Erinnerung an 1821

Zweihundert Jahre ist es nun her, dass die Griechen sich gegen die osmanische Kolonialmacht erhoben, wobei „Kolonialmacht“ ein Wort ist, das im Zusammenhang mit dem Osmanischen Reich, in älteren Texten: „die Türken“, kaum gebräuchlich ist. Die Begriffe Kolonialismus und Imperialismus haben sich mittlerweile auf die politischen Expansionsbestrebungen Europas im Rest der Welt verengt, wobei der Begriff „Europa“ keine Verengung, sondern eine Erweiterung darstellt: Die Schweizer, Litauen oder Griechenland sind Teil Europas, haben aber keine Kolonialgeschichte, zumindest nicht in der Neuzeit, sieht man einmal vom kurzfristigen, weil gescheiterten Versuch der griechischen Nationalbewegung ab, ganz Kleinasien unter ihre Kontrolle zu bekommen.

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Das Ende der Geschichte

Ausserhalb akademischer Kreise wenig Aufmerksamkeit gefunden hat die Verlautbarung der englischen Universität Leicester, englische Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit faktisch abzuschaffen. Offiziell geht es darum, die Universität international wettbewerbsfähiger zu machen und da scheinen geisteswissenschaftliche Fächer eher hinderlich. Auch Corona soll ein Grund sein für den Überhang von Stellen, die demnächst abgebaut werden.

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Wer die Täter waren

Es ist ja nicht so, dass die Deutschen sich zu ihrer Vergangenheit nicht bekennen würden. Es gibt ein Holocaust-Mahnmal, überall Stolpersteine und eine gewachsene Gedenkkultur an das unfassbarste aller Verbrechen. Bei all dem darf freilich nicht vergessen werden, dass es vornehmlich Deutsche waren, die den Holocaust zu verantworten haben.

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Zwischen Religion und Politik VI – Zur Theorie der Ambiguitätstoleranz

Die Moderne nicht vollständig realisiert zu haben, ist vor allem der Islamischen Welt nachgesagt worden. Einspruch kommt von dem Arabisten Thomas Bauer, der jene zumindest in historischer Perspektive für weitaus fortschrittlicher hält, als der heutige Zustand vermuten lässt. Sein zentrales Kriterium für dieses Urteil ist die „Ambiguitätstoleranz‟, die in der Islamischen Welt über Jahrhunderte in ungleich höherem Masse gepflegt worden sein soll als im Westen. Der aus der Psychologie stammende Begriff lässt sich mit Hans Blumenberg als „die Spannweite von Unvereinbarkeiten im Hinblick auf ein und dieselbe Sache‟ definieren, „die ausgehalten wird und dazu noch den Anreiz bietet, Gewinn aus der Beirrung zu ziehen.‟ Nach Bauer soll eine solche islamische „Kultur der Ambiguität‟ erst in der Neuzeit ihren Niedergang erlebt haben, als einheimische Eliten die Wertvorstellungen westlicher Kulturen übernahmen. „Zwischen Religion und Politik VI – Zur Theorie der Ambiguitätstoleranz“ weiterlesen

Zwischen Religion und Politik II – Religion und Imperium

Religionen tragen ein imperiales Erbe in sich, denn mit oder gegen ein Imperium sind sie grossgeworden. Die Herausbildung einer jüdischen, christlichen und muslimischen Zivilisation fand auf dem historischen Spielfeld von Imperien statt. Religionen haben haben dazu beigetragen, Imperien zu begründen und diese, jene zu verbreiten. In der Diskussion um das Spannungsverhältnis von Politik und Religion muss die Erkenntnis einen Platz haben, dass die Politik auf Glaubensfundamenten ruht, auf einem „religiösen Mutterboden‟ den es sichtbar zu machen gelte, wie Jacob Taubes formulierte, und der, wie wir hinzufügen möchten, von imperialen Bedingungen geprägt ist. Diese haben vielfältige Spuren an den Religionen hinterlassen.

