Erinnerungen an die Habsburgermonarchie

In der NZZ widmet sich der Historiker Timothy Snyder der Frage, was ein Reich wie die Habsburgermonarchie, die sechshundert Jahre Bestand haben konnte, zu Fall gebracht hat und welche Lehre ihr Ende für die heutige EU parat hält. Snyder bezweifelt, dass es innere Schwächen waren, die zum Zerfall des Staatsgebildes geführt haben, obwohl, wie er einräumt, im 19. Jahrhundert “der Nationalismus buchstäblich im ganzen Reich um sich griff”.

Die Erklärung, warum die Monarchie letztlich scheiterte, lag für ihn vielmehr in der physischen Beseitigung der Offizierskaste während der Balkankriege sowie in der “Balkanisierung” Ostmitteleuropas nach 1918, denn “der Nationalismus kam nicht von innen”. Gerade die inneren Kräfte aber scheint er zu unterschätzen, bedenkt man, wie sehr das habsburgische Wien eine wesentliche Rolle als Umschlagplatz reformistischen und erneuernden, später nationalistischen Gedankengutes spielte – und das schon seit dem 16. Jahrhundert. Die Stadt war ein Anziehungspunkt für alle jene Kräfte, die auf eine kulturelle und gesellschaftliche Erneuerung aus waren.

So hatte von Wien aus der bekannteste griechische Freiheitskämpfer, der berühmte Rhigas (eigtl. Rhigas Ferraios Velestinlis, 1754-1798) Propagandamaterial für die griechische Unabhängigkeitsbewegung erstellt, bis er von der Polizei festgenommen wurde. (Das Verhörprotokoll liest sich übrigens unfreiwillig komisch, wenn es heisst, Rhigas habe u.a. gestanden, den Thourios Hymnos (“Kriegslied”), “öfters gesungen und auf der Flöte geblasen” zu haben.) Daneben war Wien seit dem 18. Jahrhundert auch ein Zentrum serbischer kultureller Aktivitäten geworden; hier wurden Bücher und Zeitschriften auf Serbisch publiziert. Der serbische Sprachreformer Vuk Karadžić wirkte zeitweilig in Wien, ebenso wie viele andere serbische und slawische Reformer und Aktivisten. Ein weiterer wichtiger Reformer des Serbischen war der heute vergessene Grieche Panagiotis Papakostopulos (ca. 1820-1879), der in Wien Medizin studierte, bevor er 1853 nach Belgrad ging.

Auch die Haskala, die jüdische Aufklärung, die in Königsberg und Berlin entstand, breitete sich über Wien ostwärts im habsburgischen Reich aus, gelangte so nach Böhmen, Mähren und Galizien. Der 1879 unter dem Titel “Eine ernste Frage” erschienene Artikel des hebräischen Sprachreformers Eliezer Ben-Yehuda (1858-1922), der nach der Zukunft des jüdischen Volkes im Zeitalter der Nationalstaaten fragte und die Notwendigkeit einer eigenen Nationalsprache formulierte, erschien in der hebräischsprachigen Zeitschrift ha-Shakhar (“Die Morgenröte”) in – Wien.

In Wien wirkte auch Theodor Herzl, dessen zionistische Ideen vom bosnischen Rabbiner Yehuda Alkalai inspiriert waren, den er bei dessen Reise nach Wien 1873 persönlich kennenlernte. Yehuda Ben Shlomo Hai Alkalai (1798-1878) aus Sarajevo trat unter dem Eindruck der sog. Damaskus-Affäre 1840 in diversen Schriften für die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Auch der deutsche Zionist Moses Hess kannte Alkalais Schriften, wie man seinem Band Rom und Jerusalem (1862) entnehmen kann, den Herzl zwischen 1898 und 1901 in Jerusalem gelesen hatte. Alkalai selbst, der seine Schriften im serbischen (damals ungarischen), der Habsburgermonarchie zugehörenden Semlin verfasste, war stark von dem aus Sarajewo stammenden Rabbiner Eliezer Papo beeinflusst, aber mehr noch von dem auf Korfu tätigen Rabbiner Yudah b. Samuel Bibas (1780-1852), einem der Begründer der Hibbat Zion (“Zionsliebe”), einer Vorläuferbewegung des Zionismus.

