Weltoffen und zugleich realistisch

Die Debatte um Flüchtlinge, die Frage des Asyls und Deutschlands Zukunft als Einwanderungsland wird seit Jahren schon stark ideologisch geführt und wir wären einen grossen Schritt weiter, wenn Asyl und Einwanderung nicht andauernd miteinander verwechselt würden und sich endlich herumspräche, dass Schlepper keineswegs nur kleine Gauner sind, die Flüchtlinge illegal über die Grenze bringen, sondern Kriminelle, die mit Lügen andere Menschen dazu bewegen, ihr Heimatland zu verlassen, um einer illusorischen Vorstellung vom Leben in Deutschland hinterherzujagen und dabei das eigene Leben zu riskieren.

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Wer ist Migrant?

Auf “Spiegel Online” fordert die Diversitätsaktivistin Ferda Ataman eine Abschaffung des Migrationshintergrundes aus der Bevölkerungsstatistik, weil ein solcher ohnehin schwer ermittelbar sei und als Kategorie mehr Verwirrung als Klarheit schaffe. So weit, so gut.

Dann jedoch macht sie eine 180-Grad-Kehrtwende und behauptet, dass mehr als die Hälfte der Deutschen einen Migrationshintergrund habe, weswegen die “frenetischen Volksfreunde, die Arier für Deutschland” nun einpacken könnten. In einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen einen Migrationshintergrund haben, macht die Vorstellung, sie möglichst homogen zu halten, keinen Sinn.

Moment mal: Wer sind denn die “frenetischen Volksfreunde, die Arier für Deutschland”? Damit müssen Neonazis gemeint sein, Frau Ataman spezifiziert sie nicht. Aber lohnt sich eine öffentliche Auseinandersetzung mit Neonazis? Die Gesellschaft jedenfalls hat längst akzeptiert, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein. Was also soll hier gesagt werden?

Frau Ataman kritisiert an einem Beitrag der ARD den laxen Umgang mit Statistik. Ihr eigenen Umgang damit ist allerdings nicht weniger lax. Ihre Behauptung, die Mehrheit der Deutschen habe einen Migrationshintergrund hat sie beim Schriftsteller Navid Kermani gefunden, der einfach Aussiedler und Vertriebene mit einbezieht.

Sog. “Volksdeutsche” Beleg für die Behauptung zu nehmen, Deutschland sei mehrheitlich ein Land von Migranten, ist allein schon haarsträubend, weil sie die deutsche Herkunft ausklammert. Ein Deutscher, der nach Deutschland übersiedelt, ist eben kein Einwanderer, sondern ein Übersiedler. Die Unterscheidung wird aus gutem Grund gemacht, denn jeder Nationalstaat, nicht nur der deutsche, ist um einer Titularnation willen gegründet worden, deren Mitglieder zum Teil auch jenseits der Landesgrenzen leben.

Diese Menschen sind Teil der (Vorsicht, altmodisches Wort:) Nation. So hat Griechenland Anfang des 20. Jahrhundert griechische Flüchtlinge aus Kleinasien aufgenommen, weil sie Teil der griechischen Nation waren. Sie haben ihre eigenen lokalen Traditionen, die sie aus Kleinasien mitbrachten, und pflegten ihren eigenen Dialekt, sind aber keine Fremden, keine Ausländer, im strengen Sinne des Wortes: keine Einwanderer.

Diese Dinge festzustellen hat nichts mit Nationalismus zu tun. Sicherlich kann die Vorstellung, in einer ethnisch homogenen Gesellschaft zu leben, im Zeitalter der Globalisierung kein Ideal mehr sein und in der Tat sollten wir nicht nur über die Probleme, sondern auch über die Vorzüge von Migration reden, zumal Deutsche auch immer in andere Länder ausgewandert sind. Aber solange wir ein Nationalstaat sind, bleibt die Unterscheidung von Migranten und Übersiedlern gültig.