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Schwarz. Rot. Gold.

Deutschland ist Fussball-Weltmeister, die Deutschen jubeln, und wieder stellt sich die Frage nach der Zulässigkeit von soviel Schwarz-Rot-Gold auf den Strassen. Tobt da etwa die neue deutsche Volksgemeinschaft?

Persönlich stehe ich dieser ganzen Fahnenschwenkerei reserviert gegenüber, halte es eher mit dem argentinischen Individualismus eines Jorge Luis Borges und überhaupt hat Daniel Fallenstein das so ziemlich Gescheiteste zu diesem Thema gesagt, was man nur sagen kann. Womit wir das Thema eigentlich abhaken könnten.

Eigentlich. Denn ein paar Dinge wollen doch noch gesagt werden angesichts der reflexhaften linken Gereiztheit, wenn es um die bundesdeutschen Farben geht. Denn Schwarz-Rot-Gold, die am 9. März 1848 erstmals deutsche Nationalfarben wurden, stehen nicht einfach für Deutschland, sie stehen für das demokratische Deutschland in der Tradition der Paulskirche.

Das ganze Projekt Bundesrepublik zielte von Anfang an auf einen Bruch mit der schwarz-weiss-roten Tradition Deutschlands und die Nazis wussten genau, warum sie Schwarz-Rot-Gold verachteten (Hervorhebung von mir):

1914 wurde ein furchtbarer Weg beschritten, 1919 ward er nicht rückgängig gemacht, die friedfertigen Regierungen der Weimarer Koalition fanden nirgendwo Ermutigung, nur Rückschläge, die sie schließlich ihren erbitterten Gegnern im eigenen Lande auslieferten. Jetzt ist die schwarz-rot-goldene “Judenfahne” endgültig begraben. An ihrer Stelle flattert die judenfeindliche Gewaltfahne mit dem Hakenkreuz.

… schrieb Arnold Zweig 1933 ((Bilanz der deutschen Judenheit [1934], Leipzig 1990, S. 253.)). Dass die Bundesrepublik zum Teil von ehemaligen Funktionären des Naziregimes aufgebaut wurde, ändert nichts daran, dass ihre gesamte politische Symbolik darauf ausgerichtet ist, mit dem Obrigkeitsstaat und vor allem mit Nazi-Deutschland zu brechen.

Das schwarz-rot-goldene Deutschland in der Tradition der Paulskirche ist ein bürgerliches Projekt und die Verachtung des Bürgers war Preussentum und Romantik gleichermassen zu eigen. Beide hat der Historiker Hans Kohn nicht ohne Grund als wichtige Kräfte ausgemacht, aus denen sich der spätere Nationalsozialismus speisen sollte ((Das zwanzigste Jahrhundert, Zürich et al. 1950, S. 90.))

Auch wenn die Revolution von 1848 es nicht geschafft hat, den Obrigkeitsstaat abzuschaffen, so bleibt die Paulskirchentradition eine ehrwürdige, weil es ihr doch gelungen ist, Parlamentarismus und individuelle Grundrechte im Rahmen einer verfassungsmässigen Ordnung durchzusetzen. Damit taugt sie auch heute als Vorbild. Und dafür steht Schwarz-Rot-Gold.

Nein, es ist nicht die neue Volksgemeinschaft, die sich da auf Deutschlands Strassen austobt und deutscher Nationalismus ist ohnehin nur noch in rechtskonservativen Zirkeln präsent. Diese Dämonen sind gebannt. Rassistisch motivierte Gewalt gibt es, aber sie wird parteiübergreifend geächtet. Heute ist man weltoffen, bunt, tolerant. Die Probleme in Deutschland, wie sie vor allem unter Intellektuellen zutage treten, sind andere.

