Das Ressentiment ist tot

Das Ressentiment, also der intuitive Vorbehalt oder Groll gegen Personen oder Personengruppen, mithin das Unbehagen und die Distanzname, die im Begriff mitschwingen, ist von der Bildfläche verschwunden. Heutzutage ist alles Rassismus und dieser kann neuerdings auch ein unbewusster sein, wodurch sich ein weites Betätigungsfeld für Ideologen, Weltverbesserer und Denktherapeuten eröffnet, die angetreten sind, diesen Umstand zu lindern und zugleich zu kultivieren, denn ein Rassismus, der nicht nur ein unbewusster, sondern auch ein struktureller zu sein hat. kann immer nur noch schlimmer werden.

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Progressive Farbenlehre

Vor Jahren habe ich im Gespräch einem afrikanischen Freund einmal das Wort “Subsahara-Afrika” benutzt, eine Wortschöpfung, die nicht von mir stammt, die mir aber ein guter Ersatz für das bin dahin gebräuchliche “Schwarzafrika” schien. Denn “Schwarzafrika” ist ein Begriff, der einen doch etwas peinlich berührt, vermischt er doch Hautfarbe mit Geographie.

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Der Zwang wird immer mitgedacht

Rikschas mit Elektroantrieb werden in Indien immer populärer. Um Wartezeiten beim Aufladen der Batterien zu vermeiden, werden leere einfach durch volle ausgetauscht, was nur eine Minute dauert. Das ist eine Revolution, denn die Rikschas, Hauptverkehrsmittel in Indiens Städten, wurden elektrisch, bevor es erste Ladestationen gab. Ganz klar also, der Elektromobilität gehört die Zukunft, oder? Deutschlands Energiewende ist der richtige Weg, stimmt’s?

Beide Fragen sind rhetorischer Natur, aber: Auf die erste lautet die Antwort “Vielleicht”. Auf die zweite “Nein”. Hier geht es nicht um Technik und ihre Folgen. Hier geht es um präzisen Sprachgebrauch. Denn die Energiewende in Deutschland ist eine politisch erzwungene, die in Indien – sofern “Wende” hier noch kein allzu grossen Wort ist – gründet auf Eigeninitiative.

Technologischer Wandel ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Letztlich wollen wir ihn alle und tragen mit unseren Kaufentscheidungen für oder gegen bestimmte Elektrogeräte, bzw. Elektronik zu diesem Wandel bei und treiben ihn sogar voran. In einer liberalen Demokratie ist es dessen Aufgabe, diesen Wandel durch Gesetze zu flankieren, ihn also möglich zu machen und zugleich den Verbraucher vor möglichen Risiken zu sichern.

Das aber ist nicht der Grundgedanke der sog. “Energiewende”, die keine von unten, also primär vom Kunden, betriebene ist, sondern eine von oben, nämlich von der Politik, durchgesetzte. Dass die Politik eine demokratische Legitimation hat, ändert nichts daran, dass sie keinen flankierenden, sondern durchgreifenden Charakter hat. Das entspricht ganz dem Zeitgeist, der “radikale” und “ganzheitliche” Lösungen fordert.

Das ist alles andere als liberal, sondern paternalistisch und damit illiberal. Warum das so populär werden konnte? Weil der Sprachgebrauch im hiesigen politischen Diskurs den Zwang permanent verschleiert.

Wie der technologische Wandel ist auch eine Quote für sich genommen nichts Schlechtes. Wenn ein Unternehmen, eine Partei oder ein Verein für sich eine Frauen- oder Zuwandererquote beschliesst, dann gehört das zu den Freiheiten, die Unternehmen, Parteien oder Vereine haben sollten. Wenn aber im politischen Diskurs von “Quote” die Rede ist, ist meist eine politisch erzwungene Quote gemeint und dann sollte man sie auch so nennen: Zwangsquote.

Eine Zwangsquote ist eben etwas anderes als eine blosse “Quote”. Sie ist eine Intervention des Staates in die Gesellschaft, eine Bevormundung, die auf dem Gedanken beruht, dass dort, wo Menschen sich nicht so verhalten, wie es Fachleuten, Aktivisten oder Leitartikelschreibern wünschenswert erscheint, der Staat sie in irgendeiner Weise zwingen oder dahin pushen müsse. Dieser Zwang soll aber verschleiert werden.

Der sog. “Mindestlohn” ist nicht der Lohn am unteren Ende der Skala tatsächlich gezahlter Löhne, sondern ein von der Politik erzwungener, weswegen man ihn eigentlich “Zwangsmindestlohn” nennen müsste. Die sog. “Grundversorgung” der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten müsste ebenso “Zwangsgrundversorgung” heissen, da man sie nicht abbestellen kann. Weitere Beispiele liessen sich nennen.