Wie kommt Navid Kermani nun aber auf die Idee, mit Übersiedlern und Vertriebenen eingerechnet sei die Mehrheit der deutschen Bevölkerung eingewandert? Das ist die Frage. Insgesamt beträgt die Zahl der Menschen, die seit 1950 aus Osteuropa in die Bundesrepublik übergesiedelt ist, etwa viereinhalb Millionen. Rechnet man sie rein hypothetisch zu den Gastarbeitern der ersten bis dritten Generation, sowie weiteren Einwanderern hinzu, kommt man nie im Leben auf eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung, also auf insgesamt mehr als 40 Millionen.

Und die Vertriebenen? Der “Bund der Vertriebenen” liefert keine Statistik, weil die deutschen Flüchtlinge aus den Ostgebieten “juristisch definitorisch nicht erfasst” sind. Aber das ist noch nicht alles. Ataman verweist auf eine Studie des “Mediendienstes Integration”, wonach bei der Zuschreibung des Migrationsstatus in der amtlichen Statistik mit zweierlei Mass gemessen werde: Während bei Zuwanderern mit deutscher Staatsangehörigkeit ihre Migration nicht berücksichtigt wird, wird sie nicht-deutschen Zuwanderern selbst noch in der dritten Generation angehängt.

Dazu muss gesagt werden, dass sich viele Migranten selbst dann nicht als Deutsche sehen, wenn sie eingebürgert sind. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Inwieweit sich dies über die Generationen abmildert, ist nicht ganz klar. Es muss keinesfalls so sein, dass jemand, dessen Grosseltern aus der Türkei eingewandert sind, sich als Deutscher versteht, aber auch nicht unbedingt als Türke. Es kann sein, dass seine muslimische Identität umso ausgeprägter ist.

Folgen wir aber der Argumentation der Studie, wonach allgemein Menschen, deren Grosseltern Einwanderer waren, selbst keine mehr sind, dann ist die Behauptung von Navid Kermani und Ferda Ataman, wonach die Mehrheit der Deutschen einen Migrationshintergrund haben soll, erst recht fragwürdig, wenn nicht kompletter Unsinn.

Wenn Frau Ataman als Sprecherin der Organisation “Neue deutsche Organisationen” die Botschaft vermittelt, Deutschsein sei heute “mehr, als deutsche Vorfahren zu haben”, dann  möchte man ihr zurufen: Willkommen im 21. Jahrhundert! Dass Deutschsein keine Frage der Herkunft ist, hat die Mehrheit der deutschen Bevölkerung seit gut zwei Dekaden akzeptiert.

Dafür ist etwas anderes umso deutlicher geworden: Dass die Fixierung auf Identität und Herkunft selbst bei denen noch zu beobachten ist, die gegen die Fixierung auf Identität und Herkunft ankämpfen.

Wie die AfD gewinnt

Der erste Eindruck war schockierend: Da wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Schwerbehinderung, Inzest und Einwanderung. Die Rede ist von der sog. Kleinen Anfrage der AfD, die kürzlich erfolgte.

Man darf wohl annehmen, dass dieser Schockeffekt beabsichtigt war. Er trägt dazu bei, die Stimmung gegen Migranten in diesem Land zu verschärfen. Die Empörung gegen die Kleine Anfrage war also nur zu berechtigt. Doch das ist allenfalls die halbe Geschichte. Zur ganzen Geschichte gehören noch ein paar Fakten, die an dieser Stelle genannt werden sollen.

Vor etwa sechs Jahren berichteten diverse Medien, von denen übrigens keinem eine rechtspopulistische Tendenz nachgesagt werden kann, über die Kampagne einer jungen Soziologin an der Universität Duisburg-Essen: Yasemin Yadigaroglu, so der Name der Soziologin, hat damals nicht nur das Problem der Verwandten-Ehen erforscht, sie hat sich auch als Aufklärerin betätigt.