Sie lauten Kulturrelativismus; ein selbstgefälliger Pazifismus als vermeintliche Lehre aus Auschwitz; Ökologismus; Scheinheiligkeit und Idiosynkrasie in Bezug auf Dinge wie Wirtschaft, Wohlstand und Leistung; ein latenter Antiamerikanismus und Antiisraelismus sowie eine aussenpolitische Äquidistanz zwischen freiheitlichen und autoritären Kräften.

Hier muss angesetzt werden.

Erinnerungen an die Habsburgermonarchie

In der NZZ widmet sich der Historiker Timothy Snyder der Frage, was ein Reich wie die Habsburgermonarchie, die sechshundert Jahre Bestand haben konnte, zu Fall gebracht hat und welche Lehre ihr Ende für die heutige EU parat hält. Snyder bezweifelt, dass es innere Schwächen waren, die zum Zerfall des Staatsgebildes geführt haben, obwohl, wie er einräumt, im 19. Jahrhundert “der Nationalismus buchstäblich im ganzen Reich um sich griff”.

Die Erklärung, warum die Monarchie letztlich scheiterte, lag für ihn vielmehr in der physischen Beseitigung der Offizierskaste während der Balkankriege sowie in der “Balkanisierung” Ostmitteleuropas nach 1918, denn “der Nationalismus kam nicht von innen”. Gerade die inneren Kräfte aber scheint er zu unterschätzen, bedenkt man, wie sehr das habsburgische Wien eine wesentliche Rolle als Umschlagplatz reformistischen und erneuernden, später nationalistischen Gedankengutes spielte – und das schon seit dem 16. Jahrhundert. Die Stadt war ein Anziehungspunkt für alle jene Kräfte, die auf eine kulturelle und gesellschaftliche Erneuerung aus waren.

So hatte von Wien aus der bekannteste griechische Freiheitskämpfer, der berühmte Rhigas (eigtl. Rhigas Ferraios Velestinlis, 1754-1798) Propagandamaterial für die griechische Unabhängigkeitsbewegung erstellt, bis er von der Polizei festgenommen wurde. (Das Verhörprotokoll liest sich übrigens unfreiwillig komisch, wenn es heisst, Rhigas habe u.a. gestanden, den Thourios Hymnos (“Kriegslied”), “öfters gesungen und auf der Flöte geblasen” zu haben.) Daneben war Wien seit dem 18. Jahrhundert auch ein Zentrum serbischer kultureller Aktivitäten geworden; hier wurden Bücher und Zeitschriften auf Serbisch publiziert. Der serbische Sprachreformer Vuk Karadžić wirkte zeitweilig in Wien, ebenso wie viele andere serbische und slawische Reformer und Aktivisten. Ein weiterer wichtiger Reformer des Serbischen war der heute vergessene Grieche Panagiotis Papakostopulos (ca. 1820-1879), der in Wien Medizin studierte, bevor er 1853 nach Belgrad ging.

Auch die Haskala, die jüdische Aufklärung, die in Königsberg und Berlin entstand, breitete sich über Wien ostwärts im habsburgischen Reich aus, gelangte so nach Böhmen, Mähren und Galizien. Der 1879 unter dem Titel “Eine ernste Frage” erschienene Artikel des hebräischen Sprachreformers Eliezer Ben-Yehuda (1858-1922), der nach der Zukunft des jüdischen Volkes im Zeitalter der Nationalstaaten fragte und die Notwendigkeit einer eigenen Nationalsprache formulierte, erschien in der hebräischsprachigen Zeitschrift ha-Shakhar (“Die Morgenröte”) in – Wien.

