Verteidiger des Luxus

Vor kurzem bin ich in der Encyclopédie des französischen Aufklärer Denis Diderot auf das Lemma “Luxus” gestossen. “Der Luxus”, heisst es dort, “hat als Hauptursache jene Unzufriedenheit mit unserem Zustand, jenen Wunsch nach einem besseren Leben, der in allen Menschen liegt und liegen muss.” Das ist echt humanistisch gedacht und hat mich gleich an ein Wort des Philosophen Hans Blumenberg erinnert, der in der “Theorie der Unbegrifflichkeit” schrieb: „Der Mensch ist seinem Ursprung nach an das Prinzip der Überflüssigkeit, des Luxus gebunden. Der aufrechte Gang ist vom ersten Augenblick an luxurierend: zu sehen, was noch nicht gegenwärtig ist, was noch keine akute Notwendigkeit besitzt (…).“

Das ist treffend formuliert und führt uns wieder gleich zurück zur Encyclopédie: Die Kritiker des Luxus, die behaupten, dieser gehe mit grosser sozialer Ungleichheit einher, würden durch die Tatsachen widerlegt, argumentiert Diderot. Denn Luxus (heute würde wir vielleicht eher von Reichtum oder Überfluss sprechen) sei gerade dort vorhanden, wo das Volk im Überfluss lebt. Damit hat Diderot wirtschaftlich mehr verstanden als viele derer, die sich heute so gerne auf die Aufklärung berufen und einer sozialen Gerechtigkeit das Wort reden, die auf den irrigen Glauben gründet, dass des einen Reichtum sei des anderen Armut sei und Umverteilung, also Enteignung, das Gebot der Stunde,

Diderot erklärt den Luxus allein dort für schädlich, wo dieser im Widerspruch zu den guten Sitten und zum Wohl des Staates stehe, nicht aber nicht pauschal. Seine Argumentation, lässt sich empirisch untermauern, denn Luxus entsteht nicht zuletzt, wo Unternehmertum herrscht, weil Unternehmer es sind, die Armut beseitigen und materielle Güter, die einst als Luxusgüter galten, den Massen erschwinglich machen. Unternehmer, die zu Milliardären wurden, haben ihr Vermögen anderen nicht weggenommen, sondern dadurch erworben, dass sie den Lebensstandard jener zu heben vermochten.

Diderot, ein Kritiker von Adel und Kirche, Verfasser erotischer Romane, leidenschaftlicher Schachspieler und Gegner der Sklaverei, musste im Alter seine Bibliothek an die russische Zarin Katharina die Grosse verkaufen, um der Armut zu entrinnen. Wiewohl seine Encyclopédie ein Verkaufshit wurde, blieb er in mancher Hinsicht ein Aussenseiter der Gesellschaft. Das verbindet ihn mit Hans Blumenberg, der es zwar auf eine Professur geschafft hatte, den das akademische Milieu seiner letzten Alma mater Münster jedoch anwiderte, wie sein Biograph Rüdiger Zill überliefert, weswegen er sich nach seiner Emeritierung ganz aus dem universitären Leben zurückzog.

Blumenberg sah den Luxus- wie auch den Spieltrieb als Fortschrittsmotor und ein Diderot hätte dem zugestimmt. Die besten und edelsten Intellektuellen sind eben nicht zwangsläufig der Irrlehre eines sozialistischen Utopismus verfallen.

Deutschlands Berlin-Problem

Was haben London, Warschau, Madrid, Sao Paulo, Seoul und Tel Aviv miteinander gemein? All diese Städte verfügen über einen sog. Google-Campus, also eine Art Ideenschmiede und Inspirationszentrum für Startup-Gründer, die Google früh an sich binden will. Davon hat vor allem Google etwas, aber auch die Gründer und letztlich die Stadt, in der der Google-Campus angesiedelt ist, profitieren davon. Startups lassen sich eben gern dort nieder, wo sie ein passendes Umfeld finden.

Im bunten Bullerbü-Berlin wollte man schon vor drei Jahren nichts davon wissen und hat mit der Parole „Fuck Off Google“ höflich klargemacht, was man dort von dem amerikanischen Technologiekonzern hält, nämlich nichts, während man dessen Produkte umso lieber nutzt. Bleibt die Frage, ob andere deutsche Städte, Hamburg etwa, oder München oder Frankfurt oder Bochum oder Leipzig einen Google-Campus haben wollen. Eine Sprecherin von Google Deutschland erklärte dazu unmissverständlich:

„Das Google-Statement, das besagt, dass es auch künftig keinen Google Campus in Berlin und anderswo in Deutschland geben wird, ist nach wie vor zutreffend und gültig.“

Das wird Gründe haben, die nicht nur an Google liegen. Mit dem Rückzug des Google-Campus geht übrigens auch ein spezielles Förderprogramm für schwarze Gründer den Bach hinunter, aber egal – die Berliner Aversion gegen Investoren wiegt im Zweifelsfalle eben schwerer als die eigene Rhetorik, Minderheiten nach Kräften fördern zu wollen.. Berlin ist zu einem wahren Soziallabor geworden, in dem wir das Deutschland der Zukunft aufleuchten (und vielleicht schon bald verlöschen) sehen.