Immer wird der Zwang schon mitgedacht – mit durchschlagendem Erfolg. Mehr und mehr Menschen sprechen sich in Umfragen dafür aus, dass die Politik sich noch mehr in ihre eigenen Belange einmischen, sie dazu zwingen soll, bessere Bürger zu werden. Das ist die positive Freiheit, von der der Philosoph Isaiah Berlin sprach: Die Freiheit als Selbstentsagung. Aber diese Freiheit ist keine.

Wenn ich mich nicht länger an Eigentum gebunden fühle, mich nicht darum kümmere, ob ich in Freiheit oder Gefangenschaft lebe, und meine Neigungen unterdrücke, dann, so Berlin (in: “Two Concepts of Liberty”, 1969, S. 135-64), bin ich zwar subjektiv frei, werde aber früher oder später zu der Frage gelangen, was dies für meine Beziehung zur Gesellschaft bedeutet. Am Ende steht dann meist die Forderung nach einer gerechten Ordnung, die gleichbedeutend ist mit dem Widerstand gegen das Begehren und der Kontrolle über sie. Für Berlin war klar, dass auch im Namen der Demokratie Individuen unterdrückt werden können.

Dann haben wir es mit einer illiberalen Demokratie zu tun. Sind wir schon soweit? Vielleicht noch nicht. Wollen wir es nicht soweit kommen lassen, sollten wir vor allem auf unseren Sprachgebrauch achten. — In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern der transatlantic annotations einen guten Rutsch ins neue Jahr 2020!

Autoritarismus mit progressivem Vorzeichen

Es ist leicht, gegen PEGIDA, besorgte Bürger, AfD-Gestalten wie Höcke und andere zu sein. Sie sind allesamt mehr oder minder vulgär, dumpf, proletenhaft und vor allem: autoritär. Auf eine verschwitzte Art und Weise huldigen sie dem starken Staat, der Menschen nicht einfach nur vor Kriminalität beschützt, sondern vor den Zumutungen der Globalisierung überhaupt und damit einer vermeintlich gleichmacherischen Moderne, die in einem Völkersterben endet.

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Mehr Qualität! Weniger Steigerungslogik!

Der Kapitalismus, auch Marktwirtschaft oder soziale Marktwirtschaft genannt, ist ein beispielloses wirtschaftliches Erfolgsmodell und hat hunderte Millionen Menschen der Armut entrissen. Kritiker in der von jeder marktwirtschaftlichen Logik geschützten Raum der Universität vermag dies freilich nicht zu beeindrucken, und so werden noch immer Bücher geschrieben, die alternative Ordnungsvorstellungen propagieren.

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Was das alles mit dem Islam zu tun hat

Was ist denn ‘der Islam’? … Wenn Sie heute mit Syrern oder Irakern um die 30 reden, dann werden eine ganze Reihe von denen sagen, dass Konfession für sie im persönlichen Alltag keine Rolle gespielt hat.” In einem Streitgespräch in der “Welt” treten all die falschen Argumente zum Vorschein, die die Islamdebatte hierzulande prägen.

Um es vorwegzunehmen: Der Unterschied zwischen Islam und Islamismus ist wichtig und nicht zu leugnen. Ebenso wenig zu leugnen ist aber die Tatsache, dass es zwischen beiden eine Schnittmenge gibt. Genau das will die Redakteurin, die auch Islamwissenschaftlerin sein soll, nicht wahrhaben, die im Streitgespräch den Islam gegen die Thesen des Publizisten Henryk Broder (“Hurra, wir kapitulieren!”) zu verteidigen versucht.

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Die Krise der Islamwissenschaften

Über den gegenwärtigen Zustand der Islamwissenschaften gäbe es eine Menge zu sagen, positives wie negatives. Vieles ist zu loben, manches zu tadeln. Was die Grundlagenforschung betrifft, so werden an den einzelnen Instituten zu allen Aspekten der Islamischen Welt noch immer hervorragende Leistungen erbracht. Unübersehbar ist jedoch, wie sehr der Postkolonialismus dem Fach seinen Stempel aufgedrückt hat – mit verheerenden Folgen, wie ein aktuelles Beispiel zeigt.

Sobald es nämlich darum geht, die Erkenntnisse in einen grösseren Zusammenhang zu rücken, wird es schnell ideologisch. Dann nämlich zeigt sich, dass viele Islamwissenschaftler schon längst nicht mehr an der Frage interessiert sind, warum die Islamische Welt eine so ganz andere Entwicklung genommen hat als der Westen, stattdessen einfach immer nur den Islam verteidigen wollen.

  • Gewalt im Namen des Islam? – Hat es vor Jahrhunderten im Namen des Christentums doch auch gegeben!
  • Frauen werden in den islamischen Gesellschaften stark diskriminiert? – Mohammeds Ehefrau Aischa gibt aber ein ganz anderes Bild ab!
  • In islamischen Ländern haben Homosexuelle es schwer? – Bei uns war Homosexualität bis vor zwanzig Jahren doch auch verboten! – Usw.

