Wie die AfD gewinnt

Der erste Eindruck war schockierend: Da wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Schwerbehinderung, Inzest und Einwanderung. Die Rede ist von der sog. Kleinen Anfrage der AfD, die kürzlich erfolgte.

Man darf wohl annehmen, dass dieser Schockeffekt beabsichtigt war. Er trägt dazu bei, die Stimmung gegen Migranten in diesem Land zu verschärfen. Die Empörung gegen die Kleine Anfrage war also nur zu berechtigt. Doch das ist allenfalls die halbe Geschichte. Zur ganzen Geschichte gehören noch ein paar Fakten, die an dieser Stelle genannt werden sollen.

Vor etwa sechs Jahren berichteten diverse Medien, von denen übrigens keinem eine rechtspopulistische Tendenz nachgesagt werden kann, über die Kampagne einer jungen Soziologin an der Universität Duisburg-Essen: Yasemin Yadigaroglu, so der Name der Soziologin, hat damals nicht nur das Problem der Verwandten-Ehen erforscht, sie hat sich auch als Aufklärerin betätigt.

„Heiraten ja. Aber nicht meine Cousine!‟ war die von ihr initiierte Postkartenkampagne betitelt. Bis heute findet sich auf der Webpräsenz der Universität Duisburg-Essen eine Pressemitteilung über die Aufklärungskampagne von Frau Yadigaroglu, die für ihr Wirken sogar mit einem Preis bedacht wurde. Dennoch hatte es die Sozialwissenschaftlerin Yadigaroglu schwer, für ihr Thema einen Doktorvater zu finden und weigerten sich auch Gender-Forscher, sich der Sache anzunehmen.

Später sollte u.a. die „Zeit‟ davon berichten, die zwar darauf hinwies, dass eine Risikoerhöhung für Kinder aus Inzestverbindungen „nicht allzu hoch‟ sei. Sie zitierte aber auch eine Stoffwechselmedizinerin und Kinderärztin, die frühzeitige Aufklärung empfahl. „Etwa 15 Prozent der Stoffwechselkranken, die sie behandelt, kommen aus Verwandtenbeziehungen. Natürlich heirateten auch deutsche Verwandte untereinander, aber mehrheitlich seien es Migranten‟ hiess es damals.

Auch die FAZ berichtete darüber. „Viele Kinder mit Erbkrankheiten stammen aus Verwandtenehen. Die sind bei Einwanderern Tradition‟ war der Text überschrieben, was schon heikel formuliert war, denn dem Inhalt kann man entnehmen, dass dies möglicherweise nur ein Problem unter Einwanderern türkischer und arabischer Herkunft ist, nicht unter Einwanderern generell.

Die „WAZ‟ schrieb seinerzeit, dass „für viele Migranten‟ Inzest „immer noch ein Tabuthema‟ und „Eheschließungen unter Verwandten‟ für sie „selbstverständlich‟ seien. Aber wes heisst eigentlich „viele‟? Anträge auf Forschungsförderung wurden jedenfalls vom NRW-Integrationsminister abgelehnt. Der hiess damals Armin Laschet und sein Haus begründete dies damit, dass keine Zahlen vorhanden sei: Weil man nicht wisse, wie häufig Inzest mit welchen Folgen auch immer sei, könne man es auch nicht fördern.

Das ist gewissermassen die Pointe: Wäre man der Problematik auf den Grund gegangen, hätte man vielleicht herausgefunden, dass Inzest bei weitem nicht so verbreitet ist, wie von Frau Yadigaroglu angenommen. Oder wäre zum Ergebnis gelangt, dass es sehr wohl verbreitet ist, um dann Frau Yadigaroglu bei ihrer Aufklärungsarbeit unterstützen zu können.

Jetzt, mit einigen Jahren Verspätung, hat sich die AfD des Themas angenommen und es, wie zu erwarten, zugespitzt. War in der damaligen Berichterstattung noch von leichten Behinderungen die Rede, spricht die AfD von „schwerbehinderten Menschen‟, und konnte man den Berichten von damals entnehmen, dass dieses Problem sich womöglich auf bestimmte migrantische Mileus beschränkt, ist in der Kleinen Anfrage der AfD nur noch pauschal von „Migrationshintergrund‟ die Rede.

