Weltoffen und zugleich realistisch

Die Debatte um Flüchtlinge, die Frage des Asyls und Deutschlands Zukunft als Einwanderungsland wird seit Jahren schon stark ideologisch geführt und wir wären einen grossen Schritt weiter, wenn Asyl und Einwanderung nicht andauernd miteinander verwechselt würden und sich endlich herumspräche, dass Schlepper keineswegs nur kleine Gauner sind, die Flüchtlinge illegal über die Grenze bringen, sondern Kriminelle, die mit Lügen andere Menschen dazu bewegen, ihr Heimatland zu verlassen, um einer illusorischen Vorstellung vom Leben in Deutschland hinterherzujagen und dabei das eigene Leben zu riskieren.

Letzteres weiss ich aus erster Hand von Leuten, die mit Flüchtlingen zu tun hatten und auch die Bundesregierung weiss dies, versucht sie doch mit einer eigens eingerichteten Webseite Menschen zu erreichen, bevor sie sich in die Hände von Schleppern begeben. Anders als Linkspopulisten behaupten, sind die meisten Flüchtlinge eben keine, und anders als Rechtspopulisten behaupten, sind diese Menschen weder Vergewaltiger noch Attentäter, sondern tatsächlich Opfer, nämlich der Schlepper und ihrer Lügen.

Bemerkenswert ist daher der Weg, den Dänemark geht. Dessen Integrationsminister Mattias Tesfaye, ein Sozialdemokrat, betreibt einen strikten Kurs in Sachen Zuwanderung und bekennt im Interview mit der NZZ, nicht gegen Migration zu sein, diese aber kontrollieren zu wollen. Er plädiert dafür, Flüchtlinge nach humanitären Kriterien aufzunehmen, wie Dänemark dies aktuell im Falle von Kongo oder Burundi handhabt. Die Asylzahlen zu drücken, heisst daher nicht, keine Menschen von ausserhalb Europas mehr aufnehmen zu wollen.

Von einem Extrem ins andere: Graffiti in Neapel

“Unser Null-Ziel”, sagt Tesfaye, “betrifft Asylsuchende, nicht Flüchtlinge.” Denn man will “sichergehen, dass die Leute, die in Kopenhagen landen, wirklich Flüchtlinge sind, die von der Uno ausgewählt worden sind – und nicht von Menschenschmugglern.” Dazu sucht Dänemark Partnerländer mit Staaten, aus denen Menschen abwandern, um diesen Prozess zu kanalisieren. Niemand, der kein anerkannter Flüchtling oder dessen Integration nicht zu erwarten ist, wird ins Land gelassen; Flüchtlinge und Einwanderer werden aber weiterhin Zugang erhalten.

Man kann manches an dieser Politik kritisieren. Der Umgang mit syrischen Flüchtlingen gehört dazu. Aber das dänische Modell bedeutet eben auch, dass niemand mehr sein Leben Schleppern anvertrauen muss, wenn er von den UN als Flüchtling anerkannt ist oder aus wirtschaftlichen Gründen kommen will und eine hohe Integrationsbereitschaft mitbringt. Tesfaye, der nach eigenen Angaben Parallelgesellschaften und damit eine Unterwanderung der Demokratie im eigenen Land verhindern will, wirbt dafür, dass andere Länder dem dänischen Modell nacheifern. Dazu gehört auch, die Staatsangehörigkeit als Krönung einer gelungenen Integration zu verleihen, nicht vorab als Motivation.

Ob man in Deutschland schon soweit ist? Hierzulande scheinen grosse Teile der Bevölkerung Zu- und Einwanderer vor allem als Mittel zum Zweck der Selbstläuterung von den Dämonen der Vergangenheit zu betrachten. Ich sehe Einwanderung grundsätzlich positiv und möchte nicht in einer Welt leben, in der die Nationen sich voneinander abschotten, aber klar ist auch: Einwanderung bringt manchmal Probleme mit sich und ist somit etwas, das gestaltet werden muss. Weltoffen sein und zugleich realistisch – Dänemark könnte hierbei wichtige Impulse setzen

Der letzte Christentumskritiker

Quod non est excellentior status, quam vacare philosophiae – “Es gibt keine ausgezeichnetere Lebensform, als sich frei der Philosophie zu widmen”, lautet die vierzigste These, die der Bischof von Paris 1277 als ketzerisch verurteilte und obgleich man heutzutage ungestraft die Religion hinauf- und wieder herunterkritisieren kann, stehen doch gerade an den Universitäten die Zeichen auf Dialog und Anschmiegung, will man doch die Religionsgemeinschaften als Akteure für den Zusammenhalt der Gesellschaft gewinnen.

Man muss aber keineswegs a-religiös oder antichristlich sein, um sich an der Kritik des Philosophen Kurt Flasch am Christentum zu delektieren (ich bin anders als jener nie aus der katholischen Kirche ausgetreten). Der hochbetagte Philosoph ist vielleicht der letzte Christentumskritiker, der so etwas wie Salz in die fade Suppe des Kulturrelativismus und interreligiösen Dialogs streut. Das Interview, das der “Deutschlandfunk” mit ihm geführt hat, ist ein intellektueller Genuss. Denn Flaschs Überzeugung speist sich aus einem intensiven und langjährigen Studium der Quellen. Das ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Halt, halt! Was will der Kritiker nur?

Die modischen “postcolonial theories”, die ihren Siegeszug quer durch die Geisteswissenschaften errungen haben und deren Vertreter historische Fakten nur noch selektiv zur Kenntnis nehmen, weil es ihnen mehr um Gerechtigkeit und Anerkennung für die Narrativen einstmals kolonisierter Völker geht als um die Erforschung historischer Zusammenhänge, sind Flaschs Sache nicht. Seine Kritik am Christentum hat denn auch weniger mit den Schandtaten zu tun, die Kirche im Laufe der Jahrhunderte auf sich geladen hat, als mit dem christlichen Glauben als solchem, wie er sich historisch entwickelt hat.

Auch an Deutschland und der deutschen Mentalität übt er scharfe Kritik, aber nicht etwa aus einer linksradikalen Ideologie heraus, sondern aus seiner persönlichen Erfahrung des Bombenkriegs, als die Menschen, wie er berichtet, noch bis kurz vor der völligen Niederlage dem Wahn verfallen waren, an einen Endsieg zu glauben. Flasch wirbt daher nicht um Verständnis, weder für die Religion noch für Deutschland. Er analysiert die Dinge und tut dies schonungslos. Damit repräsentiert er die besten Aspekte der Aufklärung.

Deren Merkmale, wie Flasch sie einmal aufgeführt hat, sind: Die Toleranzidee; ein politischer Freiheitsbegriff und ein pädagogisches Interesse. Er selbst wies darauf hin, dass schon im Mittelalter Kritik an der Jenseitsorientierung wie auch an der repressiven Sexualmoral von Kirche und Obrigkeit laut geworden war und in eine Religionskritik mündete, die vor dem Glauben selbst nicht haltmachte – daher die Verurteilung von 1277.

Einen Gelehrten wie ihn findet man selten. Man lese und geniesse das Interview!