Man könnte hier noch viele weitere Beispiel nennen, um die Bedeutung Wiens für den Nationalismus Ostmittel- und Südosteuropas und selbst des Nahen Ostens zu demonstrieren, doch wollen wir an dieser Stelle nur noch auf den Einfluss Herders für die Entstehung nicht nur der slawischen Nationalbewegungen hinweisen, hatte Herder doch verkündet, dass die Zukunft den Völkern des Ostens gehören solle, v.a. den slawischen Völkern. Herders Denken wurde weithin rezipiert, bis ins Osmanische Reich hinein. Das alles ist tief romantisch geprägt und vieles, was in dieser Zeit geschrieben und propagiert wurde, trug zugleich aufklärerische und humanistische Züge. Aber dieses Völkererwachen hatte auch eine Schattenseite.

Vor allem im Revolutionsjahr 1848 erhob sich in den südslawischen Gebiete eine antideutsche, antiösterreichische und antidynastische Stimmung, die die Habsburgermonarchie sogar noch überdauern sollte. Darüber, so berichtet der österreichische Slawist Josef Matl in seinen Südslawischen Studien (1965), gerieten die positiven Aufbauleistungen der Monarchie, ihre Reformen in Justiz und Verwaltung, in Vergessenheit. Matl, der selber aus Slowenien stammte, hatte diese Stimmung nach eigenen Angaben “in hunderten von Debatten im Schützengraben des ersten Weltkrieges” selbst miterlebt.

Letztlich muss man sagen, dass es wohl gar nicht so bedeutsam ist, was im einzelnen zum Ende der Monarchie geführt hat, wenn man sich vor Augen hält, dass fast alle heutigen Nationalstaaten aus Imperien hervorgegangen sind: aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, aus dem Osmanischen Reich, aus den britischen und spanischen Kolonialreichen usw. Die Habsburgermonarchie ist letztlich untergegangen, weil die Zeit der Grossreiche zu Ende gegangen war. Was genau den Todesstoss schliesslich versetzt hat, erscheint da nur noch zweitrangig.

Daraus lässt sich auch eine Lehre für die Europäische Union ableiten – aber eine andere als Snyder glaubt. Vielmehr wird die EU, so könnte man schlussfolgern, nur dann Bestand haben, wenn ihre Eliten anerkennen, dass es kein europäisches Demos gibt, die EU also nur stark als ein Verbund von Nationalstaaten sein kann. Der britische Premier David Cameron hat das ganz richtig erkannt. Alle Versuche, aus der Einigung Europas einen europäischen Superstaat zu machen, werden scheitern. Da hilft auch keine Offizierskaste und keine Militärakademie.

Für Samuel Huntington war übrigens alles, was östlich der früheren österreichisch-ungarischen Grenze liegt, kein kultureller Teil Europas mehr. Vielleicht dieser Grenzlage wegen weckt die Habsburgermonarchie so oft romantische Gefühle. Vielleicht aber auch, weil sie sich besonders gut als Projektionsfläche für das Bonmot von Alexander Roda Roda eignet, der einst schrieb: „Es gibt zwei schöne Dinge auf der Welt: Erinnern und Vergessen. – Und zwei hässliche: Erinnern und Vergessen.“

Muslimischer Fundamentalismus in Europa

Besonders kleine Kinder leiden unter dem autoritäten Erziehungsstil im Elternhaus, der auch mit körperlicher Gewalt einhergeht. Sie werden so zu unbedingtem Gehorsam erzogen, weiss die Islamkundelehrerin Lamya Kaddor in ihrem Buch „Muslimisch–Weiblich–Deutsch‟ (2010) über ihre muslimischen Schüler im Dinslakener Stadtteil Lohberg zu berichten. Und: „Die aus einer Mixtur von Religion und Tradition stammenden Regeln greifen vor allem mit Beginn der Pubertät.“

Ob dieser Befund auf andere Schüler muslimischer Herkunft verallgemeinerbar ist, bleibt freilich offen. Eine aktuelle Studie des Wissenschaftzentrums Berlin für Sozialforschung ist nun jedoch zum Ergebnis gekommen, dass fundamentalistisches, also autoritäres religiöses Denken unter europäischen Muslimen stark verbreitet sein soll.

