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Desinformation bei der “Zeit”

Ein Online-Kommentar der “Zeit” regt sich über die aktuelle Titelgeschichte des “Focus” auf, die sich der “dunklen Seite des Islam” widmet. Kann schon sein, dass der “Focus” sich damit auf das Niveau eines Revolverblattes begibt und sich manches darin findet, was kritikwürdig ist. Aber die Kritik, wie sie im “Zeit”-Kommentar geübt wird, kommt einer Desinformation gleich.

Als erstes wird moniert, dass der “Focus” sich seine Belege bei Extremisten suche, die er als “Gelehrte” verkaufe. Konkret: Der “Focus” hat den australischen Imam Sheik Faiz Mohammed mit der Äusserung zitiert, dass westliche Frauen mit ihrer Kleidung zur Vergewaltigung geradezu einlüden, ohne dass er, der “Focus”, darauf hingewiesen hätte, dass Faiz Mohammed ein Dschihadist sei. Der “Zeit”-Kommentator reagiert darauf mit Unverständnis und behauptet, das wäre so, “als würde man den Ku-Klux-Klan heranziehen, um christlichen Rassismus anzuprangern.”

Doch es die “Zeit”, die hier ihre Leser in die Irre führt. Denn der Begriff “Dschihadist” ist eine Fremdzuschreibung, die von den so Bezeichneten in der Regel abgelehnt wird. Für sie gibt es nur “Muslime” und nur “Islam”. Tatsächlich gibt es gute Gründe anzunehmen, dass die Auffassung von Faiz Mohammed etwas mehr repräsentieren könnte als nur eine extremistische Randgruppe.

So hat die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi, die ein ganzes Forscherleben der Unterdrückung der Frau in islamischen Gesellschaften widmete, schon vor fast dreissig Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass die Belästigung von Frauen in der Öffentlichkeit als inhärente Antwort auf ihren vermeintlichen Exhibitionismus zu verstehen sei: Nach verbreiteter Vorstellung halten sich nur Prostituierte oder verrückte Frauen unbeaufsichtigt auf der Strasse auf. ((Fatima Mernissi: Geschlecht – Ideologie – Islam, München 1987, passim, bes. 161-3.))

Passend dazu berichtet albanische Schriftstellerin Ornela Vorpsi in ihrem autobiographischen Roman “Das ewige Leben der Albaner” davon, wir sehr es für Frauen auf dem Land einem Spiessrutenlaufen gleichkommt (“Auf der Strasse gehen dir die Blicke durch und durch”), sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. In der ländlichen Gesellschaft Albaniens, die stark von islamischen Wertvorstellungen geprägt ist, sind Frauen deshalb so selten in der Öffentlichkeit zu sehen, weil alles andere als „Herumhuren‟ gilt. ((Ornela Vorpsi: Das ewige Leben der Albaner (Roman), Wien 2007, 9- 12.))

Natürlich ist nicht alles, was in der Islamischen Welt passiert, unter den Begriff “traditionell” zu fassen. Aber vieles eben schon.  Albanien jedenfalls ist immer noch schwach urbanisiert. Das gilt auch für weitaus grössere islamische Länder wie Ägypten, Indonesien oder Pakistan. Ausserdem handelt es sich bei dem beschriebenen Problem keineswegs um eines, das in den Städten nicht anzutreffen wäre. Im Gegenteil.

Die Islamwissenschaftler Erdmute Heller und Hassouna Mosbahi haben dazu eine plausible These entwickelt. Demnach gilt in den islamisch geprägten Städten die häusliche Sphäre traditionell als die weibliche und die öffentliche Sphäre als die männliche. Erstere wird gegenüber der Aussenwelt ebenso blickdicht gemacht wie das weibliche Individuum, das sich nur verhüllt in die öffentliche, also männliche Sphäre zu begeben hat. Die traditionelle Architektur bildet somit die Geschlechtertrennung mitsamt der entsprechenden Rollenzuweisung ab. ((Erdmute Heller und Hassouna Mosbahi: Hinter den Schleiern des Islam: Erotik und Sexualität in der arabischen Kultur, München 1993, 188-9.))

