Indigniert

Es war abzusehen. Kaum war ein weiterer iranischer Atomwissenschaftler Opfer eines Attentats geworden, melden sich westliche Intellektuelle indigniert zu Wort. Die zum Ausdruck gebrachte Empörung gilt freilich nicht den Menschenrechtsverletzungen des Teheraner Regimes, sondern den Attentaten, deren Urheber selbstredend im Westen gesucht werden.

This isn’t complicated; there are no shades of grey here. Do we disapprove of car bombings and drive-by shootings, or not? Do we consistently condemn state-sponsored, extrajudicial killings as acts of pure terror, no matter where in the world, or on whose orders, they occur? Or do we shrug our shoulders, turn a blind eye and continue our descent into lawless barbarism?

so ein Kommentator im linken “Guardian”. Das Gerede von der gesetzlosen Barbarei ist freilich im Zusammenhang mit legalen und extralegalen Tötungen durch Schergen der Islamischen Republik selten zu hören. Denselben Intellektuellen, die verstummen, wenn es um die Repression und die Willkürjustiz in Iran geht, schwillt der Kamm, wenn es einen Handlanger ebenjenes Staates trifft. Sogleich wird eine Petition formuliert, unter deren Unterzeichnern sich wieder die üblichen Verdächtigen finden.

Dass der getötete Atomwissenschaftler Ahmadi-Roushan nicht nur treusorgender Familienvater war, wie das Foto im “Guardian” zeigt, sondern offenbar auch ein glühender Amerika- und Israelhasser, dessen berufliche Tätigkeit mit guter Wahrscheinlichkeit darin bestand, genau diejenigen technischen Voraussetzungen zu schaffen, die seine Vernichtungswünsche (“Wenn wir es nicht tun, wer soll es sonst machen?”) real werden lassen könnten, wird noch nicht einmal erwähnt. Nun muss die Heiligenlegende, die die Agentur FARS verbreitet, nicht unbedingt stimmen, doch ernstnehmen sollte man sie in jedem Fall. Was man von den Petitionsstellern nicht behaupten kann.

Ausweitung der Empörungszone

Auch Müll ist manchmal noch zu etwas gut. Der rassistische und xenophobe Müll nämlich, den an Sauerstoffmangel leidende Bildschirmjunkies zuweilen in den Kommentarbereichen der Webpräsenzen von Presse und Rundfunk hinterlassen, taugt allemal dafür, den Flammen der Empörung über allzu forsche Islamkritik Nahrung zu geben:

Kommentarbereiche geben ein Spiegelbild der Leserschaft ab. Zuweilen werden Ressentiments von moderierenden Redaktionen als auch von Lesern als legitime Islamkritik verstanden. Der Begriff der Islamkritik ist dabei etwas unglücklich. Die Kritiker sind zumeist gar nicht im Stande, eine theologisch fundierte Debatte zu führen, da ihnen das religiöse Basiswissen über den Islam fehlt.

meint die Mely Kiyak. Frau Kiyak, die als Absolventin eines Literaturinstituts über religiöses Basiswissen verfügt, begnügt sich nicht damit, Pöbeleien als solche zu benennen und ihre Löschung zu fordern, sondern hat Grundsätzliches im Sinn:

Die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und falscher Tatsachenbehauptung ist dabei nicht hauchdünn, sondern klar definiert. Der seriöse Qualitätsjournalismus sollte dieselben Kriterien sowohl für Kommentare der Redaktion als auch der Leser anwenden.

Den Vorwurf falscher Tatsachenbehauptungen auf juristischer Grundlage (”klar definiert”) zum Schutze einer Religion in Stellung zu bringen, ist ganz schön originell.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass heilige Schriften auch nicht immer und notwendigerweise auf Tatsachen Rücksicht nehmen. Oder wird hier eine Sonderrolle für den Islam gefordert?