Das ist perfide, aber wenn die Politik sich weigert, reale oder mögliche Probleme, die die Einwanderungsgesellschaft mit sich bringt, zu behandeln, werden sie ihr von populistischen Kräften mit umso grösserer Wucht vor den Latz geknallt. Das ist einer der Gründe, warum die AfD gewinnt.

Und so geht es weiter.

Ahmet Toprak ist ein Soziologe, der mehrere Bücher über die türkische Community in Deutschland verfasst hat. Seine Befunde, die er darin ausbreitet, haben es in sich: Er berichtet von Männlichkeitsidealen, denen die Jungen schon früh entsprechen müssen; vom Erziehungsziel, dominant und selbstbewusst aufzutreten; beschreibt, wie man in den Familien die Jungen gewähren lässt und damit teilweise „zur Verunsicherung hinsichtlich der Autorität seiner weiblichen Bezugspersonen‟ beiträgt, was im Extremfall dazu führt, „dass der Junge auf seine Mutter einschlagen, sie treten und boxen kann, ohne dass er mit ernsthafter Bestrafung rechnen muss.‟

Alle befragten Männer, so Toprak weiter, „gaben zur Auskunft, dass sie über die Frauen (Schwestern, Ehefrau) bestimmen können und dafür auch Gewalt anwenden dürfen. Einige Interviewpartner begründen das explizit mit dem Islam.‟ An anderer Stelle schreibt er, dass davon ausgegangen werden müsse, „dass durch die verschiedenen genannten Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit von innerfamiliärer Gewalt in muslimischen Familien höher ist.‟ Weil Aggressionstheorien alleine eine „erhöhte Aggression speziell bei muslimischen männlichen Jugendlichen nicht erklären‟ können, müssen, so Toprak, „spezifische kulturelle Aspekte und Auswirkungen der Migration‟ bedacht werden.

Torprak ist kein Rechtspopulist. Er macht konkrete Vorschläge, wie der deutsche Staat dazu beitragen kann, rückständige Sozialstrukturen, wie sie einem Teil der Migranten zu eigen sind, aufzubrechen. So empfiehlt er, die Eltern gegen die Gewaltbereitschaft der Jungen einzubeziehen; der Familienzusammenführung in Deutschland nur zuzustimmen, wenn das Ehepaar nachweist, dass es nicht bei den Eltern wohnt; und – angesichts der Tatsache, dass die türkische Presse „aggressiv gegen deutsche Politik und Gesellschaft‟ schreibt – auf eine gemässigte Sprache und Einhaltung journalistischer Grundregeln hinzuwirken.

Toprak wird gelegentlich von den Medien interviewt und darf den ein oder anderen Gastbeitrag beisteuern. Breit diskutiert werden seine Thesen nicht. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die AfD seine und ähnliche Forschungserkenntnisse für sich entdeckt und sie in die Politik einspeist. In zugespitzter Form, versteht sich.


Zitierte Literatur:

Ahmet Toprak, Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer: Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Doppelmoral der Ehre, Freiburg i. Br. 2007.
––/ Katja Nowacki, Muslimische Jungen: Prinzen, Machos oder Verlierer? Ein Methodenhandbuch, Freiburg i.B. 2012.
–– Unsere Ehre ist uns heilig: Muslimische Familien in Deutschland, Freiburg, Basel, Wien 2012.


Nachtrag 24. Mai 2019

Geändert hat sich bislang nichts. Manche politischen Themen, darunter die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, werden von vielen Bürgern nach eigenen Angaben nur mit Vorsicht in der Öffentlichkeit thematisiert, so eine Umfrage des Allensbach-Instituts.

Nachtrag 13. März 2020

Die Soziologin Necla Kelek kritisiert in ihrem neuen Buch, dass das Thema Verwandtenehe im muslimischen Kontext voreilig tabuisiert und damit der AfD überlassen worden sei. Für ausgewählte muslimische Länder nennt sie hohe Prozentzahlen an Verwandtenehen, für die sie zumindest in dem auf Achgut.com erschienenen Auszug jedoch keine Quellen angibt.