Fast 60% der Befragten stimmen demnach der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln ihrer Religion zurückkehren sollen; 75% glauben, dass es nur eine einzige mögliche Interpretation des Koran gibt, an die der Gläubige sich halten solle; und 65% geben an, dass die Gesetze der Religion wichtiger seien als die Gesetze ihres Landes. Ein gefestigtes fundamentalistisches Weltbild hat demnach, wer allen drei Aussagen zustimmt. Und das sind der Studie zufolge stolze 44%.

An dieser Stelle erhebt sich jedoch ein leiser Zweifel. Offenbar wurde nämlich nicht danach gefragt, inwieweit die eigene Religion im Widerspruch zur jeweiligen herrschenden Gesellschaftsordnung gesehen wird. Wenn ein frommer Muslim glaubt, die Rückkehr zu den religiösen Wurzeln, die koranische Ethik und allgemein die religiösen Gesetze stünden gar nicht im Widerspruch zu den weltlichen Gesetzes des Landes, in dem er lebt, dann ist er wohl eher kein Fundamentalist.

Um sicherzugehen, hätte man Fragen wie folgende stellen müssen: „Glauben Sie, dass es einen Konflikt zwischen den Gesetzen Ihrer Religion und denen Ihres Landes gibt?‟ Und wenn ja: „Gilt Ihre Loyalität dann eher den Gesetzen Ihrer Religion oder denen Ihres Landes?‟ – Wenn die letzte Frage dann immer noch dahingehend beantwortet wird, dass die Religion höher steht, dann haben wir es unzweifelhaft mit Fundamentalismus zu tun. Wenn daraus eine Handlungsanweisung abgeleitet wird, diesen Konflikt gewaltsam auszutragen, dann handelt es sich um Extremismus.

Es soll hier nicht die Studie als ganze infrage gestellt werden. Aber man sollte sich schon einmal darauf gefasst machen, dass die nächste Studie, die mit Sicherheit kommen wird, den Anteil der Fundamentalisten unter den europäischen Muslimen womöglich geringer einschätzt (s. auch hier).

Der Kritiker als Retter (2)

David Cameron ist der letzte Europäer unter den Staatsmännern Europas, denn er hat erkannt, dass es kein europäisches Demos gibt und die Union nur eine Chance als Netzwerk hat, nicht als Block. Und die Reaktion der deutschen Medien? Nichts als Häme, selbst von seiten der FAZ.

Schlagzeile der FAZ von heute unter einem Bild des Ärmelkanals im Nebel spielt auf den Inselcharakter Grossbritanniens und zugleich auf den offenbar als weltfremd betrachteten Wunsch Camerons an, ein Referendum über den Verbleib seines Landes in der Europäischen Union abzuhalten. Über “Inselbewohner” wird dort gewitzelt, die ihre geographische Lage nicht als das “Stigma” begriffen, als das man es in Frankfurt erkannt hat.

Wenn selbst die bürgerliche Presse mit solch einer Häme und Niedertracht reagiert, dann sagt das viel über den geistigen Zustand der Europäischen Union aus. Bezeichnend, dass in den Medien jetzt auch von Erpressung gesprochen wird – so also ob ein griechischer Politiker namens Alexis Tsipras nicht noch vor einem Jahr ganz offen die Union damit erpresst hätte, dass ein Ende der Dauersubventionierung Griechenlands die Union noch viel teurer werde zu stehen kommen. Damals hat sich die Aufregung des europäischen Auslands in Grenzen gehalten.

Der Kritiker als Retter

Der britische Premier Cameron hat sich in seiner heutigen Rede klar positioniert. Das allein mag schon ungewöhnlich für einen Politiker sein, noch ungewöhnlicher aber war, dass hier jemand für Werte einsteht, die im heutigen Europa nicht mehr sonderlich angesagt scheinen.

Ich selber habe die Idee der europäischen Einheit immer befürwortet, bin ich den letzten Jahren allerdings zunehmend skeptischer geworden, was die Richtung der EU betrifft, in die sie sich bewegt.