„Heiraten ja. Aber nicht meine Cousine!‟ war die von ihr initiierte Postkartenkampagne betitelt. Bis heute findet sich auf der Webpräsenz der Universität Duisburg-Essen eine Pressemitteilung über die Aufklärungskampagne von Frau Yadigaroglu, die für ihr Wirken sogar mit einem Preis bedacht wurde. Dennoch hatte es die Sozialwissenschaftlerin Yadigaroglu schwer, für ihr Thema einen Doktorvater zu finden und weigerten sich auch Gender-Forscher, sich der Sache anzunehmen.

Später sollte u.a. die „Zeit‟ davon berichten, die zwar darauf hinwies, dass eine Risikoerhöhung für Kinder aus Inzestverbindungen „nicht allzu hoch‟ sei. Sie zitierte aber auch eine Stoffwechselmedizinerin und Kinderärztin, die frühzeitige Aufklärung empfahl. „Etwa 15 Prozent der Stoffwechselkranken, die sie behandelt, kommen aus Verwandtenbeziehungen. Natürlich heirateten auch deutsche Verwandte untereinander, aber mehrheitlich seien es Migranten‟ hiess es damals.

Auch die FAZ berichtete darüber. „Viele Kinder mit Erbkrankheiten stammen aus Verwandtenehen. Die sind bei Einwanderern Tradition‟ war der Text überschrieben, was schon heikel formuliert war, denn dem Inhalt kann man entnehmen, dass dies möglicherweise nur ein Problem unter Einwanderern türkischer und arabischer Herkunft ist, nicht unter Einwanderern generell.

Die „WAZ‟ schrieb seinerzeit, dass „für viele Migranten‟ Inzest „immer noch ein Tabuthema‟ und „Eheschließungen unter Verwandten‟ für sie „selbstverständlich‟ seien. Aber wes heisst eigentlich „viele‟? Anträge auf Forschungsförderung wurden jedenfalls vom NRW-Integrationsminister abgelehnt. Der hiess damals Armin Laschet und sein Haus begründete dies damit, dass keine Zahlen vorhanden sei: Weil man nicht wisse, wie häufig Inzest mit welchen Folgen auch immer sei, könne man es auch nicht fördern.

Das ist gewissermassen die Pointe: Wäre man der Problematik auf den Grund gegangen, hätte man vielleicht herausgefunden, dass Inzest bei weitem nicht so verbreitet ist, wie von Frau Yadigaroglu angenommen. Oder wäre zum Ergebnis gelangt, dass es sehr wohl verbreitet ist, um dann Frau Yadigaroglu bei ihrer Aufklärungsarbeit unterstützen zu können.

Jetzt, mit einigen Jahren Verspätung, hat sich die AfD des Themas angenommen und es, wie zu erwarten, zugespitzt. War in der damaligen Berichterstattung noch von leichten Behinderungen die Rede, spricht die AfD von „schwerbehinderten Menschen‟, und konnte man den Berichten von damals entnehmen, dass dieses Problem sich womöglich auf bestimmte migrantische Mileus beschränkt, ist in der Kleinen Anfrage der AfD nur noch pauschal von „Migrationshintergrund‟ die Rede.

Das ist perfide, aber wenn die Politik sich weigert, reale oder mögliche Probleme, die die Einwanderungsgesellschaft mit sich bringt, zu behandeln, werden sie ihr von populistischen Kräften mit umso grösserer Wucht vor den Latz geknallt. Das ist einer der Gründe, warum die AfD gewinnt.

Und so geht es weiter.