In Wien wirkte auch Theodor Herzl, dessen zionistische Ideen vom bosnischen Rabbiner Yehuda Alkalai inspiriert waren, den er bei dessen Reise nach Wien 1873 persönlich kennenlernte. Yehuda Ben Shlomo Hai Alkalai (1798-1878) aus Sarajevo trat unter dem Eindruck der sog. Damaskus-Affäre 1840 in diversen Schriften für die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Auch der deutsche Zionist Moses Hess kannte Alkalais Schriften, wie man seinem Band Rom und Jerusalem (1862) entnehmen kann, den Herzl zwischen 1898 und 1901 in Jerusalem gelesen hatte. Alkalai selbst, der seine Schriften im serbischen (damals ungarischen), der Habsburgermonarchie zugehörenden Semlin verfasste, war stark von dem aus Sarajewo stammenden Rabbiner Eliezer Papo beeinflusst, aber mehr noch von dem auf Korfu tätigen Rabbiner Yudah b. Samuel Bibas (1780-1852), einem der Begründer der Hibbat Zion (“Zionsliebe”), einer Vorläuferbewegung des Zionismus.

Man könnte hier noch viele weitere Beispiel nennen, um die Bedeutung Wiens für den Nationalismus Ostmittel- und Südosteuropas und selbst des Nahen Ostens zu demonstrieren, doch wollen wir an dieser Stelle nur noch auf den Einfluss Herders für die Entstehung nicht nur der slawischen Nationalbewegungen hinweisen, hatte Herder doch verkündet, dass die Zukunft den Völkern des Ostens gehören solle, v.a. den slawischen Völkern. Herders Denken wurde weithin rezipiert, bis ins Osmanische Reich hinein. Das alles ist tief romantisch geprägt und vieles, was in dieser Zeit geschrieben und propagiert wurde, trug zugleich aufklärerische und humanistische Züge. Aber dieses Völkererwachen hatte auch eine Schattenseite.

Vor allem im Revolutionsjahr 1848 erhob sich in den südslawischen Gebiete eine antideutsche, antiösterreichische und antidynastische Stimmung, die die Habsburgermonarchie sogar noch überdauern sollte. Darüber, so berichtet der österreichische Slawist Josef Matl in seinen Südslawischen Studien (1965), gerieten die positiven Aufbauleistungen der Monarchie, ihre Reformen in Justiz und Verwaltung, in Vergessenheit. Matl, der selber aus Slowenien stammte, hatte diese Stimmung nach eigenen Angaben “in hunderten von Debatten im Schützengraben des ersten Weltkrieges” selbst miterlebt.

Letztlich muss man sagen, dass es wohl gar nicht so bedeutsam ist, was im einzelnen zum Ende der Monarchie geführt hat, wenn man sich vor Augen hält, dass fast alle heutigen Nationalstaaten aus Imperien hervorgegangen sind: aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, aus dem Osmanischen Reich, aus den britischen und spanischen Kolonialreichen usw. Die Habsburgermonarchie ist letztlich untergegangen, weil die Zeit der Grossreiche zu Ende gegangen war. Was genau den Todesstoss schliesslich versetzt hat, erscheint da nur noch zweitrangig.

Daraus lässt sich auch eine Lehre für die Europäische Union ableiten – aber eine andere als Snyder glaubt. Vielmehr wird die EU, so könnte man schlussfolgern, nur dann Bestand haben, wenn ihre Eliten anerkennen, dass es kein europäisches Demos gibt, die EU also nur stark als ein Verbund von Nationalstaaten sein kann. Der britische Premier David Cameron hat das ganz richtig erkannt. Alle Versuche, aus der Einigung Europas einen europäischen Superstaat zu machen, werden scheitern. Da hilft auch keine Offizierskaste und keine Militärakademie.

Für Samuel Huntington war übrigens alles, was östlich der früheren österreichisch-ungarischen Grenze liegt, kein kultureller Teil Europas mehr. Vielleicht dieser Grenzlage wegen weckt die Habsburgermonarchie so oft romantische Gefühle. Vielleicht aber auch, weil sie sich besonders gut als Projektionsfläche für das Bonmot von Alexander Roda Roda eignet, der einst schrieb: „Es gibt zwei schöne Dinge auf der Welt: Erinnern und Vergessen. – Und zwei hässliche: Erinnern und Vergessen.“

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