Was man alles unter der Scharia verstehen kann

Welche Früchte die Jasmin-Revolution in Ägypten und anderswo zeitigen mag, wagen auch die Nahost-Experten nicht vorauszusagen, die meist nicht mehr wissen, als was man am Vortag schon in den Zeitungen lesen konnte. Aber gesetzt den Fall, die politische Zukunft all der arabischen Länder, die ihre Diktatoren abgeschüttelt haben oder noch abschütteln werden, stünde ganz im Zeichen der Scharia, wäre das nicht ein Rückschritt? Kommt darauf an, was man unter Scharia versteht, weiss eine Expertin aus Berlin:

Für viele Muslime – und zwar nicht nur die Islamisten unter ihnen – gibt es in der Tat nur die eine Scharia. In der Realität stellen wir jedoch fest, dass religiöse Autoritäten über die Jahrhunderte hinweg unterschiedliche Konzepte von Scharia entwickelt haben und unterschiedliche Einzelregelungen und dass auch in den Ländern, die von sich behaupten, die Scharia anzuwenden, unterschiedliche Varianten in die Praxis umgesetzt werden. (…) Es herrscht hier eine große Spannbreite, Muslime verstehen unter Scharia durchaus Unterschiedliches.

Und so gross ist die Spannbreite:

Problematisch bleibt die Idee der bürgerlichen Gleichheit und Freiheit, zumindest wenn hier die westeuropäische Gesellschaft des frühen 21. Jahrhunderts den Maßstab gibt. Frauen und Nichtmuslime sind nach herkömmlichem Scharia-Verständnis den männlichen Muslimen nicht in allen Bereichen gleichgestellt. In dieser Frage ist allerdings einiges in Bewegung: Politische Rechte wie das aktive und passive Wahlrecht aller Bürger unabhängig von Religionszugehörigkeit und Geschlecht werden leichter zugestanden als die völlige Gleichstellung in zivilrechtlichen Dingen. Nicht anders war es ja lange genug in westlichen Gesellschaften.

Doch wohin führt das, was da in Bewegung gerät? – Genau dorthin:

Eng bleiben die Grenzen im Bereich der religiösen, künstlerischen, akademischen und sexuellen Freiheit: Moral wird in islamischen Kreisen ganz groß geschrieben, und ihr Begriff von »Korruption« beschränkt sich nicht auf das Feld der Ökonomie. Daher ist die Geschlechterordnung im gesellschaftlichen Diskurs zentral – und nicht nur unter Islamisten.

Grosse Spannbreite innerhalb enger Grenzen: So fortschrittlich kann die Scharia sein.

Integrierte Beliebigkeit

Weisen die einen auf die Beispiele gelungener Integration hin, ohne zugleich die Gegenbeispiele zu leugnen, prangern andere lieber ebendiese Gegenbeispiele an – natürlich ohne ihrerseits die Beispiele gelungener Integration zu leugnen. Wen das nicht vom Hocker haut.

Dabei sollte eigentlich niemanden wundern, warum das Schnarchthema Integration auch nach der tausendsten in den Talkshows und Feuilletons geführten Debatte nicht aus den Puschen kommt: Weil der Begriff der Integration selbst nur eine Gummiente auf dem lauwarmen Badewasser der Geschwätzigkeit ist.

Die “Taz” entdeckt die schwarze Pädagogik

Neues aus der Serie “Unerträglicher als Sarrazin sind nur seine Gegner“. Am Wochenende las man in der “Taz”:

Zu dieser “kulturell bedingten” Mentalität gehöre, dass muslimische Jungen am liebsten unter sich blieben, Frauen jeden Respekt verweigerten und ihre Lehrer gern als “Hurensöhne” titulierten.

Als Beweis zitiert Sarrazin den arabischstämmigen Berlin-Neuköllner Sozialarbeiter Fadi Saad: “Mit Kuschelpädagogik kommt man bei diesen abgebrühten Jungs nicht weiter”, sagt Saad, selbst ehemaliges Gang-Mitglied. Gleichzeitig berichtet dieser noch, dass es in Schulen im Libanon üblich sei, saubere Fingernägel vorzuzeigen – und völlig undenkbar, den Lehrer als “Hurensohn” zu begrüßen.

Offenbar gibt es doch keine Mentalität, die aus der Herkunftskultur importiert wird – sonst wäre das Verhalten der muslimischen Jugendlichen in Berlin und im Libanon ja nicht so unterschiedlich.

Einmal abgesehen davon, dass die Darstellung Sarrazins nicht eben widerlegt wird, ist bemerkenswert, dass die Generation Kinderladen autoritäre Erziehungsmethoden wie zu Kaisers Zeiten bewundert, wenn es darum geht, die Existenz probematischer Sozialisationsmuster zu verdrängen.

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