Was Cameron sagte, war eine erfrischende Abwechslung zum ganzen EU-Vertiefungsgetöse, das uns überall entgegendröhnt. Die EU werde von britischer Seite mehr als Mittel denn als Zweck verstanden, sie sei dazu da, Frieden und Wohlstand zu sichern, doch stelle sie keinen Selbstzweck dar. Cameron würdigte die Leistungen der EU in Hinsicht auf genau diese Aspekte und wies Gerüchte zurück, er sei ein Isolationist.

Grossbritannien, das stellte Cameron klar, habe europäische Kontinentalgeschichte geschrieben, wie auch der Kontinent britische Geschichte geschrieben habe. Sein Land könne und wolle sich nicht vom Kontinent abschotten, aber die EU habe nur dann Erfolg, wenn sie ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht aufs Spiel setze.

Die EU, so Cameron, werde wirtschaftlich von verschiedener Seite herausgefordert, worauf sie Antworten geben müsse, wolle sie nicht im Niemandsland zwischen den USA und Asien versacken. Die EU habe daher nur als flexibles Netzwerk eine Chance, nicht als starrer Block. Entscheidend sei denn auch der gemeinsame Markt, nicht eine gemeinsame Währung.

Ein Schlüsselwort der Cameron’schen Rede lautete “flexibility”: Die Flexibilität, auf diesem Markt zu agieren, werde die EU stärker zusammenbinden – was ein Zwang von oben nicht bewirken könne. Daher tritt Cameron auch für eine stärkere Rolle der nationalen Parlamente ein, zumal es einen europäischen Demos nicht gebe. Recht hat er!

Nicht nur die Finanzkrise bildet den Hintergrund dieser zutreffenden Feststellungen, auch andere, weniger spektakuläre Ereignisse zeigen, warum Cameron den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Deutlich wird dies z.B. auf dem Gebiet der Softwaretechnologie für Handys, an die Europa mittlerweile den Anschluss verloren hat. Siemens und Nokia können schon längst nicht mehr mit den Entwicklungen aus Asien und den USA konkurrieren.

Nokias Kooperation mit Microsoft hat man nicht umsonst “eine Allianz der Verlierer” genannt. Zwischen Apples iPhone (USA) auf der einen Seite und den Samsung-Geräten (Korea) mit Googles Android-Software (USA) ist Europa mittlerweile zum reinen Absatzmarkt herabgesunken. Dieses Menetekel sollte Europa zum Handeln bewegen, doch ist davon bisher nicht viel zu spüren.

Die Fehlentwicklung der EU lässt sich auch gut an der Slowakei studieren, die 2004 mit der Einführung einer Einkommens-Flattax den Weg zu einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte geebnet hat, auch wenn es noch längst nicht den Wohlstand der westlichen EU-Länder erreicht. Der Mut zu einer tiefgreifenden Reform hat nun paradoxerweise dazu geführt, dass die relativ arme Slowakei mithelfen musste, die Banken des relativ wohlhabenden Spanien zu retten.

Hier werden falsche Anreize gesetzt: Wer reformiert, muss andere retten – wer sich der Reform verweigert, darf auf Rettungsgelder hoffen. Wenn das die Zukunft Europas sein soll, dann hat der Kontinent keine Zukunft. Cameron fordert zu Recht, dass die EU sich ändern müsse – oder Grossbritannien werde möglicherweise austreten. Ein britisches Referendum soll Klarheit schaffen.

Und die Reaktionen darauf? Bislang scheint unter deutschen Kommentatoren die Häme zu überwiegen. Camerons Optimismus ist denn wohl auch die einzige Fehleinschätzung, die man eines vielleicht nicht allzu fernen Tages ihm rückwirkend wird vorwerfen können.