Nachtrag 18. Februar 2022

Weil die Redaktion der “Emma” die möglicherweise problematischen Aspekte eines geplanten “Selbstbestimmungsgesetzes” zu thematisieren gewagt hat und deshalb von der AfD zitiert wurde, zog sie von linker Seite prompt den Vorwurf auf sich, “rechts” zu sein, was die Redaktion wiederum veranlasst, in einer Stellungnahme zu entgegnen: “Warum überlassen eigentlich die anderen Parteien der AfD hier das Feld?” So eben gewinnt die AfD!

Trumps Strategie

Trumps Politik sei erratisch, eine Strategie im Nahen Osten nicht erkennbar, er sei ein Präsident zum Fürchten. Egal welche Zeitung man aufblättert oder welchen Sender man einschaltet, alle Kommentatoren scheinen sich einig: Russland habe gesiegt, der Westen eine Niederlage erlitten. Was war geschehen?

„Trumps Strategie“ weiterlesen

Vom Elend allzu steiler Thesen

Steile Thesen halten meist den Fakten nicht stand. Dass eine mega-hyper-steile These, wie der Münsteraner Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer sie in seinem Buch Die Kultur der Ambiguität (2011) aufgestellt hat, ungeachtet ihrer argumentativen Defizite den wohl bedeutendsten Forschungsförderpreis in Deutschland erhalten hat, dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass sie ganz der Weltanschauung des Postkolonialismus verpflichtet ist, der die Tendenz aufweist, nicht-westliche Kulturen für friedlicher und fortschrittlicher zu halten als westliche.

Bauer beschreibt nicht nur Beispiele für Ambiguitätstoleranz in der arabisch-islamischen Geschichte, was eine interessante Lektüre hätte sein können, sondern nimmt sie als Beleg für eine Grundverschiedenheit von europäischer und islamischer Zivilisation, die sich über viele Jahrhunderte verfolgen lasse. Dass Bauers Argumentation alles andere als schlüssig ist, habe ich ausführlich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (2016) gezeigt. Auch die Tatsache, dass Bauer seine Behauptungen über die europäische Kultur einem einzigen Buch entnommen hat, das sich für eine solche These aber gar nicht heranziehen lässt, hat ihm nicht geholfen.

Aber wenn die eigene These auf dermassen grosse Resonanz stösst, dann lässt man sich nicht so leicht beirren. Dass viele Fehlschlüsse Bauers allzu offensichtlich sind und man zum Teil noch nicht einmal eine islamwissenschaftliche Ausbildung braucht, um über sie zu stolpern, lässt tief in eine Forschungslandschaft blicken, deren checks and balances vor allem dazu dienen, eine bestimmte Linie durchzusetzen. Jetzt hat Thonas Bauer mit einem neuen Buch nachgelegt, in dem er seine Komplementärthese von der Intoleranz der westlichen Kultur gegenüber der Ambiguität von Erscheinungen vertieft.

Darin erklärt er, hierin sich als echter Neognostiker erweisend, die westliche Unduldsamkeit gegenüber Ambiguität ganz un-ambig mit den alten Feindbildern der Linken: Mit Kapitalismus, Markt, Konsum und Globalisierung. Bauer holt so zum grossen Rundumschlag einer westlich induzierten Moderne aus und verpasst nebenher auch noch dem modernen Städtebau, der Künstlichen Intelligenz, Fitness-Trackern, Krimis, und Fernsehprogrammen eine verbale Ohrfeige und beschwört die Schrecken eines „kapitalistischen Verwertungssystems‟, in dem der schwitzende Maschinenmensch „selbstoptimiert‟ funktioniere.

Ja, das ist universitärer Mainstream, wo noch die hundertste Dissertation und das zwanzigtausendste Working Paper Marktwirtschaft und Konsumgesellschaft zu den Wurzeln aller Übel nicht zuletzt im Nahen Osten erklärt. Bauer mag ein Linker sein, aber sein von Kulturpessimismus triefender Traktat hätte genauso gut aus der Feder eines Rolf Peter Sieferle oder eines anderen rechtskonservativen Denkers stammen können. Das Trauern über eine Welt des Konsums, die nichts als blosser Schein sei und nur ein „ewiggleiches Einerlei an billigen Sinnesreizen‟ biete, ist ebenso elitär wie wohlfeil und gehört zum Standardrepertoire aller Marktverächter von links wie von rechts.

