Soziale Kontrolle

Dass die soziale Kontrolle das Hauptproblem muslimischer Gesellschaften ist, habe ich immer wieder in Blogposts, Aufsätzen und Vorträgen hervorgehoben. Im allgemeinen hat es das Individuum in muslimischen Gesellschaften schwer; dem Mainstream zuwiderlaufende Meinungen oder Lebensstile werden schnell als Verrat an der muslimischen Gruppenidentität gebrandmarkt. Der weithin repressive Charakter dieser Gesellschaften führt zu sexueller Frustration und entlädt sich zuweilen in Gewalt, die ihrerseits in vielen Fällen mit der Religion legitimiert werden kann.

Diesen Zusammenhang zwischen Sozialstrukturen und Religion haben Forscher unterschiedlichster Fachrichtungen immer wieder beschrieben: Fatima Mernissi, Necla Kelek, Ahmad Mansour, Ahmet Toprak und viele andere sind hier zu nennen (s.a. hier und hier). Da Einwanderer die sozialen Strukturen, denen sie entstammen, nicht immer abzuschütteln imstande sind, sobald sie ihre Heimat verlassen haben,. gibt es auch hierzulande ein Problem, das unter der Oberfläche der Gesellschaft liegt und dessen Ausmasse dringend der Erforschung bedürfen, wenn wir wollen, dass die Einwanderungsgesellschaft ein Erfolg wird.

Deutsche sind jedoch ganz überwiegend unbeleckt, was diese Problematik betrifft, weil sie, wenn sie selbst keinen muslimischen Migrationshintergrund haben, von ihr nicht betroffen sind und sie auch nicht aus anderen Kontexten kennen. Deswegen tritt die öffentliche Islamdebatte schon seit Jahrzehnten auf der Stelle. Hervorragende Intellektuelle wie die erwähnten Fatima Mernissi und Ahmad Mansour mögen Beststeller geschrieben haben, aber ernsthafte Anstrengungen, toxische Sozialstrukturen bei einem Teil der Einwanderer aufzubrechen, waren bislang nicht in Sicht. Das könnte sich jetzt ändern.

Denn jetzt gibt es immerhin den Entwurf zu einer vor langem angedachten „Anlauf- und Dokumentationsstelle Konfrontative Religionsbekundung“., die sich besonders dem Phänomen der sozialen Kontrolle im muslimischen Kontext widmen soll. Der Berliner Verein DeVi (Demokratie und Vielfalt), der für die Studie verantwortlich zeichnet, prangert an, das Phänomen der sozialen Kontrolle im muslimischen Kontext viel zu lange vernachlässigt zu haben. Dabei greift man auch auf die Erfahrungen aus Frankreich zurück:

“Gerade bei jüngeren Kindern und Jugendlichen sind jedoch die Familien als Sozialisationsfaktoren keineswegs zu unterschätzen. Auch deswegen greifen rein auf Bildung angelegte Konzepte von Prävention und Pädagogik meist zu kurz. (…) Eine der zentralen Rückmeldungen aus unserer Arbeit in den vergangenen Jahren ist, dass es ungeschriebene Gesetze auf Schulhöfen gibt, besonders in Sozialräumen mit konservativen Moscheen, wo orthodoxe Religionsauslegungen die Alltagsregeln dominieren und es daher einen stark repressiven Verhaltens- und Anpassungsdruck auf Kinder und Jugendliche gibt.”

Anlauf- und Dokumentationsstelle konfrontative Religionsbekundung, Vorabversion vorgelegt für das Bezirksamt Neukölln, Dezember 2021.

Der Leiter von DeVi, Michael Hammerbacher, sagte kürzlich bei einer Tagung, dass es gerade an Schulen mit einem hohen Anteil an muslimischen Schü­le­rn „einen totalen Anpassungsdruck“ gebe, wie die “Taz” berichtet.  Natürlich setzen bei einigen wieder die üblichen Reflexe ein und wird gleich davon gesprochen, der Entwurf sei “antimuslimisch”. Aber sollte eine solche Anlauf- und Dokumentationsstelle tatsächlich gegründet werden, dürfte die Problematik der sozialen Kontrolle im muslimischen Kontext von der Politik kaum länger zu ignorieren sein.

Bullerbü

Eine neue Chiffre erobert den politischen Diskurs: Bullerbü. Denn Berlin brauche mehr Bullerbü, findet die “Grünen”-Politikerin Bettina Jarasch. Wer von Bullerbü spricht, evoziert die Kinderbücher der schwedischen Autorin Astrid Lindgren und damit die Idylle einer postindustriellen Welt mit Baumhäusern und Erdbeeren, mit Wiesen und Pferden und Blumen. So also soll Berlin werden und so soll Deutschland werden. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Wer “Bullerbü” sagt, meint auch: Ein Leben auf Kosten anderer. Tatsächlich ist Berlin führendes Empfängerland innerhalb des Bund-Länder-Finanzpakts (vormalig: Länderfinanzausgleich). Träume einer postindustriellen Welt lassen sich leicht verwirklichen, wenn reiche Länder wie Baden-Württemberg, Hessen oder Bayern zur Kasse gebeten werden.

Deswegen begeistert man sich auch beim WDR über ein deutsches Bullerbü, denn für die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich durch Gebühren finanzieren, die nicht von Markt bestimmt werden, ist Bullerbü schon längst Realität. Da ist FDP-Chef Lindner, der es gewagt hat, sich über ein deutsches Bullerbü zu echauffieren, ein leichtes Ziel.

Passend dazu wartete “Grünen”-Chefin Baerbock mit der Behauptung auf, “dem Markt sind die Menschen herzlich egal.” Nun, der Markt, das SIND die Menschen: Menschen, die kaufen und Menschen, die verkaufen. Die Alternative zum Markt ist der allmächtige Staat.

Aber echte Bullerbü-Fans sind unerschütterlich im Glauben, dass dieser besser weiss, was für die Menschen gut ist, und bestimmt wird er ihnen ein Idyll mit Wiesen und Blumen und Solarenergie bescheren, wenn man ihn nur möglichst stark macht.


Nachtrag 10. September 2021

In einem Kommentar der “WirtschaftsWoche” zur besagten Äusserung von Annalena Baerbock heisst es: “Herzlos ist nur die staatliche Planwirtschaft: Ihr sind Menschen egal, weil sie individuelle Bedürfnisse negiert, zugunsten des großen Ganzen, das von der herrschenden Kaste definiert wird. (…).”