Gefangen im Labyrinth

Fremde Mächte, die mittels versteckter Maschinen kontrolliert Waldbrände auslösen – wer solchen Gerüchten Glauben schenkt, lässt sich auch sonst jeden Bären aufbinden. Schlimm nur, wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung solchen Wahnvorstellungen anhängt; noch schlimmer, wenn auch die Regierung davon befallen ist. Aus einer recht lesenswerten Analyse des Deutschlandbildes im gegenwärtigen Griechenland:

Als im August 2007 Waldbrände in Griechenland wüteten, schob der Minister für öffentliche Ordnung, Viron Polidoras, das Versagen seiner Regierung […] den “allgemeinen Windverhältnissen” zu. Ausgerechnet zu dieser Zeit, so argumentierte er, habe der Wind seine Richtung geändert und dadurch die Arbeit der Feuerwehr behindert. […]

Da sie Routine darin haben, Sündenböcke zu finden, ist es keine Überraschung, dass griechische Politiker seit dem Oktober 2009 eine ähnliche Kommunikationsstrategie angewendet haben.

[…] Die emotional aufgeladene Botschaft, die Griechenlands politische Eliten aussenden: Die Hellenische Republik wird von einem Land mit einer furchtbaren und unverzeihlichen Vergangenheit in einer Art Labyrinth gefangen gehalten.

Gemeint ist natürlich der ökonomische Riese im Norden: Einer in diesem Jahr durchgeführten Meinungsumfrage zufolge sollen 79 Prozent der befragten Griechen eine negative Einstellung gegenüber Deutschland hegen. (Die Analyse gibt es zum Download hier.)

[Aus dem Archiv.]

Orient mit Zuckerguss

Manche Mythen sterben nie. Denn wenn es darum geht, was Europa nicht alles dem Islam zu verdanken habe, dann wird gerne dick aufgetischt: Wie tolerant Andalusien war, wie wegweisend die arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen, und wie verhängnisvoll Kreuzzüge und Kolonialismus.

Da will auch der Nahosterklärer Michael Lüders nicht zurückstehen und so darf er in der “Zeit” noch einmal all das auftischen, was trotz Wiederholung beim besten Willen nicht richtiger wird. Lüders glaubt:

Durch Übersetzungen aus dem Griechischen ins Arabische und schließlich ins Lateinische fand damals auch das Wissen der griechischen Antike wieder Eingang in die westliche Kultur. Es wäre sonst wohl zu großen Teilen verloren gegangen und in Vergessenheit geraten.

In Wirklichkeit hat sich das Wissen auch über die Römer und die lateinische Sprache, sowie über die Bewahrung der byzantinischen Handschriftenschätze, die für die Renaissance so bedeutsam wurden, nach Europa verbreitet, worauf der Gräkoarabist Gotthard Strohmaier schon vor vielen Jahren hingewiesen hat. “Wohlmeinende Europäer”, so Strohmaier weiter, stünden vielen muslimischen intellektuellen gerne in ihrem Stolz bei, zur Vermittlung des griechischen Erbes nach Europa beigetragen zu haben, wobei sie allerdings die Wirkung der mittelalterlichen Rezeption aus dem Arabischen überschätzen.

Überdies war die europäische Rezeption etwa der Aristoteleskommentare des Averroes nicht einfach nur eine blinde Übernahme, sondern musste erst auf fruchtbaren Boden fallen, um ihre Wirkung tun zu können – etwas, das in der islamischen Welt in dieser Form offenbar nicht vorhanden war. Strohmaier[1]:

Der relativ schnelle Aufstieg Westeuropas, des Landes der Franken, beruht auf politischen und sozialen Konstellationen, an denen der Islam unbeteiligt war, und in diesem Punkt verdanken wir ihm nichts.

Was den Mythos vom Gelehrtenparadies Andalusien betrifft, lassen wir einfach Hans-Rudolf Singer sprechen[2]:

“Sowohl die Übertragung arabischer Wissenschaft, die auf der Grundlage des griechischen Erbes gediehen und ausgebaut worden war, als auch die Einflüsse arabischer Literatur auf das europäische Mittelalter vollzogen sich allein an Gebieten und Orten, die der islamischen Herrschaft entrissen worden waren und christlichen Fürsten unterstanden.”