Ahmet Toprak ist ein Soziologe, der mehrere Bücher über die türkische Community in Deutschland verfasst hat. Seine Befunde, die er darin ausbreitet, haben es in sich: Er berichtet von Männlichkeitsidealen, denen die Jungen schon früh entsprechen müssen; vom Erziehungsziel, dominant und selbstbewusst aufzutreten; beschreibt, wie man in den Familien die Jungen gewähren lässt und damit teilweise „zur Verunsicherung hinsichtlich der Autorität seiner weiblichen Bezugspersonen‟ beiträgt, was im Extremfall dazu führt, „dass der Junge auf seine Mutter einschlagen, sie treten und boxen kann, ohne dass er mit ernsthafter Bestrafung rechnen muss.‟

Alle befragten Männer, so Toprak weiter, „gaben zur Auskunft, dass sie über die Frauen (Schwestern, Ehefrau) bestimmen können und dafür auch Gewalt anwenden dürfen. Einige Interviewpartner begründen das explizit mit dem Islam.‟ An anderer Stelle schreibt er, dass davon ausgegangen werden müsse, „dass durch die verschiedenen genannten Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit von innerfamiliärer Gewalt in muslimischen Familien höher ist.‟ Weil Aggressionstheorien alleine eine „erhöhte Aggression speziell bei muslimischen männlichen Jugendlichen nicht erklären‟ können, müssen, so Toprak, „spezifische kulturelle Aspekte und Auswirkungen der Migration‟ bedacht werden.

Torprak ist kein Rechtspopulist. Er macht konkrete Vorschläge, wie der deutsche Staat dazu beitragen kann, rückständige Sozialstrukturen, wie sie einem Teil der Migranten zu eigen sind, aufzubrechen. So empfiehlt er, die Eltern gegen die Gewaltbereitschaft der Jungen einzubeziehen; der Familienzusammenführung in Deutschland nur zuzustimmen, wenn das Ehepaar nachweist, dass es nicht bei den Eltern wohnt; und – angesichts der Tatsache, dass die türkische Presse „aggressiv gegen deutsche Politik und Gesellschaft‟ schreibt – auf eine gemässigte Sprache und Einhaltung journalistischer Grundregeln hinzuwirken.

Toprak wird gelegentlich von den Medien interviewt und darf den ein oder anderen Gastbeitrag beisteuern. Breit diskutiert werden seine Thesen nicht. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die AfD seine und ähnliche Forschungserkenntnisse für sich entdeckt und sie in die Politik einspeist. In zugespitzter Form, versteht sich.


Zitierte Literatur:

Ahmet Toprak, Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer: Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Doppelmoral der Ehre, Freiburg i. Br. 2007.
––/ Katja Nowacki, Muslimische Jungen: Prinzen, Machos oder Verlierer? Ein Methodenhandbuch, Freiburg i.B. 2012.
–– Unsere Ehre ist uns heilig: Muslimische Familien in Deutschland, Freiburg, Basel, Wien 2012.


Nachtrag 24. Mai 2019

Geändert hat sich bislang nichts. Manche politischen Themen, darunter die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, werden von vielen Bürgern nach eigenen Angaben nur mit Vorsicht in der Öffentlichkeit thematisiert, so eine Umfrage des Allensbach-Instituts.

Nachtrag 13. März 2020

Die Soziologin Necla Kelek kritisiert in ihrem neuen Buch, dass das Thema Verwandtenehe im muslimischen Kontext voreilig tabuisiert und damit der AfD überlassen worden sei. Für ausgewählte muslimische Länder nennt sie hohe Prozentzahlen an Verwandtenehen, für die sie zumindest in dem auf Achgut.com erschienenen Auszug jedoch keine Quellen angibt.

Nachtrag 18. Februar 2022

Weil die Redaktion der “Emma” die möglicherweise problematischen Aspekte eines geplanten “Selbstbestimmungsgesetzes” zu thematisieren gewagt hat und deshalb von der AfD zitiert wurde, zog sie von linker Seite prompt den Vorwurf auf sich, “rechts” zu sein, was die Redaktion wiederum veranlasst, in einer Stellungnahme zu entgegnen: “Warum überlassen eigentlich die anderen Parteien der AfD hier das Feld?” So eben gewinnt die AfD!

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