Weil der Markt eine „ambiguitätsauflösende Macht‟ habe, gebe es noch ein weiteres Problem, glaubt Bauer zu wissen: Kapitalismus nämlich wolle Authentizität, Authentizität und Demokratie seien aber nicht miteinander vereinbar, also sei fraglich, ob Kapitalismus und Demokratie miteinander vereinbar seien. Neu an dieser Argumentation ist eigentlich nur, dass Authentizität diesmal dem Kapitalismus zugeschrieben wird. Der Germanist Heinz Schlaffer hat gezeigt, dass sich in der deutschen Literaturgeschichte viele Beispiele für einer Verherrlichung der Armut als Schicksal, um dann jedoch Authentizität sowohl gegen Kommerz als auch Politik auf dichterische Weise gegeneinander auszuspielen.

In jedem Falle ist Bauers Buch ein echtes Produkt der universitären Filterblase: Die Nacht wird zum Tag, der Tag zur Nacht gemacht. In des Autors Vorstellungswelt mögen Demokratie und Kapitalismus miteinander unvereinbar sein, in der realen Welt gibt es keine liberale Demokratie, die nicht zugleich kapitalistisch wäre. Der Kommunismus hat nur Armut und Repression hervorgebracht. Gerade Kapitalismus bedeutet Demokratisierung, indem nämlich Kunst und Kultur, Bildung und Wissen nicht länger Dinge sind, die nur Könige und Fürsten sich leisten können, sondern die Massen.

Freilich gehört die aristokratische Verachtung für die Massen zum Habitus aller Kapitalismus-Verächter. Bauer, der die „Niederlage des Kapitalismus‟ herbeisehnt, empfiehlt seinen Lesern allen Ernstes, von „vormodernen Gesellschaften‟ zu lernen, sei dort doch Ambiguität „nicht nur geschätzt und gepflegt, sondern regelrecht eingeübt‟ worden. Das ist selbst dann Stuss, wenn es richtig wäre, denn eine Gesellschaft, die Ambiguität kultiviert, aber weder Wohlstand noch Freiheit kennt, kann den meisten Menschen wohl gestohlen bleiben.

Das Wesen menschlicher Zivilisation besteht eben darin, dass wir die Dinge, die uns umgeben und mit denen wir uns umgeben, fortlaufend verbessern. Nur Toren, die die Errungenschaften dieser Zivilisation für selbstverständlich oder entbehrlich halten, glauben, wir Heutigen sollten uns vormoderne Gesellschaften zum Vorbild nehmen.

Wie in seinem vorigen Buch geht es Bauer aber vor allem darum, einen Ost-West-Gegensatz zu konstruieren, wobei dem ambiguitätsfeindlichen kapitalistischen Westen ein traditionel ambiguitätsfreundlicher Islam gegenübergestellt wird, der seit zweihundert Jahren dem verderblichen Einfluss des Westens ausgesetzt ist. Die Methode, derer Bauer sich bedient, ist einmal mehr die selektive Faktenwahl. Man hätte auch umgekehrt verfahren und das Gegenteil beweisen können, aber das wäre nicht mit dem vereinbar gewesen, was die postkoloniale Weltanschauung verlangt.

Entnervt legen wir diesen Mumpitz beiseite und geloben – darin ganz und gar ambiguitäts-INtolerant – nie wieder ein Buch zu lesen, das den Namen Thomas Bauer trägt.

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Ditzingen: Reclam 2018. 104 Seiten, € 6,00.


Nachtrag, 9. Mai 2019

Der Kapitalismus, glaubt Thomas Bauer, zeichne sich dadurch aus, dass er “allem einen genauen Wert zuweisen kann, in dem alles so viel wert ist wie es halt kostet.” Völliger Mumpitz, weil Menschen den materiellen Dingen unabhängig vom Marktwert immer auch einen ideellen Wert zumessen können. Bauers wertloses Geschwurbel bleibt davon natürlich ausgenommen.

Translate