Strohmaier und Singer sind übrigens alles andere als Aussenseiter der Wissenschaft; Singers Beitrag findet sich in einem Sammelband, der zur Elementarliteratur aller Studenten der Arabistik gehört. Diese wunderbaren Geschichten von der arabischen Wissensvermittlung und dem Gelehrtenaustausch in Andalusien hat natürlich einen wahren Kern, er wurde aber vor allem im 19. Jahrhundert idealistisch erhöht. Im Falle Andalusiens ist dies nicht zuletzt einem marrokanischen Historiographen namens al-Maqqarī zu verdanken, der im 17. Jahrhundert ein enzyklopädisches Werk über Andalusien verfasst hatte, das in Vergessenheit geriet, bis Europäer es wiederentdeckten. Der arabische Text selbst wurde erstmalig zwischen 1855 und 1861 in Leiden gedruckt, später fand er mit einer türkischen Übersetzung auch von muslimischer Seite Interesse.[3]

Man könnte noch einiges hinzufügen zu Lüders Orientbild, doch wollen wir es dabei belassen. Viel interessanter ist die Frage, warum solche ollen Kamellen immer und immer wieder vorgetragen werden und das jedesmal auch noch mit dem Gestus des Aufklärers. Die Antwort liegt in einem Paradoxon: Denn obwohl der Islam grosses Modethema geworden ist, mit dem sich mittlerweile Heerscharen von Geisteswissenschaftlern und Journalisten beschäftigen, haben die wenigsten ein echtes Interesse an ihm.

Denn für viele, die heutzutage Vorträge über den Islam halten oder Aufsätze wie Lüders schreiben, geht es nicht um die Vermittlung von Erkenntnis, sondern um die eigene Rolle als Brückenbauer und Kulturvermittler. Und da eine Brücke zu bauen nur dort Sinn macht, wo eine Schlucht ist (eine Schlucht des Missverständnisses!), und Kulturen nur dort vermittelt werden können, wo Unwissenheit und Vorurteil herrschen, werden Unwissen, falsches Wissen und Vorurteil immer vorausgesetzt, um sich vor diesem Hintergrund als Aufklärer erst glaubhaft und wirkungsvoll präsentieren können. Und das ist das ganze Elend.

  1. Gotthard Strohmaier, Was Europa dem Islam verdankt, in: (ders.), Hellas im Islam, Interdisziplinäre Studien zur Ikonographie, Wissenschaft und Religionsgeschichte, Wiesbaden 2003, 1-27, hier 25-6.
  2. Hans-Rudolf Singer, Der Maghreb und Die Pyrenäenhalbinsel bis zum Ausgang des Mittelalters, in: Geschichte der arabischen Welt, hgg. von Ulrich Haarman und Heinz Halm, München 2004, 265-322, hier 293.
  3. Bernard Lewis, History. Remembered, Recovered, Invented, Princeton 1975, 72-4; Ralf Elger, Selbstdarstellungen aus Bilâd ash-Shâm. Überlegungen zur Innovation in der arabischen autobiographischen Literatur im 16. und 17. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift, Beiheft 35/2003, 123-37, hier 128-9.

Zur abendländischen Denktradition

Seit geraumer Zeit und vor allem im Zuge der muslimischen Zuwanderung haben wir in Deutschland eine Abendlanddebatte, die sich um das dreht, was eigentlich den Kern der europäischen Werteidentität ausmacht und worauf er diese zurückzuführen ist. Christentum oder Aufklärung, das ist die Frage, und nicht wenige beantworten sie damit, dass zwischen beiden eine grosse Schnittmenge bestehe.

Der britische Publizist Kenan Malik gehört zu denjenigen, die das Erbe der Aufklärung vor dem des Christentums betonen. Seine Gedanken sind vernünftig und nachvollziehbar, doch zwei Anmerkungen sollen, in aller Kürze, an dieser Stelle erfolgen. Malik nämlich macht – wie nicht wenige – den Fehler, die Bedeutung Averroes’ und damit den islamischen Beitrag für die europäische Geschichte insgesamt überzuberwerten.