Plausibel oder nicht – den “Zeit”-Kommentator scheint die Realität in den islamischen Gesellschaften nicht weiter zu kümmern. Ihn beschäftigt vielmehr eine weitere Behauptung im “Focus”, derzufolge “[i]n weiten Teilen der islamischen Welt […] Frauen weder am öffentlichen Leben teilnehmen noch Eigentum besitzen noch heiraten [dürfen], wen sie wollen.” Der Verfasser des “Zeit”-Kommentar glaubt dies durch “zwei kleine Beispiele” erschüttern zu können:

Pakistan und die Türkei (zwei bevölkerungsreiche unter den mehrheitlich muslimischen Staaten) hatten weibliche Regierungschefs. Und Rania, die Königin von Jordanien, tritt nicht nur ständig öffentlich auf (jaja, ich weiß: repräsentativ, aber trotzdem), sie trägt auch noch – Achtung, Focus-Redaktion! – häufiger mal kein Kopftuch.

Natürlich sind Regierungschefs und Monarchen besonders repräsentativ, wenn es um die Lebenswirklichkeit von Menschen geht. Wer herausfinden will, wie ein typischer Londoner sein Dasein fristet, der schaue sich den Buckingham Palast an, und wer sich dafür interessiert, wie oft der durchschnittliche Deutsche ins Ausland reist, der werfe einen diskreten Blick auf den Terminkalender von Angela Merkel.

In Wahrheit dürfte der “Focus”-Artikel in diesem Punkt ganz richtig liegen. Ein Bericht der UNESCO von vor zehn Jahren über den rechtlichen Status von Frauen in fünf mehrheitlich islamischen Ländern kam zu einem niederschmetternden Ergebnis. Die Schlussfolgerung dürfte auch heute nicht an Aktualität verloren haben:

Family laws in the Muslim world therefore should adapt themselves to the new social realities and aspirations. In particular, reform is needed in those areas of law concerning guardianship of adult women, inheritance, marriage (mixed and civil), and nationality. We have seen that in the countries surveyed, none is capable of guaranteeing ang egalitarian status to women within the framework of their current laws. The family laws of the case-study countries, whatever form they may take, are at odds on some points with the international conventions guaranteeing women’s rights.

Nun ist gewiss das letzte was dieses Blog will, den muslimischen Gesellschaften eine (tatsächliche oder vermeintliche) Rückständigkeit um die Ohren zu hauen. Aber die Frage drängt sich auf, warum der Westen eine so ganz andere Entwicklung genommen hat als die islamischen Länder, die von Stabilität, Rechtssicherheit und wirtschaftlicher Prosperität so weit entfernt sind wie nur je zuvor, sofern sie nicht über Bodenschätze verfügen.

Der Mangel an individueller Freiheit ist hier sicherlich an erster Stelle zu nennen. Probleme zu lösen setzt jedoch voraus, sie erst einmal als solche zu benennen. Genau dem weichen gerade westliche Intellektuelle gern aus, indem sie sich lieber auf die Position zurückziehen, dass irgendwie alles, was in den islamischen Ländern falsch läuft, nur die Reaktion auf westliche Missetaten sei. Heraus kommen die ewig gleichen Argumentationsmuster:

Das Kopftuch? Nur ein Stück Stoff!

Die Scharia? Sowas von flexibel!

Dschihad? Eigentlich ein Kampf gegen den inneren Schweinehund!

Frauen werden benachteiligt? Für Königin Rania gilt das nicht!

Die “Focus”-Titelgeschichte ist in der Tat ein reisserisches und intellektuell ziemlich grobschlächtiges Stück. Die Probleme, die die Islamische Welt hat, sind jedoch ganz andere. Solange sie nicht gelöst werden, wird es auch Titelgeschichten wie die im “Focus” geben.

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