereits in den USA sehen, wohin diese Tendenz führt.

Dazu beigetragen hat sicherlich die Ideologie des “Post-Colonialism“: Da die in ihrem Eurozentrismus befangenen Europäer den Nahen Osten und die Religion des Islam gar nicht anders als verzerrt zu sehen imstande sind, bedarf es authentischer Stimmen, um ein authentisches Bild vom Islam und den islamischen Ländern zu gewinnen. Dass ein Referent allerdings nicht dadurch zu einem Türkeiexperten wird, dass er türkischer Abstammung ist, wird gerne ausgeblendet. Oder glaubt irgendjemand, dass jeder Deutscher qua Geburt ein Fachmann für die Synode von Worms oder die Reichsversammlung zu Mainz ist?

Nur wenn es um den Islam geht, gelten eben andere Masstäbe und das heisst: Nur die Binnensicht ist über jeden Verdacht orientalistischer Eintrübung erhaben. Jedenfalls erwecken viele an Universitäten abgehaltene Veranstaltungen diesen Eindruck. Daher ist es nur folgerichtig, wenn der Wissenschaftsrat anregt, diese Tendenz institutionell zu verstetigen. Einige Islamwissenschaftler haben dagegen gewichtige Argumente vorgebracht – zu recht sehen sie die unabhängige islambezogene Forschung in Gefahr. Der Theologe F.W. Graf hat das Verhängnisvolle dieser Entwicklung treffend formuliert[1]:

Indem die (…) Differenz von wissenschaftlicher historischer Forschung und “kulturellem Gedächtnis” oder “Memorialkultur” aufgehoben wird, können neue holistische Imaginationen der Vergangenheit erzeugt werden: Die Geschichte der Muslime gehört allein den Muslimen, die des orthodoxen Judentums exklusiv orthodoxen Juden. Nur sie können die Binnenperspektive einnehmen und, gegen alle intentional verallgemeinerungsfähigen Standards kulturwissenschaftlicher Forschung, durch aggressive reading den wahren Sinn der Zeichen entziffern. (…)

Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler, die ihre Forschungen auf solche Identitätsvorgaben hin konzentrieren, verstehen sich zwar als Akteure im akademischen Feld, und die Selbstdefinition von den Opfern her hindert sie durchaus nicht daran, alle Privilegien ihres akademischen Status zu genießen. Doch will dieser neue Typus des Intellektuellen mehr, als Religion analytisch distanziert zu deuten. Daher agieren prominente Vordenker des neuen Diskurses (…) zugleich auch im religiösen und im politischen Feld und nehmen in den hier geführten Machtkämpfen eine klientelbezogene Expertenrolle ein.

Doch der Zug ist wohl schon längst abgefahren. Zur Monatsmitte hat der Wissenschaftsrat eine Tagung angekündigt, auf der die eigene Forderung, theologisch orientierte Islamische Studien an deutschen Hochschulen aufzubauen”, diskutiert werden soll.

Das Ergebnis dieser Diskussion dürfte kaum für Überraschungen sorgen. Eingeladen wurden jedenfalls überwiegend Referenten, von denen man nicht ohne Grund vermuten darf, dass sie mit der Forderung des Wissenschaftsrates konform gehen.

 

  1. Friedrich W. Graf, die Wiederkehr der Götter, München 2007, S. 241-2.
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