Averroes kam nämlich in Europa vor allem in Form des lateinischen Averroismus zu Würden, der den Höhepunkt der westlichen Scholastik bildete. Allerdings nur, bis der Pariser Bischof Stephan Tempier 1277 ihn weitgehend als häretisch verurteilte. Stein des Anstosses waren all diejenigen Lehrsätze, die die Allmacht Gottes zu beschränken schienen, Averroes selbst wurde sogar als “wütender Hund” geschmäht.[1]

Damit endete zwar nicht die Scholastik, wohl aber war der Autorität der aristotelisch-averroistischen Philosophie ein Schlag versetzt. Dem christlichen Glauben tat dies aber keinen Abbbruch, im Gegenteil. Vielmehr sahen sich gerade die Orthodoxen herausgefordert, ihre Argumente besser zu formulieren – eine, in den Worten von Kurt Flasch, “seltsame Verschlingung von Aufklärung und Gegenaufklärung”.[2] Halten wir fest: Averroes in seiner lateinischen Rezeption war also eher ein Schleifstein, an dem das mittelalterliche christliche Denken sich schärfte, denn der grosse Beglücker abendländischer Kulturentwicklung.

Der lateinische Averroismus fand später in Bologna eine neue Heimat, wo er in der Dekade nach 1340 zu neuer Blüte gelangte. Der Averroismus von Bologna in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts stand Pate für den Averrosimus im übrigen Italien und dann sogar im so weit entfernten thrüringischen Erfurt im 15. und 16. Jahrhundert, die Scholastik war jedoch dem Untergang geweiht. Ohne hier weiter ins Detail gehen zu wollen begnügen wir uns mit dem Hinweis, dass es Meister Eckehard und Nikolaus von Kues waren, die dann massgeblich zu dessen Ende beigetragen haben.[3]

Man muss sich vor Augen halten, dass Averroes nicht einfach nur übernommen wurde, aufgesogen wie Wasser von einem Schwamm. Er war, wie gesagt, vielmehr Gegenstand langer Auseinandersetzungen. Der Graeco-Arabist Gotthard Strohmaier hält es denn auch für fragwürdig, ob die europäische Rezeption etwa der Aristoteleskommentare des Averroes wirklich so massgeblich für die eigene kulturelle Entwicklung waren, “oder ob nicht tiefere gesellschaftliche Ursachen verantwortlich sind, die ihm eine Aufnahme im Abendland bescherten, die ihm in seiner Heimat versagt blieb.” Strohmaier verortet die Ursachen für den raschen Aufstieg Westeuropas eher politischen und sozialen Konstellationen, die vom Islam unbeeinflusst waren.[4]

Auch die Argumentation von Jonathan Israel hinsichtlich einer sog. “radikalen Aufklärung” ist zu hinterfragen. Das Phänomen der Aufklärung – man kann es nicht oft genug wiederholen – hat es eben nicht nur in Frankreich gegeben, sondern auch in England, Schottland, Amerika und anderen Ländern. Gerade in England und Schottland bestand allerdings kaum dieser Gegensatz zur Religion, wie er in Frankreich so wirkmächtig wurde. Im übrigen sollte man im Falle Frankreichs die Rolle der (protestantischen) Hugenotten nicht unterschätzen.Sie spielten gerade in der Frühaufklärung eine wichtige Rolle, als das Edikt von Nantes 1598 zu einer Massenemigration der französischen Protestanten führte, vor allem nach England, in die Niederlande und Brandenburg-Preussen.[5]

Weiter…

  1. Ferdinand Fellmann, Scholastik und kosmologische Reform, Münster 1971, 7; Hans Blumenberg, Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt/Main 1996, 178-9; Hans Blumenberg, Höhlenausgänge, Frankfurt/Main 1996, 251; Kurt Flasch, Von Kirchenvätern und anderen Fundamentalisten. Wie tolerant war das Christentum, wie dialogbereit der Papst? Der Schlüssel liegt in der Regensburger Vorlesung, in: Die Religionen und die Vernunft. Die Debatte um die Regensburger Vorlesung des Papstes, hg. von Knut Wenzel, Freiburg et al. 2007, 41-6, hier 44.
  2. Kurt Flasch, Aufklärung und Gegenaufklärung im späten Mittelalter, in: Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart, hg. von Jochen Schmidt, Darmstadt 1989, 152-67, hier 159.
  3. Zdsislaw Kuksewicz: L’influence d’Averroès sur des Universités en Europe Centrale (l’expansion de l’averroïsme latin), in: Multiple Averroès. Actes du Colloque International organisé à l’occasion du 850e anniversaire de la naissance d’Averroès, Paris 20-23 septembre 1976, Paris 1978, 275-81, hier 275, 279-81.
  4. Gotthard Strohmaier, Was Europa dem Islam verdankt, in: in: (ders.), Hellas im Islam, Interdisziplinäre Studien zur Ikonographie, Wissenschaft und Religionsgeschichte, Wiesbaden 2003, 1-27, hier 25-6.
  5. Charles Tilly, Die europäischen Revolutionen, München 1999, 228. Mit dem amerikanischen Historiker Van Kley kann man sich fragen, warum Frankreich eigentlich nie proestantisch geworden ist, s. Dale Van Kley, The Religious Origins of the French Revolution. From Calvin to the Civil Constitution, 1560-1791, New Haven und London 1996, 15-6.