Der aktuelle Trend geht nun dahin, sich auf die Thesen des Münsteraner Arabisten Thomas Bauer zu berufen, demzufolge die islamischen Gesellschaften bis vor etwa zweihundert Jahren, als es unter dem Eindruck des Westens zu einer Wende kam, ein hohes Mass an Ambiguitätstoleranz zu eigen gewesen sei, d.h. die Bereitschaft, widersprüchliche Ansichten und Lebensweisen nebeneinander bestehen zu lassen und in ihrer Ambiguität noch so etwas wie kulturellen Reichtum zu sehen. Ich habe an dieser Theorie eine Menge Kritik geübt, wie man in meinem aktuellen Buch ZWISCHEN RELIGION UND POLITIK nachlesen kann (dort im “Exkurs II: Die Freude am Widerspruch”, S. 79-102). [pullquote]Der Mainstream der heutigen Islamwissenschaft ist gegen eine Reformation des Islam.[/pullquote]

Nun hat sich kürzlich in einem Artikel in der “Süddeutschen” der Islamwissenschaftler Frank Griffel gegen eine Reformation des Islam gewandt, wobei auch er sich auf die Thesen von Bauer beruft. Dazu muss man wissen, dass der Mainstream der heutigen Islamwissenschaft gegen eine Reformation des Islam wie auch gegen Forderungen nach seiner Aufklärung eingestellt ist, weil seine Vertreter sich längst die in den islamischen Gesellschaften vorherrschende Auffassung zu eigen gemacht haben, dass in der islamischen Religion immer schon alles enthalten sei und die Krise der Islamischen Welt nur externe Ursachen haben könne.

Um diese Ansicht zu unterstützen, versucht man häufig Fakten, die dem widersprechen, nicht etwa zu entkräften, sondern ignoriert sie gleich ganz. Die Belege dafür würden genug Material für eine eigene Monographie abgeben. So liesse sich auch über Griffels Artikel eine Menge sagen, doch wollen wir es für den Augenblick dabei belassen, auf den letzten Abschnitt einzugehen, welcher lautet:

Doch selbst, wenn es eine Romantisierung sein mag, geht sie mit einem kritischen Blick auf das Eigene einher. Es scheint, als habe Europa sein Gegenüber auf der anderen Seite des Mittelmeeres lange missverstanden. Da mag selbst ein idealisierender Blick auf dieses andere – sofern er letztlich der Forderung nach einer Aufklärung des Islam ein Ende setzt – eine willkommene Abwechslung sein.

Man lasse sich diesen Abschnitt auf der Zunge zergehen: Offenbar sind Griffel, der in seinem Artikel ganz und gar der Argumentation von Bauer folgt, am Ende Zweifel gekommen, ob das, was Bauer da behauptet, nicht doch ein wenig einseitig sein könnte. Weil sein eigener Forschungsschwerpunkt aber ganz woanders liegt, ist Griffel sich nicht sicher und spricht von einer möglichen “Romantisierung” und einem “idealisierenden Blick” Bauers.

Das aber sei gar kein Problem, so Griffel sinngemäss weiter, denn ob romantisiert oder nicht, ob idealistisch oder nicht – wichtig ist nur, dass die Thesen ihren ideologischen Zweck erfüllen: nämlich den Forderungen nach einer Aufklärung des Islam ein Ende zu setzen! [pullquote]Wichtig ist nur, dass die Thesen ihren ideologischen Zweck erfüllen.[/pullquote]

Ja, das ist ein starkes Stück und wirklich entlarvend – die ganze Krise der gegenwärtigen Islamwissenschaften in drei Sätzen. Es geht nicht um Fakten, es geht nicht um Quellen, es geht nicht um Kontexte, es geht nur darum, dass sich die richtige, sprich: apologetische, Sicht auf den Islam in den Köpfen verankert. Hier kommt ein Wissenschaftsverständnis zum Ausdruck, das mittlerweile noch nicht einmal mehr Widerspruch und Empörung hervorruft.

Stattdessen gibt es eine Einladung zum Interview mit der “Kulturzeit” auf 3sat. Dort darf Griffel nachlegen und so räsoniert er darüber, dass es für uns Heutige vielleicht hilfreich sein könnte, darüber nachzudenken, dass nicht-westliche Kulturen wie die islamischen ihre eigenen Standards haben, und zwar, was Fortschritt angehe (ab ca. 5:10), was Harmonie in einer Gesellschaft angehe, und schliesslich: was eine gute Gesellschaft überhaupt sei.

Dieser Kulturrelativismus ist eine wahrhaft hässliche Ausgeburt des Postkolonialismus – und die Ursachenforschung zur Frage, warum die Islamische Welt so instabil, so unfrei und ökonomisch so wenig prosperierend ist, nur noch ein Schmuddelkind der Wissenschaft. Oder jedenfalls der heutigen Islamwissenschaft.

(Wir werden auf das Thema noch zurückkommen.)

Bild: Michael Kreutz, Aleppo


JETZT ERHÄLTLICH — Das neue Buch von Michael Kreutz: ZWISCHEN RELIGION UND POLITIK — Gebunden, 400 Seiten, im Buchhandel. 

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