Neulich, in Aubervilliers

La Courneuve

Wer in Paris vom Gare du Nord in nördlicher Richtung nach Aubervilliers und La Courneuve fährt, passiert unzählige Halal-Imbisse und -metzgereien, die dort das Strassenbild dominieren – allenfalls unterbrochen von ostasiatischen Geschäften. Daran ist nichts schlimmes oder beunruhigendes, aber es zeigt, wie drastisch sich in den letzten Jahrzehnten in Frankreich die Herkunftsverhältnisse verschoben haben.

Von daher ist es auch keine Überraschung zu erfahren, dass in Frankreich die Zahl der praktizierenden Muslime die der praktizierenden Katholiken mittlerweile übertroffen hat.

Natürlich kochen einige Leute daraus wieder ihr Süppchen. Während der Nationalist Le Pen in der zunehmenden Präsenz des französischen Islam eine Form der Besatzung sieht, will Frankreichs Obermufti Bubakeur jede neue Moschee als Beitrag zur Integration verkaufen.

Das eine ist so absurd wie das andere. Entscheidend ist vielmehr, welche Werte vertreten werden. Und es lässt sich empirisch zeigen, dass es unter europäischen Muslimen eine Tendenz zu den Wertevorstellungen der Bevölkerungsmehrheit gibt.

(Foto: Strasse in La Courneuve / M. Kreutz 2011.)

“Das grösste Aufrüstungsprogramm in der modernen Geschichte Griechenlands”

Trotz Finanzkrise leistet sich Griechenland immer noch exorbitant höhe Rüstungsausgaben, die weit über dem Vergleichwert anderer EU-Länder liegen. unter Waffen hat. Auch sind in

Griechenland 2,9 Prozent aller Erwerbstätigen bei den Streitkräften beschäftigt, während der Durchschnitt in NATO-Europa nur ein Prozent beträgt. Hintergrund ist vor allem das spezielle Verhältnis zum türkischen Nachbarn. Ein Papier des Bonn International Center vor Conversion fördert durchaus erstaunliches zutage:

Griechenland ist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von „Rüstungslücken“ sowie „strategischen Ungleichgewichten“ und „massiver Unterlegenheit“ ausgegangen, die es durch große Aufrüstungsprogramme auszugleichen versucht hat. Der damalige griechische Ministerpräsident Kostas Simitis (1996 bis 2004) rühmte sich zum Beispiel, „das größte Aufrüstungsprogramm in der modernen Geschichte Griechenlands in Gang gesetzt“ zu haben. Es sah Waffenkäufe von 1996 bis 2006 im Wert von 25 Mrd. Euro vor. Sein Nachfolger Kostas Karamanlis plante für den Zeitraum 2006 bis 2016 Waffenkäufe im Wert von 26,7 Mrd. Euro ein.

Als sich die Schuldenkrise des Landes Ende 2009 zuspitzte, war es für die dann neue Regierung unter Ministerpräsident Papandreou unumgänglich, auch an die Rüstungsausgaben heranzugehen.

Zwar, so heisst es weiter, sei “sich die griechische Regierung bewusst, dass sie angesichts des drohenden Staatsbankrotts an weiteren Kürzungen im Rüstungshaushalt sowie den Beschaffungsplänen nicht vorbeikommt.” Allerdings halte sie an “überkommenen Bedrohungswahrnehmungen” fest, weswegen sie keine Anstrengungen erkennen lässt, die Rüstungsausgaben des Landes auf den Durchschnitt der europäischen NATO-Länder zu senken.

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